Generation Praktikum (oder Generation Prekär) steht seit den 1990er Jahren für ein von vielen als negativ empfundenes Lebensgefühl der jüngeren Generation, die vermeintlich zunehmend unbezahlten oder minderbezahlten Tätigkeiten in ungesicherten beruflichen Verhältnissen nachgehen müsse.
Entstehung des Begriffs Ausgangspunkt waren folgende Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt:
Junge Akademiker überbrücken potentielle Lücken im Lebenslauf, indem sie eine Praktikantenstelle nach der anderen annehmen, obwohl sie eigentlich eine feste Anstellung suchen. Einige Unternehmen nutzen Praktikantenverträge zur Minderung des mit Neueinstellungen verbundenen Risikos, da sie bei Praktikantenverträgen die gesetzlichen Auflagen zum Kündigungsschutz und Tarifverträge nicht umverhandeln müssen. Manche Unternehmen missbrauchen hochqualifizierte Praktikanten und Hospitanten, beschäftigen sie unter- oder sogar unbezahlt, ohne Absicht, entsprechende Stellen im regulären Angestelltenverhältnis einzurichten.
Zum ersten Mal hatte der ZEIT-Autor Matthias Stolz Anfang 2005 einen ZEIT-Artikel mit Generation Praktikum überschriebenMatthias Stolz: Generation Praktikum. In: Die Zeit, 31. März 2005.Christoph Koch: Kein Praktikanten-Klassensprecher, Interview mit Matthias Stolz, Süddeutsche Zeitung, 31. Januar 2006 – in Anlehnung an ältere Begriffe wie Generation Golf oder Generation X, die ebenfalls für lebensprägende Trends einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht junger Leute stehen und weniger für die gesamte Generation, der sie überwiegend angehören. Der Begriff Generation Praktikum erreichte bei der Wahl zum Wort des Jahres 2006 den zweiten Platz. 2007 erschien das Buch Generation 1000 Euro In: ORF. der italienischen Autoren Alessandro Rimassa und Antonio Incorvaia. In dem Roman, der infolge eines Blogs der Autoren entstand, beschreiben Rimessa und Incorvaia einen Streik der Praktikanten, der die Wirtschaft Italiens lahmlegt.
Verminderte Chancen für den Berufseinstieg von in den siebziger Jahren geborenen Akademikern – namentlich bestimmter Fachrichtungen (in einigen Fächern wie Soziologie waren das längst Trends) – gelten mittlerweile für viele Hochschulabsolventen. Bezogen auf die ganze Generation sind sie zwar eine Minderheit,Steffen Kraft: In: Süddeutsche Zeitung, 2. Mai 2006.Claudia Klemp: In: live-PR.com, 18. Mai 2006. andererseits können sich junge Leute anderer gesellschaftlicher Schichten und auch anderer Generationen mit dem in sogenannter Eigendynamik geradezu positiv gefärbten Begriff identifizieren (BMFSFJ, S. 34). Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (PDF), November/Dezember 2002.Ric Graf: „Wir Jungen sind zu vernünftig“. In: taz.de, 29. Mai 2006.
Job (Junge) Akademiker definieren ihre Identität nach wie vor weitgehend über ihren Beruf. Sie haben die Ideale des Elternhauses der vorigen Generation der 1970er und 1980er Jahre und eine feste Anstellung als Voraussetzung eines gefestigten Lebens vor Augen.Ostrakosmos: NEON Magazin, 5. Oktober 2005 Mit weiterer Verschlechterung des deutschen Arbeitsmarkts Ende der 1990er Jahre verschärften sich die Bedingungen eines beruflichen Einstiegs auch für sehr viele Akademiker.nk: Berufseinstieg mit Hürden. In: Die Zeit, 26. Juni 2003 Die Erwartungen von Eltern und Großeltern blieben dagegen unverändert.
Gefangen zwischen ihrer Idealvorstellung von Job und der vorgefundenen Realität, der finanziellen Not und der unsicheren bezahlten Tätigkeit fehlt ein Freiraum, eine eigene Identität/das eigene Ich jenseits von Arbeit zu entfalten. Damit unterscheiden sich die Kinder wesentlich von der Generation der in Wohlstandszeiten geprägten Eltern: Diese sehen die Schwierigkeiten ihrer Kinder, Anschluss an die Berufswelt zu finden, als Scheitern. Sie reagieren mit Scham und finanzieller Zuwendung (DGB-Jugend, S. 9).DGB-Jugend: Praktika von Hochschulabsolventen. Februar 2006
Aufzeichnungen über das Ausmaß dieser Veränderungen fehlen. Viele Hochschulabgänger der Sozial- und Geisteswissenschaften befinden sich schon lange in einer prekären Lage. Hinzu kamen in der Generation Praktikum beispielsweise Architekten, die teils selbst mit mehreren Jahren Berufserfahrung keine Festanstellung finden, sondern sich von einem unterbezahlten, befristeten Arbeitsverhältnis zum nächsten hangeln. Bei (bestimmten) Ingenieuren erfolgt indes zu rund 90 Prozent gleich nach dem Studium eine reguläre Festanstellung.Stefan von Borstel, Joachim Peter: Die Angst der Generation Praktikum. In: Die Welt, 21. März 2006
Hochschule mini|Struktur der sozialen Herkunft Studierender im Vergleich zu ihrer Altersgruppe Die Verweildauer der Studierenden an Hochschulen hat zugenommen. Es gibt die Theorie einer prolongierten Adoleszenzphase, die lange vor der Realität des Erwerbslebens und den Bedingungen eines schlechten Arbeitsmarkts schützen würde. Die Schulzeit habe zu wenig auf das Erwerbsleben und die Alltagsanforderungen der Hochschule vorbereitet. Das Abitur stelle den Heranwachsenden unvorbereitet vor die Berufswahl. Dieses Hinauszögern setze sich während des Studiums fort.
Fast die Hälfte der Studenten scheitert Studien zufolge bereits im ersten Studienjahr oder wechselt die Studienrichtung. Diese Theorie erklärt die Gestaltung des Bildungswegs durch die Universitäten als eine Reaktion auf mögliche Defizite des Gymnasiums. Als Ergebnis mangelhafter Vorbereitung scheiden vier von zehn aus dem ursprünglich gewählten Fach aus. Jeder Vierte bricht das Studium endgültig ab.
Eventuelle Wartezeiten auf einen Studienplatz überbrücken bildende Maßnahmen, ein Freiwilliges Soziales Jahr, die Wehrpflicht oder der Zivildienst für Männer. Eine Minderheit absolviert schon in dieser Phase Praktika. In einigen Fällen werden diese zur beruflichen Orientierung genutzt. An einigen Universitäten ist ein Studium generale als zweisemestrige Orientierungsphase möglich.
Zudem sind lange Studienzeiten oft Folge der Furcht vor dem Fehlen passender Stellen im nicht-universitären Bereich. Andererseits hat die Bologna-Reform dazu geführt, dass durch die straffere Organisation der Studiengänge mit genaueren Verlaufsplänen und häufiger zu absolvierenden Prüfungen ein exzessives Hinauszögern des Abschlusses kaum mehr möglich ist und eher ein frühzeitiger Abbruch des Studiums erfolgt.
Gewerkschaften Eine Studie der FU Berlin im Auftrag der DGB-Jugend lieferte im Februar 2007 erstmals (nicht repräsentatives) Zahlenmaterial darüber, wie viele Hochschulabsolventen noch nach ihrem Studium ein Praktikum absolvieren. Befragt wurden 499 Absolventen aller Fachrichtungen der FU Berlin und der Uni Köln, deren Studienabschluss zum Zeitpunkt der Studie dreieinhalb Jahre zurücklag. Die Zahlen dieser Studie sind insofern kritisch zu sehen, weil lediglich zwei Hochschulstandorte und auch nur ein eingeschränktes Fächerspektrum Berücksichtigung fanden. Die Studie besagt, dass in den letzten zwei Jahren ein deutlicher Anstieg postgradueller Praktika stattfand. Gegenüber dem Absolventenjahrgang 2000 stieg der Anteil der Absolventen, die nach dem Studium noch ein Praktikum absolvieren, von 25 auf 41 %. Bei diesen Praktika, so die Autoren der Studien, handele es sich oftmals um ‚verdeckte reguläre Beschäftigung‘. Nur 32 % der Befragten gaben an, dass das Lernen bei den Praktika im Vordergrund stand. Steht die Arbeitsleistung, nicht das Lernen im Vordergrund, missachten die beschäftigenden Unternehmen gesetzliche BestimmungenBundesarbeitsgericht: Orchesterpraktikantin, 13. März 2003BGB: BGB § 138 II. Wucher, Sittenwidriges Rechtsgeschäft, Fassung vom 2. Januar 2002 und die festgelegte Abgrenzung zwischen einem Arbeitsverhältnis und einem Praktikum. Grob unangemessen niedrige Vergütungen sind Ausbeutung, Missbrauch bzw. Selbstausbeutung.
Repräsentative Zahlen über die Gesamtzahl von Praktika in der Bundesrepublik lieferte eine Absolventstudie des Hochschul-Informations-System GmbH, die im Frühjahr 2007 vorlag: ihr gemäß sind Praktika nach dem Studium weder ein Massenphänomen noch ein Dauerproblem nach dem Studium. (PDF-Datei) In: his.de. In seiner SchätzungGeneration Praktikum. Zahl der Praktika-Absolventen. In: rp-online.de, 21. November 2005 geht der DGB jedoch von bundesweit etwa 400.000 Praktika-Absolventen aus. Trotz der angeblichen, unbefriedigenden Situation von „Dauerpraktikanten“ sind bislang nur wenige EntscheidungenHessisches Landesarbeitsgericht: Urteil AZ: 3 Sa 1818/99. Vergütung in einem Praktikantenverhältnis, 25. Januar 2001 In: heute.de, 2. Mai 2005 von Arbeitsgerichten bekannt, in denen Praktikanten, deren Arbeitskraft langfristig nicht angemessen vergütet wird, für ihre Arbeitnehmerrechte eintraten. In der Klageschrift wird dabei eine Nachzahlung des Arbeitslohns sowie ein nachträgliches Arbeitszeugnis zum Gegenstand gemacht und als Grund der Klage das Bestehen eines Arbeitsverhältnisses genannt. Erkennt das Gericht auf Lohnwucher, gilt der geschlossene Praktikumsvertrag als nichtig. Es gibt keine Aufzeichnungen über Fälle von außergerichtlicher Einigung. Erstmals wurde 2004 ein Verein gegründet, der die Interessen von Praktikanten vertritt.
Die DGB-Jugend und der Verein Fair Work haben eine Petition beim Bundestag eingereicht, die vorsieht, Praktika und ähnliche Lernverhältnisse per Gesetz eindeutig von Arbeitsverhältnissen abzugrenzen, damit sie keine regulären Stellen ersetzen. Außerdem sollen Praktika zukünftig auf drei Monate begrenzt und mit mindestens 300 Euro pro Monat vergütet werden. Die Petition unterzeichneten über 60.000 Menschen.
Motive Die Motive der Praktikanten sind unterschiedlich. Sie reichen von Bemühungen Anschluss an die Arbeitswelt zu finden, Lücken im Lebenslauf zu schließen bis hin zu Unbedachtheit oder geringem Selbstbewusstsein. Dieser Prozess betrifft mittlerweile zunehmend auch Akademiker mit Berufserfahrung. Die Redakteurin des Magazins Karriere Dorothee Fricke rät Hochschulabsolventen von Praktika nach dem Studium ab, da sie dem Lebenslauf schaden würden. „Wer fertig ist mit dem Studium, sollte sich überlegen, was er tut“. Auch Unternehmen, die Praktikanten zu schlechten Konditionen einstellen, würden sich ins eigene Fleisch schneiden: „Potenzielle Bewerber mit schlechten Praktikums-Bedingungen dauerhaft zu vergrätzen“ sei „keine gute Strategie.“
Wirtschaft Einige Arbeitgeber rechtfertigen eine dauerhafte Einstellung von Praktikanten mit einem ihrer Meinung nach inflexiblen Arbeitsmarkt. Die Bestimmungen des Kündigungsschutzes verhindere, dass Unternehmen kurzfristig bei Bedarf Arbeitskräfte einstellen und nach einiger Zeit wieder entlassen können. Bei Praktikanten sei dies möglich.
Der Wirtschaftswissenschaftler und Personalfachmann Christian Scholz der Universität Saarbrücken sieht für Unternehmen die Dauerpraktikanten einstellen langfristig Nachteile, da Praktikanten Einarbeitungsphasen benötigen, die die Ressourcen der fest angestellten Mitarbeiter abziehen. Diese Ressourcen stehen für andere Aufgaben nicht mehr zur Verfügung. Langfristig sinkt die Motivation der Mitarbeiter, da immer wieder neue Praktikanten eingewiesen werden müssen.
Politik Das Bundesarbeitsministerium unter Ursula von der Leyen stellt in einem Gesetzesentwurf In: Frankfurter Rundschau, 18. März 2010 im Frühjahr 2010 das aus Praktika erwachsende Vorrecht auf eine feste Anstellung zur Disposition und erlaubt im Falle der Übernahme eines Praktikanten dessen bis zu zwei Jahre befristete Einstellung. Als erstes Bundesland hat Berlin eine verbindliche Regelung zum Einsatz von Praktikanten in der Berliner Verwaltung und in Landesunternehmen beschlossen.
Kritik