mini|300px|Das Gebiet der deutschen Sprachinsel Gottschee im österreichischen Kronland Krain, 1878 mini|Altes Siegel der Stadt Gottschee aus dem Jahre 1471 Als Gottscheer (Göttscheabar, Mehrzahl Göttscheabarə, slowenisch: Kočevarji, kočevski Nemci) wird die ehemalige deutschsprachige Bevölkerung des Gottscheer Landes (Kočevska) im Herzogtum Krain (heute: Slowenien) bezeichnet, einer deutschen Sprachinsel, deren Zentrum die Stadt Gottschee (Göttscheab, slowenisch Kočevje) war. Das Siedlungsgebiet umfasste eine Fläche von ungefähr 860 km² mit 177 Ortschaften. Die Gottscheer, die teils als Bauern von der Landwirtschaft, teils als umherziehende Krämer in sehr einfachen Verhältnissen lebten, bewahrten ihren altertümlichen südbairischen Dialekt, das Gottscheerische, sechs Jahrhunderte lang bis zu ihrer Umsiedlung unter den Nationalsozialisten 1941.
Geschichte Herzogtum Krain mini|Gottscheer, aus „Ehre des Herzogtums Krain“ (Laibach und Nürnberg 1689) von Johann Weichard Valvasor mini|Stadt und Schloss Gottschee, im Hintergrund Schloss Friedrichstein, aus „Ehre des Herzogtums Krain“ (Laibach und Nürnberg 1689) von Johann Weichard Valvasor mini|Karl Mediz: Sonntagsgang der Gottscheerinnen, 1897
Mittelalter 1247 übertrug der Patriarch von Aquileia, Berthold von Andechs, dem Oberkärntner Grafen von Ortenburg das Gebiet von Reifnitz in Unterkrain, wozu auch das Urwaldgebiet der späteren Gottschee zählte, als Lehen. Am 24. Juni 1336 belehnte der Patriarch von Aquileja Bertram seinen Vasallen Otto V. von Ortenburg und dessen Neffen mit den Schlössern Ortenegg, Zobelsberg und Grafenwarth (Kostel) „mit allen Zugehörungen, Gerichtsbarkeiten, Rechten und Nutzungen derselben, wie die Grafen von Ortenburg dieselben von altersher von der Kirche von Aquileja zu Lehen getragen haben.“ (PDF; 1,7 MB)
In der Zeit von 1330 bis zum Ende des 14. Jahrhunderts wurden im Gebiet der Gottschee durch das Haus Ortenburg deutsche Bauern aus Kärnten und Osttirol angesiedelt. Als erste deutsche Ortschaft wurde Mooswald in einem Brief des Patriarchen Bertram vom 1. September 1339 erwähnt. Mit diesem Schreiben genehmigte der Patriarch dem Grafen Otto V. die Einsetzung eines Kaplans in der neu erbauten Kapelle des hl. Bartholomäus in „villa Mooswald“ als Expositur zur Pfarre Reifnitz. Der Name Mooswald ist Kärntner Herkunft. Am 1. Mai 1363 wurden in Udine in einer Urkunde des Patriarchen Ludwig I. della Torre durch Otto VI., einen Neffen Ottos V., fünf Pfarrstellen genehmigt: „Gotsche, Pölan, Costel, Ossiwniz et Goteniz“ (Gottschee, Pölland, Kostel, Ossilnitz und Göttenitz). Hier heißt es: „Es gelangte zur Kenntnis des Patriarchen Ludwig auf dem Heiligen Sitz zu Aquileja, dass innerhalb der Grenzen der zu unserer aquilejischen Diözese gehörigen Seelsorgestation des hl. Stefan von Reifnitz, und zwar in dessen Seelsorge oder Pfarre, in gewissen Hainen und Wäldern, die unbewohnbar und unbebaut waren, viele menschliche Wohnungen errichtet, diese Haine und Wälder dem Ackerbau zugeführt worden sind und dass eine nicht geringe Menge Volkes darin zu wohnen kam.“ 1377 wurde die Ortschaft Gotschee zum Markt erhoben. 1406 räumte Friedrich III. von Ortenburg den Gottscheer Bauern in einem Waldgesetz („Waldgerechtsame“) das Recht der Herrschaftswaldnutzung ein.
1418/22 gelangte die Gottschee mit dem Erlöschen der Ortenburger an die Grafen von Cilli. Nach der Ermordung des letzten Cilliers Ulrich II. 1456 kam die Gottschee infolge eines Erbvertrags 1457 an die Habsburger.
1469 wurde der Markt Gottschee durch die Türken zerstört, jedoch in den folgenden Jahren wieder aufgebaut und befestigt. 1471 wurde der Markt Gottschee durch Kaiser Friedrich III. zur Stadt erhoben.
Am 23. Oktober 1492 verlieh Kaiser Friedrich III. den Gottscheern und Reifnitzern das Hausierpatent, das bis 1918 Gültigkeit haben sollte. In den folgenden Jahrhunderten lebten Gottscheer vom Handel mit in der Gottschee hergestellten Leintüchern, Holzgeräten und anderen Erzeugnissen.
16. Jahrhundert 1507 wurde die Gottschee an den Grafen Jörg von Thurn (Jurij Turn) verpfändet, dessen Pfleger Stersen (Jurij Stržen) sich wegen seiner unnachgiebigen Eintreibung des Zinses verhasst machte. Im März 1515 erhoben sich die Gottscheer Bauern gegen die Grundherren und erschlugen Thurn und Stersen. Der Aufstand, später bekannt als Windischer Bauernkrieg, breitete sich über Krain, Kärnten und Steiermark aus. Im August 1515 wurde der Aufstand niedergeschlagen.
1524 wurde die Gottschee von Hans Ungnad gekauft, doch schon 1547 an die kroatischen Grafen von Blagay verpfändet. Auf diese Zeit gehen die Gottscheer Familiennamen auf „-ić“ bzw. „-itsch“ zurück, so Jaklitsch (Jaklić), Michitsch (Mihić) und Gasparitsch (Gašparić).
17. und 18. Jahrhundert 1618 kam die Gottschee an den Freiherrn Johann Jakob Khisl von Kaltenbrunn und wurde 1622 zur Grafschaft erhoben. 1641 verkaufte sein Adoptivsohn Graf Zwickel genannt Khysel die Grafschaft Gottschee an den Grafen Wolf Engelbrecht von Auersperg. Vor 1677 erhob Fürst Johann Weikhard von Auersperg die Grafschaft zum Fidei-Kommiss. 1791 erhob Kaiser Leopold II. die Gottschee zum Herzogtum und Karl Josef Anton von Auersperg zu ihrem Herzog.
19. Jahrhundert Von 1809 bis 1814 war die Gottschee unter der Herrschaft Napoleons und gehörte als Teil von Krain zu den illyrischen Provinzen. Danach wurde die Herrschaft der Habsburger wiederhergestellt. 1848 erfolgte die Aufhebung der Leibeigenschaft. 1872 wurde das Gymnasium in der Stadt Gottschee gegründet. 1882 erfolgte die Gründung der Fachschule für Holzbearbeitung. 1893 erhielt die Gottschee durch die Errichtung einer Stichbahn von Laibach Anschluss ans Eisenbahnnetz. 1894 ließen die Auersperger im Hornwald (slowenisch Kočevski Rog) ein Sägewerk errichten, das bald darauf 400 Arbeiter beschäftigte. Das Werk erhielt Anschluss an eine Schmalspurbahn, die auch Teile des Hornwaldes mit seinen Waldungen erschloss.Pokrajinski muzej Kočevje: Žaga Rog / Die Hornwaldsäge
Zwischen 1869 und 1878 erreichte die Zahl der Gottscheer mit etwa 26.000 ihren Höhepunkt.Enciklopedija Slovenije, Band 5, Eintrag „Kočevarji“, S. 180. Mladinska Knjiga, Ljubljana 1991. Die Armut trieb sehr viele zur Auswanderung in die USA. Nach 1918 kam im Königreich Jugoslawien der politische Druck gegen die deutsche Minderheit dazu. So betrug die Zahl der Gottscheer Deutschen 1941 offiziell nur noch 12.500.
Königreich Jugoslawien mini|Das Gymnasium Gottschee ging wie die anderen Schulen 1918 zur slowenischen Unterrichtssprache über und unterrichtete seither hier nicht mehr in der deutschen Sprache. mini|Reste der 1938 abgerissenen Hornwaldbahn
Mit der Gründung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen 1918, des späteren Jugoslawiens, wurden die Gottscheer zu einer ethnischen Minderheit. Die deutschen Ortsnamen in der Gottschee wurden offiziell durch slowenische Namen ersetzt. Durch Regierungserlass vom 16. November 1918 wurde an den bisher deutschsprachigen Volksschulen, Gymnasien, Realgymnasien und Realschulen Slowenisch als einzige zulässige Unterrichtssprache eingeführt. Zugelassen blieben Parallelklassen mit deutscher Unterrichtssprache, an denen jedoch keine Kinder mit slawischem Familiennamen teilnehmen durften. Mindestens 40 zugelassene Anmeldungen waren für einen deutschsprachigen Klassenzug erforderlich. Infolgedessen ging auch das Gymnasium in Gottschee zur slowenischen Unterrichtssprache in allen Klassen über. Auch an sämtlichen Volksschulen der Gottschee wurde das Slowenische die Hauptsprache. Österreichische Beamte, Lehrer und Professoren deutscher Nationalität wurden per Verordnung vom 16. Dezember 1918 entlassen.Arnold Suppan: Jugoslawien und Österreich 1918–1938: Bilaterale Aussenpolitik im europäischen Umfeld. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 1996, ISBN 3-486-56166-9, S. 780. Die Fachschule für Holzbearbeitung wurde geschlossen. In der Gottschee gab es 1935 nur noch 21 deutschsprachige Klassen oder Teilklassen, wobei insgesamt 37 Schulen bestanden.Pokrajinski muzej Kočevje: Šolstvo / Schulwesen
Im Rahmen der Bodenreform (Agrarverordnung 1921 und Gesetz 1931) wurden auch etwa 17.600 von 23.500 Hektar Grundbesitz des Fürsten Karl Maria Alexander von Auersperg enteignet. Das enteignete Waldland wurde jedoch nicht an Bewohner der Gottschee, sondern an slowenische Gemeinden außerhalb der Gottschee verteilt. Das Sägewerk der Auersperg wurde 1932 geschlossen, und die Forstarbeiter verloren ihre Arbeit. In der Folge verfielen das Sägewerk, die zugehörigen Wohnhäuser und die Schmalspurbahn im Hornwald (Hornwaldbahn). 1938 wurden die Anlagen gesprengt und abgetragen.
Gottscheer arbeiteten in den Organisationen der deutschen Minderheit in Jugoslawien mit, so etwa der Pfarrer Josef Eppich aus Mitterdorf bei Gottschee und der Gottscheer Rechtsanwalt Hans Arko im 1924 gegründeten und 1929 verbotenen „Politischen und wirtschaftlichen Verein der Deutschen in Slowenien“ sowie im 1931 wieder zugelassenen Schwäbisch-Deutschen Kulturbund. Zwar waren auch ethnische Deutsche Mitglieder der jugoslawischen Regierungspartei und setzten sich unter anderem für deutschsprachige Parallelklassen in der Gottschee ein, doch war Innenminister Anton Korošec hier zu keinen Zugeständnissen bereit. Zunehmende nationalsozialistische Agitation, so durch den Österreicher Ing. Walter Neunteufel, wurde mit Verboten gegen die Ortsgruppen des Kulturbundes in der Gottschee beantwortet.Arnold Suppan (1996), S. 780. Unter diesen Bedingungen genoss die nationalsozialistische Propaganda zunehmende Unterstützung. Im Mai 1939 gelang es den Nationalsozialisten, die Kontrolle über den Kulturbund zu übernehmen.
Die Umsiedlung der Südtiroler und Kanaltaler aus Italien ins Deutsche Reich ab August 1939 sowie insbesondere der Beginn des Zweiten Weltkriegs, dem weitere Aussiedlungen Volksdeutscher aus Osteuropa „heim ins Reich“ folgten, löste bei den Jugoslawiendeutschen Panik vor einer kommenden Umsiedlung aus. Nach Wiederzulassung des Kulturbundes Ende 1939 – angeblich im Gegenzug zu Erleichterungen für die Kärntner Slowenen – begann der Gottscheer Nationalsozialist Wilhelm Lampeter, aus den männlichen Mitgliedern des Kulturbundes zwischen 18 und 50 Jahren in der Gottschee die lokal in „Stürmen“ organisierte „Gottscheer Mannschaft“ aufzubauen. Stellvertreter Lampeters wurde Jugendführer Richard Lackner.
Zerschlagung Jugoslawiens mini|Haus in Obertappelwerch (Komarna vas), das einzige im zerstörten Dorf verbliebene Gebäude. Heute ist es schon fast verfallen. Während des Zweiten Weltkriegs diente es als Verwaltungssitz des zentralen Partisanenkrankenhauses. mini|Erhaltene Gottscheer Grabsteine auf dem Friedhof von Nesseltal (Koprivnik).
Während des Balkanfeldzugs der Achsenmächte gegen Jugoslawien entwaffneten am 10. April 1941 die Gottscheer die slowenischen Gendarmerieposten. Die slowenischen Verwaltungsbeamten und Richter wurden inhaftiert. Die „Stürme“ der „Gottscheer Mannschaft“ erwarteten den Einzug der Wehrmacht. Am 13. April nahm Wilhelm Lampeter als selbsternannter Bezirkshauptmann seinen Amtssitz im Schloss der Auersperger in der Stadt Gottschee. Das Gottscheer Land wurde gemäß der Absprache zwischen Berlin und Rom von der italienischen Armee besetzt und Teil der neu gebildeten italienischen Provinz Laibach, Lampeter wurde am 23. April abgesetzt. Am 22. Mai informierte der Volksgruppenführer, dass Adolf Hitler die Gottscheer „heim ins Reich“ ruft. Am 31. August schloss das Deutsche Reich mit Italien die deutsch-italienische Umsiedlungsvereinbarung, die für die Gottscheer ein Optionsrecht bis zum 15. Oktober vorsah. Die Volksdeutsche Mittelstelle begann sofort mit der Erfassung und mit Schleußungsvorbereitungen. Die Umsiedler (Optanten) übertrugen ihren unbeweglichen Besitz mit ihrer Unterschrift an die Deutsche Umsiedlungstreuhand und sollten im Reich entschädigt werden. In der katholischen Geistlichkeit, im Bürgertum und unter den wohlhabenden Bauern gab es Opposition gegen die Umsiedlung.