mini|hochkant=1.3|Calanque d'En-Vau Die Calanques„Les Calanques“ ist der vom Institut national de l'information géographique et forestière (IGN) verwendete Ortsnamen, auch bekannt unter den Namen Calanques de Marseille, Calanques de Cassis oder Massif des Calanques, sind ein Mittelgebirge in Südfrankreich, im Départements Bouches-du-Rhône, das zwischen den Städten Marseille und Cassis liegt. Der etwa 20 km lange Küstenstreifen des Mittelmeeres besteht aus einer Aneinanderreihung von tiefen und engen, schluchtartigen Buchten. Solch eine Bucht wird Calanque genannt. Der höchste Punkt der Bergkette ist der Mont Puget mit 565 m, der östlich von Marseille und dem Massif de Marseilleveyre liegt. Die Calanques und die Küste von Cassis bis La Ciotat wurden im April 2012 zum Nationalpark Calanques (Parc National des Calanques) erklärt.
Topographische Lage Die einzelnen Calanques sind in das Massif de Marseilleveyre und den Mont Puget eingegraben. Sie erstrecken sich von dem Hafenstädtchen Les Goudes im Marseiller Vorort la Madrague de Montredon bis zum Cap Croisette in der Calanque Port-Miou, der einzigen Calanque der Gemeinde Cassis. Von Les Goudes bis Cassis gibt es 27 Calanques. Die 17 größten und bekanntesten sind: la calanque de Callelongue: Hafen, Restaurant und Tauchzentrum der UCPA; la calanque de la Mounine: enge Bucht, die hinter dem Col du Sémaphore liegt und das Tal la Mounine abschließt; la calanque de Marseilleveyre: kleine Bar mit Restaurant, Tauchzentrum, zu Fuß von Callelongue erreichbar; la calanque des Queyrons: windgeschützter kleiner Kieselstrand; la calanque de Podestat: Kieselstrand, westlich liegt eine kleine schattige Grotte; la calanque de Cortiou: Abfluss der Kläranlage von Marseille; la calanque de Sormiou: Hafen mit kleinem Dorf, eingeschränkte Zufahrt mit dem Auto, bekanntes Klettergebiet; la calanque de la Triperie: Unterwassereingang zur Grotte Cosquer, kein Zugang; la calanque de Morgiou: Hafen mit kleinem Dorf, eingeschränkte Zufahrt mit dem Auto, bekanntes Klettergebiet; la calanque de Sugiton: vielbesuchte, familienfreundliche Bucht, zu Fuß vom Campus de Luminy erreichbar; la calanque des Pierres-Tombées: FKK-Strand; la calanque de l’Œil de Verre: schwieriger Zugang nur für erfahrene Wanderer; la calanque du Devenson: geschützt durch 200 m hohe Felsen, nur mit dem Boot oder durch Abseilen erreichbar; la calanque de l’Oule: eingebettet zwischen 70 m Felsen, nur mit dem Boot erreichbar; la calanque d’En-Vau: überlaufen, Kieselstrand, steile Felswände schließen die Bucht ein, bekanntes Klettergebiet; la calanque de Port-Pin: zu Fuß in 30 Minuten von Cassis erreichbar; la calanque de Port-Miou: nahe dem Ort Cassis, Jachthafen, östlicher Zugang zum Massif des Calanques.
Auf den vor Marseille liegenden Inseln Ratonneau, Pomègues, Riou und Plane haben sich auch mehrere Calanques gebildet.
Entstehung der Calanques mini|Sub-horizontale Schichtung des Gesteins Das Massif des Calanques besteht aus Kalkstein, der sich im Wesentlichen im Mesozoikum gebildet hat. Das Mesozoikum umfasst die Zeitspanne von vor 250 Millionen Jahren bis vor 65 Millionen Jahren. Das Gestein entstand im Laufe von Millionen Jahren zwischen der Mitte des Jura vor etwa 150 Millionen Jahren und der Kreide vor etwa 110 Millionen Jahren. Dabei entstand Sedimentgestein in tieferen Wasserzonen durch Meeresablagerungen mineralischer und organischer Stoffe, die unter dem Druck von Wasser und jüngeren, darüber liegenden Gesteinsschichten komprimiert und verfestigt wurden. In flachen Wasserzonen bildeten sich Korallenriffe. Fossile Meeresorganismen zeugen von diesen Ablagerungen. Darauffolgende tektonische Aktivitäten führten zu horizontalen Bewegungen und Verwerfungen. Erosion ebnete die Verwerfungen wieder ein.
Während der messinischen Salinitätskrise vor 5,96 bis 5,32 Millionen Jahren wurde das Mittelmeer vom Atlantik isoliert. In der Folge sank sein Wasserspiegel bis zu 1.500 m unter den des Atlantiks ab. Die Flüsse, die ins Mittelmeer flossen, vertieften ihre Täler um Hunderte von Metern. Die fluviale Erosion durch kleinere Bäche und Flüsse schuf wahrscheinlich auch im Massif des Calanques zahlreiche tiefe, steilwandige Täler.
Vor etwa 1,5 Millionen Jahren, zu Beginn des Quartärs, hob sich die gesamte Region, und eine neue Erosionsperiode begann mit den eiszeitlichen Meeresspiegelsenkungen. Während dieser glazialen Niedrigwasserperioden bildeten sich entlang der Mittelmeerküste weitere steilwandige Täler durch die Erosion durch Flüsse, die in das Meer mündeten, welches etwa 100 Meter tiefer lag als heute.
Der Anstieg des Meeresspiegels des Mittelmeers nach den großen Eiszeiten überflutete vor etwa 12.000 Jahren einen Teil der Schluchten, so dass sie heute unter Wasser weit ins Meer hineinreichen. In dieser Zeit wurden auch die äußersten Teile des Festlands zu Inseln. Durch Verkarstung bildeten sich große Höhlen (Saint-Michel d'Eau douce) und unterirdische Flüsse (z. B. in der Calanque de Port-Miou und der Calanque de Sugiton).
Der Norden des Massif de Marseilleveyre und die Hochebene von Carpiagne bestehen aus dem ältesten Gestein, das aus dem Jura stammt, mit einem Alter von 200 Millionen bis 140 Millionen Jahren. Der größte Teil des Massif des Calanques sowie die Inseln bestehen aus urgonischem Kalkstein, etwa 115 Millionen Jahre alt, welcher sehr hart und von weißer Farbe ist und von Korallen in einem flachen warmen Meer aufgebaut wurde. Zwischen Luminy und des Calanque de Sugiton findet man aber auch dolomitische, eher sandige Kalke des Valanginium, die etwa 140 Millionen bis 134 Millionen Jahre alt sind.Nach der Geologischen Karte von Collina-Girard, 1996
Hydrologie mini|Die Calanque d’En-Vau, ein überflutetes altes Flussbett Das Wasser des Mittelmeeres vor der Calanquesküste ist oft kühler als in den umliegenden Meeresregionen. Dies liegt einerseits daran, dass die Klippen im Meer steil abfallen ohne seichtere Küstengewässer. Zum anderen existieren zahlreiche kalte Süßwasserquellen unter der Meeresoberfläche, die durch ein Netzwerk unterirdischer Bäche gespeist werden, die sowohl das Massif de Marseilleveyre als auch die Hochebenen Carpiagne entwässern. Diese Phänomen der Karstquellen ist von allen Kalkküsten des Mittelmeers bekannt, da der Meeresspiegel während der Eiszeiten des Quartärs erst um etwa 135 m sank, bevor er vor etwa 10.000 Jahren wieder das heutige Niveau erreichte und so die Quellen und Bäche überschwemmte.
Ein unterirdischer Fluss mit einer beträchtlichen Fließgeschwindigkeit und einem Volumenstrom von 5 m³/s bis 7 m³/s endet fast auf Meereshöhe in der Calanque Port-Miou. Er kommt wahrscheinlich aus dem Massif de Sainte-Baume und wird von einem 1.000 km² großen Grundwasservorkommen unter der Provence gespeist. Eine solche Durchflussmenge könnte mehr als eine Million Menschen mit Trinkwasser versorgen.
Eine weitere Karstquelle endet einige Dezimeter unter dem Meeresspiegel des Strandes von Bestouan (am Westausgang von Cassis), wodurch das Wasser dieses Strandes selbst im Hochsommer sehr kalt ist.
Klima In den Calanques herrscht mediterranes Klima mit starker Trockenheit. Die vorhandene Feuchtigkeit stammt im Wesentlichen aus der Verdunstung des Meerwassers sowie aus starken Regenfällen im Herbst und Winter. Die Regenfälle sind jedoch durch lange Trockenperioden getrennt. Aufgrund des Abflusses kommen sie nur sehr bedingt der Vegetation zugute. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge liegt bei etwa 600 mm pro Jahr. Das Cap Croisette, das Tor zu den Calanques im Westen, ist mit durchschnittlich 360 mm das trockenste Gebiet Frankreichs. Die Heftigkeit mancher Niederschläge ist extrem. So wurde von Météo-France am 1. Dezember 2003 innerhalb von zwei Stunden eine Niederschlagsmenge von 218 mm in Marseille und von 235 mm in Cassis gemessen.
Zusammen mit hohen Temperaturen hat der Wind einen großen Einfluss auf die Verdunstung, insbesondere an der Küste. Der Mistral und der häufig starke Nordwestwind machen 43 % der windigen Tage aus. An der Meeresoberfläche führen diese Winde zu sehr starken Strömungen und damit zum Aufsteigen von Tiefenwasser. Wenn der Mistral weht, kann die Wassertemperatur an der Oberfläche innerhalb weniger Stunden um bis zu 10 K abnehmen, d. h. von 23 °C – 25 °C auf 13 °C – 15 °C. Dieses aufsteigende Tiefenwasser ermöglicht eine hohe Biodynamik an der Küste durch die Anreicherung des Wassers mit Mineralien.
Lebensräume In den Calanques gibt es keine Wasserläufe auf Grund der geringen Niederschlagsmengen und der Verkarstung des Untergrundes. In den südseitigen, mistral-geschützten Lagen bildet sich ein Mikroklima aus, bestimmt durch die Wärmeregulierung des Meeres, der Sonneneinstrahlung und den hohen weißen Felswänden. Im Winter sind Temperaturdifferenzen von 10 K zwischen den südseitigen und den nordseitigen Lagen beziehungsweise der Innenstadt von Marseille möglich. Die Bestandsaufnahme der Lebensräume, die im Rahmen der Natura-2000-Studie durchgeführt wurde, weist für die Calanques sechsundzwanzig natürliche Lebensräume aus, zu denen noch vierzig gemischte Lebensräume hinzukommen. Es gibt vier große Gruppen: Felslebensräume mit Klippen und Geröllhalden, Waldlebensräume mit klimatisch bedingten Kiefernwäldern, offene Lebensräume wie Rasen und Garrigue sowie Küstenlebensräume. Natura 2000 hat die geschützten Tiere und Pflanzen in einer Liste zusammengefasst.
Flora Die Calanques sind ein außergewöhnliches Ökosystem, in dem selbst subtropische Pflanzenarten die Kälteperioden des Quartärs überstanden haben. Es gibt kaum fruchtbare Erde auf dem Karstboden. Die Kalksteinfelsen mit ihren Geröllhalden sind von zahlreichen Rissen und Spalten durchzogen, in denen sich die Wurzeln der Pflanzen verankern können. Aufgrund der trockenen Standorte beziehen die Pflanzen ihr Wasser aus verdunstendem Meerwasser und der mit salzigen Wassertröpfchen angereicherten Meeresluft. Auch morgendlicher Tau trägt zur Wasserversorgung der Pflanzen bei. Die Vegetation der Calanques ist nicht bodendeckend, sondern gedeiht in Form von vereinzelten, relativ niedrigen Büschen. Das Gebiet ist größtenteils von Macchienvegetation bedeckt: Heidekräuter (Erica), Dornpolster aus Astragale de Marseille (Astragalus tragacantha), Lorbeerblättriger Schneeball (Viburnum tinus), Kermes- oder Stech-Eiche (Quercus coccifera), Raue Stechwinde (Smilax aspera) und Wacholder sowie kleinen Wäldchen aus Aleppo-Kiefern. Darüber hinaus kommen endemische Arten vor wie der Skopendien-Farn oder das Sabline de Provence (Arenaria provincialis), eines der Symbole der Calanques. Insgesamt kann man davon ausgehen, dass etwa 83 Arten entweder geschützt sind oder auf der Liste der bedrohten Arten stehen.
Fauna mini|Corysturmtaucher Die Fauna der Calanques ist entweder angepasst, dies gilt besonders für Insekten, oder ist ein Relikt aus früheren Zeiten wie der Habichtsadler. Die größte europäische Eidechsenart, die Perleidechse, lebt ebenso hier wie die Bulldoggfledermaus. Das Massiv beherbergt einen hohen Anteil an Seevögeln. 30 % der Population der Corysturmtaucher (Calonectris borealis, ) Frankreichs leben hier. Dazu kommen in den Küstengewässern noch Meeresschildkröten und Delfine.
Die hier lebenden Wirbellosen sind gut an den Lebensraum angepasst. Dabei handelt es sich entweder um Coleopteren (Käfer), die Elytren haben, die sie vor dem Austrocknen schützen (z. B. der Große Eichenbock), oder um Schmetterlinge.
Cosquer-Höhle Südöstlich von Marseille am Cap Morgiou liegt die von Henri Cosquer entdeckte Cosquer-Höhle mit Höhlenmalereien aus der Zeit zwischen 27.000 und 19.000 v. Chr., die Bisons, Pferde, Steinböcke aber auch Meerestiere wie Robben und Alkenvögel darstellen. Ihr Eingang liegt 37 m unter der Meeresoberfläche und ist durch ein Gitter verschlossen.
Tourismus mini|Stark frequentierter Strand der Calanque d’en-Vau