mini|Dante Gabriel Rossetti, The Beloved (1866)Symmetrie, kindliche Gesichtszüge und makellose Haut werden universell als attraktiv wahrgenommen Die Attraktivitätsforschung beschäftigt sich mit der Erforschung der Attraktivität des Menschen, speziell hinsichtlich seiner körperlichen Gegebenheiten, seiner Wesenseigenschaften, seiner sozialen Stellung, seines beruflichen Erfolgs, seines materiellen Wohlstands, seiner Persönlichkeitsausstrahlung. Sie ist keinem bestimmten Fachgebiet zuzuordnen, sondern wird in einer Vielzahl von Wissenschaftsdisziplinen betrieben, wie der Psychologie, den Neurowissenschaften, der Verhaltensforschung oder auch den Wirtschaftswissenschaften.

Entwicklung der Attraktivitätsforschung Geschichte Die wissenschaftlich-philosophische Auseinandersetzung mit dem Ideal der Schönheit und dem Phänomen seiner Anziehungskraft auf andere Menschen reicht im europäischen Kulturkreis bis in die griechische Antike zurück. Sie begegnet später wieder in den Publikationen Plotins, in der hochmittelalterlichen Epik und in den ästhetischen Schriften von Friedrich Schiller, etwa in dem Essay Anmut und Würde von 1793. Auch Dichter wie Friedrich Hölderlin oder Johann Wolfgang von Goethe in seinem Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96) haben sich damit intensiv auseinandergesetzt.

Die Fragestellung beschäftigte bereits den altgriechischen Philosophen Sokrates, unter dessen Initiative und mäeutischer Gesprächsführung Zirkel aus bedeutenden Athener Bürgern, Gelehrten und Staatslenkern wie Alkibiades, sich in intensiven Gesprächsrunden systematisch damit auseinandersetzten, welche Rolle der Schönheit im Zusammenhang mit dem Eros zukommen könnte. Die Inhalte und Methoden des damaligen wissenschaftlichen Vorgehens sind uns in Dialogform durch seinen Schüler Platon, etwa im Symposion, dem „Gastmahl“, eindrucksvoll überliefert. Die Vorstellung einer Verbindung von körperlicher und geistiger Schönheit als Wesensmerkmal des edlen Menschen fand ihren begrifflichen Niederschlag in dem Wort Kalokagathia. In dem Begriff Kalokagathia (= "Schönheit und Gutheit" - kalós kai agathós) manifestierte sich die Überzeugung, dass innere und äußere Schönheit ein (zumindest erstrebenswertes) Ideal seien und dass sie die eigentliche Anziehungskraft des Eros bewirkten. Irena Martínková: Three Interpretations of Kalokagathia. In: Peter Mauritsch (Hrsg.): Körper im Kopf. Antike Diskurse zum Körper. Leykam, Graz 2010. Antike Bildhauer wie Myron setzten das Ideal in Kunstwerke um und stellten dem anmutigen Jüngling Bildwerke eines vom Pankration, dem äußerst brutalen „Allkampf“, zerschlagenen Athletengesichts gegenüber. Ingomar Weiler: Das Kalokagathia-Ideal und der 'hässliche' Athletenkörper. In: Peter Mauritsch (Hrsg.): Körper im Kopf. Antike Diskurse zum Körper. Leykam, Graz 2010.

Eine enger körperbezogene Erforschung der menschlichen Schönheit nahm ihren Anfang in den späten 1960er Jahren. Zunächst waren daran vor allem US-amerikanische Sozialwissenschaftler beteiligt, die sich hauptsächlich für die Auswirkung von körperlicher Attraktivität auf die verschiedensten Arten der zwischenmenschlichen Beziehungen interessierten, etwa auf die Bereitschaft, anderen Menschen zu helfen. Während die ersten Attraktivitätsforscher noch davon ausgingen, dass Schönheit „im Auge des Betrachters“ liege, brachten die in den 1980er Jahren durchgeführten Untersuchungen zur Urteilerübereinstimmung die Erkenntnis, dass sich unterschiedliche Menschen in ihrem Schönheitsurteil durchaus ähneln. Damit rückte nun verstärkt die Frage ins Blickfeld, welche Merkmale attraktive Gesichter bzw. Körper auszeichnen. Seit Mitte der 1980er Jahre spielen in der Attraktivitätsforschung zunehmend evolutionspsychologische Ansätze eine Rolle, die nach dem biologischen „Sinn“ von Attraktivität fragen. Bis heute ist die Evolutionspsychologie das vorherrschende (wenn auch nicht unangefochtene) theoretische Paradigma der Attraktivitätsforschung geblieben.

Aktuelle Entwicklungen Mit der Einführung moderner bildgebender Verfahren in die Hirnforschung halten seit Mitte der 1990er Jahre die Neurowissenschaften Einzug in die Attraktivitätsforschung. Mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie werden die am Attraktivitätsurteil beteiligten Hirnstrukturen und die zugrundeliegenden neuronalen Prozesse erforscht. Die Suche nach den physiologischen Grundlagen des ästhetischen Empfindens geht dabei zum Teil über die menschliche Schönheit hinaus und bezieht – unter der Flagge der „Neuroesthetics“ – alle Arten von ästhetischen Objekten und Erfahrungen wie etwa Kunstwerke oder Musik mit ein. Auch die Wirtschaftswissenschaften beteiligen sich neuerdings an der Erforschung der menschlichen Attraktivität. Mit Hilfe spieltheoretischer Ansätze gehen sie der Frage nach, wie soziale Austauschbeziehungen durch das Aussehen beeinflusst werden. Seit einigen Jahren erweitert sich insbesondere innerhalb der evolutionspsychologisch geprägten Attraktivitätsforschung das Konzept von „Attraktivität“ zusehends. Neben der visuellen Attraktivität von Gesicht und Körper sind nun auch der Körpergeruch, die Stimme oder auch Bewegungen zum Gegenstand der Forschung geworden. Dabei tritt zunehmend die Frage nach der Natur und Herkunft von interindividuellen Unterschieden in der Attraktivitätswahrnehmung in den Vordergrund. (Warum etwa können sich die einen Menschen gegenseitig „riechen“, die anderen nicht?)

Fragestellungen Die Attraktivitätsforschung beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit folgenden Fragen: Inwieweit stimmen Menschen in ihrem Schönheitsurteil überein? Welche Merkmale des Gesichtes bzw. Körpers werden als attraktiv empfunden? Wie wirkt sich die Attraktivität eines Menschen im sozialen Kontext aus? Welche Rolle spielt Attraktivität bei der Partnerwahl? Welchen biologischen „Sinn“ hat Schönheit?

Bewertung von Schönheit Der Frage nach der Urteilerübereinstimmung bei der Attraktivitätsbewertung von Gesichtern haben sich vor allem deutschsprachige Attraktivitätsforscher (z. B. Ronald Henss) ausgiebig angenommen. Demnach ist das menschliche Attraktivitätsurteil ungefähr zur Hälfte subjektiv, die andere Hälfte hat ein Mensch mit den anderen Menschen gemeinsam.siehe z. B.: Ronald Henss: „Spieglein, Spieglein an der Wand ...“ 1992; Johannes Hönekopp: Once more: Is beauty in the eye of the beholder? Relative contributions of private and shared taste to judgments of facial attractiveness. In: Journal of Experimental Psychology. Human Perception and Performance. Bd. 32, Nr. 2, 2006, , S. 199–209, . Dieser (relative) Konsens scheint kulturübergreifend zu sein, sofern die jeweiligen Beurteiler mit den in Frage stehenden Ethnien vertraut sind. Ein weißer Europäer stimmt beispielsweise bei der Bewertung eines japanischen Gesichtes weitgehend mit japanischen Bewertern überein – unter der Voraussetzung, dass er bereits „Erfahrung“ mit japanischen Gesichtern gemacht hat (also z. B. Japaner in seinem Bekanntenkreis hat). Männer und Frauen weisen in ihren Schönheitsurteilen zwar gewisse Unterschiede auf (Frauen beispielsweise sind mit guten Noten etwas zurückhaltender als Männer, insbesondere, wenn es um Männergesichter geht), im großen Ganzen stimmen beide Geschlechter aber recht gut überein (genauso wie das auch unterschiedliche Altersgruppen oder auch soziale Schichten tun).

Karl Grammer et al. identifizierten acht „Säulen“ der Schönheit: Jugendlichkeit, Symmetrie, Durchschnittlichkeit, Geschlechtshormonmarker, Körpergeruch, Bewegung, Hautfarbe und Haartextur.

Alters- und geschlechtsspezifische Stereotype beeinflussen die Bewertung der Attraktivität. Für Frauen gilt, dass ihnen nach traditioneller, stereotyper Geschlechterrolle körperliche (sexuelle) Attraktivität zugeschrieben und das Weiblichkeits- sowie Schönheitsideal mit Jugendlichkeit gleichgesetzt wird. Auch bei der Partnerwahl dominiert jugendliche, sexuelle Attraktivität als Bewertungskriterium der Frau, wie Ursula Richter in Studien festgestellt hat.Ursula Richter: Einen jüngeren Mann lieben, Kreuz, Stuttgart 1989, ISBN 978-3-7831-1010-4. Dieses verordnete und idealisierte Bild von Schönheit und Weiblichkeit, das viele Frauen schon in jüngeren Jahren als mangelhaft erfahren, wird mit zunehmendem Alter immer unausweichlicher für alle, wie Christina Schachtner belegt. „Je mehr sich die Geschichte einer Frau mit den Jahren in ihrem Gesicht und in ihrer Gestalt eingräbt, je unverwechselbarer sie wird, desto weniger entspricht sie dem propagierten Weiblichkeitsentwurf“, so Schachtner.Christel Schachtner: Störfall Alter, S. Fischer Frankfurt a. M. 1988, ISBN 3-10-070202-6 Dies hat eine Benachteiligung älterer Frauen zur Folge, wie Ursula Lehr (Altersforscherin) aufzeigt.Ursula Lehr: Seniorinnen, Steinkopff, Darmstadt 1978, ISBN 978-3-7985-0519-3.Ursula Lehr: Zur Situation der älter werdenden Frau. Bestandsaufnahme und Perspektiven bis zum Jahr 2000, Beck, München 1987. ISBN 3-406-32226-3. So werden beispielsweise Falten beim Mann nicht als unattraktiv bewertet. Mehr als die Hälfte der von der Gesellschaft für Marktforschung (GfK)GfK-Umfrage i. A. der „Apotheken Umschau“. befragten Männer meinen sogar, mit Falten attraktiver zu sein. Demnach ist mehr als jeder zweite Mann der Ansicht, dass er mit zunehmendem Alter interessanter und besser aussehe. Das sagen von sich nur vier von zehn Frauen. Jede vierte weibliche Befragte bekundet ausdrücklich ihre Angst, älter und damit unattraktiv zu werden.

Gleichwohl die Frage des Aussehens auch für alternde Männer nicht irrelevant zu sein scheint, möglicherweise als Beleg für männliche Identität ausmachende physische Stärke, sind Frauen attraktivitätsmäßig in viel stärkerem Maße auf ihr Äußeres reduziert. Alternde Frauen fürchten daher das Nachlassen oder den Verlust ihrer sexuellen Reize im Alter und fühlen sich durch die als Hässlichkeit angedeuteten Alterserscheinungen gehemmt, blockiert, ausgesperrt, in ihrem Frausein verneint. Ihre eigene Attraktivität beurteilen Frauen ungünstiger als Männer, und junge Frauen werden bevorzugt sowie am sexuell attraktivsten bewertet, wie Studien belegen.Rita Bourauel: Zur Beurteilung alters- und geschlechtspezifischer sexueller Attraktivität im Alter, Dr. Kovac, Hamburg 1992, ISBN 3-86064-015-1Henss, Ronald: „Spieglein, Spieglein an der Wand …“ Geschlecht, Alter und physische Attraktivität, München, Beltz, 1992.

Die stereotypen alters- und geschlechtsspezifischen Erwartungen beeinflussen die Wahrnehmung bzw. Beurteilung von Attraktivität. Sie können auch ein diskriminierendes Verhalten und eine Abnahme des Selbstwertgefühls hervorrufen, indem sie zum Beispiel ältere Frauen dazu bringen, ihren Verhaltensradius einzuschränken. Wenn ältere Frauen ihr Verhalten nach den stereotypen Erwartungshaltungen ausrichten, wird das Stereotyp erfüllt und kann erneut Bestätigung finden.Ursula Lehr & W.F. Schneider: Altersbild, in: Wolf D. Oswald, Werner M. Herrmann, Siegfried Kanowski, Ursula M. Lehr und Hans Thomae: Gerontologie, Kohlhammer, Stuttgart 1984, ISBN 3-17-008580-8.

Infolge der Aufweichung traditioneller, stereotyper Geschlechterrollen u. a. durch eine bessere weibliche Schul-/Ausbildung und einer damit einhergehenden finanziellen Unabhängigkeit kann ein gestiegenes Selbstbewusstsein der Frau verzeichnet werden. Frauen sind heute mutiger, Entscheidungen zu treffen, die nicht unbedingt als populär gelten. Dennoch ist seitens der sozialen Umwelt nach wie vor Jungsein Voraussetzung weiblicher Schönheit.

Welche Merkmale werden als attraktiv empfunden? Eines der für den Laien verblüffendsten Attraktivitätsmerkmale heißt Durchschnittlichkeit: Wenn mehrere Gesichter fotografisch oder computertechnisch (durch sog. „Morphing“) übereinandergelagert werden, so ist das resultierende Durchschnittsgesicht attraktiver als die Mehrzahl der Einzelgesichter, aus denen es hervorgegangen ist.