Der Begriff Gliedergürteldystrophie, oder auch Gliedergürtelmuskeldystrophie (engl. limb-girdle muscular dystrophy, LGMD), bezeichnet eine Gruppe erblicher Muskelerkrankungen (Myopathien), deren gemeinsames Merkmal Lähmungen der Muskulatur des Schulter- und Beckengürtels sind. Schulter- und Beckengürtel werden in der Medizin zusammen als Gliedergürtel bezeichnet. Neben Muskellähmungen erfüllen die Gliedergürteldystrophien die Kriterien der Muskeldystrophie. Eine Muskeldystrophie ist gekennzeichnet durch Umbauprozesse des Muskelgewebes. Die Erkrankungen dieser Gruppe sind genetisch und klinisch heterogen. Sie werden durch unterschiedliche Genmutationen verursacht und die gleichen Genmutationen können ein sehr variables klinisches Bild hervorrufen. Der Beginn der Erkrankung reicht vom Kleinkindes- bis in das hohe Erwachsenenalter und es sind sowohl milde als auch schwere Verläufe möglich. Gliedergürteldystrophien sind seltene Erkrankungen. Schätzungen der Krankheitshäufigkeit (Prävalenz) aller Gliedergürteldystrophien reichen von 1:14.500 bis 1:123.000.
Ursachen Die Gliedergürteldystrophien werden durch Gendefekte auf verschiedenen Chromosomen verursacht. Diese führen zu struktureller Abweichung, zum Mangel oder zum völligen Fehlen von verschiedenen Muskelproteinen, was zu einer chronischen Schädigung der häufig beanspruchten Muskelfasern führt. Leitsymptom ist die zunehmende Schwäche und der sichtbare Schwund der betroffenen Muskelpartien.
Einteilung Die heute übliche Einteilung basiert auf der Klassifikation der molekulargenetisch nachweisbaren Genmutationen bzw. der veränderten Proteine. Nach dem Erbgang werden 2 Gruppen unterschieden: die autosomal-dominant vererbten Gliedergürteldystrophien, LGMD1, und die autosomal-rezessiv vererbten Gliedergürteldystrophien, LGMD2.A. Ferbert, W. Kress: Klinik und Genetik der Gliedergürteldystrophien. In: Medizinische Genetik. Volume 21, Number 3, 2009, S. 332–336.
Autosomal-dominante Formen der Gliedergürteldystrophien Die autosomal-dominant vererbten Gliedergürteldystrophien sind relativ selten und machen etwa 10 % aller Gliedergürteldystrophien aus. Die Erkrankungen manifestieren sich meist im Erwachsenenalter (adult-onset) und der klinische Verlauf ist im Vergleich zu den autosomal-rezessiv-vererbten Gliedergürteldystrophien häufig weniger schwer.
TypGenortGenGenproduktManifestationsalterLeitsymptomePrognoseLGMD1A, abgerufen am 20. September 2013.5q22–q34MYOTMyotilin18–35U. Schara, W. Mortier: Neuromuskuläre Erkrankungen (NME). Teil 2: Muskeldystrophien (MD). In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Band 151, 2003, S. 1321–1341.Schwäche hüftnaher Beinmuskeln, Jahre später sind Armmuskeln betroffen; Schwäche von Gesichts- und Schlundmuskeln bei 20 %, Sprechstörungen (Dysarthrie) bei 25 %Rollstuhlabhängigkeit etwa 20 Jahre nach Beginn, meist normale LebenserwartungLGMD1B, abgerufen am 20. September 2013.1q22LMNALamin-A/C4–30Schwächen in Hüft- und hüftnahen Oberschenkelmuskeln, in zwei Drittel der Fälle Reizüberleitungsstörungen des Herzen und möglicherweise Herzmuskelschwäche mit Erweiterung des Herzen (dilatative Kardiomyopathie)Lebenslange Gehfähigkeit, jedoch Risiko des plötzlichen Herztods um 50–60 JahreLGMD1C3p25.3CAV3Caveolin-32–20–70Stammnahe Muskelschwäche, Wadenkrämpfe, Wadenpseudohypertrophiewahrscheinlich lebenslange Gehfähigkeit und normale LebenserwartungLGMD1D, abgerufen am 20. September 2013.6q23DESDesmin20–25, selten unter 20Herzrhythmusstörungen und Kardiomyopathie, später zusätzliche stammnahe MuskelschwächenPlötzlicher Tod durch AV-Block, ventrikuläre Tachykardie oder Kardiomyopathie möglichLGMD1E, abgerufen am 20. September 2013.7qnicht bekanntnicht bekannt10–30Hüftnahe BeinmuskelschwächeLGMD1F, abgerufen am 20. September 2013.M. J. Melià, A. Kubota u. a.: Limb-girdle muscular dystrophy 1F is caused by a microdeletion in the transportin 3 gene. In: Brain: a journal of neurology. Band 136, Pt 5, Mai 2013, S. 1508–1517, . doi:10.1093/brain/awt074. PMID 23543484. .7q32.1TNPO3Transportin 3unter 1–58Beckengürtel-, SchultergürtelmuskelschwächeLGMD1G, abgerufen am 3. Juni 2014.4q21HNRNPDLN. M. Vieira, M. S. Naslavsky u. a.: A defect in the RNA-processing protein HNRPDL causes limb-girdle muscular dystrophy 1G (LGMD1G). In: Human Molecular Genetics. [elektronische Veröffentlichung vor dem Druck] März 2014, . doi:10.1093/hmg/ddu127. PMID 24647604.D-ähnliches heterogenes nukleäres Ribonukleoprotein30–47Becken- und Schultergürtelmuskelschwäche, Beugekontrakturen der Zehen und FingerLGMD1H, abgerufen am 3. Juni 2014.3p25.1-p23nicht bekanntnicht bekannt
Autosomal-rezessive Formen der Gliedergürteldystrophien TypGenortGenGenproduktHäufigkeitManifestationsalterLeitsymptomePrognoseLGMD2A, abgerufen am 13. November 2011.15q15.1CAPN3Calpain-3Etwa 10 % aller LGMD2, Gründermutationen: Amische, La Réunion, Basken, TürkenE. Pegoraro, E. P. Hoffman: Limb-Girdle Muscular Dystrophy Overview. GeneReviews [Internet]. University of Washington, Seattle, 8. Juni 2000, update vom 30. August 2012. PMID 20301582."3–10–30Schwäche der Hüft- und Oberschenkelmuskeln, auch Rumpfmuskulatur betroffen, Schultermuskulatur oft 2–5 Jahre später, häufig auch Kontrakturen der Wirbelsäule, Fußgelenke, Ellenbogen und Händerascher oder langsamer Verlauf, entsprechend Tod um 20. Lebensjahr möglich, sonst in der 8. Lebensdekade, früher Beginn bedeutet nicht automatisch rasches FortschreitenLGMD2B, abgerufen am 13. November 2011.2p13.2DYSFDysferlinEtwa 5 % aller LGMD213–22–35Schwäche vor allem der hinteren Hüft- und hüftnahen Oberschenkelmuskeln, 25 % Wadenpseudohypertrophie, 2–10 Jahre später Schultermuskelschwächerascher oder langsamer Verlauf, in etwa 30 % Gehfähigkeit bis 26–54 Jahren, sonst bis 8. DekadeLGMD2C, abgerufen am 13. November 2011.13q12.12SGCGGamma-Sarkoglykan3–12Muskelschwäche im Beckengürtel früher als im Schultergürtel, frühe Wadenpseudohypertrophie, später möglicherweise Gesichtsmuskeln betroffenGehfähigkeit in 25 % 10–15 Jahre, 50 % 15–20 Jahre, 25 % über 20 Jahre, Tod im zweiten Lebensjahrzehnt möglichLGMD2D, abgerufen am 13. November 2011.17q21.33SGCAAlpha-Sarkoglykan1–16, späterZunehmende Muskelschwächen im Beckengürtel und Oberschenkel mit verspäteten Gehbeginn oder unsicherem Gang ähnlich wie bei Muskeldystrophie Typ Duchennerascher oder langsamer Verlauf, Gehfähigkeit bis 16–30 Jahre oder später, vorzeitiger Tod bei raschem Verlauf möglichLGMD2E, abgerufen am 13. November 2011.4q12SGCBBeta-Sarkoglykan3–12Beckengürtel eher betroffen als Schultergürtel, Wadenpseudohypertrophierascher oder langsamer Verlauf, Gehfähigkeit 9–14 Jahre oder bis 38 Jahre, Tod im 2.–3. Lebensjahrzehnt möglichLGMD2F, abgerufen am 13. November 2011.5q33–q34SGCDDelta-Sarkoglykan4–10Zunehmende Muskelschwächen im Beckengürtel und Oberschenkel mit verspäteten Gehbeginn oder unsicherem Gang ähnlich wie bei Muskeldystrophie Typ Duchenne, Gesichtsmuskeln möglicherweise betroffen, Wadenhypertrophierasches Fortschreiten mit Gehfähigkeit 9–16 Jahre, Tod am Ende des ersten oder im zweiten Lebensjahrzehnt möglichLGMD2G, abgerufen am 13. November 2011.7q12TCAPTelethoninEtwa 3 % aller LGMD29–15Neben Hüft- und Oberschenkelmuskelschwäche auch Unterschenkelmuskeln und Arm/Schultermuskeln betroffenlange Gehfähigkeit bis 18–25 Jahre nach BeginnLGMD2H, abgerufen am 13. November 2011.9q33.1TRIM32E3-Ubiquitin-Protein-Ligase TRIM321.–3. DekadeBeckengürtel eher betroffen als Schultergürtel, möglicherweise Nacken- oder RückenschmerzenGehschwierigkeiten mit 37–46 Jahren, Rollstuhlabhängigkeit im siebten LebensjahrzehntLGMD2I, abgerufen am 13. November 2011.19q13.32FKRPFukutin-assoziiertes Protein (FKRP)Etwa 6 % aller LGMD21.–4 DekadeZunächst Schwäche der Hüft- und Oberschenkelmuskeln, später der Schulter- und Oberarmmuskeln, Wadenpseudohypertrophie, Muskelschmerzen bei Belastung, Muskelfaserzerfall (Rhabdomyolyse)sehr unterschiedlicher Verlauf, Gehfähigkeit meist bis 30 JahreLGMD2J, abgerufen am 13. November 2011.2q31.2TTNTitin1.–3. DekadeMuskelschwäche und -atrophie der Hüft- und hüftnahen OberschenkelmuskelnGehverlust im 3.–5. LebensjahrzehntLGMD2K, abgerufen am 13. November 2011.9q34.13POMT1Protein-O-Mannosyltransferase 1LGMD2L, abgerufen am 13. November 2011.11p14.3ANO5Anoctamin-5Etwa 25 % der LGMD2 im Vereinigten Königreich, Gründermutationen: NordeuropäerLGMD2M, abgerufen am 12. Oktober 2013.9q31.2FKTNFukutin6 PatientenLGMD2N, abgerufen am 12. Oktober 2013.14q24.3POMT2Protein-O-Mannosyltransferase 22 PatientenLGMD2O, abgerufen am 12. Oktober 2013.1p34.1POMGNT1Protein-O-Mannose-beta-1,2-N-Acetylglucosaminyltransferase 12 unabhängige Patienten (1 irisches Mädchen, 1 belgischer Junge)LGMD2P, abgerufen am 12. Oktober 2013.3p21.31DAG1Dystroglycan1 türkische Patientin, homozygote Mutationfrühe KindheitGliedergürteldystrophie mit mentaler RetardierungY. Hara, B. Balci-Hayta u. a.: A dystroglycan mutation associated with limb-girdle muscular dystrophy. In: The New England Journal of Medicine. Band 364, Nummer 10, März 2011, S. 939–946, . doi:10.1056/NEJMoa1006939. PMID 21388311. .Mit 16 Jahren Laufen weniger Meter, IQ von 50LGMD2Q, abgerufen am 12. Oktober 2013.8q24.3PLEC1Plectin4 Mitglieder einer türkischen FamilieLGMD2R, abgerufen am 12. Oktober 2013.2q35DESDesmin2 türkische SippenLGMD2S, abgerufen am 12. Oktober 2013.4q35.1TRAPPC11TRAPPC113 syrische Familien, 5 HuttererLGMD2T, abgerufen am 12. Oktober 2013.3p21.31GMPPBBeta-GDP-Mannose-Phosphorylase3 unabhängige PatientenLGMD2UV. Nigro, M. Savarese: Genetic basis of limb-girdle muscular dystrophies: the 2014 update. In: Acta myologica: myopathies and cardiomyopathies: official journal of the Mediterranean Society of Myology / edited by the Gaetano Conte Academy for the study of striated muscle diseases. Band 33, Nummer 1, Mai 2014, S. 1–12, . PMID 24843229. .7p21.2ISPDIsoprenoid synthase domain-containing proteinLGMD2V17q25.3GAALysosomale Alpha-GlucosidaseLGMD2W3p21.31LIMS2LIM and senescent cell antigen-like-containing domain protein 2KindesalterGliedergürteldystrophie mit Pseudohypertrophie der Waden und Makroglossie, eingeschränkte linksventrikuläre Funktion ab der 3. DekadeLGMD2X, abgerufen am 9. Juli 2016.6q21BVESBlood vessel epicardial substance (Popeye protein 1)Erwachsenenalter
Diagnose mini|Nachweis von alpha-Sarkoglykan in A) nicht betroffener Muskulatur, B) Fehlen desselben bei LGMD 2D
In der Ableitung der elektrischen Muskelaktivität (Elektromyografie, EMG) finden sich unspezifische Hinweise auf eine chronische Muskelschädigung (Myopathie). Durch bildgebende Verfahren wie die Computertomografie (CT) oder die Magnetresonanztomografie (MRT) lassen sich besonders befallene Muskelgruppen darstellen. Labordiagnostisch ist häufig eine deutlich erhöhte Creatinkinase auffällig. Bei entsprechendem Verdacht durch klinische Symptome helfen meist immunhistochemische oder molekulargenetische Untersuchungen einer Muskelbiopsie, die Diagnose zu sichern.
Therapie Eine etablierte medikamentöse Therapie ist bei keiner der Gliedergürteldystrophien bekannt.A. Ferbert, W. Kress: Klinik und Genetik der Gliedergürteldystrophien. In: Medizinische Genetik. Volume 21, Number 3, 2009, S. 337, doi:10.1007/s11825-009-0171-x Die symptomatische Behandlung konzentriert sich auf krankengymnastische Maßnahmen zum Erhalt der Muskelkraft, zur Schulung von Alltagsbewegungen und zur Vorbeugung gegen Kontrakturen. Ein maximales Krafttraining gilt jedoch als ungünstig.A. Ferbert, W. Kress: Klinik und Genetik der Gliedergürteldystrophien. In: Medizinische Genetik. Volume 21, Number 3, 2009, S. 336, doi:10.1007/s11825-009-0171-x Wichtig ist auch eine sachgerechte Hilfsmittelversorgung in Form von Schienen (Orthesen), Gehstock, Rollator oder einem Rollstuhl. Bei Fehlstellungen der Füße oder der Wirbelsäule kommen insbesondere zur Wiederherstellung der Gehfähigkeit auch operative Behandlungsmaßnahmen in Frage. Bei einer auftretenden Beeinträchtigung der Sprechmotorik (Dysarthrie) ist eine logopädische Behandlung notwendig.