Philainis von SamosAltgriechisch: Φιλαινίς ἡ Σαμία soll die Verfasserin eines berühmten antiken Handbuchs über Sexualpraktiken gewesen sein. Einem erhaltenen Fragment einer Abhandlung zufolge, die angeblich von ihr verfasst wurde, stammte sie aus Leukas oder Samos, und ihr Vater hieß Ocymenes. Viele moderne Wissenschaftler betrachten Philainis jedoch als fiktive Figur, deren Identität möglicherweise von verschiedenen erotischen Schriftstellern übernommen wurde. Zwei satirische griechische Epigramme aus der Griechischen Anthologie der Dichter Aeschrion von Samos und Dioscorides geben vor, Philainis’ Ruf zu verteidigen, indem sie darauf bestehen, dass sie die ihr zugeschriebene Abhandlung nicht verfasst habe. Aeschrion beharrt stattdessen darauf, dass die Abhandlung vom athenischen Sophisten Polykrates verfasst wurde.
Obwohl ihr Werk heutzutage nicht mehr erhalten ist, waren die angeblichen Schriften der Philainis wohl in der gesamten klassischen Antike bekannt, und Wissenschaftler vermuten, dass sie Ovids Ars Amatoria beeinflusst haben könnten. Es ist überliefert, dass man sich unter anderem bei Gastgelagen damit die Zeit vertrieb, sich über die von ihr beschriebenen Sexualstellungen zu unterhalten und darüber zu streiten, welche davon am angenehmsten sei. In ihrer Popularität ist sie mit der Autorin Elephantis vergleichbar, die ein ähnliches Werk verfasste. Philainis selbst scheint sich später von diesem Werk distanziert zu haben, denn laut Überlieferung soll sie sich in ihrer Grabschrift dagegen gewehrt haben, dieses je geschrieben zu haben.
In späterer Zeit blieb Philainis wegen ihrer Reputation in Erinnerung. Eine fiktive Figur namens Philainis taucht in den Epigrammen des römischen Dichters Martial als maskuline Frau auf, die dafür bekannt ist, Sex mit Frauen zu haben. Die christlichen Schriftsteller Justin der Märtyrer, Tatian und Clemens von Alexandria verurteilen die Philainis zugeschriebenen Schriften als verdorben und unmoralisch. Der aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. stammende pseudo-lucianische Dialog Erōtes erwähnt, dass Philainis einen Umschnalldildo benutzte, um Sex mit Frauen zu haben. Vor allem durch diese späteren Anspielungen wurde Philainis während des größten Teils der Neuzeit bekannt. Sie wird in Werken der englischen Autoren Thomas Heywood und John Donne erwähnt, die sie beide als pervers charakterisierten. Auch Johann Wolfgang von Goethe erwähnt sie in seinen Römischen Elegien. Im Jahr 1972 wurden drei kurze Fragmente einer Abhandlung veröffentlicht, die angeblich von Philainis verfasst worden war und zuvor in Oxyrhynchos als Teil der Oxyrhynchos-Papyri entdeckt worden war.
Frühe Erwähnungen Philainis ist die am häufigsten genannte der antiken Frauen, denen eine erotische Abhandlung zugeschrieben wird, und sie wird in einem Dutzend antiker Quellen erwähnt.Sandra Boehringer: What is Named by the Name "Philaenis"? Gender, function and authority of an antonomastic figure. In: Mark Masterson, Nancy Sorkin Rabinowitz, James Robson (Hrsg.): Sex in Antiquity: Exploring Gender and Sexuality in the Ancient World. Routledge, New York City/ London 2014, ISBN 978-0-415-51941-0.D. W. Thomson Vessey: Philaenis. In: Revue Belge de Philologie et d'Histoire. Band 1, 1976, S. 76–82. Einem der erhaltenen Fragmente der Abhandlung aus Oxyrhynchus zufolge wurde das Werk von „Philainis aus Samos, Tochter des Ocymenes“ verfasstP. Oxy. 2891, übersetzt. I. M. Plant – obwohl Athenaios sie als Leukadierin bezeichnet.K. Tsantsanoglou: The Memoirs of a Lady from Samos. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 12, 1973, S. 183–195, JSTOR 20180553 Der Name ihrer Mutter wird manchmal mit Gyllina angegeben.Ian Michael Plant: Women Writers of Ancient Greece and Rome: An Anthology. University of Oklahoma Press, 2004, ISBN 0-8061-3622-7, S. 45–47, hier S. 45. Moderne Wissenschaftler gehen allgemein davon aus, dass Philainis eine fiktive Figur ist, die als Pseudonym diente, möglicherweise von mehreren verschiedenen Autoren erotischer Schriften.
Unter modernen Wissenschaftlern wird allgemein angenommen, dass die Figur der Philainis eine Kurtisane war.M. L. West: Erinna. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 25, 1977, S. 118.Dominic Montserrat: Sex and Society in Græco-Roman Egypt. Routledge, New York City/ London 2011 , ISBN 978-0-7103-0530-5, S. 113. Laut Ian Michael Plant scheint der Name Philainis – eine Verkleinerungsform von philaina, der weiblichen Form des griechischen Wortes philos, was „Liebe“ bedeutet – im antiken Griechenland häufig von Prostituierten verwendet worden zu sein. Auch ihre Verbindung zu Samos passt zu einer Prostituierten in der Antike war die Insel berühmt für ihre teuren Hetären.Ariana Traill: Women and the Comic Plot in Menander. Cambridge University Press, Cambridge 2008, ISBN 978-0-521-88226-2. D. W. Thomson Vessey stellt fest, dass Philainis eine fiktive Figur ist, die eine „prototypische Hure“ darstellt.D. W. Thomson Vessey: Philaenis. In: Revue Belge de Philologie et d'Histoire. Band 1, 1976, S. 76–82, hier S. 80–81. Sandra Boehringer weist die Auffassung, Philainis sei eine Kurtisane gewesen, vehement zurück und betont, es gebe keine Belege für die These, der Name Philainis sei irgendeine Art von „Kurtisanenname“ gewesen oder dass irgendjemand in der Antike Philainis jemals als Kurtisane angesehen habe; stattdessen argumentiert sie, die Menschen der Antike hätten sie lediglich als sexuell zügellos angesehen.
In der Griechischen Anthologie Zwei Gedichte in der Griechischen Anthologie – eines von Aeschrion von Samos, das andere vom Dichter Dioscorides aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. – sollen bestreiten, dass Philainis das ihr zugeschriebene Werk verfasst habe. Aeschrion verortet das Epigramm auf Philainis’ Grab am Meer, gibt jedoch nicht an, wo sich das Grab befindet. In dem Epigramm wird Philainis selbst so dargestellt, als wende sie sich direkt an einen μάταιος ναύτης („zwecklosen Seemann“), doch der Adressat wird nicht ausdrücklich als ξένος („Fremder“) identifiziert. Seeleute waren in der Antike für ihre Zügellosigkeit und ihre Frauengeschichten berüchtigt, sodass Aeschrion den Adressaten des Epigramms möglicherweise ironisch gemeint hat. Aeschrion schildert Philainis so, dass sie vehement darauf besteht, das ihr zugeschriebene Buch niemals geschrieben zu haben. Stattdessen schreibt sie das Werk einem Mann namens Polykrates zu,Walter Duvall Penrose: Postcolonial Amazons: Female Masculinity and Courage in Ancient Greek and Sanskrit Literature. Oxford University Press, Oxford 2016, ISBN 978-0-19-953337-4. bei dem es sich höchstwahrscheinlich um den gleichnamigen athenischen Sophisten handelt, obwohl dies nicht sicher ist.
Auch Dioskorides’ Gedicht bestreitet vehement, dass Philainis die ihr zugeschriebene Abhandlung tatsächlich verfasst habe, versucht jedoch – anders als das von Aeschrion – nicht, eine andere Person als Verfasserin anzudeuten. Laut D. W. Thomson Vessey ist es möglich, dass Dioskorides diese Verteidigung als stillschweigende Bestätigung von Aeschrions Zuschreibung der Abhandlung an Polykrates beabsichtigt hat. Ebenfalls im Gegensatz zu Aeschrion bezeichnet Dioscorides Philainis ausdrücklich als Samierin. Keines der beiden Epigramme versucht, die Existenz der fraglichen Abhandlung anzuzweifeln. Tsantsanolou stimmt Aeschrions Zuschreibung des Werks an Polykrates zu und argumentiert, dass diese mit dem übereinstimmt, was über dessen Stil bekannt ist. Boehringer argumentiert, dass sowohl Aeschrions als auch Dioscorides’ Epigramme satirisch sind und dass sie, weit davon entfernt, Philainis zu verteidigen, ihren negativen Ruf vielmehr noch verstärken, wobei sie anmerkt, dass zwar nichts über Aeschrion bekannt ist, aber über vierzig Epigramme von Dioscorides erhalten geblieben sind, von denen viele offen satirisch sind. Sie sieht in der Konstruktion der Epigramme, in denen Philainis so dargestellt wird, dass sie ausführlich beschreibt, was sie angeblich nicht ist, anstatt was sie „wirklich“ ist, einen Hinweis auf die ironische Absicht der Gedichte.
Quellen Athenaios 220; 335; 457 Timaios bei Polybios, Geschichte 12,13,1
Literatur Bilderlexikon der Erotik. Verlag für Kulturforschung, Wien 1928–1930 Bernhard Kytzler: Frauen der Antike. Von Aspasia bis Zenobia. Artemis, München/ Zürich 2000, ISBN 3-7608-1224-4, S. 132.
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