mini|Kanzlerbungalow 1979 … mini|… und 2012 mini|Blick auf die Südwest- und Südost-Front mini|Rheinblick mit Panzerglasfront mini|Blick auf die Rückseite aus dem Park mini|Kanzlerbungalow aus der Vogelperspektive mini|Bernhard Heiliger: Figurenbaum (1957–58) im Park des Kanzlerbungalows mini|Im Vordergrund die Sitzgruppe mit Eames-Lobby-Chairs; im Hintergrund das rekonstruierte, sogenannte Kanzlersofa von Sep Ruf und der Schiedmayer-Flügel Als Kanzlerbungalow wird das ehemalige Wohn- und Empfangsgebäude des deutschen Bundeskanzlers in Bonn bezeichnet. Es wurde von 1964 bis 1999 zu diesem Zweck genutzt. Der Bungalow befindet sich im Park zwischen dem ehemaligen Bundeskanzleramt (heutiges Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und dem Palais Schaumburg, dem Bonner Dienstsitz des Bundeskanzlers. Er steht in etwa an der Stelle der ehemaligen Villa Selve, die 1955 abgerissen wurde.Olga Sonntag: Villen am Bonner Rheinufer: 1819–1914, Bouvier Verlag, Bonn 1998, ISBN 3-416-02618-7, Band 2, Katalog (1), S. 213–254. (zugleich Dissertation Universität Bonn, 1994)

Das Gebäude gilt als bedeutendes Beispiel der 1960er-Jahre-Architektur mit Traditionen bis zurück in die 1920er-Jahre und steht seit 2001 unter Denkmalschutz. Außerdem ist es eine Station des Geschichtsrundwegs Weg der Demokratie.

Baugeschichte Der spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard gab – noch in seiner Funktion als Wirtschaftsminister – die Residenz als Symbol weltoffener und moderner Gesinnung der Bundesrepublik Deutschland in Auftrag. Sein Vorgänger, Konrad Adenauer, war täglich von seinem Privathaus in Rhöndorf nach Bonn gekommen. Der Architekt Sep Ruf, der mit Erhard befreundet war und bereits dessen Privathaus erbaut hatte, wurde 1963 beauftragt, ein repräsentatives und modernes Gebäude in der Tradition der klassischen Moderne im Park des damaligen Bundeskanzleramts, des Palais Schaumburg, zu errichten.Sep Ruf. Kanzlerbungalow, Bonn. Texte: Andreas Schätzke/Joaquín Medina Warmburg, Stuttgart/London 2009 Der Bau (ca. 1963–1966) gilt als herausragendes Beispiel westdeutscher Nachkriegsarchitektur. Die Baukosten betrugen rund zwei Millionen Deutsche Mark.H. Riese: Wohn- und Empfangsgebäude des Bundeskanzlers (Kanzler-Bungalow). In: Mathias Schreiber (Hrsg.): Deutsche Architektur nach 1945. 40 Jahre Moderne in der Bundesrepublik. DVA, Frankfurt am Main 1986, S. 73 ff.

Der beabsichtigte Eindruck der Schwerelosigkeit führte zu einem Entwurf, der auf einer Stahlskelettkonstruktion mit Punktstützen und Flachdach beruhte. Es handelt sich um zwei gegeneinander versetzte Quadrate mit 24 m × 24 m und 20 m × 20 m Außenlänge, die jeweils über einen 8 m × 8 m großen Atriumhof verfügen.

Das größere Quadrat ist den Repräsentationsfunktionen vorbehalten. Es verfügt neben der Eingangs- und Empfangshalle über ein Arbeitszimmer, einen großen Empfangsraum, einen Speiseraum, die Küche sowie ein Familienesszimmer, das zum Wohn- und Schlaftrakt überleitet.

Die Raumkonstruktion ist variabel und erlaubt Durchblicke. Schiebe- und Versenkwände machen flexible Raumkombinationen möglich. So können beispielsweise ein Musikzimmer und eine Kamindiele abgetrennt werden.

Die Kanzler- und Gattin-Schlafräume im Wohnquadrat sind spiegelbildlich und haben jeweils Ankleide, Arbeitsecke, Schlafraum und Bad. Sie ziehen sich U-förmig um das Schlaf-Atrium mit Schwimmbassin. Weiterhin sind dort drei Dienstbotenzimmer mit Teeküche, zwei Gästezimmer, ein privater Wohnraum und der Personalaufenthaltsraum am Übergang zur Küche untergebracht.

Im Zuge der verschärften Sicherheitsmaßnahmen während der Bedrohung durch die RAF wurde 1977 eine Panzerglasfront vor die Terrasse gesetzt; diese sollte einen womöglichen Beschuss vom rechtsrheinischen Ufer aus abwehren. 1983/84 wurde außerhalb des Bungalows ein zusätzlicher Keller zur Einlagerung von auswechselbarem Mobiliar gebaut.Jörg Diester: Geheimakte Kanzlerbungalow. Bunker unter Regierungsbauten in Bonn und Berlin. Verlagsanstalt Handwerk, Düsseldorf 2017, ISBN 978-3-86950-427-8, S. 145/146.

Die Materialien sind dem Zeitgeist entsprechend edel und schlicht. Fußböden und Terrassen sind in Travertin gefliest, die Decken mit brasilianischer Kiefer abgehängt. Die Ausstattung, die Ruf auch bei den Möbeln – zum Beispiel bei dem Entwurf von Lampen mit Leinengewebe, Pergament oder Japanrinde und Tischen aus Glas und Metall – maßgeblich gestaltete, wurde durch die verschiedenen Bewohner verändert und ergänzt.Paul Swiridoff: Der Bungalow. Wohn- und Empfangsgebäude für den Bundeskanzler in Bonn. Neske Verlag, Pfullingen 1967 (Text von Erich Steingräber)Sep Ruf Design. Website der Familie Ruf; abgerufen am 24. April 2017

Nutzungsgeschichte mini|Bundeskanzler Brandt empfängt Schauspieler im Kanzlerbungalow (1971) Der damals amtierende Bundesschatzminister Werner Dollinger übergab am 12. November 1964 den Schlüssel an Ludwig Erhard. In seiner Ansprache bekennt sich dieser zur Architektur des Gebäudes:

Die Einstellung der Bundeskanzler zum Gebäude war unterschiedlich. Bundeskanzler Adenauer wird folgender Ausspruch zugeschrieben:

Erste Bewohnerin des Kanzlerbungalows war die 20-jährige Beschließerin Elisabeth von Quistorp.Martina Meißner: Elisabeth Leutheusser-von Quistorp, Hausdame im Kanzlerbungalow auf WDR 5 Erlebte Geschichten vom 26. Oktober 2021. Während Auftraggeber Erhard den Bau lobte, bemängelte sein Nachfolger Kurt Georg Kiesinger fehlende Behaglichkeit. Er ließ durch die Innenarchitektin Herta-Maria Witzemann mittelalterliche Kunstwerke und Stilmöbel aufstellen. Willy Brandt blieb in seiner Außenminister-Dienstvilla (Kiefernweg 12) und nutzte den Bungalow nur für repräsentative Zwecke wie beispielsweise Empfänge und ließ dort nach einer Intervention des Bundespräsidenten Gustav Heinemann auch Staatsgäste – darunter als erste vom 27. bis 30. April 1971 das belgische Königspaar Baudoin und FabiolaJörg Diester: Geheimakte Kanzlerbungalow. Bunker unter Regierungsbauten in Bonn und Berlin. Verlagsanstalt Handwerk, Düsseldorf 2017, ISBN 978-3-86950-427-8, S. 111–118. – übernachten. Helmut Schmidt wohnte acht Jahre dort. Für die private Nutzung zahlten die Bundeskanzler jeweils Miete an den Bund.

Am längsten bewohnte Helmut Kohl den Kanzlerbungalow: beinahe 17 Jahre von 1982 bis zum 30. September 1999. Sein Amtsnachfolger Gerhard Schröder (Wahl zum Bundeskanzler am 27. Oktober 1998) zog auf Grund des nahenden Umzuges nach Berlin nicht in den Kanzlerbungalow ein und ließ weiterhin Helmut Kohl dort wohnen. Dieser bezeichnete den Bungalow als „absurdes Bauwerk – im Sinne einer Wohnung eines Bundeskanzlers“.Geheimnisvolle Orte – Kanzlerbungalow. WDR-Doku, gesendet in der ARD am 3. Februar 2014 Diese Kritik bezog sich auf den privat genutzten Teil, der sehr eng und wenig komfortabel ausfiel. Kohl änderte – wie mehr oder weniger alle auf Erhard folgenden Hausherren – die Räume nach seinem persönlichen Geschmack. Er ließ Seidenstoff über die Klinkerwände ziehen, einen Halogen-Sternenhimmel im Esszimmer installieren und dort einen großen Perserteppich auslegen. Schröder überließ Kohl bis zum Regierungsumzug den privaten Schlafteil des Bungalows und nutzte nur sporadisch den Repräsentationsteil.einestages.spiegel.deSüddeutsche Zeitung vom 16. April 2009

Derzeitige Nutzung Seit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin 1999 steht das Gebäude leer; im zum Gelände gehörenden Palais Schaumburg befindet sich seit 2001 der Zweitsitz des Bundeskanzleramts. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zog Ende 2005 in das in unmittelbarer Nachbarschaft liegende, frühere Bundeskanzleramt und dessen Erweiterungsbauten, jedoch nicht in den Kanzlerbungalow, da dieser sich nicht für die Nutzung durch das Ministerium eignete. 2003 wurde der Bungalow kurzzeitig für einige Sendungen des TV-Politmagazins Kanzlerbungalow des WDR genutzt.

In Berlin war eigentlich vorgesehen, im so genannten Kanzlergarten des neuen Kanzleramtes wiederum eine Kanzlerresidenz zu errichten. Dazu kam es aus Kostengründen nicht. Stattdessen gibt es dort nur eine kleine Wohnung im obersten Stock des Mittelbaus, die von Gerhard Schröder nur in der Woche benutzt wurde. Angela Merkel wohnte weiterhin in ihrer Privatwohnung in Berlin-Mitte.

Zwischen 2007 und 2009 sanierte und restaurierte die Wüstenrot Stiftung den Kanzlerbungalow.Georg Adlbert, Der Kanzlerbungalow. Erhaltung, Instandsetzung, Neunutzung, Stuttgart/Zürich 2009 Die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland richtete eine kleine Dauerausstellung ein und bietet Gruppenführungen an. Darüber hinaus wird das Gebäude für Veranstaltungen, wie Lesungen und Konzerte, genutzt.Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Wüstenrot-Stiftung (Hrsg.): Kanzlerbungalow, München / Berlin / London / New York NY 2009

Beitrag auf der Biennale in Venedig 2014 war der Kanzlerbungalow zentraler Teil des deutschen Beitrags der 14. Architekturbiennale in Venedig. Er wurde von dem Schweizer Architektenduo Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis als einziger Beitrag 1:1 in den deutschen Pavillon eingebaut.bungalowgermania.de Als zentrales Möbelstück des Ausstellungsbeitrags diente das von Ruf entworfene, sogenannte Kanzlersofa, das mittlerweile in Kleinstserie wieder hergestellt wird.Thomas Kliemann: Das Wohnzimmer der Republik. In: General-Anzeiger, 6. Juni 2014, abgerufen am 24. April 2017Frank Kaltenbach: Mehrdeutiger Hybrid: Bungalow Germania auf der Biennale in Venedig, in Detail vom 5. Juni 2014, abgerufen am 24. April 2017Claudia Bousset: vom 11. August 2015, abgerufen am 24. April 2017 Website des Herstellers; abgerufen am 24. April 2017Lokalzeit: vom 11. Juni 2014, abgerufen am 24. April 2017

Rezeption

Literatur Sep Ruf. Kanzlerbungalow, Bonn, Texte: Andreas Schätzke/Joaquín Medina Warmburg, Edition Axel Menges, Stuttgart/London 2009, ISBN 978-3-932565-72-4. Georg Adlbert: Der Kanzlerbungalow. Erhaltung, Instandsetzung, Neunutzung, Krämer, Stuttgart 2010 (2. erw. Aufl.), ISBN 978-3-7828-1536-9. Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Wüstenrot Stiftung (Hrsg.): Kanzlerbungalow, Prestel, München/Berlin/London/New York, NY 2009, ISBN 978-3-7913-5027-1. Burkhard Körner: Der Kanzlerbungalow von Sep Ruf in Bonn. In: Bonner Geschichtsblätter. Jahrbuch des Bonner Heimat- und Geschichtsvereins. Band 49/50, Bonn 1999/2000 (2001), , S. 507–613. Jörg Diester: Geheimakte Kanzlerbungalow. Bunker unter Regierungsbauten in Bonn und Berlin. Verlagsanstalt Handwerk, Düsseldorf 2017, ISBN 978-3-86950-427-8. Andreas Denk, Ingeborg Flagge: Architekturführer Bonn. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-496-01150-5, S. 84. Florian Siebeck: Ballast der Republik, in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14. Dezember 2025, S. 30f.

Weblinks

Pressemitteilung zur Renovierung in Zusammenarbeit mit der Wüstenrotstiftung. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung Wo sich die Kanzler quälten. einestages (reich illustriert) Deutschlandfunk: Kanzlerbungalow museumsreif? Weitere Ausführungen und Bilder im Beitrag Die Leichtigkeit des Steins bei Monumente Online Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (mit Informationen zum Besuch) Eintrag beim Weg der Demokratie Goethe-Institut: Bungalow Germania Geheimnis Kanzlerbungalow aus der Reihe Geheimnisvolle Orte des WDR Fernsehen vom 30. Januar 2015 Historische Orte: Kanzlerbungalow (Onlineauftritt Haus der Geschichte)

Siehe auch Kanzler-Teehaus

Einzelnachweise

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