mini|hochkant=1.2|Uwe Johnsons Büste von Wieland Förster vor dem John-Brinckman-Gymnasium, Güstrow Uwe Klaus Dietrich Johnson (* 20. Juli 1934 in Cammin in Pommern; † vermutlich in der Nacht vom 23. Februar auf den 24. Februar 1984 in Sheerness, England) war ein deutscher Schriftsteller. Er gehörte der Gruppe 47 an. In seinem Hauptwerk, dem vierbändigen Roman Jahrestage, formulierte er dem Kritiker Joachim Kaiser zufolge die „tröstliche Utopie“, dass „auch die rücksichtsloseste Diktatur nicht die Seelen ihrer Opfer zu beherrschen“ vermöge.Joachim Kaiser: Erlebte Literatur. Piper, München 1988, ISBN 3-492-03048-3, S. 337: „Ein allerletztes: Johnson kann auch wunderbar zart schreiben. Er weiß, was Innigkeit, was Landschaft ist – und wie schnell alles zerredet werden, zu Tode formuliert werden kann. Wenn er gar von seinen geliebten Tieren, von Katzen etwas zu erzählen hat, vom Erschießen eines gutartigen, vertrauensvollen Pferdes – dann herrscht er so vollkommen, so ohne Rest über die Seele seines Lesers und Opfers, wie, dies die tröstliche Utopie der »Jahrestage«, auch die rücksichtsloseste Diktatur nicht die Seelen ihrer Opfer zu beherrschen vermag.“
Leben mini|Gedenktafel am Haus Niedstraße 14 in Berlin-Friedenau Uwe Johnson war der Sohn eines Diplom-Landwirts, der als Gutsverwalter tätig war und später Molkerei-Prüfungsbeamter beim Reichsnährstand wurde. Die Familie wohnte in Anklam, der Geburtsort Cammin in Pommern erklärt sich aus der dortigen Geburtsklinik. Johnson besuchte die 1. bis 4. Klasse der Cothenius-Schule in Anklam und kam dann „auf Grund einer allgemeinen Auswahl“ auf die Deutsche Heimschule in Kosten bei Posen, bis zu deren Auflösung im Januar 1945. Ende April 1945, als Anklam gegen die Rote Armee verteidigt werden sollte, wich die Familie bis 1946 zu Verwandten in Recknitz bei Güstrow aus. Die Sowjets verhafteten Johnsons Vater, hielten ihn im sowjetischen Speziallager Fünfeichen gefangen und deportierten ihn schließlich in die Sowjetunion, wo er 1947 starb. Die Mutter zog mit Uwe und seiner fünf Jahre jüngeren Schwester Elke nach Güstrow. Dort legte Johnson 1952 die Reifeprüfung an der John-Brinckman-Oberschule ab.Uwe Johnson: Darstellung meiner Entwicklung. Güstrow, 23.III.1952. Johnson-Jahrbuch, Band 4/1997, S. 11 ff.; uwe-johnson-gesellschaft.de (PDF). In Güstrow war er von 1947 bis 1949 Mitglied des evangelischen Jugendkreises um Gerhard Bosinski, aus dem sich später die Junge Gemeinde entwickelte.Rainer Paasch-Beeck: Konfirmation in Güstrow. Johnson-Jahrbuch 5, 1998. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-20904-5; S. 55 books.google.de
Von 1952 bis 1956 studierte Uwe Johnson Germanistik in RostockSiehe dazu den Eintrag der Immatrikulation von Uwe Johnson im Rostocker Matrikelportal und Leipzig mit dem offiziellen Ziel, Verlagslektor zu werden. Im Mai 1953 kam es zwischen Johnson und der FDJ- bzw. SED-Leitung der Universität Rostock zu heftigen Auseinandersetzungen, da sich Johnson auf einer sogenannten „Protestversammlung“ der Philosophischen Fakultät öffentlich für die Junge Gemeinde und für die in der Verfassung der DDR garantierten Rechte auf Meinungs- und Religionsfreiheit einsetzte. Zudem prangerte er die Praktiken des Ministeriums für Staatssicherheit an den Oberschulen an. Man relegierte Johnson zunächst, ließ ihn dann aber nach dem Aufstand des 17. Juni 1953 wieder zum Studium zu. Im Herbst 1954 wechselte Johnson an die Universität Leipzig, weil er bei Theodor Frings und Hans Mayer studieren wollte. 1956 schloss Johnson sein Studium als Diplom-Germanist mit einer Abschlussarbeit über Ernst Barlachs Romanfragment Der gestohlene Mond ab. Das einzige erhaltene Exemplar dieser Abschlussarbeit galt jahrzehntelang als verschollen, bis man es im Sommer 2024 entdeckte und im Rostocker Uwe-Johnson-Archiv erstmals wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung stellte.
Nach Abschluss des Studiums war Uwe Johnson arbeitslos und ohne Einkommen. Er hatte während des Studiums sein erstes Buch Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953 fertig geschrieben, das aber keinen Verlag fand, und leistete nun unter anderem Honorararbeiten für die Akademie der Wissenschaften zu Berlin und für den Reclam-Verlag. In diesem Zusammenhang beteiligte der Nachwortschreiber und offizielle Urheber, der Sprachwissenschaftler Manfred Bierwisch, Johnson unter der Hand an der Übersetzung des Nibelungenlieds und den damit verbundenen Einnahmen.
Nach der Flucht seiner Mutter 1956 nach West-Berlin blieb Johnson zunächst in der DDR, zog aber 1959 nach West-Berlin – im selben Jahr, in dem sein Debütroman Mutmassungen über Jakob im Suhrkamp Verlag erschien. Ingrid Babendererde hatte der Suhrkamp Verlag 1957 abgelehnt und veröffentlichte es erst 1985 aus dem Nachlass.Vgl. Heinz Ludwig Arnold: Die Unvollendeten. Literarische Porträts. Wallstein Verlag, Göttingen 2005, S. 247. Arnold beschreibt hier auch ein Treffen Johnsons mit Peter Suhrkamp in Berlin, bei dem ihn „der alte Herr“ sogleich angehalten habe, „mitzuarbeiten an der Ablehnung seiner eigenen Arbeit“. Tatsächlich war Suhrkamp selbst für die Annahme des Manuskriptes gewesen – der junge Siegfried Unseld aber „wünschte, das würde kein Buch in Peter Suhrkamps Verlag“.
Im Oktober 1959 lernte Uwe Johnson bei einer Tagung der Gruppe 47 auf Schloss Elmau die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann kennen, für die er zu einem wichtigen Gesprächspartner wurde.
1962 hielt sich Johnson dank eines Villa-Massimo-Stipendiums in Rom auf. Noch im selben Jahr heiratete er seine nach dem Mauerbau aus der DDR geflüchtete Freundin Elisabeth Schmidt, die wenig später eine gemeinsame Tochter zur Welt brachte.Jost Nolte: Eine andere Moral als die anderer Leute. In: Die Welt, 9. Dezember 1996. Von 1964 bis 1983 unterhielt er einen freundschaftlichen, aber nicht reibungslosen Briefwechsel mit dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Von 1966 bis 1968 lebte Johnson mit seiner Familie in New Yorks Upper Westside von Manhattan. Seine Adresse – Apartment 204, 243 Riverside Drive, New York, N.Y. 10025 – entspricht derjenigen von Gesine Cresspahl, der Protagonistin seines Hauptwerks Jahrestage: „eine in der Architektur fast europäische Strasse an der Westküste von Manhattan, mit Blick auf Parkbäume, Wiesen, Bodenschwünge und dahinter den Fluss Hudson so breit wie ein Binnensee in Mecklenburg“.Uwe Johnson: Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1980, S. 410, 411. Das erste Jahr über arbeitete er auf Vermittlung der Verlegerin Helen Wolff als Schulbuchlektor beim Verlag Harcourt, Brace & World. In dieser Zeit stellte er ein deutschsprachiges Lesebuch für die High School zusammen, das 1967 unter dem Titel Das neue Fenster erschien. Das zweite Jahr in Manhattan finanzierte ihm ein Stipendium der Rockefeller Foundation. In dieser Zeit arbeitete er an seinem Jahrestage-Roman und hatte hierzu ab 1968 autobiographische Gespräche mit Margret Boveri. Von 1967 bis zu ihrem Tod 1975 verband ihn eine freundschaftliche Beziehung mit der politischen Theoretikerin und Philosophin Hannah Arendt. Die Romanfigur „Gräfin Seydlitz“ trägt Züge Arendts. Arendt war mit dieser Namensgebung nicht einverstanden, da ihre jüdische Identität nicht deutlich werde.Arendt an Johnson, 6. Juli 1970
Am 19. Februar 1967 zogen Mitglieder der zum Jahresanfang gegründeten Kommune I in seine West-Berliner Atelier- und Arbeitswohnung ein, die er neben seiner eigentlichen Wohnung in der Stierstraße 3 unterhielt und während seines Auslandsaufenthaltes an Ulrich Enzensberger untervermietet hatte. Er erfuhr davon erst aus der Zeitung. In der Wohnung wurde das „Pudding-Attentat“ auf US-Vizepräsident Hubert H. Humphrey geplant. Es flog auf, führte aber zu ausführlicher Medienberichterstattung. Auf Bitte Johnsons, der zu der Zeit nicht in Deutschland weilte, ließ sein Nachbar und Freund Günter Grass die Wohnung von der Polizei räumen.
mini|Marine Parade in Sheerness on Sea. In einem der weißen Häuser (Nr. 26) auf der linken Straßenseite im Hintergrund lebte Johnson von 1974 bis zu seinem Tod 1984. Ab 1969 war Johnson Mitglied des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und der Akademie der Künste in West-Berlin, deren Vizepräsident er 1972 wurde. 1970 erschien Band 1 der Jahrestage, das Hauptwerk Johnsons, an dem er bis ein Jahr vor seinem Tod arbeitete. In den darauffolgenden Jahren erschienen Band 2 (1971) und Band 3 (1973); Band 4 kündigte Johnson für das folgende Jahr an, konnte ihn nach einer schweren privaten und kreativen Krise aber erst zehn Jahre später, 1983, veröffentlichen. 1971 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Johnson lebte ab 1974 in Sheerness on Sea auf der Insel Sheppey an der Themse-Mündung in Kent, England. 1977 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 1978 trennte sich Elisabeth Johnson von ihrem Ehemann, der ihre frühe Liebesbeziehung mit dem Prager Mozart-Forscher Tomislav Volek, die sie im Rahmen eines Briefwechsels noch zu Anfang der Ehe unterhalten hatte, nicht verwinden konnte. Zudem war Johnson (irrtümlich) davon überzeugt, dass es sich bei dem Prager Liebhaber seiner Ehefrau um einen Geheimagenten der tschechischen oder DDR-Staatssicherheit handeln müsse. 1979 war Johnson der Dozent im Rahmen der Frankfurter Poetik-Vorlesungen; der Text seiner Vorlesung wurde 1980 unter dem Titel Begleitumstände veröffentlicht.
Aus Solidarität mit Franz Xaver Kroetz schloss sich Johnson 1983 dessen Austritt aus dem Verband deutscher Schriftsteller an. Nachdem Siegfried Unseld ihn Anfang Dezember 1982 daran erinnert hatte, dass durch die monatlichen Vorschusszahlungen des Verlages à 3000 Mark über die Jahre nun ein „Soll-Saldo“ von „DM 230 094,89“ aufgelaufen sei, schloss er im März 1983 endlich das Manuskript von Band 4 der Jahrestage ab; die ersten drei Bände waren schon 1970, 1971 und 1973 erschienen. Im Februar 1984 starb Uwe Johnson, vermutlich bedingt durch Alkoholismus und Medikamentenmissbrauch, in Sheerness an Herzversagen; er wurde 49 Jahre alt. Da das Todesdatum nicht genau feststeht, geht man unterschiedlichen Quellen zufolge davon aus, dass man seine Leiche erst 19 Tage oder drei Wochen nach seinem Tod fand. Für einen Skandal sorgte seinerzeit der Journalist Tilman Jens, der nach Johnsons Auffindung in dessen Haus einbrach, um dort Fotos zu machen und zu recherchieren. Andrea Strunk: Eine Welt gegen die Welt halten. In: Der Freitag, 18. Februar 2005.
Uwe Johnson ist auf dem Friedhof „Sheppey Cemetery“Darstellung bei Openstreetmap.org in dem Dorf Halfway (Kent) – südlich von Sheerness – begraben.Brecht Haus erinnert an Uwe Johnson. Der Tagesspiegel, 2. August 2014; abgerufen am 17. April 2019.
Nachlass Nach Johnsons Tod kam es zu einem Rechtsstreit über die Erbfolge – einschließlich des literarischen Nachlasses – zwischen Witwe und Tochter einerseits und dem Suhrkampverleger Siegfried Unseld andererseits. Das Verfahren gewann Unseld.Ulrich Greiner: Suhrkamp Verlag: Um Uwe Johnson tobt seit Jahren ein erbitterter Rechtsstreit. In: Die Zeit, Nr. 50/1996. Jost Nolte: Eine andere Moral als die anderer Leute. In: Die Welt, 9. Dezember 1996.