mini|305px|Dampfschiff Unterwalden der SGV Die Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees AG (SGV) ist ein schweizerisches konzessioniertes Unternehmen, das Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee betreibt. Ihre Muttergesellschaft SGV Holding AG ist die grösste Binnenreederei der Schweiz und verfügt über einen eigenen Schiffbaubetrieb. Sitz der Aktiengesellschaft ist Luzern. Ihr Ursprung lässt sich auf das Jahr 1836 zurückführen, als die erste Dampfschiffgesellschaft des Vierwaldstättersees gegründet wurde. 1870 fusionierte diese Gesellschaft mit später gegründeten Konkurrenzgesellschaften zum heutigen Unternehmen. Während der Transitverkehr von Personen und Waren zum Gotthardpass ursprünglicher Anlass der Gründung einer Dampfschiffgesellschaft war, gewann der touristische Verkehr auf dem See in den folgenden Jahrzehnten immer stärker an Bedeutung und stellt seit Eröffnung der Gotthardbahn 1882 den ganz überwiegenden Anteil. Die SGV betreibt heute eine Flotte von fünf historischen Raddampfern und 14 Motorschiffen und ist in das Tarifsystem des öffentlichen Personenverkehrs in der Schweiz eingebunden.
2018 wurde das Unternehmen neu als SGV Holding AG mit den drei Tochtergesellschaften SGV Schiff AG (Schifffahrt), Shiptec AG (Werft) und Tavolago AG (Gastronomie) strukturiert. Die Werft ist die grösste der Schweiz. Die Holding übernahm die ursprüngliche Gesellschaft,Namen: 1836 bis 1870: Dampfschifffahrts-Gesellschaft für den Vierwaldstättersee 1870 bis 1885: Vereinigte Dampfschifffahrt-Gesellschaft auf dem Vierwaldstättersee 1885 bis 1916: Dampfschiff-Gesellschaft des Vierwaldstättersees (Schreibweise änderte zwischen 1910 und 1916) 1916 bis 1960: Dampfschiffgesellschaft des Vierwaldstättersees 1960 bis 2003: Schiffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) 2003 bis 2010: Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) 2010 bis 2018: Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees AG (SGV) und die Tochter SGV Schiff AG wurde in Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees AG (SGV) umbenannt.
Geschichte 19. Jahrhundert Seit dem Spätmittelalter bestand in Luzern und Flüelen ein Transportwesen mit mehreren Schifffahrtsgesellschaften. Zu diesen zunftmässig organisierten Gesellschaften gehörten in Luzern seit 1357 die noch heute bestehende St.-Niklausen-Schiffgesellschaft sowie weitere Gesellschaften in Flüelen und Brunnen, denen später Konkurrenz durch die Urner Urinauengesellschaft und die Luzerner Pfisternauengesellschaft erwuchs. Der Verkehr auf der Route zum Gotthardpass erfolgte zwischen Luzern und Flüelen über den See.
Bereits seit 1829 hatten die Kantone Basel und Tessin gegenüber den Kantonen Luzern und Uri darauf gedrängt, auf dem Vierwaldstättersee ein Dampfschiff in Betrieb zu nehmen, um den Gotthardverkehr zu erleichtern. Am 17. Dezember 1835 bewilligte der Grosse Rat des Kantons Luzern die Gründung einer Aktiengesellschaft behufs Errichtung eines Dampfschiffes auf dem Vierwaldstättersee. Am 1. Januar 1836 legten Kasimir Friedrich Knörr (1808–1882) und Joseph Martin Ronca (1781–1871) einen Zeichnungsprospekt für ihre Gesellschaft auf. Das erste Dampfschiff, die Stadt Luzern, wurde bei Escher Wyss in Zürich bestellt und am 29. Juli 1837 in Luzern vom Stapel gelassen. Die Eröffnungsfahrt fand am 24. September 1837 statt. Der Verkehr entwickelte sich gut, trotz anfänglichen Widerständen durch den Kanton Uri, der seine Schifffahrtsgesellschaften vor der Konkurrenz durch das Dampfschiff schützen wollte. So erliess die Urner Regierung im Oktober 1837 ein Verbot, dem Dampfschiff in Flüelen Kaufmannswaren mitzugeben, wodurch sich ein langwieriger Konflikt entspann. 1843 beschaffte die Gesellschaft mit der St. Gotthard ein zweites Schiff, das für eine tägliche Postverbindung über den Gotthard benötigt wurde. Seit 1842 hatte die Gotthardpost mit der Einführung zehnplätziger Fünfspännerwagen für die Beförderung von Postsendungen und Reisenden, die ab Flüelen den Anschluss über den Gotthard nach Chiasso herstellten, einen bedeutenden Aufschwung genommen.
Im November 1846 gründete der Urner Landammann Karl Emanuel Müller eine konkurrierende Postdampfschiffgesellschaft (P.D.G.). Dies war im Sinne der Regierungen von Luzern und der Urkantone, die mit der Gesellschaft von Knörr unzufrieden waren, der seine Schiffe 1845 (Zeit des Sonderbunds) für eidgenössische Truppen- und Munitionstransporte zur Verfügung gestellt hatte. Auch wollte die neue Gesellschaft die Post zu günstigeren Bedingungen transportieren. Die beiden Dampfschiffe für diese Gesellschaft wurden bei Ditchburn & Mare in London bestellt, da Escher Wyss sich vertraglich verpflichtet hatte, keine Schiffe an Konkurrenzunternehmen der Knörrschen Gesellschaft zu liefern. Es handelte sich um die Waldstätter (1847) und die Rigi (1848). Letztere ist als Ausstellungsstück im Verkehrshaus der Schweiz erhalten geblieben.
Die beiden Gesellschaften traten in einen erbitterten Konkurrenzkampf, auch dauerte der bereits früher bestehende Streit um die Transportrechte auf dem See zwischen den Uferkantonen an. Der Kanton Uri war nicht gewillt, die Freiheit der Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee anzuerkennen. Anton Räber schreibt in Die Schiffahrt auf dem Vierwaldstättersee (1962), dass «wahre Jagden nach Passagieren und Wettrennen zwischen den Schiffen» stattfanden. Der Transportrechtestreit wurde 1849 beigelegt, als der Bund ein Gesetz erliess, das den freien Verkehr auf dem See garantierte. Die Konkurrenz setzte sich anfänglich fort, indem sich die beiden Gesellschaften preislich zu unterbieten suchten, jedoch konnten sie sich im Juli 1849 auf gemeinsame Tarife mit gemeinsamem Fahrplan einigen.
Die Knörrsche Gesellschaft und die Postdampfschiffgesellschaft fusionierten mit Wirkung zum 1. Januar 1870 zur Vereinigten Dampfschifffahrt-Gesellschaft auf dem Vierwaldstättersee (VDGV), zur Stärkung ihrer Position gegenüber weiteren Gesellschaften, die inzwischen gegründet worden waren. Durch einen Vertrag vom 6. Juli 1870 fusionierte diese Gesellschaft schliesslich mit der erst 1869 gegründeten Dampfschiffgesellschaft Luzern, welche ihrerseits zuvor bereits mit der Dampfschiffgesellschaft des Küssnachtersees zusammengelegt worden war. Die Dampfschiffgesellschaft Luzern brachte unter anderem zwei grosse Raddampfer, die Schweiz (1870) (später Schwyz) und die Victoria (1870), in die VDGV ein. Dadurch war nun die gesamte Dampfschifffahrt des Vierwaldstättersees in einem Unternehmen vereinigt.
Kasimir Friedrich Knörr jedoch, obwohl immer noch im Verwaltungsrat der VDGV, gründete 1871 mit der Salondampfschiffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees eine neue Konkurrenzgesellschaft mit Sitz in Gersau. Er bestellte bei Escher Wyss die ersten Salondampfer der Schweiz, die Germania und die Italia. Schliesslich gelang es der VDGV jedoch, diese beiden Schiffe zu erwerben. Die neue Gesellschaft wurde aufgelöst, und Knörr verpflichtete sich, keine Dampfschiffgesellschaft auf dem Vierwaldstättersee mehr zu gründen.
Ab 1870 diente die Personenschifffahrt auf dem Vierwaldstättersee neben touristischen Zwecken und dem Lokalverkehr weiterhin den Transitreisenden über den Gotthard und dem Gepäcktransport, wobei der Tourismus im Gebiet des Vierwaldstättersees bereits die grössere Bedeutung hatte. Während der Bauzeit der Gotthardbahn bildeten der Materialtransport und der Arbeiterverkehr eine weitere Stütze der Schifffahrt. Im Lokalverkehr war besonders der Viehtransport von Bedeutung.
mini|Passagierzahlen VDGV / DGV 1870–1914
Nachdem die Gotthardbahn 1882 eröffnet worden war, konzentrierte sich die Schifffahrt hauptsächlich auf den touristischen Saisonverkehr in den Sommermonaten. Durch den entfallenen Transitverkehr gingen die Passagierzahlen anfänglich zurück (von 832'064 Personen im Jahr 1881 auf 748'825 im Jahr 1882), um erst 1888 mit 859'139 – Die Angabe 959'139 in Hofer, S. 49 ist ein Druckfehler, wie auch aus anderen Tabellen bei Hofer hervorgeht. beförderten Personen die Zahl von 1881 zu übertreffen und schliesslich 1894 erstmals mehr als eine Million zu erreichen. Dies geschah infolge des zunehmenden Ausbaus der Eisenbahnlinien um den Vierwaldstättersee und der Eröffnung touristischer Bergbahnen wie der Bürgenstock-Bahn (1888) und der Pilatusbahn (1889). Für diese Bahnen dienten die Schiffe der VDGV als Zubringer. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs stieg die Zahl der beförderten Passagiere meist stetig an, mit nur wenigen leichten Rückgängen in einzelnen Jahren. 1913 verfügte die Gesellschaft, die seit dem Jahr 1885 Dampfschiff-Gesellschaft des Vierwaldstättersees (DGV) hiess, über 13 Salondampfer, je vier Halbsalondampfer und Glattdeckdampfer sowie sechs Motorboote. Von 1891 bis 1920 betrieb die DGV zudem einen Trajektverkehr mit den als Schraubendampfern konstruierten Eisenbahnfährschiffen DGV 1 und DGV 2.
20. und 21. Jahrhundert Mit dem Kriegsausbruch 1914 blieben die Touristen aus. Nur etwa 20 % der touristischen Passagiere in der Vorkriegszeit kamen aus der Schweiz; genauere Angaben zu den Nationalitäten der Reisenden sind den Statistiken dieser Zeit nicht zu entnehmen. Der Fahrplan musste stark reduziert werden; und es folgte eine Periode der Betriebsdefizite, die bis 1920 währte. Ab 1921, nach einer Sanierungsaktion, konnte das Unternehmen wieder Betriebsüberschüsse vorweisen und den Fahrplan Jahr für Jahr ausbauen. Die Attraktivität der Angebote wurde unter anderem durch billigere Gruppentarife und Ermässigungen für die Früh- und Mittagsschiffe an Sonn- und Feiertagen erhöht.
mini|Die 2011 abgewrackte Pilatus von 1966 und die 2021 abgewrackte Mythen von 1931 in Luzern (Foto 2011)
1931 baute die DGV mit dem Motorschiff Mythen erstmals ein Schiff in ihrer eigenen Werft. Es handelt sich dabei um das erste Schiff der Welt mit Leichtmetallaufbauten. In der Werft der DGV, der späteren SGV, wurden seither bis 2009 neun weitere Motorschiffe gebaut, vier von anderen Werften vorgefertigte Schiffe fertiggestellt und die fünf Schaufelraddampfer restauriert. Seit Ende 2008 tritt die Werft unter dem Namen Shiptec Lucerne auf.
Auch der Zweite Weltkrieg brachte einen Rückgang der Passagierzahlen, wenn auch weniger drastisch als während des Ersten Weltkriegs. Wurden 1938 noch 2,1 Mio. Passagiere befördert, waren es 1944 noch 1,9 Mio. Die Passagierzahlen entwickelten sich in der Folge erneut positiv, wobei sie nach einem Maximum von 2,7 Mio. Passagieren im Jahre 1962 durch die Eröffnung der durchgehenden Luzern-Stans-Engelberg-Bahn am 19. Dezember 1964 wieder etwas zurückgingen. Bahnreisende nach Engelberg müssen seitdem zwischen Luzern und Stansstad nicht mehr das Schiff benutzen.
1960 wurde das Unternehmen in «Schiffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees» (SGV) umbenannt. Diese Umbenennung stand im Zeichen einer Abkehr von den Dampfschiffen, die nach und nach durch Dieselmotorschiffe ersetzt werden sollten. Gemäss der Festschrift der SGV zu ihrem hundertjährigen Bestehen 1970 sollten nach Abschluss ihrer Flottenerneuerung von den damals noch sechs Dampfern nur das Flaggschiff Stadt Luzern von 1928 und die Gallia von 1913 «als Zeugen vergangener Dampfschiff-Romantik auch künftigen Generationen erhalten bleiben». Als jedoch 1970 der Raddampfer Wilhelm Tell, der heute als ortsfestes Restaurant in Luzern dient, ausser Dienst gestellt wurde, setzte ein öffentlicher Druck für die Erhaltung der Dampfer ein. Dieser verstärkte sich, als Mitte der 1970er Jahre auch die Unterwalden durch ein Motorschiff ersetzt werden sollte. 1972 wurde die Vereinigung Dampferfreunde Vierwaldstättersee gegründet, die sich seither erfolgreich für die Vierwaldstätterseedampfer einsetzt. Mit ihrer finanziellen Unterstützung konnten alle fünf verbleibenden Raddampfer restauriert werden. Die Dampfer stehen im planmässigen Kurseinsatz.