mini|Johann Erdmann Hummel: Die Schachpartie, 1818–1819

Über die Entstehung und frühe Geschichte des Schachspiels bestehen unterschiedliche Auffassungen.Manfred van Fondern: Lexikon für Schachfreunde. Verlag C. J. Bucher, Luzern/Frankfurt am Main 1980, S. 119–121. Vor allem Indien, aber auch Persien und bisweilen China werden als Ursprungsländer genannt. Der Zeitraum der vermuteten Entstehung schwankt zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert. Um die Erfindung des Spiels ranken sich zahlreiche Legenden, deren berühmteste die Weizenkornlegende ist. Seit dem 6. Jahrhundert ist das Schachspiel in Persien belegt. Es verbreitete sich im 7. Jahrhundert im Zuge der islamischen Expansion im Nahen Osten und in Nordafrika. Über das maurische Spanien, Italien und das byzantinische Reich gelangte das Spiel zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert ins abendländische Europa, wo es im Hochmittelalter einerseits zu den sieben ritterlichen Tugenden gehörte, andererseits kirchliche Missbilligung erfuhr.

Im 15. Jahrhundert veränderten sich die Spielregeln einschneidend, so dass seither vom modernen Schach, wie es heute gespielt wird, gesprochen werden kann. Spanien (16. Jahrhundert), Italien (spätes 16. und 17. Jahrhundert), Frankreich (spätes 18. und frühes 19. Jahrhundert), England (Mitte 19. Jahrhundert), Deutschland und Österreich-Ungarn (spätes 19. und frühes 20. Jahrhundert) und die Sowjetunion bzw. Russland (Mitte 20. Jahrhundert bis heute) lösten sich in der Folge als führende europäische Schachnationen ab. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu regelmäßigen Schachturnieren. 1886 kam es zur Austragung der ersten offiziellen Weltmeisterschaft mit dem Sieger Wilhelm Steinitz. Am 20. Juli 1924 wurde der Weltschachbund FIDE gegründet. Ende des 20. Jahrhunderts begann die Entwicklung spielstarker Schachprogramme, welche etwa seit der Jahrtausendwende das Niveau der weltbesten Spieler übertreffen.

Ursprung des Schachspiels Es ist unwahrscheinlich, dass das Schachspiel von einer einzigen Person, zu einem bestimmten Zeitpunkt erfunden worden ist. Dafür ist es nicht nur zu komplex, sondern es enthält auch zu viele Elemente aus verschiedenen Kulturen, Sprachen und Zeiten.

Es gibt mehrere Theorien, das Schachspiel auf ältere Vorgängerspiele zurückzuführen, wie das indische, mit Würfeln gespielte Rennspiel Ashtapada, das mit dem Schach verwandte chinesische Xiangqi oder das etwa 3000 Jahre alten Urspiel Liubo. Bei dieser Vorgehensweise stellt sich die Schwierigkeit der Definition der Geburtsstunde des Schachs, denn diese frühen Vorläufer unterscheiden sich hinsichtlich Regeln, Taktik und Charakter so stark vom Schach, dass man nur schwerlich vom gleichen Spiel sprechen kann. Die Quellen sind außerdem spärlich und nicht zweifelsfrei mit dem Schachspiel in Verbindung zu bringen.

Es ranken sich mehrere Legenden um die Erfindung des Schachspiels. Die meisten entstammen dem persischen und arabischen Kulturkreis. Eine reiche Quelle für Schachlegenden ist der persische Dichter Firdausi (940–1020). Die berühmteste Legende ist die Weizenkornlegende, die als Hommage an das Schachspiel, als anschauliches mathematisches Lehrbeispiel oder als sozialkritische Parabel verstanden werden kann.

Formierung des Chaturanga und Chatrang im 6. Jahrhundert Die klassische Schachforschung geht davon aus, dass das Schachspiel in Indien entstanden sei und sich allmählich aus dem mit Würfeln auf einem 8×8-Brett gespielten Rennspiel Ashtapada, über ein mögliches Protoschach zum anfänglich zu viert und später zu zweit gespielten Chaturanga entwickelte. Das Chaturanga gelangte ins Perserreich und wurde phonetisch zu Chatrang angepasst („ch“ = //). Diese Ansicht geht im Wesentlichen auf zwei Schachforscher des 19. Jahrhunderts, Antonius van der Linde und Tassilo von Heydebrand und der Lasa zurück und kulminierte 1913 im umfassenden Werk A history of Chess des Engländers H. J. R. Murray. In den letzten Jahren tauchte die Gegenthese auf, das Ursprungsland sei China gewesen und unser Schachspiel ein Abkömmling (und nicht umgekehrt) des chinesischen Schachs Xiangqi. Diese von David H. Li vertretene Ansicht wird jedoch als im Kern substanzlos abgelehnt.Peter Banaschak: A story well told is not necessarily true – being a critical assessment of David H. Li’s „The Genealogy of Chess“. mini|Mongolisches Shatar In der frühen Entwicklungsphase existierten diverse Varianten des Spiels, die mit unterschiedlichen Spielfiguren und sowohl auf 8×8- wie 10×10-Brettern gespielt wurden. Als Beispiel sei nur das Shatranj al-Kamil (Schatrandsch al-Kamil) genannt. Es scheint, als ob das gleiche Spiel sowohl auf kleineren wie größeren Brettern gespielt werden konnte und bei Bedarf neue Figuren hinzugefügt wurden. Die gleichen Bretter fanden auch für andere Spiele Verwendung.John Ayer: . Spuren dieser Vielfalt finden sich in den vielen Schachvarianten, die heute noch existieren, so das Xiangqi in China, das Janggi in Korea, das Shōgi in Japan, das Shatar und Hiashatar in der Mongolei, das Chandraki in Tibet, das Makruk in Thailand, das Ouk Chatrang in Kambodscha oder das Sittuyin in Burma. Mit der Zeit scheint sich dann das 8×8-Brett durchgesetzt zu haben. Einige Relikte der zusätzlichen Figuren des 10×10-Brettes könnten im Pfad des Xiangqi bei der Spielfigur der Kanone erhalten geblieben sein.

Beim Prozess der Formierung des Chaturanga oder des Chatrang ist das Szenario einer Verschmelzung verschiedener Elemente am wahrscheinlichsten. Alte Rennspiele, deren Überreste in der Gangart der Bauern erhalten geblieben sind, wurden mit Spielen mit hüpfenden Figuren, deren Gangart im Einzelnen durchaus älteren und komplett verschiedenen Spielen entlehnt sein kann, kombiniert und auf bereits vorhandene 8×8- und 10×10-Spielbretter übertragen, wobei sich das 8×8-Brett durchsetzte. Diese Entwicklung war im 6., spätestens aber im 7. Jahrhundert abgeschlossen und fand im weitesten Sinne in Zentralasien statt, im kulturellen und wirtschaftlichen Einflussbereich Indiens, Persiens und West-Chinas und über das Verkehrs- und Handelsnetz der Seidenstraße. Die verschiedenen Elemente des Schachspiels offenbaren sich in der Art des Brettes, der Gangart der Figuren, dem militärischen Charakter des Spieles und der Etymologie.Horst Remus:

Die älteste schriftliche Erwähnung von Chaturanga in Sanskrit findet sich in der Harshacharita, geschrieben vom indischen Hofpoeten Bana um 625–640. Es ist die offizielle Geschichte König Shrî Harshas von Kanauj, der über ein mächtiges Königreich im Gangestal herrschte und dafür bekannt war, zum Buddhismus konvertiert zu sein. Bana beschreibt den Frieden, der dadurch im ganzen Lande einkehrte: „Unter diesem Herrscher stritten nur die Bienen, um den Honigtau zu sammeln; die einzigen Füße, die abgeschnitten wurden, waren die der Maße, und nur von Ashtâpada konnte man lernen, Chaturanga herzuleiten, es gab keine Vierteilung der verurteilten Kriminellen ...“. Der Text ist voll von Wortspielen und Zweideutigkeiten und ist deshalb schwierig zu interpretieren. Mit Ashtapada wird üblicherweise das 8×8-Spielbrett angenommen. Chaturanga könnte hier sowohl auf die Armee wie auch auf das Spiel bezogen sein. Andere sind der Meinung, in dieser Passage werde der Vorläufer des Schachspiels genannt.Jean-Louis Cazaux’ Homepage: history.chess.free.fr.

Die ältesten Schachfiguren, die eindeutig als solche einzuschätzen sind, stammen aus Zentralasien, genauer aus der Gegend um Samarkand, einem wichtigen Knotenpunkt der Seidenstraße; die Funde wurden in Afrasiab (um 761), Fergana und Nishapur (9.–10. Jahrhundert) gemacht.Ricardo Calvo: Some Facts to Think About., Madrid 1996.

Etymologie Chaturanga: Das indische Wort Chaturanga bedeutet "vier Elemente" oder "vier Teile". Mit diesem Begriff wurde die indische Armee bezeichnet, welche aus den vier Elementen Infanterie (Sainik: Soldat), Kavallerie (Ashwa: Pferd), Streitwagen (Rath) und Elefanten (Haathi) zusammengesetzt war. Diese Form der Armee war etwa vom 4. vorchristlichen bis zum 7. nachchristlichen Jahrhundert üblich, was in etwa den zeitlichen Rahmen für die Entstehung eines Spiels abgrenzt, das ein Abbild dieser Armee sein will. Die Erwähnung von "Chaturanga" in alten indischen Texten bezieht sich vermutlich eher auf die Armee als auf das nach ihr benannte Spiel.G. Ferlito, A. Sanvito: Protochess, 400 B.C. to 400 A.D. In: The Pergamon Chess Monthly. 55, 1990, Nr. 6. Chatrang: Vom persischen Wort Chatrang wird üblicherweise angenommen, es sei vom indischen Chaturanga abgeleitet. Dies muss, trotz der Ähnlichkeit, nicht unbedingt so sein, denn Chatrang bezeichnet (früher wie heute) die Alraune, eine Pflanze mit einer Wurzel, die einer menschlichen Figur ähnelt – eine denkbare Bezeichnung also für ein mit Figuren gespieltes Spiel, die unabhängig hätte entstehen und auf das Spiel übertragen werden können. Schatrandsch: Als die Araber im 7. Jahrhundert das persische Reich eroberten, lernten sie auch das Chatrang kennen und passten den Namen ihrer Sprache an, da die Laute 'ch' (=//) und 'g' im Arabischen nicht existieren. Aus Chatrang wurde Schatrandsch (engl.: Shatranj). * Schach / Schah / Radscha: Der deutsche Name Schach ist vom persischen Wort Schah (König) abgeleitet und hat, trotz seiner klanglichen Ähnlichkeit, mit Chaturanga, Chatrang oder Shatranj nichts zu tun. Im Chaturanga hieß die Figur ebenfalls König: Radscha, was einfach ins Persische übersetzt wurde. Xiangqi: Xiangqi () ist die Bezeichnung des chinesischen Schachs. Die Übersetzung birgt einige Schwierigkeiten, so dass letztlich nicht mit absoluter Sicherheit gesagt werden kann, worauf sich die Zeichenkombination in historischen Texten bezieht. Die Bedeutung der chinesischen Zeichen änderte sich oft regional und im Laufe der Zeit und kann meist nur durch genaue Kenntnis des Textverfassers eruiert werden. Das Wort Xiang () bedeutet sowohl Elefant, Porträt, Phänomen, Elfenbein, Sternenanordnung, Omen, Handeln, Spielen wie auch offizieller Interpret. Qi () steht für Schachfiguren, Schach, aber auch für ähnliche Spiele. Meist ist mit Qi das gesamte Spiel an sich gemeint. Xiangqi als Ganzes wird üblicherweise mit Elefanten-Spiel, Elfenbein-Spiel oder Symbol-Schach übersetzt.Peter Banaschak: Facts on the origin of Chinese Chess (Xiangqi 象棋) (PDF; 225 kB). Münster 1997. Sam Sloan, ein Verfechter der chinesischen Herkunft des Schachspiels, ist der Meinung, der Begriff habe Ähnlichkeit mit Chatrang und sei dessen etymologische Wurzel.Sam Sloan: . Fers / Firzan / Farzin: Fers ist das persische Wort für General und ersetzte den im Chaturanga üblichen indischen Minister. Die Araber passten den Begriff ihrem Lautsystem an, wodurch Fers zu Firsan oder Farsin wurde. Pil / Fil / al-Fil: Die Perser nannten den Elefanten im Schach Pil, was weder indisch noch persisch ist. Im Arabischen wurde Pil zu Fil und, zusammen mit dem Artikel, zu al-Fil. Ruch: Ruch war die Bezeichnung der Figur des Streitwagens, des heutigen Turms. Die Etymologie ist unklar und der Wortstamm möglicherweise nicht persisch. Ruch/Roch war aber im Altpersischen der Name für den mythischen Vogel Sên-Murv, Simurgh im Neupersischen. Der übermächtige Vogel, wie er auch in der Sindbad-Sage vorkommt, war in der Lage, einen Elefanten oder ein Kamel wegzutragen, was zu der mächtigen Gangart des Turms im Schach passen würde.Shapour Suren-Pahlav: CHESS; Iranian or Indian Invention? 1998. Gelegentlich wird Ruch auch mit ‚Held‘ übersetzt. Das Wort lebt in der Rochade und der englischen Bezeichnung rook für den Turm fort.

In der folgenden Tabelle sind die Namen der Figuren dargestellt, wie sie vom Indischen über das Persische und Arabische nach Europa gelangt sind: