Niederweidbach (mundartlich Nirrerwoaboch, im Ortsdialekt Nirrerwabach) ist der zweitgrößte Ortsteil der Gemeinde Bischoffen im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis. Hier befindet sich auch der Sitz der Gemeindeverwaltung.
Geographie mini|links|Blick auf Niederweidbach über den Aartalsee mini|Niederweidbach mit dem östlichen Bereich der Aartalsperre mini|Niederweidbach mit Marienkirche
Zwischen den Dörfern Bischoffen, Oberweidbach, Roßbach, Mudersbach und Ahrdt gelegen befindet sich Niederweidbach direkt am Aartalsee und dem Teilstück der Bundesstraße 255 zwischen Herborn und Gladenbach. Der Ort ist vor allem wegen der im Hochmittelalter strategisch günstig gelegenen Position an der jüngeren Köln-Leipziger Handelsstraße im Aar-Tal entstanden.
Geschichte Ortsgeschichte Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung von Niederweidbach unter dem Namen Weidenbach findet sich im Codex Eberhardi und wird dem Zeitraum zwischen 780 und 802 zugeordnet, der Amtszeit des Bischofs Baugulf in Fulda. In Niederweidbach gilt das Jahr 802 als Ersterwähnung, daher fand 2002 die 1200-Jahr-Feier gemeinsam mit Oberweidbach statt. Die Übersetzung dieser Urkunde lautet:
„Berenwic übergab dem heiligen Bonifatius seine Güter im Dorfe Weidenbach, was er dort an Eigentum hatte, an Äckern, Wiesen, Weiden, Waldungen, Häusern, Hörigen und deren Nachkommenschaft.“
In den folgenden Jahrhunderten ist in Urkunden immer wieder von Wedebach, Weydbach oder als Namensbezeichnung Konrad Weydebechere oder Krug von Weidbach die Rede. Erst in den Jahren zwischen 1333 und 1339 findet eine Differenzierung zu dem benachbarten Oberweidbach statt: 1333 kauft Graf Johann von Solms von dem Ritter Margolf von Günse ein Gut zu Niederweidbach an Höfen und Äckern. Im Jahr 1339 werden dem Grafen von Solms Hörige in Oberweidbach übereignet. 1075 werden die Grafen von Gleiberg das erste Mal erwähnt, Niederweidbach gehörte zu ihrem Gebiet. 1168 sollen die Grafen von Solms das Gebiet von den Grafen von Gleiberg geerbt haben. 1255 teilen die Grafen von Solms ihr Land, Niederweidbach kommt zu Solms-Königsberg. 1257 schließen die Grafen von Solms-Königsberg erstmals einen Freundschaftsvertrag mit dem hessischen Landgrafen. Es folgte ein langer Kampf der Linien der Grafen von Solms. Seit 1350 oder 1357 wird Solms-Königsberg gemeinsam von den Grafen von Solms und dem hessischen Landgrafen regiert. 1533 wird Niederweidbach lutherisch, 1567 kommt es zu Hessen-Marburg, 1604 zu Hessen-Kassel, 1629 zu Hessen-Darmstadt, 1866 wird es preußisch.
Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1830 über Niederweidbach:
Niederweidbach besaß eine eigene Jüdische Gemeinde. Im Ort befand sich ab 1842 auch eine Synagoge, welche für 29 Männer und 14 Frauen ausgelegt war. In der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 wurde das Interior verwüstet. Aufgrund von Baufälligkeit ist die alte Synagoge von Niederweidbach vermutlich dann 1949 abgerissen worden. Oberhalb der Ortslage von Niederweidbach befindet sich der Friedhof der Jüdischen Gemeinde.
Hessische Gebietsreform (1970–1977) Im Rahmen der Gebietsreform in Hessen wurden zum 1. Juli 1974 die Gemeinden Bischoffen, Niederweidbach, Oberweidbach und Wilsbach kraft Landesgesetz zur neuen Großgemeinde Bischoffen zusammengeschlossen. Bereits am 1. April 1972 wurde die Gemeinde Roßbach in die Gemeinde Niederweidbach eingegliedert.Gerstenmeier, K.-H. (1977): Hessen. Gemeinden und Landkreise nach der Gebietsreform. Eine Dokumentation. Melsungen. S. 283 Auf Grund ihrer geographischen Lage und wirtschaftlichen Orientierung wurde die Gemeinde Bischoffen ebenfalls zum 1. Juli 1974 dem Landkreis Wetzlar zugeordnet und ging mit diesem am 1. Januar 1977 in den Lahn-Dill-Kreis über. Für alle ehemals eigenständigen Gemeinden wurden Ortsbezirke errichtet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Niederweidbach angehört(e):
vor 1357: Heiliges Römisches Reich, Grafen von Solms ab 1357: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen und Hohensolms gemeinschaftlich, Amt Königsberg ab 1567: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Marburg und Hohensolms gemeinschaftlich, Amt KönigsbergDie Zugehörigkeit des Amtes Königsberg anhand von Karten aus dem Geschichtlicher Atlas von Hessen: , und 1604–1648: Heiliges Römisches Reich, strittig zwischen Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und Landgrafschaft Hessen-Kassel (Hessenkrieg) ab 1627: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und Hohensolms gemeinschaftlich, Amt Königsberg ab 1629: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt (durch Abteilungsvertrag), Amt Königsberg 1787: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Oberfürstentum Hessen, Amt Königsberg ab 1806: Großherzogtum Hessen,Infolge der Rheinbundakte. Fürstentum Oberhessen, Amt Königsberg ab 1815: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Amt Königsberg ab 1821: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landratsbezirk GladenbachTrennung zwischen Justiz (Landgericht Gladenbach) und Verwaltung. ab 1832: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Biedenkopf ab 1848: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Biedenkopf ab 1852: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Biedenkopf ab 1867: Königreich Preußen,Infolge des Deutschen Krieges. Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Biedenkopf (übergangsweise Hinterlandkreis) ab 1871: Deutsches Reich, Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Biedenkopf ab 1918: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Biedenkopf ab 1932: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Dillenburg ab 1933: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Biedenkopf ab 1944: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Nassau, Kreis Biedenkopf ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone,Infolge des Zweiten Weltkriegs. Groß-Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Biedenkopf ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Biedenkopf ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Biedenkopf ab 1968: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Kreis Biedenkopf ab 1974: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Wetzlar, Gemeinde Bischoffen ab 1977: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Lahn-Dill-Kreis, Gemeinde Bischoffen ab 1981: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Gießen, Lahn-Dill-Kreis, Gemeinde Bischoffen
Gerichte seit 1803 In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für die Provinz Oberhessen wurde das Hofgericht Gießen als Gericht der zweiten Instanz eingerichtet. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Niederweidbach das „Amt Königsberg“ zuständig. Das Hofgericht war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt.
Mit der Gründung des Großherzogtums Hessen 1806 wurde diese Funktion beibehalten, während die Aufgaben der ersten Instanz 1821 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Land- bzw. Stadtgerichte übergingen. „Landgericht Gladenbach“ war daher von 1821 bis 1866 die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht, das für Niederweidbach zuständig war.
Nach der Abtretung des Kreises Biedenkopf an Preußen infolge des Friedensvertrags vom 3. September 1866 zwischen dem Großherzogtum Hessen und dem Königreich Preußen wurde der Landgerichtsbezirk Gladenbach preußisch.Art. 14 des Friedensvertrages zwischen dem Großherzogthum Hessen und dem Königreiche Preußen vom 3. September 1866 () Im Juni 1867 erging eine königliche Verordnung, die die Gerichtsverfassung im vormaligen Herzogtum Nassau und den vormals zum Großherzogtum Hessen gehörenden Gebietsteilen neu ordnete. Die bisherigen Gerichtsbehörden sollten aufgehoben und durch Amtsgerichte in erster, Kreisgerichte in zweiter und ein Appellationsgericht in dritter Instanz ersetzt werden.Verordnung über die Gerichtsverfassung in dem vormaligen Herzogthum Nassau und den vormals Großherzoglich Hessischen Gebietstheilen mit Ausschluß des Oberamtsbezirks Meisenheim vom 26. Juni 1867. (PrGS 1867, S. 1094–1103) Im Zuge dessen erfolgte am 1. September 1867 die Umbenennung des bisherigen Landgerichts in Amtsgericht Gladenbach. Die Gerichte der übergeordneten Instanzen waren das Kreisgericht Dillenburg und das Appellationsgericht Wiesbaden.Verfügung vom 7. August 1867, betreffend die Einrichtung der nach der Allerhöchsten Verordnung vom 26. Juni d. J. in dem vormaligen Herzogthum Nassau und den vormals Großherzoglich Hessischen Gebietstheilen, mit Ausschluß des Oberamtsbezirks Meisenheim, zu bildenden Gerichte () Aufgrund des Gerichtsverfassungsgesetzes 1877 kam es mit Wirkung zum 1. Oktober 1879 zum Wechsel des Amtsgerichts in den Bezirk des neu errichteten Landgerichts Marburg.Verordnung, betreffend die Errichtung der Amtsgerichte vom 26. Juli 1878 (PrGS 1878, S. 275–283)
Vom 1. Oktober 1944Erlaß zur Änderung von Oberlandesgerichtsbezirken vom 20. Juli 1944 (RGBl. I S. 163) bis 1. Januar 1949) gehörte das Amtsgericht Gladenbach zum Landgerichtsbezirk Limburg, danach aber wieder zum Landgerichtsbezirk Marburg. Am 1. Juli 1968 erfolgte die Aufhebung des Amtsgerichts Gladenbach, welches fortan nur noch als Zweigstelle des Amtsgerichts Biedenkopf fungierte. Am 1. November 2003 wurde diese Zweigstelle schließlich aufgelöst.bezieht sich auf Mit dem Wechsel von Niederweidbach 1974 in den Kreis Wetzlar erfolgte auch die Zulegung zum Bereich des Amtsgerichts Wetzlar. Die übergeordneten Instanzen sind jetzt das Landgericht Limburg, das Oberlandesgericht Frankfurt am Main sowie der Bundesgerichtshof als letzte Instanz.
Bevölkerung Einwohnerentwicklung Quelle: Historisches Ortslexikon • 1577: 37 Hausgesesse • 1677: 29 Hausgründe, 23 Männer, 6 Witwen, 1 Neumann, 12 Beisassen, 4 Jungmannschaften • 1742: 103 Haushalte • 1791: 455 Einwohner • 1800: 445 Einwohner • 1806: 448 Einwohner, 84 Häuser • 1829: 515 Einwohner, 97 Häuser
Historische Religionszugehörigkeit Quelle: Historisches Ortslexikon 1829: 492 evangelische, 23 jüdische Einwohner 1885: 383 evangelische, keine katholischen und 43 jüdische Einwohner 1961: 615 evangelische (= 78,95 %), 134 römisch-katholische (= 17,20 %) Einwohner
Dorfnamen/Hausnamen Dorfnamen in Niederweidbach sind seit dem Mittelalter entstandene Hausnamen, die auf die ehemaligen Besitzernamen der einzelnen Häuser im Dorfkern zurückgeführt werden können. Es kommt im allgemeinen Sprachgebrauch des Dorfes oft vor, dass nun nicht mehr nur Adressen, sondern auch Personen oder Familien nach ihrem Hausnamen genannt werden, selbst dann, wenn diese gar nichts mit den eigentlichen Besitzern zu tun haben.
Hauptstraße: Rensche, Gehonns, Frankes, Konzellwis, Balsersch, Scholtesse, Hause, Jeffelipse, Petze, Kesselersch, Homberesch, Konzoikops, Bernetz, Schefers-Wirts, Honses, Doktersch, Schul, Kitzenings, Elzersch, Schmidtsbauer, Metzgehons, Schmidkarls, Onneborwes, Honsdenges, Ondrese, Herrn, Honjustes, Lehnjes, Blohe, Schusters.
Mittelstraße: Aikdroinersch, Gröschdois, Zöllersch, Herrn, Hoaze, Schmids, Schmidjes, Homs, Liehfousse, Hongels, Beckersch, Lotze, Ellise, Justes.