Die Satisfaktionslehre ist eine Sühnetheorie in der westlichen„In der Geschichte des christlichen Glaubens haben sich bei der Betrachtung Jesu zwei Linien immer wieder auseinander entwickelt: die Theologie der Inkarnation, die vom griechischen Denken aufstieg und in der katholischen Tradition des Ostens und Westens herrschend wurde, und die Theologie des Kreuzes, die im Anschluss an Paulus und die frühesten Formen christlichen Glaubens im reformatorischen Denken entscheidend zum Durchbruch kam.“ S. 215. christlichen Theologie, die besagt, dass Jesus Christus die Menschheit dadurch erlöst habe, dass er für den Ungehorsam der Menschen durch seinen eigenen Gehorsam im Tod am Kreuz Genugtuung (Satisfaktion) geleistet habe. Sie steht damit neben anderen Deutungsversuchen des Kreuzestodes Jesu im Neuen Testament und der Theologiegeschichte.
Biblische Grundlegung Die Satisfaktionslehre arbeitet mit biblischen Motiven aus dem Neuen Testament und den dortigen Versuchen, den Sinn des Kreuzes Jesu theologisch zu fassen. „Musste nicht der Christus dies erleiden?“ fragt nach Lukas schon am Osterabend der Auferstandene die Emmausjünger. Im Markusevangelium wird das als Erlösung dargestellt, wie ein Sklave durch Lösegeld freigekauft und Israel aus der Hand des Pharao befreit wird . In den Abendmahlsberichten z. B. bei Matthäus wird der Tod Jesu in Kategorien des jüdischen Sühnekultes als Ausgießung des erlösenden Blutes des Bundes für die Vielen verstanden Allerdings steht das Kelchwort im Kontext einer Bundestheologie, denn es bringt „eine bis dahin im Judentum nicht gekannte Heilszusicherung Gottes, gebunden an das ‚Blut‘“ zum Ausdruck und kann daher nicht als „Beiweis“ einer Satisfaktionstheologie herhalten, vgl. . Hier setzte auch Paulus an, wenn er an die römischen Christen schreibt, sie würden ohne Verdienst gerecht durch die Erlösung in Christus Jesus, „den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden“ ; in anderen Paulusbriefen und vor allem im Hebräerbrief wird diese Theologie fortgeführt.
Lateinische Patristik Damit sind wichtige Bausteine für die spätere Satisfaktionslehre biblisch grundgelegt, die Notwendigkeit des Kreuzestodes und dessen Deutung als Sühne. Erste Ansätze zu einer ausgebauten Soteriologie („was Jesus eigentlich getan habe und wie die Wirkung seiner Tat uns zukomme“ S. 217.) mit Ansätzen zu einer Satisfaktionslehre finden sich dann bei den lateinischen Kirchenvätern, etwa bei Tertullian, Cyprian, Hilarius und Ambrosius.Heilstod Jesu (Michaela Albrecht-Zenk) auf die-bibel.de, erstellt Februar 2018, abgerufen am 9. Oktober 2024
Anselm von Canterbury Die wirkungsgeschichtlich bedeutendste Formulierung einer expliziten Satisfaktionslehre entwickelte Anselm von Canterbury (1033–1109 n. Chr.) in seinem Werk Cur deus homo. („Warum Gott Mensch wurde“, 1094). Sein Anliegen war, das Kreuzesopfer als vor der Vernunft notwendig zu erweisen und so zu begründen, warum die Inkarnation geschehen musste, wollte Gott den Menschen aus Sünde und Tod befreien. Daher geht Anselm methodisch die Frage an, „als ob man von Christus nichts wüsste“ (remoto Christo), auch wenn die Existenz Gottes als fraglos vorausgesetzt wird. Als Gesprächspartner hat man sich daher vielleicht Muslime oder Juden vorzustellen, die in Menschwerdung und Kreuz einen Widerspruch zur Erhabenheit Gottes sehen.
Joseph Ratzinger fasst Anselms Ansatz zusammen:
Nicht um Gottes, sondern der Menschen Willen geschieht diese Sühnung.„Anders als der Lehnsherr, der sich persönlich gekränkt fühlen kann durch den Treuebruch eines Vasallen, ist Gott, der Schöpfer, durch den Treuebruch seines Geschöpfs gerade nicht betroffen, ja nicht einmal betreffbar! Die Sünde wirkt sich nach Anselm allein auf die Situation des Menschen aus, so dass nicht Gott die Genugtuung braucht, sondern der Mensch.“ In der Alternative, dass Gott doch in seiner Barmherzigkeit einfach die Schuld ausstreichen könnte, sieht Anselm einen Verstoß gegen eine von der Liebe getragene Gerechtigkeit Gottes, denn dann würden Unrechtstäter und Gerechte, Täter und Opfer einander gleichgestellt.
Anselm leistet damit den Versuch der Inkulturation des biblischen und antiken Denkens in Formen fränkisch-germanischer Rechtsvorstellungen: das Gehorsams- und Ehrverständnis in Lehnsverhältnissen (Der Mensch ist Gott Gehorsam schuldig und hat ihm dies in der Sünde verwehrt und dadurch die Ehre Gottes verletzt), die Notwendigkeit der Sühnung von „Beleidigung“ im Sinne von Verletzung und Wiederherstellung der sozialen Ordnung, die direkte Proportionalität der Größe einer Beleidigung zur Bedeutung der beleidigten Person (Es hat andere Folgen, wenn ein Bettler als wenn ein König beleidigt wird).vgl. Anselm ist sich dabei bewusst, dass Gott, „über den hinaus Größeres nicht gedacht werden kann“, dann auch nicht anthropomorph gedacht werden darf. „Gottes Ehre kann, soweit es ihn betrifft, nichts hinzugefügt noch entzogen werden. Denn er selbst ist für sich die unzerstörbare und ganz und gar unwandelbare Ehre. Wenn jedoch ein jegliches Geschöpf seine eigene und ihm gleichsam vorgeschriebene Ordnung – sei es von Natur oder aus Vernunft – wahrt, so sagt man, dass es Gott gehört und ihn ehre, und das vornehmlich bei der vernünftigen Natur, der es gegeben ist zu verstehen, was sie will. Will sie, was sie soll, ehrt sie Gott; nicht weil sie ihm etwas schenkt, sondern weil sie sich freiwillig seinem Willen und seiner Anordnung unterwirft und ihren Platz im All der Dinge und die Schönheit dieses Alls, soweit es an ihr liegt, wahrt. Will sie aber nicht, was sie soll, so entehrt sie Gott, soweit es an ihr liegt, weil sie sich nicht freiwillig seiner Anordnung unterwirft und die Ordnung und Schönheit des Alls, soweit es von ihr abhängt, zerstört.“ Cur Deus Homo Buch 1 , Nr. 15.
Gegen Kritiker im 20. Jahrhundert, Anselm habe sich Gott wie einen „beleidigten Potentaten“ vorgestelltMartin Kirschner: Gott – größer als gedacht. Die Transformation der Vernunft aus der Begegnung mit Gott bei Anselm von Canterbury, Freiburg i. Br. Herder 2013, ISBN 978-3-451-80592-9. S. 185–199., ist auf den kulturell-historischen Bezugsrahmen im 11. Jahrhundert hinzuweisen: „Beleidigung“ beschreibt hier keinen Gemütszustand, sondern eine Verletzung der („sozialen“) Gerechtigkeit. Auch für Anselm ist zweifelsfrei, dass die Erlösung die größere Liebe Gottes zu uns offenbart hat. Er schreibt: „Es wäre ja verwunderlich, wenn Gott sich so sehr am Blut eines Unschuldigen ergötzte oder seiner bedürfte, dass er nur nach dessen Tötung dem Schuldigen verzeihen wollte oder könnte“ (Cur Deus Homo, Buch 1, Nr. 10).
Protestantische Theologie Besondere Nachwirkung hat die Satisfaktionstheorie in der evangelischen Theologie, vor allem in calvinistischer Tradition. Hier wurde und wird in ihr der zentrale Kern des Christentums gesehen, da sie darstelle, wie der Mensch zum Heil gelange.
Der US-amerikanische evangelikale Theologe Timothy Keller hält an dem Anliegen der Satisfaktionstheorie fest, die Notwendigkeit des Kreuzes aufzuweisen„Der Tod Jesu war notwendig, wenn Gott der Gerechtigkeit Genüge tun und uns trotzdem lieben sollte.“ , knüpft aber statt an der Beleidigung Gottes an einem Verständnis von Vergebung an, wonach diese „bedeutet, die Kosten nicht dem Übeltäter aufzubürden, sondern sie selber zu tragen“. Mit Verweis auf Dietrich Bonhoeffer schreibt er: „Am Kreuz hat Gott sichtbar und für die ganze Welt das getan, was jeder Mensch tun muss, um jemandem zu vergeben, wenn auch in einem unendlich größeren Maßstab“, er habe in Christus selbst die zu leistenden Kosten getragen. War bei Anselm die Unleistbarkeit, Schuld dieser Größe zu tragen, mit der Größe Gottes begründet, so argumentiert Keller sozusagen persönlicher und in Anschluss an Søren Kierkegaard, die je eigene Sünde sei „zu groß, als dass ich mich je durch eigene Anstrengungen erlösen könnte“. Denn Sünde sei „nicht zu allererst, dass wir Dinge tun, die an sich böse sind, sondern dass wir an sich gute Dinge zu höchsten Dingen erheben“ – und damit anderes an Gottes Stelle setzten. So erhält auch bei Keller die Sünde und damit die dafür notwendige Vergebung ganz wie bei Anselm ihr Maß an Gott und wird Gott durch die Verwechslung mit Irdischem gleichsam doch „beleidigt“.vgl. Anselm in Cur Deus Homo, Buch 1,16: „Sündigen ist nichts anderes als Gott das Geschuldete nicht leisten.“ Die Sünde und die im Kreuz geschehene Vergebung in demütiger Dankbarkeit anzunehmenTück weist darauf hin, dass auch Anselm die persönliche Aneignung des Erlösungsgeschehens als unverzichtbar sieht: „dies, o Mensch, käue wieder (ruminet), dies sauge ein (sugat), dies schlürfe dein Herz (glutiat)“. Anselm in Meditatio redemptionis humanae, III, 88,129 – 89, 134. ist für Keller dann der Beginn einer sich im persönlichen Leben ausprägenden Erlösung.
Karl Barths Bestreben ist es, die Lehre von der Erlösung am Kreuz aus ihrer juristischen Engführung zu lösen. Barths Konzept der Versöhnung ist personal ausgerichtet und nicht von einem Rechtsprinzip her zu denken. Im Kreuz Jesu nehme Gott in Christus das Gericht selbst auf sich, wobei er selbst nicht als Empfänger einer Leistung betrachtet werden könne, die seinen Zorn besänftigen würde. Die Versöhnung erfolgt durch Gott für den Menschen und durch den Menschen für Gott. Der Akt der Versöhnung stelle die Erfüllung des Bundes dar. Die Versöhnung, die am Kreuz erfolgt ist, gelte universal. Barth legt großen Wert auf die Objektivität des Geschehens. Die Aneignung im Glauben sei demgegenüber sekundär.Martin Forster: Die Crux mit dem Kreuz. jesus.ch (Livenet, Mitglied der Europäischen Evangelische Allianz), abgerufen am 9. Oktober 2024
Der Neutestamentler Klaus Berger geht in eine ähnliche Richtung, wenn er zwar einerseits die anselmische Lehre für heute nicht mehr geeignet hält, andererseits aber darauf hinweist, wie wichtig es ist, dass Anselm mit seinem Ansatz eine objektive Dimension betont hat.
In der neueren, vor allem lutherischen evangelischen Theologie hingegen wird die Satisfaktionslehre eher relativiert oder gar als eine Fehlinterpretation der Bibel abgelehnt, da das zugrunde liegende Rechtsverständnis für das heutige Verständnis ungeeignet sei.Warum starb Jesus Christus am Kreuz? Welt online, 23. März 2009Warum Theologen am Sühnetod Jesu zweifeln. Welt online, 28. März 2009Ist das Kreuz für uns gestorben? Fragen an die Opfertodtheologie. (PDF; 137 kB) WDR, 2. April 2010
Römisch-katholische Theologie In der westlichen katholischen Theologie (Scholastik und Neuscholastik) hat sich auch in der Neuzeit die durch die Satisfaktionslehre begünstigte Trennung und Verselbständigung von Christologie und Soteriologie bemerkbar gemacht und wurde bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts Anselms Ansatz im Rahmen von immer stärker ausgearbeiteten Traktaten zur Soteriologie fortgeführt.