mini|hochkant|Ludwig Fürst zu Oettingen-Wallerstein Ludwig Kraft Ernst Karl Fürst zu Oettingen-Oettingen und Oettingen-Wallerstein (* 31. Januar 1791 in Wallerstein; † 22. Juni 1870 in Luzern) war ein bayerischer Staatsmann und Fürst aus dem Hause Oettingen. Er gehörte der katholischen Linie Oettingen-Wallerstein und war Kronobersthofmeister, 1832 bis 1837 bayerischer Innenminister, während des revolutionären Umbruchs 1847/1848 Verweser des Außen- sowie Kultusministeriums. Zuletzt betätigte er sich in der Politik zwischen 1849 und 1858 als Abgeordneter der Zweiten Kammer des Bayerischen Landtags auf Seiten des liberalen Flügels.
Er galt Zeitgenossen wie Goethe als namhafter Kunstsammler und hat die Oettingen-Wallersteinsche Sammlung sowie die Oettingen-Wallersteinsche Bibliothek ausgebaut. Einen Teil davon erwarb König Ludwig I. für seine eigene Sammlung.
Leben Frühe Jahre Ludwig wurde am 31. Januar 1791 als erster Sohn des Fürsten Kraft Ernst zu Oettingen-Wallerstein (1748–1802) und seiner Frau Herzogin Wilhelmine Friederike von Württemberg (1764–1817) geboren. Er erhielt Privatunterricht vom Piaristen Andreas Reubel und später von einem Weltgeistlichen Kanonikus. Ludwigs Mutter übernahm nach Tod des Vaters 1802 die Vormundschaft und führte die Amtsgeschäfte des im Nördlinger Ries gelegenen Fürstentums. Vier Jahre später reiste Ludwig mit seiner Mutter nach Paris, um Kaiser Napoleon vorgestellt zu werden. Das Ansinnen der Reise, die Souveränität des Fürstentums bei Napoleon zu erbitten, scheiterte, weil Oettingen-Wallerstein es ablehnte, in französische Dienste zu treten. In der Hauptstadt Frankreichs lernte Oettingen-Wallerstein erstmals Kronprinz Ludwig I. von Bayern kennen, worauf sich ein freundschaftliches Verhältnis begründete. 1807 mediatisierten die Anrainerstaaten das Fürstentum. Sowohl das Königreich Bayern als auch das Königreich Württemberg annektierten Teile des Fürstentums.
mini|208x208px|Wilhelmine Friederike von Württemberg
Ludwig zu Oettingen-Wallerstein studierte zwischen 1807 und 1810 Rechtswissenschaften an der Universität Landshut. Hier gewann er einen Freund im späteren bayerischen Innenminister Eduard von Schenk. Seine Ansichten zum Staat wurden von den Rechtsgelehrten Nikolaus Thaddäus von Gönner und Friedrich Carl von Savigny beeinflusst. Während der Studienzeit begab er sich in den Kreis der Landshuter Romantiker, der sich um den katholischen Theologen Johann Michael Sailer bildete.
Befreiungskriege Mit erreichter Mündigkeit übernahm er 1810 auf Lebenszeit das Amt des Kronobersthofmeisters Bayerns und erhielt einen Sitz und damit Stimme im geheimen Staatsrat. Oettingen-Wallerstein organisierte im Zuge der Befreiungskriege 1813 die allgemeine Landesbewaffnung im Oberdonaukreis; damals in Schwaben, im südlichen Franken und westlichen „Altbayern“. Diese Aufgabe erfüllte der Untertan Maximilians I. mit Geschick, so dass öffentliches Lob aufkam; im Ansehen Prinz Ludwig I. erlangte er bleibende Achtung. Bis 1831 behielt er den Posten als Kreiskommandant der Landwehr. 1811 und 1814 besuchte er nochmals Paris. Der Besuch 1814 soll diplomatische Tätigkeiten in bayerischen Diensten beinhaltet haben.
Politische Anfänge Oettingen-Wallersteins politische Laufbahn begann 1815 als Mitglied der Württembergischen Ständeversammlung. Als Standesherr war er zugleich Reichsrat in der Ersten Kammer der Königreiche Bayern und Württemberg. Als erster ständischer Kommissar auf der württembergischen Ständeversammlung, wo er viel zur Vollendung der Verfassung beitrug, setzte er sich als Anwalt der alten ständischen Einrichtungen ein. Er beeinflusste als Vertreter des konstitutionellen Prinzips auch den Entwurf der Verfassung des Königreichs Bayern von 1818.
Als erblicher Reichsrat nahm Oettingen-Wallerstein an den Bayerischen Ständeversammlungen 1819 und 1822 in der Kammer der Reichsräte (Erste Kammer) teil. 1819 vertrat er die adeligen Interessen gegen die liberalen Tendenzen. 1822 stand er der Einschränkung des Militäretats durch die Kammer der Abgeordneten (Zweite Kammer) entgegen. Er kritisierte zudem Mängel in der Bürokratie. Mit dem Einsatz für den Adel stand Oettingen-Wallerstein im Widerspruch zum fortschrittlich eingestellten Kronprinz Ludwig I., wobei der Einsatz für eine gut ausgestattete königliche Zivilliste und die Kritik an der Bürokratie Anklang fand.
Ämterverlust und Wiedererlangen Mitte des Jahres 1823 vermählte er sich mit Maria Crescentia Bourgin (1806–1853). Die „Liebesheirat mit einem Hitzkopf“ gab der höfischen Boulevardpresse Stoff. Diese Heirat ist vor dem Hintergrund finanzieller Probleme des Fürstenhauses zu sehen, deren Oettingen-Wallerstein nie Herr wurde. Unter Stande vermählt hatte er auf seine Stellung als Familienoberhaupt zu verzichten; diese nahm sein jüngerer Bruder Friedrich ein. König Maximilian I. entzog Ludwig daraufhin das bayerische Kronamt und den Sitz in der Ersten Kammer.
Als Maximilian I. verstarb und Kronprinz Ludwig I. den Thron bestieg, bekam Oettingen-Wallerstein 1825 sämtliche Ämter zurück. Ludwig wusste seine Beliebtheit beim königlichen Namensvetter zu steigern; Der Regent ernannte ihn zum Generalkommissar und Regierungspräsidenten des Oberdonaukreis am 14. April 1828. Oettingen-Wallerstein zeigte Ludwig I. seine Dankbarkeit für die Rückgabe seiner Stellung zur Ständeversammlung 1828, indem er in Opposition gegen seine Standesgenossen trat und die Reformvorhaben seines Regenten vehement verteidigte.
Als Innenminister zwischen Reform und reaktionärem Stillstand Anlässlich der Julirevolution von 1830 in Frankreich wendete sich der Regierungsstil Ludwigs I. vom Reformkurs zur reaktionären Haltung. Die streitbare Ständeversammlung von 1831 verhalf Oettingen-Wallerstein erneut, sich zu inszenieren; Ludwig I. teilte die Auffassung Oettingen-Wallersteins zur Lage. Durch die Zweite Kammer gedrängt musste Eduard von Schenk im Rahmen der umstrittenen Presseverordnung das Amt als bayerischer Innenminister räumen. Zwischenzeitlich vertrat als „Lückenbüßer“ Johann Baptist von Stürmer das Innenministerium. Oettingen-Wallerstein folgte Stürmer unbeschadet am 31. Dezember 1831 zum Jahreswechsel auf den Ministerposten. Anteilig fällt unter seine Amtszeit der Bau der ersten Eisenbahnlinie zwischen Nürnberg und Fürth, der Donau-Main-Kanal, die Begründung und der Abschluss des Deutschen Zollvereins und der Ausbau des Kreditkassen- und Bankwesens sowie Fortschritte in der Landwirtschaft. In der Bildungspolitik beförderte er den technischen Unterricht durch Bau von Gewerbs-, Landwirtschafts- und polytechnischen Schulen. In der Sozialpolitik opferte er „die letzten Reste einer liberalen Gewerbeordnung“; verschärfte Bestimmungen zum Heimatrecht, der Ansässigmachung sowie Ehe und reformierte die Armenfürsorge und Gesindeordnung in konservativer Weise unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des Mittelstandes. Er befürwortete die Pressefreiheit, die gesetzliche Fixierung der Ministerverantwortlichkeit, die Ausweitung des Petitionsrechts der Zweiten Kammer, die Verwaltungsvereinfachung und Verlagerung politischer Verantwortung auf die Ebene der Gemeinden und Landräte. Ziele waren zudem die großdeutsch-konstitutionelle Lösung der Deutschen Frage, die Ausdehnung des Wahlrechts zur Zweiten Kammer, eine Adelsreform, eine progressive Einkommensteuer und die Grundlastenablösung gegen Entschädigung. Er gehörte als Mitglied der Ersten Kammer zum liberalen Flügel und hielt enge Verbindungen zu Johann Caspar Bluntschli und Friedrich Rohmer. Die Amtsausübung erschien dem Regenten Ludwig I. als zu fortschrittlich.
Zur Ständeversammlung 1837 provozierte Oettingen-Wallerstein, der in der Gunst des Königs gefallen war, einen Konflikt zum Budgetrecht mit Finanzminister Ludwig von Wirschinger (1781–1840), weil er als einziger Minister die Ausweitung der Kompetenzen der Zweiten Kammer forderte. Der König entließ Oettingen-Wallerstein des offenen Affronts wegen am 4. November des gleichen Jahres aus dem Ministerium. Die ihm im Zuge der Enthebung angebotene Stelle als Generalkommissar war er bereit anzunehmen. Zunächst wurde er aber für fünf Monate beurlaubt und am 10. März 1838 ohne Angabe von Gründen in den Ruhestand versetzt. Sich als Märtyrer sehend, erklärte er den Verzicht auf den Staatsratstitel, den Generalsrang und die Generalkommissaritätsstelle. Sogar die Pension gab er auf, was ihm wahrscheinlich schwer gefallen sein muss. Die bis dahin noch nicht vorgekommene Ministerentlassung stellte Oettingen-Wallerstein als Unangemessenheit königlichen Handelns dar. Seine Beliebtheit in der Öffentlichkeit stieg wegen der widerfahrenen Behandlung durch den Regenten und vor allem bei seinen Standesgenossen.
Vom „Ministerium der Morgenröte“ zum „Lola-Ministerium“ Das Kronobersthofmeisteramt und damit seinen Sitz in der Ersten Kammer behielt Oettingen-Wallerstein. König Ludwigs I. Versuche, ihn aus dem Amt zu entfernen, scheiterten. Von dieser Stellung aus stritt er mit Karl von Abel, der die Nachfolge als Innenminister antrat. 1840 fand der Streit in einem Pistolen-Duell seinen Höhepunkt. Das Conversationslexikon der Gegenwart von Brockhaus wähnte für die Zukunft Oettingen-Wallersteins: „Er ist ein Mann der Zukunft, was selbst seine Feinde zugestehen, und offenbar zu einer noch weiter ausgreifenden ständischen und verwaltenden Thätigkeit berufen.“ 1843 erholte sich sein Verhältnis zum Regenten, der ihn in den Angelegenheiten des Königreichs Griechenland auf diplomatische Mission schickte. Allerdings blieb die ehemalige Nähe aus. Im Auftrag des Königs diente er 1846–1847 als außerordentlicher Gesandter in Paris.
Karl von Abels „Ministerium der Morgenröte“ geriet zunehmend in Kritik. Fürst Karl Theodor von Wrede (1797–1871) klagte über „die schlimme Lage, in welche die Verwaltung des Ministers von Abel das Land gebracht habe“. Oettingen-Wallerstein griff die Kritik in gemäßigterer Form auf. Zudem kam Abel dem Ansinnen Ludwigs I. nicht nach, der die Einbürgerung und Nobilitierung seiner Geliebten Lola Montez forderte. Daraufhin entließ der Monarch Abel am 16. Februar 1847. Es folgte das Ministerium Rhein-Maurer, welches sich jedoch nur bis November des gleichen Jahres hielt.
Zum 1. Dezember 1847 übertrug Ludwig I. Oettingen-Wallerstein, der nach München zurückgekehrt war, die Aufgabe, eine neue Regierung zu bilden. Der Regent bestellte die Minister jedoch nur als Verweser. Oettingen-Wallerstein setzte der König als bayerischen Außenminister ein und ließ ihn das Ministerium für Kirchen- und Schulangelegenheiten vertreten. Das Innenministerium selbst bekam Oettingen-Wallersteins Vertrauter Franz von Berks, das Justizministerium Hermann von Beisler und das Finanzministerium Karl Friedrich von Heres zugesprochen. Der Volksmund nannte es spöttisch das „Lola-Ministerium“. Oettingen-Wallerstein versuchte, während der Amtszeit liberale Positionen aufzugreifen, um die aufkommenden revolutionären Vorgänge von 1848/49 abzumildern und die Monarchie zu erhalten. Reformen – wie eine umfassende Parlamentarisierung und eine „angemessene Vertretung des deutschen Volkes“ – widersprachen dem königlichen Verständnis, sodass Ludwig I. sich verraten fühlte und Oettingen-Wallerstein am 11. März 1848 entließ, noch bevor er selbst seinen Thronverzicht erklärte. Im Mai 1848 erregte Oettingen-Wallersteins gestellte Anträge „auf Beseitigung des Pauperismus durch Staatshülfe“ Aufsehen.
„Fürst Proletarier“ Vor den Landtagswahlen von 1849 veröffentlichte Oettingen-Wallerstein einen Aufruf: „Wie steht es nun mit der deutschen Sache, und was soll insbesondere der Bürger und Landmann wünschen?“ Darin beklagt er, dass die Verheißungen vom 6. März 1848 unerfüllt blieben, solang „noch immer am alten Classenwesen, an starrem Beamtenregiment und anderem Zopf festgehalten werde“, und benannte die konstitutionelle Belgische Verfassung als mustergültig.