mini|Ehmcke-Antiqua mit großem Eszett, 1909
Das große ẞ (auch: großes scharfes S, versales ß, großes SZ, großes Eszett, ß-Majuskel) ist die Großbuchstabenform zum Kleinbuchstaben ß (Eszett). Der Buchstabe findet Verwendung in der Versalschrift, zum Beispiel im Wort STRAẞE, als Schreibvariante zur Ersetzung des ß durch SS (STRASSE).
Über seine Aufnahme in das deutsche Alphabet wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts diskutiert. Anfang 2008 wurde das große Eszett als neues Zeichen in den internationalen Standard Unicode für Computerzeichensätze aufgenommen, am 24. Juni 2008 trat die entsprechende Ergänzung der Norm ISO/IEC 10646 in Kraft.Versal-ß nun offiziell genormt. In: dasauge.de, 25. Juni 2008, abgerufen am 29. Juni 2017. Seit dem 29. Juni 2017 ist das große Eszett (ẞ) Bestandteil der amtlichen deutschen Rechtschreibung.
Problemstellung mini|Kleinschrift mit ß, Ersetzung durch ss (in der SchweizUlrich Ammon et al.: Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin/New York (2004): Walter de Gruyter, S. LXI: „In der Schweiz wird kein ß, sondern dafür immer ss geschrieben.“ und Liechtenstein oder wenn kein ß vorhanden ist), Kapitälchen mit SS, Kapitälchen mit kleinem ß, Kapitälchen mit großem ß
Das Eszett kommt in keiner historischen oder gegenwärtigen Rechtschreibung des Standarddeutschen am Wortanfang vor. Deshalb stellt sich die Frage nach seiner großgeschriebenen Form nur, wenn ganze Wörter in Versalien geschrieben werden oder in Kapitälchen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die deutsche Sprache hauptsächlich in gebrochenen Schriften geschrieben und gesetzt, in denen zur Schriftauszeichnung aus praktischen und ästhetischen Gründen nur selten Versalien verwendet wurden; üblicher war der Sperrsatz. Deshalb entstand eine größere Nachfrage nach einem großen Eszett erst Anfang des 20. Jahrhunderts, als die deutsche Sprache vermehrt in Antiqua gesetzt wurde. Seither wird die versale Schriftauszeichnung auch im Deutschen häufig in Überschriften, auf Plakaten, Schildern, Grabmälern, Urkunden und ähnlichen Einsatzorten verwendet.
Dennoch existierte lange Zeit kein offizieller Großbuchstabe zum Eszett.„Jeder Buchstabe existiert als Kleinbuchstabe und als Großbuchstabe (Ausnahme ß).“ Aus: Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung. Überarbeitete Fassung des amtlichen Regelwerks 2004. München/Mannheim, Februar 2006, S. 15 (PDF) Die Rechtschreibregeln schrieben vor, das Eszett im Versalsatz entweder als Kleinbuchstaben zu erhalten (erforderlich z. B. bei Dokumenten) oder durch das Buchstabenpaar „SS“ zu ersetzen (Genaueres siehe unten). Am 29. Juni 2017 wurde das Eszett als Versal-Variante (ẞ) der Rechtschreibung hinzugefügt, sodass es heute offiziell verwendet werden darf,rechtschreibrat.com wobei „SS“ der Regelfall blieb. Dieses Verhältnis wurde 2024 umgedreht: „ẞ“ ist nun der Regelfall, „SS“ die Ausnahme.Amtliches Regelwerk des Rats für deutsche Rechtschreibung, § 25, E3. Abgerufen am 3. August 2024
Großbuchstabe Eszett
mini|Großes Eszett auf dem Titelblatt des Duden, Leipzig 1957. mini|Großes Eszett in dem Wort „MUẞTEN“ an der Gedenktafel der Edertalsperre mini|Großes Eszett auf einem Straßenschild in Heiligkreuzsteinach
Die ersten Vorschläge, für das Eszett im Antiquasatz eine Majuskelform einzuführen, erschienen 1879 in der Fachzeitschrift Journal für Buchdruckerkunst.Signa – Beiträge zur Signographie. Heft 9, 2006,
Im Duden von 1925 wurde der Bedarf an einer Normierung eines großen Eszett formuliert:
Die Titel der DDR-Duden von 1957 und 1960 (15. Aufl.) zeigten ein großes Eszett, allerdings galt für die Rechtschreibung weiterhin obige Regel.
In der 16. Auflage von 1969 wurde auch noch die Entwicklung eines großen Eszett in Aussicht gestellt:
In der 25. Auflage von 1984 fehlte dann solch ein Hinweis, auch die Wörter „leider noch“ im ersten Satz bzw. „jetzt noch“ im zweiten wurden gestrichen:
Bei der deutschen Rechtschreibung von 2006 ist die Ersetzung von „SZ“ entfallen:
Die Geschäftsführerin des Rates für deutsche Rechtschreibung Kerstin Güthert begründete am 21. Dezember 2005 die Haltung des Rates zum großen Eszett mit den Worten: „Es ist […] eine Frage, die schon seit Jahrzehnten unbeantwortet ist und es wohl auf geraume Zeit dabei bleiben wird. Der Grund liegt darin, dass es dem Rat für deutsche Rechtschreibung nicht zusteht, Schriftzeichen zu erfinden. Seine Aufgabe ist es, die Schreibung zu beobachten und darauf zu achten, dass Regeln und Schreibgebrauch sich im Einklang befinden. Es bedarf also einer Initiative aus der Schreibgemeinschaft (z. B. vonseiten der Typografen), um hier auf der Basis eines gesellschaftlichen Konsens Abhilfe zu schaffen.“Stellungnahme vom 21. Dezember 2005. Zitiert nach: Signa – Beiträge zur Signographie. SonderHeft 9, 2006,
alt=Screenshot einer Webanwendung mit der Schaltfläche „SCHLIEẞEN“ in Großbuchstaben und mit großem Eszett. Darüber der Hinweistext „Für Videoanrufe in Hangouts wird jetzt Google Meet verwendet. Weitere Informationen“|gerahmt|Großes Eszett in einer Webanwendung
In seinem Fünf-Jahres-Bericht vom 8. Dezember 2016 schlug der Rechtschreibrat vor, das Versal-ß in sein offizielles Regelwerk aufzunehmen. Bei der Wiedergabe des Eszett in Versalschreibung soll neben der Wiedergabe mit SS dann die Wiedergabe mit ẞ möglich sein (STRASSE und STRAẞE).3. Bericht des Rats für deutsche Rechtschreibung (2011–2016). S. 7, abgerufen am 10. Dezember 2016. Am 29. Juni 2017 gab der Rat für Rechtschreibung in einer Pressemitteilung bekannt, die 2016 vorgeschlagenen Änderungen des Regelwerkes, einschließlich der Aufnahme in die Rechtschreibung, sind „von den zuständigen staatlichen Stellen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, dem Fürstentum Liechtenstein, der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens bestätigt und damit wirksam geworden“. Somit existiert seit diesem Zeitpunkt jeder deutsche Buchstabe offiziell als Klein- und Großbuchstabe. Nach der Rechtschreibung 2017 (§ 25 Ergänzung 3) war im Versalsatz neben „SS“ auch „ẞ“ (als Variante) erlaubt:
Gemäß der 2020 erschienenen Fassung der DIN 5008 Schreib- und Gestaltungsregeln für die Text- und Informationsverarbeitung gilt jetzt: „Bei der Verwendung von Großbuchstaben ist das große ẞ der Auflösung in SS bzw. SZ vorzuziehen“.DIN 5008:2020-03, Abschnitt 13 „Hervorhebungen“, Fußnote 5
Versalien ohne großes Eszett mini|SZ als Schreibweise für ß bei Versalschrift, hier auf einer Munitionskiste der Bundeswehr
Die Ersetzungsregeln für Versalien änderten sich seit dem 20. Jahrhundert. Die deutsche Rechtschreibung von 1901 ersetzte das Eszett durch „S“ und „Z“. Danach wurde „Preußen“ dann zu „PREUSZEN“ versaliert. Im Laufe des 20. Jahrhunderts bürgerte sich aber immer mehr die Ersetzung durch „SS“ ein. Die Entwicklung der Rechtschreibregeln im westdeutschen Duden spiegelt die Koexistenz der beiden Formen wider. Kurz vor der Rechtschreibreform von 1996 war die Schreibweise „SZ“ nur noch in Ausnahmefällen möglich, wenn eine Ersetzung durch „SS“ zu Verwechslungen führen würde. So wurde „Masse“ zu „MASSE“, aber „Maße“ zu „MASZE“. Die DDR-Ausgaben des Duden von 1969 und 1984 gaben nur noch bei Missverständnissen solch eine Unterscheidung vor und empfahlen ansonsten „SS“: „STRASSE, ROCKSCHÖSSE; IN MASSEN GENOSSEN, hier besser: IN MASZEN GENOSSEN“.
Die deutsche Rechtschreibung von 1996 schrieb die einheitliche versalierte Ersetzung von Eszett durch den Doppelbuchstaben „SS“ vor, entsprechend dem inzwischen tradierten Gebrauch. Die Unterscheidung etwa zwischen „Masse“ und „Maße“ war damit in Versalien nicht mehr möglich.
Die für Schulen und Behörden geltenden Regeln zur deutschen Rechtschreibung von 2006 kennen keinen Großbuchstaben zum Eszett: „Jeder Buchstabe existiert als Kleinbuchstabe und als Großbuchstabe (Ausnahme ß).“ Im Versalsatz empfehlen die Regeln, das „ß“ durch „SS“ zu ersetzen: „Bei Schreibung mit Großbuchstaben schreibt man SS, zum Beispiel: Straße – STRASSE.“
Der Ständige Ausschuss für geographische Namen hat allerdings 2010 entschieden, die amtliche Verwendung des großen Eszett vorzuschreiben, sieht aber für die Zwischenzeit bis zur weiteren Verbreitung des Buchstabens in Schriftsätzen weiterhin das Ersetzen mit „SS, ss“ vor.Empfehlungen und Hinweise für die Schreibweise geographischer Namen für Herausgeber von Kartenwerken und anderen Veröffentlichungen für den internationalen Gebrauch. Frankfurt am Main 2010, S. 10. ()
Aus typografischer Sicht wird beim Mischsatz die Unausgewogenheit des Schriftbildes kritisiert, da sich die Formen der Groß- und Kleinbuchstaben der verwendeten Schrift in der Regel in Breite, Höhe und Strichdicke unterscheiden.
Familiennamen mit HS, SS, SZ und ẞ mini|Briefkopf von Stefan Großmann, 1911
Die Ersetzung des Eszett durch andere Großbuchstaben führt insbesondere bei Eigennamen zu Mehrdeutigkeiten. Der Name „WEISS“ könnte für „Weiß“ oder „Weiss“ stehen, der Name „LISZT“ für „Lißt“ oder „Liszt“. Stefan Großmann verwendete 1911 für seinen Briefkopf die Schreibweise „GROHSMANN“. Wegen der verschiedenen Zugänge bildete sich als weitere Möglichkeit der Mischsatz heraus. Das Eszett wird nicht ersetzt. Der Name „Weiß“ wird im versalen Mischsatz zu „WEIß“. Diese Schreibweise wird seit den 1980er Jahren im nicht maschinenlesbaren Teil der deutschen Reisepässe und Personalausweise angewendet, wenn der Name in Versalien gesetzt wird,Teilweise wird in Reisepässen der Name direkt in Originalschreibweise (nicht in Versalien) gesetzt, wie bei folgendem Reisepass, flickr.com, sodass kein Problem entsteht, wenn der Name Eszett enthält. aber andererseits eine korrekte Wiedergabe der „Originalschreibweise“ wichtig erscheint. Im maschinenlesbaren Abschnitt wird dagegen das ß durch SS ersetzt.Die Umschrift von „ß“ in „SS“ ist im ICAO-Standard (englisch; PDF, ≈ 1,1 MB) für maschinenlesbare Reisepässe festgelegt. (6. Ausgabe, 2006; im Internet-Archiv gesichert am 23. November 2012.) Im maschinenlesbaren Abschnitt des aktuellen deutschen Personalausweises wird (Stand 2022) das große ẞ bereits verwendet.
Die beiden verschiedenen Schreibweisen desselben Namens können besonders im Ausland zu Problemen führen. Österreichische Ausweisdokumente können (müssen aber nicht) eine Erklärung der deutschen Sonderzeichen (auf Deutsch, Englisch und Französisch, z. B. „ß“ entspricht / is equal to / correspond à „ss“) enthalten. Die Deutsche Post AG empfiehlt, beim Ausfüllen von Formularen in Großbuchstaben das Eszett beizubehalten. Dies erlaubte der Duden schon vor der Einführung des großen ẞ.
Das deutsche Namensrecht (Nr. 38 NamÄndVwV) erkennt Sonderzeichen im Familiennamen als Grund für eine Namensänderung an (auch eine bloße Änderung der Schreibweise, z. B. von Weiß zu Weiss, gilt als solche).
Am 1. Oktober 1980 stellte das Bundesverwaltungsgericht noch einmal fest, dass die technisch bedingte fehlerhafte Wiedergabe von Sonderzeichen auf elektronischen Systemen ein wichtiger Grund für die Änderung des Familiennamens sein kann (der Kläger wollte die Schreibweise seines Namens von Götz in Goetz ändern, war aber damit zunächst beim Standesamt gescheitert; Aktenzeichen: 7 C 21/78).
Gestaltung des neuen Buchstabens
mini|hochkant|Großes Eszett auf dem Titelblatt des Heftes Signa Nr. 9; die sogenannte Dresdner Form mini|hochkant|Eine von zahlreichen anderen immer wieder diskutierten Formen, die sich an den Formen von S und Z orientieren