Die Greifswalder Burschenschaft Rugia ist eine 1856 gegründete farbentragende und schlagende Studentenverbindung an der Universität Greifswald. Die Burschenschaft ist Mitglied des rechtsextremen Korporationsverbandes Deutsche Burschenschaft (DB).
Geschichte Die Zeit bis 1945 Im Wintersemester 1854 wurde in Greifswald ein Französisches Kränzchen gegründet, das sich im Sommersemester 1855 in den Wissenschaftlichen Verein umfirmierte. Neun Mitglieder des Wissenschaftlichen Vereins gründeten am 5. April 1856 die Studentenverbindung Rugia mit den Farben rot-weiß-grün. Am 5. Juni 1856Meyers Konversationslexikon. 5. Auflage, Leipzig 1896, Beilage zum Artikel Studentenverbindungen. wurde die Rugia in eine Burschenschaft umgewandelt. Ursächlich hierfür war, dass im Rahmen der Vierhundertjahrfeier der Universität Greifswald 1856 auch alte Burschenschafter angereist waren, burschenschaftliches Gedankengut verbreitet hatten, das in Greifswald seit je her kaum Anklag fand (nur vorübergehend hatte eine Burschenschaft Allemannia bestanden) und viel bei der Rugia verkehrten.
Im Wintersemester 1858 wurden die Farben in schwarz-rot-gold geändert und ab Wintersemester 1871 wieder ausschließlich rot-weiß-grün getragen. Am 24. Januar 1862 spaltete sich, anfangs in der Absicht, aktiver Politik zu treiben, die Burschenschaft Germania Greifswald von der Rugia ab. Im Sommersemester 1864 beteiligte sich Rugia an der Gründung des Eisenacher Burschenbundes, im Wintersemester 1874 des Eisenacher Deputierten-Conventes (EDC) und Sommersemester 1881 des Allgemeinen Deputierten Conventes (ADC) – der späteren Deutsche Burschenschaft (DB). Im November 1908 wurde ein Haus in der Salinenstrasse 47 erworben. 1913/14 präsidierte Rugia als Vorsitzende der Deutschen Burschenschaft.
mini|Die Rugia als Mitglied der Deutschen Burschenschaft (1915)
Juli 1919 war Rugia an der Gründung des Weißen Kreises in der DB beteiligt, mit dem im Mai 1922 die Weiße Arbeitsgemeinschaft in der DB gestiftet wurde. Am 27. Juni 1925 beteiligte sich Rugia mit Frankonia Bonn und Dresdensia Leipzig an der Gründung des Altweißen Kartells, dem sich in der Folge noch Alemannia Gießen, Germania Königsberg und Germania Straßburg zu Frankfurt anschlossen.
Im November 1934 trat Rugia aus der DB aus und schloss sich der Alten Burschenschaft an, die sich gegen Maßnahmen zur organisatorischen Gleichschaltung der Burschenschaften und gegen die Eingliederung in Strukturen des NSDStB wandte.vgl. Herbert Michaelsen: Zwei Jahre Kampf um die Burschenschaft. Mit einem Vorwort von Friedrich Klinge. Selbstverlag, Buchdruckerei P. Mathias, Meseritz (Grenzmark) 1935.Helma Brunck: Die Deutsche Burschenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Universitas, München 1999, ISBN 3-8004-1380-9, S. 333 ff. Am 5. Juli 1936 wurde die Aktivitas aufgelöst. Das Rugierhaus wurde zunächst an das Wehrkreiskommando vermietet und 1940 verkauft.
Die Altherrenschaften der Burschenschaften Rugia und vor allem der Germania unterstützten in der Folgezeit gemeinsam die neu aufgestellte Kameradschaft IV Konrad von Jungingen, in der sich nur zögerlich und teilweise burschenschaftliche Traditionen durchsetzten. Während des Krieges ruhte deren Aktivenbetrieb zeitweilig. Germania Greifswald vollzog am 25. März 1944 die Umgründung in die Altherrenschaft Konrad von Jungingen des NS-Altherrenbundes, während Rugia einen entsprechenden Beschluss unterließ. Das Verhältnis von Altherrenschaft und aktiver Kameradschaft blieb aber lose und die gegenseitige Anrede das formelle „Sie“. Mangels engerer persönlicher Beziehungen fanden auch nur zwei Kameraden nach dem Krieg Aufnahme in die Altherrenverbände, davon bei Rugia der 1944 aktiv gewordene Altherrensohn Dieter Berg (* 1922).Bernhard Grün: Zwischen Revolution und Rekonstitution – Die Kameradschaften des NSD-Studentenbundes und Altherrenschaften im NS-Altherrenbund an den deutschen Hoch- und höheren Fachschulen 1937 bis 1945. Teilband 4/III: Bereich NORD, Federsee-Verlag Bad Buchau 2025, ISBN 978-3-948502-24-9, S. 210–218.Dieter Berg schied im Mai 1978 aus dem Altherrenverband der Rugia aus. Außerdem wurde der 1937/38 aktiv gewordene und später gefallene Altherrensohn Jochen Struck (1916–1944) posthum als Angehöriger der Rugia betrachtet.Jens Carsten Claus: Die Mitglieder der Greifswalder Burschenschaft Rugia 1856–1944. In: Helma Brunck, Harald Lönnecker, Klaus Oldenhage (Hrsg.): „… ein großes Ganzes …, wenn auch verschieden in seinen Teilen“. Beiträge zur Geschichte der Burschenschaft (= Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, Band 19). Winter, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-8253-5961-4, S. 511.
Nach 1945 Auch in der 1949 gegründeten DDR waren Studentenverbindungen aus politischen Gründen generell verboten, weshalb das Verbindungsleben der Rugia in Greifswald erst seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 wieder auflebte.
Die Greifswalder Burschenschaft Rugia wurde infolge des Verbots der Wiedergründung in der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg am 10. Juni 1950 in Hannover als Altherrenverband rekonstituiert. Im Mai 1951 beteiligen sich die Alten Herren der Rugia mit denen der ebenfalls heimatvertriebenen Leipziger Burschenschaft Dresdensia in Frankfurt am Main an der Gründung der Burschenschaft Dresdensia-Rugia, die Februar 1969 suspendierte und am 22. Januar 1972 in Gießen rekonstituiert wurde.
Im Dezember 1989 wurde in Greifswald eine Burschenschaft Pommerania aus zwei verschiedenen Studentengruppen gegründet. Diese verschmolz im April 1990 zur Pommerania-Rugia und tritt ab September 1990 nur noch als Greifswalder Burschenschaft Rugia auf. Der Altherrenverband wurde unabhängig von der Burschenschaft Dresdensia-Rugia zu Gießen neu gegründet, wobei viele Alte Herren der Dresdensia-Rugia bei Rugia ein Zweitband aufnahmen. In der Folgezeit wurde ein freundschaftliches Verhältnis zur Dresdensia-Rugia Gießen gewahrt. Daneben besteht ein Freundschaftsverhältnis zu der Burschenschaft der Märker Berlin. Seit Wiederbegründung der Leipziger Burschenschaft Dresdensia im Jahr 2015 steht Rugia wieder mit dieser im Kartellverhältnis.
Die Rugia ist seit Mai 1994 wieder Mitglied im rechtsextremen Dachverband Deutsche Burschenschaft, in dem viele Burschenschaften in Deutschland und Österreich organisiert sind. 1997 wurde die Burschenschaft Rugia wegen Mitgliedermangels suspendiert, 1999 jedoch wieder reaktiviert.
2019 nahm der Verfassungsschutz des Landes Mecklenburg-Vorpommern die Organisation ins Visier. Begründet wird dies mit Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz, das in der Burschenschaft eine „Gruppierung mit rechtsextremistischen Bezügen“ sieht. Sie gehöre „zu den extrem rechten Auslegern der Szene“ und lehne die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland weitgehend ab.
Couleur und Haus mini|Haus der Rugia in Greifswald Die Farben der Rugia sind rot-weiß-grün und entsprechen den Farben des Greifswalder Stadtwappens. Es wird ein Burschenband mit ebendiesen Farben und silberner Perkussion getragen. Die Fuxia trägt selbiges, da es keine gesonderten Fuxenfarben gibt,Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig 1924/25, S. 54. um die Geschlossenheit des Bundes zu verdeutlichen.
Die Rugia ist in Besitz eines eigenen Verbindungshauses in Innenstadtlage.
Grundsätze der Rugia Der Wahlspruch lautet Nunquam retrorsum, der zusammen mit dem Wahlspruch der Deutschen Burschenschaft Ehre, Freiheit, Vaterland geführt wird. In ihrem Grundsatzprogramm tritt die Rugia für ein „freies, gleichberechtigtes und ungeteiltes deutsches Vaterland“ ein. Die Rugia setzt sich für die Beibehaltung einer freiheitlich demokratischen Grundordnung ein und fordert von ihren Mitgliedern „unbedingtes Eintreten für persönliche, geistige, politische und akademische Freiheit“. Wie andere Studentenverbindungen auch, vertritt die Rugia das Conventsprinzip, d. h., dass über alle wichtigen Entscheidungen demokratisch abgestimmt wird.
Die Burschenschaft nimmt weder Ausländer, noch Deutsche mit Migrationshintergrund auf.
Politische Einordnung Mehrere Mitglieder der Burschenschaft sind oder waren in verschiedenen rechtsextremen Gruppierungen tätig. So organisierten beispielsweise die Brüder Matthias und Stefan Rochow während der Zeit ihrer Mitgliedschaft zahlreiche Veranstaltungen und Presseaktionen für die vom Verfassungsschutz beobachtete Junge Landsmannschaft Ostpreußen. (PDF; 413 KB). Der NPD-Politiker und Holocaustleugner Rigolf Hennig war neben seiner Mitgliedschaft in der Greifswalder Rugia unter anderem in der Pennalen Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg und im Befreiungsausschuss Südtirol aktiv, die als rechtsextrem eingeordnet werden. Martin Behrens zufolge verstärke sich wie auch bei anderen Burschenschaften der Eindruck, dass sie als Kaderschmiede für die NPD und andere rechtsextreme Gruppen diene. Die Burschenschaft selbst gab die Zahl der Bundesbrüder mit NPD-Parteibuch 2006 mit „unter fünf Prozent“ an. Das Bekenntnis zur NPD sei eine „freie Meinungsäußerung“.
In den Jahren 2005 bis 2009 wurde über die verschiedenen Kontakte der Rugia in die rechtsextreme Szene mehrfach berichtet."Stramme Burschen", Frankfurter Rundschau, 15. März 2005"Verbindungen mit Rechts", Ostseezeitung, Artikel vom 30. März 2006"Deutschland über alles! Burschenschaften heute" Deutschlandfunk, Sendung vom 5. Februar 2008 Zwei der betroffenen Mitglieder, darunter Mathias Rochow und Stefan Rochow verließen die Burschenschaft in den folgenden Jahren wieder, andere wie Rigolf Hennig blieben.
Mehrfach richtete die Rugia Veranstaltungen mit Rechtsextremisten aus. Im Jahr 2004 hielt der Rechtsextremist Reinhold Oberlercher einen Vortrag.Semesterprogramm der Burschenschaft Rugia Greifswald WS 2004/2005Likedeeler Sonderausgabe Frühjahr 2006 (PDF; 140 KB). Ein geplanter Vortrag des Generalmajors a. D. Gerd Schultze-Rhonhof im November 2005 rief Kritik von Teilen der Greifswalder Studierendenschaft hervor. Schultze-Rhonhof sollte auf Einladung der Greifswalder Burschenschaft Rugia im Audimax der Universität Greifswald einen Vortrag über sein Buch 1939 – der Krieg, der viele Väter hatte halten. Die zunächst von Universitätskanzler erteilte Erlaubnis wurde jedoch durch den Rainer Westermann wenige Stunden vor Beginn der Veranstaltung widerrufen und musste deshalb im Verbindungshaus der Rugia stattfinden.„Staatsschützer werfen Schatten auf Rugia“, Ostseezeitung, Artikel vom 25. November 2005.
Im April 2009 wurde bekannt, dass der CDU-Kommunalwahlkandidat in Neubrandenburg, Steffen Bülow, ein Alter Herr der Burschenschaft Rugia ist. Nachdem die lokale Presse darüber berichtete und eine Verbindung Bülows ins rechtsextreme Lager vermutete, gab die CDU bekannt, an Steffen Bülow als Kandidaten festzuhalten.„CDU stellt sich hinter Bülow“, Nordkurier, Artikel vom 9. April 2009. Dieser räumte ein, Mitglied der Rugia zu sein, aber nach eigener Aussage nicht mit den rechtsextremen Tendenzen anderer Mitglieder der Rugia konform zu gehen.
Bekannte Mitglieder mini|hochkant|Felix Martin Oberländer Adolf Brieger (1832–1912), Gymnasialprofessor, Dichter Heinrich Kreplin (1834–1909), Gründungsmitglied, geodätischer Ingenieur und Kartograf Rudolf Arndt (1835–1900), Direktor des psychiatrischen Instituts in Greifswald. Hugo Lemcke (1835–1925), Gymnasialprofessor und Schuldirektor, Geheimer Regierungsrat, Altertumsforscher in Stettin, Vorsitzender der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde Bernhard Sprickmann Kerkerinck (1837–1915), Ehrenbürger der Stadt Emmerich am Rhein Carl Pauli (1839–1901), bedeutender Forscher der etruskischen Sprache Gustav Kühn (1840–1892), Vorsteher der landwirtschaftlichen Versuchsstation Möckern, bedeutender Agrarwissenschaftler Otto Wenzel (1840–1929), Journalist, Genossenschaftsdirektor, Gründungsmitglied des Reichsverbandes der Deutschen Presse Otto Caspari (1841–1917), Philosoph