Die Sopwith 1½ Strutter waren britische Doppeldecker-Kampfflugzeuge des Ersten Weltkrieges. Sie wurden als ein- oder zweisitzige Bomber und als doppelsitzige Aufklärer und Jagdflugzeuge eingesetzt.

Entwicklung Im Sommer 1915 suchten die britische Admiralität und das War Office dringend nach einem mit Maschinengewehr bewaffneten Kampfflugzeug und Bomber. Die enge Kommunikation zwischen der Admiralität und deren Lieferant Sopwith führte dazu, dass dieses Thema intensiv von Thomas Sopwith, Werksleiter Fred Sigrist, Chefpilot Harry Hawker und den beiden Leitern der Konstruktionsbüros R. J. Ashfield und Herbert Smith aufgegriffen wurde. Erfahrungen mit dem früheren Rekordflugzeug Sopwith Tabloid, mit Fred Sigrists zweisitzigen Werksflugzeug „Sigrist Bus“, mit dem Hawker am 6. Juni 1915 die bemerkenswerte Höhe von 5600 Metern erreicht hatteJ. M. Bruce: The Sopwith 1½ Strutter. Profile Nr. 121, Profile Publications, Leatherhead, S. 3. und mit dem von Herbert Smith gebauten „Sopwith LCT“ oder "Land Clerget Tractor" (benannt nach seinem 110 PS-Clerget-Motor mit Zugpropeller) mündeten in den Vorschlag für ein kleines zweisitziges Flugzeug mit 80 PS (60 kW) Gnome-Umlaufmotor ein, den Sopwith der Admiralität unterbreitete.Francis K. Mason: The British Fighters since 1912. Putnam Aeronautical, London 1979, ISBN 978-0-85177-852-5.

Der Rumpf der Maschine sollte aus einer konventionellen, im hinteren Teil mit Stoff bespannten Holzkonstruktion bestehen; Bug und Motor sollten mit Aluminiumblech verkleidet, Steuer- und Tragflächen aus verschweißten Stahlrohren gefertigt und mit Leinwand bespannt werden. Die einstielig gestützte obere Tragfläche sollte wie bei der „Sopwith LCT“ mittig durch zwei W-förmigen Streben mit dem den Rumpf verbunden werden, weshalb der Typ später statt der üblichen Bezeichnungen wie „Scout“ oder „Bullet“ die merkwürdige Bezeichnung „1½ Strutter“ (=„Eineinhalbstreber“) erhielt.

Der Kraftstofftank war zwischen Pilot und Beobachter in der Mitte des Rumpfes untergebracht, um so Schwerpunktverschiebungen durch den Kraftstoffverbrauch während des Fluges zu minimieren. Dem gleichen Zweck diente das verstellbare Höhenleitwerk, das der Pilot per Handrad zur Horizontaltrimmung der Fluglage anpassen konnte, was sich Harry Hawker später patentieren ließ. Eine weitere Innovation waren die neben dem Rumpfansatz auf der unteren Tragfläche angebrachten Bremsklappen, welche die Landegeschwindigkeit abbremsen, die Landestrecke verringern und zusammen mit der neuen stoßdämpfenden Einzelradaufhängung am Fahrgestell eine sichere Landung auf holprigen Feldflugplätzen gewährleisten sollte.Beschreibung (russisch) – aufgerufen am 14. März 2024.

Vor allem sollte der Sopwith 1½ Strutter das erste britische Flugzeug werden, dessen Maschinengewehr durch den Propellerkreis feuern konnte. Hauptsächlich verwendet wurde das vom russischen Korvettenkapitän Viktor Vladimirovič Dybóvskij für das RNAS entworfene und Warrant Officer F. W. Scarff von der Luftabteilung der Admiralität zur Produktionsreife verbesserte „Scarff-Dibovsky“-Synchronisationsgetriebe, in zweiter Linie auch das von Sopwiths Monteur Harry (H. A.) Kauper entwickelte Sopwith-Kauper-Getriebe; das unzuverlässigere Vickers-Challenger-Synchronisationsgetriebe setzte sich nicht durch.vgl. Horace Frederic King: Sopwith Aircraft 1912-1920. Putnam, London 1981, ISBN 978-0-370-30050-4.

Neben dem 7,62-mm-Vickers-MG für den Piloten erhielt der im Cockpit dahinter platzierte Beobachter, der über ein gutes Sicht- und Schussfeld verfügte, ein drehbares 7,62-mm-Lewis-MG, das zunächst auf eine Etévé- oder eine Lewis-Lafette, später aber auf den Dreharm der ebenfalls von Scarff entwickelte Drehring-Lafette montiert wurde, die als "Scraff-Ring" zum Standard bei britischen Kampfzweisitzern wurde. Für das Vickers-MG wurden 300 Schuss und für das Lewis-MG fünf Patronentrommeln mit 97 Schuss an Bord mitgeführt.

Produktion

Der im Auftrag der Admiralität gebaute Prototyp No. 3686 wurde vom 16. Dezember 1915 bis zum 24. Januar 1916 trotz widriger Wetterverhältnisse erfolgreich getestet und im Februar unter der Bezeichnung Admiralty Type 6400S vom Royal Naval Air Service (RNAS) als eines der mit den Nummern 9376 bis 9425 georderten 50 Flugzeuge übernommenJ. M. Bruce: The Sopwith 1½ Strutter. Profile Nr. 121, Profile Publications, Leatherhead, S. 3, deren Produktion bereits angelaufen warJ. M. Bruce: Sopwith 1½ Strutter. Windsock-Datafile 34, Albatros Productions, Berkhamstead 1992, S. 3. Es folgten 192 Bestellungen des zweisitzigen Bombers Admiralty Type 6700S und der Einsitzer-Version Admiralty Type 6700; letztere wurden zum Einsatz als Langstreckenbomber anstelle des Beobachtercockpits mit einem Zusatztank versehen. Außerdem wurden vier 23-kg-(50-lbs.)- oder 29-kg-(65-lbs.)-Bomben horizontal im vormaligen Beobachtercockpit aufgehängt, die beim Abwurf durch die vier darunter befindlichen Falltüren hinabfielen. Angetrieben wurden diese Flugzeuge von einem 110 PS (82 kW) starken Clerget-9Z-Umlaufmotor, ab Herbst 1916 gefolgt vom 130 PS (97 kW) leistenden Clerget 9B. Als Bewaffnung wurde das synchronisierte Vickers-MG beibehalten und manchmal auch zusätzlich ein Lewis-MG auf die obere Tragfläche montiert.Horace Frederic King: Sopwith Aircraft 1912-1920. Putnam, London 1981, ISBN 978-0-370-30050-4.

Insgesamt ließ die Royal Navy 172 einsitzige Bomber bei Sopwith, Westland und Mann, Egerton & Co bauen.Francis K. Mason: The British Fighters since 1912. Putnam Aeronautical, London 1979, ISBN 978-0-85177-852-5 Im April folgten die ersten Bestellungen durch das War Office für das Royal Flying Corps (RFC), das zum Ausgleich seiner schweren Verluste bei der Somme-Offensive im Sommer 70 weitere Flugzeuge als Abgabe vom RNAS erhielt.

Insgesamt wurden beide britische Teilstreitkräfte von acht verschiedenen Herstellern (Sopwith, Fairey Aviation, Hooper & Co, Mann, Egerton & Co, Ruston, Proctor & Co, Vickers Ltd, Wells Aviation und Westland) mit 1520 Sopwith 1½ Struttern geliefert.

Einsatz

Die Sopwith 1½ Strutter sollten ab April 1916 die veralteten Vickers Gunbus, Airco D.H.1 und Royal Aircraft Factory F.E.2 mit ihren Druckpropellern und Gitterrümpfen ablösen, welche unter der Luftüberlegenheit der deutschen Fokker-Eindecker hohe Verluste erlitten.

Einsätze durch den RNAS

Die ersten Sopwith 1½ Strutter bzw. Admiralty Type 6700 gingen im April 1916 an das No. 5 Wing des RNAS in Coudekerque, um die schwerfälligen Caudron G.IV und Breguet Bre.5 des Geschwaders zu eskortieren.J. M. Bruce: The Sopwith 1½ Strutter. Profile Nr. 121, Profile Publications, Leatherhead, S. 5Owen Gordon Thedford: British Naval Aircraft since 1912. Naval Institute Press; 6. Auflage 1991, ISBN 978-1-55750-076-2. Das ab Mai 1916 für strategische Bombenangriffe neu aufgestellte No. 3 Wing des RNAS, das für strategische Bombenangriffe auf eine Stärke von 100 Flugzeugen gebracht werden sollte, erhielt seine geplanten 20 1½ Strutter wegen der vordringlichen Abgaben an des RNAS an das RFC erst im Oktober 1916 und flog damit vom Flugplatz in Luxeuil bei Belfort Bombeneinsätze gegen Industrieziele in Hagendingen, Dillingen und an der Saar. Das Wing eskortierte zudem die Farman- und Breguet-Michelin-Bomber der französischen 4ème Groupe de Bombardement, etwa beim Angriff gegen die Benzinlager in Mülheim am 30. Juli 1916 oder am 12. Oktober 1916, als es mit 13 Sopwith 1½ Strutter und sechs Breguet 5 eine französische Formation aus elf Farman F.42, sieben Breguet IV und einer Breguet V begleitete. Deren Angriff traf jedoch anstatt der Mauserwerke in Oberndorf irrtümlich Donaueschingen, wobei sechs französische und drei britische Flugzeuge abgeschossen wurdenBeschreibung (russisch) – aufgerufen am 14. März 2024. Hinzu kamen gemeinsame Bombenangriffe beider Wings auf die Luftschiffstationen in Evere, Berchem / Ste. Agathe und Cognelee, das Munitionslager in Lichtervelde und die Werften in Hoboken. Anfang 1917 gingen die Sopwith 1½ Strutter auch an die Wings 1, 2 und 6. Die 1½-Strutter der Seeflugzeugstationen Mullion, Pembroke und Prawle Point führten ab April 1917 U-Boot-Patrouillen an der Küste durch. Ebenso wurden die Flugzeuge des RNAS ab Juni 1917 im Mittelmeer eingesetzt, wo sie von den Seeflugzeugstationen und Flugplätzen in Otranto, Smyrna und den Ägäisinseln aus Einsätze zur U-Boot-Abwehr sowie als Bomber ausführten. Unter besonderer Geheimhaltung wurden Versuche durchgeführt, die 1½-Strutter bordgestützt auf Kriegsschiffen zu verwenden. Im März 1918 misslang zwar der erste Start einer 1½-Strutter von der Turmplattform des Schlachtkreuzers Repulse, aber am 4. April 1918 gelang es Captain F. M. Fox mit seinem mit Funk-Telegraph und Signallampe ausgerüsteten Beobachter von einer Plattform auf dem Q-Turm des australischen Schweren Kreuzers Australia zu starten. Danach wurden immer mehr Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer mit zweisitzigen Aufklärungsflugzeugen – meist 1½ Strutter – ausgerüstet, um per Funk die Feuerleitung der schweren Schiffsgeschütze zu übernehmen. Erst nach dem Krieg erschien dazu der Bericht eines Seeoffiziers: "Mein Schiff hatte eine Camel und einen 1½-Strutter an Bord. Diese wurden auf unseren Geschütztürmen getragen. Die 1½-Strutter wurde zu Aufklärungszwecken eingesetzt, und die Camels des Geschwaders führten Formationsflüge durch. Die Art der Auslösung erfolgt durch einen "Schnellstarter". Vor dem Abflug dampft das Schiff etwa 30° gegen den Wind und richtet den Turm dann um 30° in den Wind. Die Schutzklemmen werden von den Querrudern, Höhenrudern und Seitenrudern abgenommen und der „Schnellstarter“ vorbereitet. Der Pilot startet dann den Motor und lässt ihn allmählich bis zur maximalen Umdrehung hochlaufen. Auf sein Handzeichen lassen die Männer, die die Vorderkante des unteren Flugzeugs festhalten, los und geben die Maschine frei, und auf ein weiteres Signal, gewöhnlich eine vom zuständigen Offizier geschwenkte Flagge, zieht der Luftfahrzeug-Mechaniker den „Schnellstarter“, woraufhin die Maschine startet und von der Plattform abhebt. Bis dahin hält allein der Schnellstarter allein, während der Motor läuft, die Maschine. (…) Die Strecke zum Abheben beträgt nicht mehr als 9 Meter." Am Ende des Krieges verfügte die Grand Fleet über mehr als 100 solcher Bordflugzeuge und 22 Kreuzer mit Startplattformen.

Einsatz durch das RFC und die RAF

Die ersten an das RFC gelieferten Sopwith 1½ Strutter wurden dem ‚A‘- und dem ‚B‘-Flight der No. 70 Squadron des Royal Flying Corps in Fienvillers zugeteilt und zusammen mit den Martinsyde Elefants der No. 27 Squadron bei der Schlacht an der Somme eingesetzt. Im Oktober 1916 ging die No. 45 Squadron mit elf Sopwith 1½ Strutters in Fienvillers in den Einsatz; Captain Geoffrey Hornblower Cock wurde mit 13 Luftsiegen zum erfolgreichsten Jagdflieger auf einer Strutter.