Unter einem makroökonomischen Schock versteht man in der Wirtschaft meist exogene Ereignisse, die erheblich auf eine Volkswirtschaft einwirken. Der Begriff stammte ursprünglich aus der Medizin, wo er für den Menschen als lebensbedrohliches Zustandsbild gilt. Die Medizin übernahm ihn als Anglizismus (). In der Makroökonomie beschreibt er ein plötzliches, also nicht geplantes und nicht erwartetes massives Ereignis, das die Marktteilnehmer überrascht („schockiert“) und auf das sie nicht sofort und angemessen reagieren können. Schocks sind die exogene Veränderung von Gesamtnachfrage oder Gesamtangebot.Axel Börsch-Supan/Reinhold Schnabel, Volkswirtschaft in fünfzehn Fällen, 1998, S. 294 Schocks sind die Veränderungen exogener Größen, die sich auf endogene Größen auswirken.Frank C. Englmann, Makroökonomik, 2007, S. 64 Eine Anpassung ist kurzfristig () für Marktteilnehmer nicht möglich wegen verschiedener Verzögerungseffekte (Wahrnehmung des Schocks, Entscheidungen und deren Umsetzung), so dass erst eine mittel- oder langfristige Reaktion () möglich ist.
Ursachen Ein beliebiger Auslöser (), der zur Verunsicherungen an den Börsen oder anderen Märkten führt, verursacht weltweit in Wirtschaftszweigen, die die Voraussetzungen für einen Trendbruch aufweisen, einen Schock.Peter Meier, Die Wirtschaft als schwingendes System, 2019, S. 132 Ursachen können politischer, psychologischer, wirtschaftlicher oder sonstiger Natur sein. Zu den politischen Ursachen gehören beispielsweise Kriege (Bürgerkriege, Handelskriege) oder Staatskrisen (Revolution, Verschuldungskrise), psychologische zeigen sich durch große Ungewissheiten oder Unsicherheiten, wirtschaftliche Ursachen (Finanzkrisen, Marktentwicklung, Marktstörungen, Spekulationsblasen, Strukturwandel, Unternehmenskrisen, Versorgungskrisen), sonstige sind etwa Naturkatastrophen, Pandemien, Technologien oder Terrorismus.
Die Ursachen können auch systematisiert werden nach ihrer auslösenden ökonomischen Größe in Konjunkturschocks, Kreditschocks, Liquiditätsschocks und Preisänderungsschocks.Joachim Bonn, Bankenkrisen und Bankenregulierung, 1998, S. 321 ff. Konjunkturschocks können etwa durch eine Branchenkrise ausgelöst werden, die wiederum zu Kreditschocks führen kann. Sie treten auf, wenn der Schuldendienstdeckungsgrad bedeutender Schuldner oder ganzer Branchen nicht mehr gegeben ist und dadurch ihre Kreditgeber ebenfalls in eine Unternehmenskrise geraten oder durch eine Kreditklemme. Folge hiervon wiederum können Liquiditäts- und Preisänderungsschocks sein, die zu Unternehmenskrisen führen können und sich als Contagion-Effekt über Dominoeffekte auf die Volkswirtschaft oder Weltwirtschaft auswirken können. Die größte Bankenpleite von Lehman Brothers im September 2008 löste weltweit einen Schock an den Finanzmärkten aus, zumal die Marktteilnehmer von einer Rettung ausgingen, so dass der Interbankenhandel und der Derivatemarkt gänzlich zusammenbrachen.Thomas Hartmann-Wendels, Geringe Eigenkapitaldecke, mangelhafte Transparenz und Fehlanreize, in: Wirtschaftsdienst 88 (11), 2008, S. 708
Arten Schocks sind wie folgt zu systematisieren: Positive oder negative Schocks: Je nachdem, ob Schocks vorteilhaft oder nachteilig für die Gesamtwirtschaft sind, spricht man generell von positiven oder negativen bzw. günstigen oder ungünstigen Schocks.Axel Börsch-Supan/Reinhold Schnabel, Volkswirtschaft in fünfzehn Fällen, 1998, S. 294. Für die Bezeichnung „günstig“ und „ungünstig“: Rüdiger Dornbusch/Stanley Fischer/Richard Startz, Makroökonomik, 2003 Im Folgenden werden nur die negativen Schocks unterstellt. Monetäre oder reale Schocks: Die monetären Schocks betreffen die Finanzwirtschaft, reale die Realwirtschaft. Monetäre Schocks lösen relativ starke kurzfristige Wechselkurseffekte aus, weil sie über das System der rascher reagierenden Finanzmärkte erst verzögert auf die Gütermärkte einwirken. Realwirtschaftliche Schocks (etwa autonome Angebots- oder Bedarfsverschiebungen) entstehen im güterwirtschaftlichen Sektor und lösen erst nach Reaktion des Gütermarktes auch Anpassungsprozesse der Finanzmärkte aus.Willi Albers (Hrsg.), Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, Band 9, 1982, S. 757 Angebots- oder Nachfrageschocks: Ein negativer Angebotsschock stellt Rudiger Dornbusch zufolge eine wirtschaftliche Störung dar, deren erster Einfluss in einer Verschiebung der aggregierten Angebotskurve nach links besteht.Rudiger Dornbusch/Stanley Fischer/Richard Startz, Makroökonomik, 2003, S. 157 f. Sie führen dazu, dass das Preisniveau steigt und das Marktvolumen sinkt.Rüdiger Dornbusch/Stanley Fischer/Richard Startz, Makroökonomik, 2003, S. 158 Sind Marktpreise und Marktvolumen negativ korreliert, handelt es sich um einen realen Angebotsschock, sind sie positiv korreliert, liegt ein realer Nachfrageschock vor.Michael Bruno/Jeffrey D Sachs, Economics of Worldwide Stagflation, 1985, ISBN 0674493044, S. 112 ff. Negative Nachfrageschocks verschieben die Nachfragekurve nach links und führen dazu, dass das bisherige Produktionsvolumen nicht mehr aufrechterhalten werden kann, so dass es zu den herrschenden Faktorpreisen nicht rentabel ist, die Beschäftigung aufrechtzuerhalten; es entsteht Arbeitslosigkeit.Rudolf Henn (Hrsg.), Technologie, Wachstum und Beschäftigung, 1987, S. 740 Regierungen reagieren oft mit stabilisierenden Stützungsprogrammen, so dass die Staatsausgaben steigen und die Staatsverschuldung zunimmt. Symmetrische oder asymmetrische Schocks: Von symmetrischen Schocks werden alle Staaten gleich und in der gleichen Richtung getroffen. Verhalten sich Staaten auf gleiche Schocks dagegen unterschiedlich und/oder wirken sich Schocks nur auf bestimmter Länder oder Wirtschaftszweige aus oder es unterscheidet sich die Richtung, handelt es sich um asymmetrische Schocks.Norbert Schuppan, Die Euro-Krise, 2014, S. 6 Symmetrische Schocks werden in diesem Zusammenhang alle realen oder monetären Angebots- und Nachfragestörungen genannt, die eine relative Mengen- oder Preisanpassung zwischen dem Inland und Ausland erfordern.Springer Fachmedien Wiesbaden (Hrsg.), Kompakt-Lexikon Internationale Wirtschaft, 2013, S. 414 Temporäre oder permanente Schocks: Temporäre Schocks werden durch lediglich vorübergehende Schwankungen etwa der Rohstoffpreise (symmetrisch) oder der Beschäftigung in einer Volkswirtschaft (asymmetrisch) hervorgerufen.Norbert Schuppan, Die Euro-Krise, 2014, S. 6 Permanente Schocks sind häufig das Ergebnis mittel- oder langfristiger Ungleichgewichte der Gesamtwirtschaft (Konsum, Staatsverbrauch, Investitionen oder Außenbeitrag). Exogene und endogene Schocks: Exogene Schocks treffen einen Staat oder einen Markt von außen und wirken hierauf ein. Auch endogene Schocks sind möglich und haben ihren Ursprung im Marktmechanismus. Beispielsweise können Unternehmen in der Expansion dazu neigen, die Nachfrage zu überschätzen und Erweiterungsinvestitionen vorzunehmen, die nicht voll ausgelastet werden können und zu Leerkapazitäten oder Überkapazitäten mit anschließender Rezession führen. Der Nixon-Schock vom März 1973 war beispielsweise ein symmetrischer, permanenter, negativer Angebots- und Nachfrageschock durch das Bretton-Woods-System.Dieter Duwendag, Geld- und Währungspolitik in kleinen, offenen Volkswirtschaften, 1994, S. 20 FN 6 Der Ölpreisschock 1973/1974 war ein symmetrischer, permanenter, negativer Angebotsschock. Die Weltfinanzkrise ab 2007 ist als symmetrischer, permanenter, negativer Angebots- und Nachfrageschock einzustufen mit der Folge größerer Angebots- oder Bedarfsverschiebungen.
Wirtschaftliche Aspekte Makroökonomische Schocks stören das gesamtwirtschaftliche Marktgleichgewicht, so dass dynamische Übertragungseffekte ausgelöst werden. Durch daraus entstehende Anpassungsprozesse wird ein neues gesamtwirtschaftliches Marktgleichgewicht wiederhergestellt. Ein exogener Schock definiert sich als eine überraschende Änderung exogener Variablen. Es handelt sich um ein einmaliges Ereignis, dessen Ausmaß und Zeitpunkt von den Wirtschaftssubjekten nicht antizipiert werden kann. Er zieht meist Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur und weitere, nachlaufende Anpassungsprozesse nach sich.
Theoretische Grundlage der Schocks ist das 1936 von John Maynard Keynes entwickelte IS-LM-Modell, das bei der Güternachfrage eine Verschiebung der IS-Kurve und bei der Geldnachfrage eine Verschiebung der LM-Kurve vorsieht. Aus der Sicht von Keynes werden Rezessionen nicht durch negative Angebotsschocks, sondern durch eine zu geringe Nachfrage ausgelöst.David Miles/Andrew Scott/Francis Breedon, Makroökonomie, 2014, S. 321 Das Multiplikator-Akzelerator-Modell von Paul A. Samuelson und John R. Hicks (1939/1950) geht davon aus, dass ein exogener Schock größere Schwingungen nach sich zieht.Peter Meier, Die Wirtschaft als schwingendes System, 2019, S. 111 Die ältere Theorie optimaler Währungsräume von Robert Mundell (1961) sah den Wechselkurs als Mittel zur Überwindung asymmetrischer Schocks, welche die Länder einer Währungsunion in unterschiedlichem Ausmaß treffen würden, wobei sie vor allem Nachfrageschocks in den Vordergrund stellte.Michael Artis, Should the UK join EMU?, 2000, S. 72 Das von Rudiger Dornbusch 1976 entwickelte Modell versucht das Phänomen des „Overshooting“ zu erklären, also das Überschießen des nominalen Wechselkurses im Anschluss an einen monetären Schock. Danach reagiert der Wechselkurs kurzfristig auf einen exogenen Schock heftiger als langfristig. Das Überschießen kann die Entstehung von Spekulationsblasen zur Folge haben, die eine eigenständige Schockursache darstellen.
Ein Angebotsschock stellt Dornbusch zufolge eine wirtschaftliche Störung dar, deren erster Einfluss in einer Verschiebung der aggregierten Angebotskurve besteht.Rudiger Dornbusch/Stanley Fischer/Richard Startz, Makroökonomik, 2003, S. 157 f. So führte der Ölpreisschock zwischen 1971 und 1974 durch eine Vervierfachung des Ölpreises zu einer Rezession in den Jahren zwischen 1973 und 1975. Entsprechend werden aggregierte Nachfrageschocks bei Änderungen der Staatsausgaben, der Staatsschulden und des Leitzinses untersucht.Andreas Bley, Bestimmungsgründe von Arbeitsfluktuation und Arbeitslosigkeit, 1999, S. 208 Ein Sättigungsschock liegt vor, wenn das Marktwachstum seinen Höhepunkt erreicht hat und gleichzeitig die Erweiterungsinvestitionen ihr Maximum erreichen.Peter Meier, Die Wirtschaft als schwingendes System, 2019, S. 118
Die Finanz- und Konjunkturpolitik muss ihre Instrumente auf alle möglichen Arten von Schocks ausrichten, wobei für deren Bekämpfung die Staatseinnahmen und Staatsausgaben zur Verfügung stehen.Norbert Schuppan, Die Euro-Krise, 2014, S. 12 So kann auch die Steuerpolitik zur Reaktion auf Schocks genutzt werden, während die Ausgabenpolitik gezielte antizyklisch wirkende Konjunkturprogramme generieren kann.
Nachfrageschocks werden in der Europäischen Union durch expansive Geldpolitik bekämpft.
Angebotsschocks zu bekämpfen ist etwas schwieriger: Eine expansive Geldpolitik würde das Realproduktionsniveau stabilisieren, aber auch die Inflation erhöhen. Eine kontraktive Geldpolitik würde die Inflation verringern, aber auch den Produktionsrückgang verstärken. Regierungsseitig sollte durch geeignete Angebotspolitik reagieren. Die Gewerkschaften sollten die Reallohnsteigerungen an die Produktivitätsentwicklung anpassen.
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