Emma Eckstein (* 28. Januar 1865 in Gaudenzdorf, Kaisertum Österreich; † 30. Juli 1924 in Wien) war eine österreichische Publizistin, Frauenrechtlerin und Kinderbuchautorin. Prominenz erlangte sie vor allem als eine von Sigmund Freuds wichtigsten frühen Patientinnen.
Leben und Publikationen mini|Emma Eckstein 1895Das Original dieser Fotografie befindet sich in der Library of Congress; vgl. hierzu Eli Zaretsky: Freuds Jahrhundert, Die Geschichte der Psychoanalyse. dtv, München 2009, Bildnachweis S. 619
Emma Eckstein war Mitglied einer prominenten jüdischen Familie mit engen Verbindungen zu Freud. Nach dem frühen Tod des Vaters, des Chemikers und Erfinders Albert Eckstein, übernahm die Mutter die Leitung der durch ihn gegründeten Papierfabrik. Emma hatte neun Geschwister: fünf Schwestern und vier Brüder. Zwei Brüder starben schon im Kindesalter.Vgl. hierzu und dem Folgenden: Einer ihrer Brüder war der Polyhistor Friedrich Eckstein, ein anderer Gustav Eckstein (1875–1916), ein Sozialdemokrat und Genosse des deutsch-tschechischen Philosophen und sozialdemokratischen Politikers Karl Kautsky; ihre zwei Jahre ältere Schwester, Therese Schlesinger, eine der ersten weiblichen Mitglieder des Nationalrates, war eine Anhängerin Freuds und suchte die Psychoanalyse zum Gegenstand sozialdemokratischer Politik zu machen.Vgl. dazu: Biografie von Therese Schlesinger auf biografiA Emma scheint selbst aktiv an der Wiener Frauenbewegung beteiligt gewesen zu sein: Beide Schwestern waren Mitglied im linksliberal orientierten Allgemeinen österreichischen Frauenverein.Vgl. Sie waren verwandt mit dem Arzt und Psychoanalytiker Paul Federn. Ihr Neffe war Albert Hirst, der im Herbst 1909 bei Freud eine Behandlung begann.Vgl. Masson (1984), S. 270 f., sowie:
Emma Eckstein war mit der Familie Freud befreundet; insbesondere mit Minna Bernays, der Schwester von Freuds Gattin Martha. Die Familien Freud und Eckstein verbrachten gemeinsame Urlaube.Lisa Appignanesi, John Forrester: Die Frauen Sigmund Freuds. München (dtv) 1996, S. 192 f. Seit 1905 führte Emma zusammen mit ihrer früh verwitweten Schwester Therese, der Mutter Amalie und dem Bruder Gustav einen gemeinsamen Haushalt.
Um die Jahrhundertwende veröffentlichte Emma Eckstein unter dem Einfluss ihrer Gespräche mit Freud einige Texte, in denen sie zu Fragen der Sexualerziehung Stellung nahm.
1899 erschien in der sozialistischen Zeitschrift Die neue Zeit ein Aufsatz zur sexuellen Aufklärung von Kindern, in dem sie die erzieherische Dringlichkeit einer kindgemäßen Darstellung des elterlichen Geschlechtsverkehrs betont. Da das Kind weder Scham noch sexuelle Empfindungen kenne, solle der Geschlechtsakt als Zeugungswunsch der Eltern und Ausdruck von Liebe und Zärtlichkeit dem Kind verständlich und emotional zugänglich gemacht werden.Original in: Die neue Zeit, Revue des geistigen und öffentlichen Lebens, 18 (1899–1900), S. 666–669 Emma Eckstein, Eine wichtige Erziehungsfrage (PDF, 300 kB, abgerufen am 18. Dezember 2012); Vgl. auch Masson (1984), Anhang A: Freud und Emma Eckstein, S. 263ff. Diesen Aufsatz erwähnte Paul Federn eine gute Dekade später in einer Sitzung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1911 als frühes Zeugnis einer im Sinne Freuds zu gestaltenden, nicht unterdrückenden Sexualerziehung. Protokoll der 125. Sitzung am 4. Januar 1911 (PDF, 1009 kB), S. 6 des Dokuments. (abgerufen am 6. Januar 2013)
An gleicher Stelle polemisierte sie in einer späteren Rezension gegen eine mütterliche Erziehung, die den Töchtern Triebangst und Schamgefühl (wegen eines unehelichen Kindes) vermittelt.Die neue Zeit, Revue des geistigen und öffentlichen Lebens, 21, Nr. 24 (1902–1903), S.768; (abgerufen am 18. Dezember 2012)
Ist der Tenor ihrer Publikationen häufig der Hinweis auf die Seelenqualen und Tagträumereien v. a. junger Frauen, die durch fehlende oder unzulängliche Sexualaufklärung verursacht sind, so wendet sie sich in Das Dienstmädchen als Mutter (1900) dem juristischen Aspekt des Themas zu: der strafrechtlichen Behandlung der Verführung unerfahrener Mädchen vom Lande durch seine Dienstherrn in der Gastfamilie: Die zeitgenössische Gesetzeslage schütze die Familienangehörigen vor solchen Übergriffen seitens des Personals, welche als strafwürdiges Vergehen angesehen seien; sie schütze aber nicht die Ehre des Mädchens, das sich in familiärer Obhut glaubt.Das Dienstmädchen als Mutter in: Dokumente der Frauen,2, Nr. 14 (1899–1900), hrsg. von Auguste Fickert, Marie Lang und Rosa Mayreder, S. 594–598; referiert nach Masson (1984), S. 272
In Die Vorbereitung der Frau zur Lebensarbeit von 1899 setzt Eckstein sich zustimmend mit den Ansichten der Münchener Ärztin Dr. Adams-Lehmann auseinander: Diese fordert eine physische Ertüchtigung in der Mädchenerziehung und Aufhebung beruflicher Einschränkung für Frauen.in: Dokumente der Frauen. Bd. 2, Nr. 19 (1899)
In einer durch Freud kritisch begleiteten und durch Leihgaben aus seiner Fachbibliothek unterstützten Broschürevgl. Lisa Appignanesi, John Forrester: Die Frauen Sigmund Freuds. München (dtv) 1996, S. 192: Emma hatte seit 1902 an dieser Broschüre gearbeitet, die zuletzt Freuds Zustimmung fand: Laut Appignanesi und Forrester (…) lobte (er) (…) die Endfassung und gab dem Text in Anlehnung an Emmas pädagogischen Ton den Spitznamen "Das Licht der Welt" (ebd.) von 1904, Die Sexualfrage in der Erziehung des Kindes befasst sie sich unter Berufung auf die zeitgenössische Wissenschaft und führende Psychiater mit der Schädlichkeit kindlicher Masturbation:
Sie empfiehlt die Verbündung des Erziehers mit dem gesunden Willen des Kindes mit dem Ziel, die Verachtung des Kindes für solche Regungen zu bestärken.Die Sexualfrage in der Erziehung des Kindes, Leipzig: Curt Weigand, 1904 (38 Seiten); Zitat und Referat nach Masson (1984), S. 267 ff.
Motiv solcher kindlicher Selbstbefriedigung sei die Entschädigung für entzogene Liebe, der Mangel elterlicher Zuwendung.Vgl. Masson (1984), S. 270; Masson macht darauf aufmerksam, wie sehr diese Beurteilung von den früheren Freudschen Ansichten zur (infantilen) Masturbation abweicht; Bertrand Vischyns Artikel zu Emma Eckstein sieht in dieser Abkehr Ecksteins von Freuds Auffassung den eigentlichen Bruch der Beziehung begründet, den er entsprechend auf 1905 datiert.(s. Weblinks)
Im Zusammenhang mit dieser Publikation kam es um 1905 schließlich zu einem Streit zwischen Freud und Eckstein. Freud sah sich – offenbar durch eine Suizidandrohung seitens der Eckstein genötigt -,Masson (1984), S. 276, Brief an Eckstein vom 11. Februar 1905 trotz ablehnender Bescheide seitens der Presse, zu weiteren Bemühungen veranlasst, eine wohlwollend kritische Rezension zu platzieren. Im Anschluss daran ging es um den Wunsch Emmas, erneut (und ohne Berechnung) therapiert zu werden, den Freud, der mittlerweile vielbeschäftigt war, zumindest vorläufig ablehnen musste. Emma fühlte sich daraufhin offenbar durch Freud auf lieblose Weise zurückgestoßen und in ihrer weiblichen Ehre gekränkt, welchen Vorwurf dieser in einem Antwortschreiben durch Hinweis auf dessen innere Widersprüchlichkeit zu parieren suchte.Vgl. Masson (1984), S. 280 f., Brief an Eckstein vom 30. November 1905
mini|Todesanzeige für Emma Eckstein 1908 rezensierte sie in der Zeitschrift Neues Frauenleben den unter Pseudonym veröffentlichten Lebensbericht des Pseudohermaphroditen Karl M. Baers.Aus eines Mannes Mädchenjahren. Von N. O. Body. (Emma Eckstein); In: Neues Frauenleben, 20. Jg., Nr. 9, 1908; vgl.
Nach einer gynäkologischen Operation (vermutlich Hysterektomie aufgrund eines Myombefundes) um 1910, mit der zugleich ihre Beziehung zu Sigmund Freud ihr endgültiges Ende fand, zog Emma Eckstein sich völlig zurück. Dem Bericht ihres Neffen Albert Hirst zufolge kollidierte diese Operation mit einem erneuten Therapieversuch durch Freud, der diese Operation als verhängnisvolle Fehlentscheidung und ärztlichen Schwindel angesehen habe, welcher Emmas Neurose unheilbar mache.Vgl. Masson (1984), S. 282 f.; Freud (1937) jedoch bestätigt – zumindest nachträglich – einen solchen Befund (vgl. Literatur: Freuds Falldarstellung (1937)) Die Operation wurde veranlasst durch Dr. Dora Teleky, einer Freundin der Familie Eckstein.
1918 erschien ihr Kinderbuch Von Spinnen und Ameisen, das 1962 eine Neuauflage erfuhr.Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk. 1918 (Konegens Kinderbücher 104); vgl. Eintrag auf Eckstein Emma auf biografiA (biografische Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen)
Emma Eckstein starb am 30. Juli 1924 an einer Hirnblutung.Lisa Appignanesi, John Forrester: Die Frauen Sigmund Freuds. München (dtv) 1996, S. 194 Sie wurde am Friedhof der Feuerhalle Simmering beigesetzt. Das Grab ist bereits aufgelassen.
Ecksteins Analyse durch Freud Zwischen 1892 und 1893 begab sich Emma Eckstein im Alter von 27 Jahren vermutlich wegen einer als hysterisch diagnostizierten Gehstörung, neurotischen Angstzuständen und vager Symptome wie Magenschmerzen und leichter Depressionen in Verbindung mit ihrer Menstruation bei Freud in psychoanalytische Behandlung. Die genaue Art ihrer Beschwerden ist unbekannt.Vgl. Masson (1984), S. 77; K.R. Eissler: Preliminary remarks on the Emma Eckstein case history (Abstrakt), sowie: Literatur: Freuds Falldarstellung (1937)
In der Auseinandersetzung mit der komplexen Symptomatik Emma Ecksteins entwickelte Freud seine Vorstellungen über mögliche ätiologische Modelle zur Pathogenese der Hysterie (Verführung als Kindheitstrauma, Hysterie als Abwehr- bzw. Psychoneurose).
Die Therapie, deren intensive Phase wohl ein dreiviertel Jahr beanspruchte, muss in Hinsicht auf die erwähnten Gehstörungen zunächst ein Erfolg gewesen sein. Sie habe, so der Neffe Albert Hirst, im Anschluss einige Jahre ein völlig normales Leben geführt und dieser Erfolg sei angesichts der Prominenz der Ecksteins im damaligen Wien für Freud nicht unbedeutend gewesen.Vgl. Masson (1984), S. 278.
Misslungene Operation
Freud vermutete bei Eckstein, zusätzlich zur Hysterie, eine „Nasenreflex-Neurose“, ein neuartiges, medizinisch unorthodoxes Krankheitsbild, das von seinem Freund Wilhelm Fließ, einem Hals-, Nasen- und Ohrenarzt vertreten wurde.Zu Fließ und der Nasenreflex-Neurose vgl. v. a.: Frank J. Sulloway: Freud. Biologe der Seele. Jenseits der psychoanalytischen Legende, Köln-Lövenich 1982 (orig. N.Y., 1979), Kap. Der biomedizinische Hintergrund der Theorien von Fließ, Nase und Geschlecht, S. 216 ff. Die hier zugrundegelegten Zusammenhänge beruhen Sulloway zufolge auf der medizinisch nicht umstrittenen Tatsache, dass es in der Nase und der Nasenscheidewand eine Gewebsform (sog. Schwellkörpergewebe) gibt, das sich ansonsten nur an den Genitalien und Brustwarzen findet, und dass deren Reaktionen gelegentlich korrespondieren. Solche Eingriffe, wie die Fließ’sche Kokainisierung oder Ätzung etc. hatten damals offenbar einigen klinischen Erfolg und wurden von Gynäkologen (etwa zur Behebung von Menstruationsbeschwerden) ernsthaft diskutiert.(vgl. Sulloway, ebd.)
Freud stellte Fließ Emma Eckstein im Dezember 1894 vor. Die Operation fand im Februar 1895 statt. Die Gründe, die Freud bewogen haben, Emma Eckstein durch seinen Freund und kollegialen Intimus begutachten und operieren zu lassen, können nur rekonstruiert werden.Vgl. hierzu u. d. Folgenden: Kap. Freud, Fließ und Emma Eckstein in: Masson (1984), S. 76–100.