Beim sogenannten Comma Johanneum (comma latinisiert von ; Johanneum lateinisch = johanneisch; wörtlich also johanneischer Satzabschnitt) handelt es sich um eine Interpolation im 5. Kapitel des 1. Johannesbriefs des Neuen Testaments (zitiert nach der Einheitsübersetzung und ihren Fußnoten; hervorgehoben die Worte des Comma):
(7) „Drei sind es, die Zeugnis ablegen im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind eins. (8) Und drei sind es, die Zeugnis geben auf Erden: der Geist, das Wasser und das Blut, und diese drei sind eins.“
Die Bedeutung der Stelle und die theologische Diskussion über ihre Echtheit ergeben sich daraus, dass dieser Satzteil ein biblisches Zeugnis für die Trinitätslehre darstellen würde, falls er zum ursprünglichen Textbestand gehört. Es ist daher auch eine der am meisten umstrittenen Textstellen des Neuen Testaments.
Geschichte 280px|mini|Undatierte Umzeichnung der Passage mit dem Comma in Minuskel 629 (14. Jhd.)Der Nachweis, dass das Comma Johanneum nicht Teil der Bibel ist, stützt sich vor allem auf seine fehlende Bezeugung in den ältesten griechischen Handschriften des 1. Johannesbriefes und bei den griechischen Kirchenvätern. Hätten Letztere die Stelle gekannt, hätten sie sie sicher im Rahmen des Arianischen Streits angeführt. Die älteste Zitation der Passage 1. Joh. 5,7–8 bildet der Kommentar von Clemens von Alexandria (ca. 150–215) zum 1. Johannesbrief und diese zeigt keine Bekanntschaft mit dem Comma. Das Comma fehlt auch in allen Bibelübersetzungen der Antike und des frühen Mittelalters: Altsyrisch, Koptisch, Altarmenisch, Altäthiopisch, Arabisch, Altkirchenslawisch. Die meisten Handschriften der Vetus Latina enthalten das Comma jedoch: So z. B. der älteste Zeuge Codex Frisingensis (um 600). Aber die lateinische Vulgata des Hieronymus enthielt das Comma Johanneum ursprünglich nicht und Hieronymus schien es nicht gekannt zu haben. Die ältesten Vulgata-Handschriften hierfür sind die Codices Fuldensis (6. Jahrhundert) und Amiatinus (um 700); beide enthalten das Comma nicht.
Die früheste Erwähnung des Comma Johanneum findet sich erst im lateinischen Werk Liber apologeticus (Kap. 4), verfasst von Priscillian (ca. 340–385 n. Chr.) oder von seinem Nachfolger Instantius im späten 4. Jahrhundert. Im 5. Jahrhundert treten dann die ersten Bezeugungen für das Comma im Neuen Testament in Form von Zitaten lateinischer Kirchenväter aus Italien und Nordafrika auf. So z. B. Victor von Vita in seinem Bericht über das Synode von Karthago (484 n. Chr.), wo er das Comma, wie es gegen den Arianismus benutzt wurde, zitiert. Seit dem 6. Jahrhundert wurde das Comma Johanneum nach und nach in die lateinische Texttradition ergänzt und wurde so Teil der späteren Textformen der Vetus Latina und Vulgata.
Die frühste griechische Bezeugung des Comma Johanneum findet sich einer griechischen Übersetzung der Beschlüsse des Vierten Laterankonzils von 1215.
Die Complutensische Polyglotte (gedruckt ab 1514, veröffentlicht 1520) übersetzte das Comma aus dem Lateinischen.Eberhard Nestle’s Einführung in das griechische Neue Testament. Vierte Auflage, völlig umgearbeitet von Ernst von Dobschütz. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1923, S. 61.
Ab dem Spätmittelalter, verstärkt im 16. Jahrhundert, wird das Comma Johanneum aus der lateinischen Tradition auch in einige griechische Handschriften der Katholischen Briefe übernommen. Die griechischen Lesarten des CJ gehen dabei nicht auf die altlateinischen Lesarten zurück, sondern auf spätmittelalterliche Fassungen der Vulgata, die Complutensische Polyglotte, die dritte Auflage des Novum Instrumentum omne von 1522 oder andere Formen des Textus receptus. Die älteste dieser Handschriften ist die Bilingue 629; alle anderen wurden nicht vor dem 16. Jahrhundert geschrieben bzw. um das Comma ergänzt:Bruce M. Metzger / Bart D. Ehrman: The Text of the New Testament: Its Transmission, Corruption and Restoration. Oxford University Press, Oxford 2005, S. 147.Klaus Wachtel: Der byzantinische Text der katholischen Briefe. Eine Untersuchung zur Entstehung der Koine des Neuen Testaments (= Arbeiten zur Neutestamentlichen Textforschung Band 24). de Gruyter: Berlin 1995, hier S. 314-320. Minuskel 629 (Codex Ottobonianus, 14./15. Jahrhundert): übersetzt das Comma aus dem Lateinischen Minuskel 61 (frühes 16. Jahrhundert); übersetzt das Comma aus dem Lateinischen, Vorlage des Erasmus Minuskel 918 (16. Jahrhundert): kopiert die 3. Ausgabe des Novum Testamentum omne Minuskel 2318 (18. Jahrhundert): kopiert eine späte Fassung des Textus receptus Minuskel 2473 (17. Jahrhundert): ebenso Minuskel 221 (10. Jahrhundert): nach 1854 ergänzt um die gleiche Fassung Minuskel 88 (12. Jahrhundert): im 17. Jahrhundert ergänzt nach dem Textus receptus Minuskel 429 (14. Jahrhundert): nach 1522 ergänzt nach der dritten Ausgabe des Novum Instrumentum omne Minuskel 636 (15. Jahrhundert): nach 1522 ergänzt nach Erasmus Minuskel 177 (11. Jahrhundert): ergänzt 1785 nach einer lateinischen Bibel Der Codex Ravianus (16. Jhd.), der früher als Handschrift des Neuen Testaments galt, kopiert die Complutensische Polyglotte.Eberhard Nestle: Einführung in das griechische Neue Testament. 3. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1909, S. .
Bibelausgaben 16.–20. Jahrhundert Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert fand sich das Comma Johanneum in den meisten wichtigsten Bibelausgaben; im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts verschwand es weitgehend.
Erasmus von Rotterdam hatte das Comma 1516 zunächst nicht in seine Ausgabe des griechischen Neuen Testaments (das Novum Instrumentum omne) aufgenommen. Erst 1522 fügte er es in die dritte Auflage ein, gestützt auf die Minuskel 61 aus dem frühen 16. Jahrhundert.Handschriftenliste im Novum Testamentum Graece, XXVI. Auflage, S. 703 („Nestle-Aland“).Eberhard Nestle: , Barmen 1903, hier S. 15: „[...] neuere Forschungen namentlich von Dobbin und Harris lassen es fast zweifellos erscheinen, daß sie [die Handschrift Minuskel 61] ausdrücklich zu dem Zweck geschrieben wurde, um ihn [Erasmus] irre zu führen“. Tischendorfs 1841 veröffentlichtes Novum Testamentum enthält das Comma nicht mehr.
Das bei Christoph Froschauer gedruckte Zürcher Neue Testament von 1525 in Oktav war die erste deutschsprachige Übersetzung der Reformationszeit, in der das Comma Johanneum enthalten war. Die Zürcher übersetzten in dieser Ausgabe, der aktuellsten Version des Novum Testamentum des Erasmus von 1522 folgend: „Den(n) dry sind die zügnus gebend im him(m)el: Der vatter/ das wort/ vnd der heilig geist/ vnd die dry dienend in eins. Vnd dry sind die da zügend vff erden […]“.Traudel Himmighöfer: Die Zürcher Bibel bis zum Tode Zwinglis (1531). Darstellung und Bibliographie (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Abteilung Religionsgeschichte. Band 154). Philipp v. Zabern, Mainz 1995, ISBN 3-8053-1535-X. . Hier S. 242. In allen nachfolgenden Zürcher Bibeleditionen, so z. B. in der Zürcher Bibel von 1531, war das Comma Johanneum enthalten und wurde hierdurch für Jahrzehnte zu einem Unterscheidungskriterium zwischen der Zürcher Übersetzung und der Lutherübersetzung.Zum Comma Johanneum in den frühen Zürcher Bibeldrucken siehe Traudel Himmighöfer: Die Zürcher Bibel bis zum Tode Zwinglis (1531). Darstellung und Bibliographie (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Abteilung Religionsgeschichte. Band 154). Philipp v. Zabern, Mainz 1995, ISBN 3-8053-1535-X. S. 106 f. 242 f. 272
Die Übersetzer der englischen Matthew-Bibel von 1537 setzten das Comma in Klammern, um Uneindeutigkeit anzuzeigen.
In der Lutherbibel war das Comma zunächst nicht enthalten, Luther fügte später davon lediglich die Worte „auf Erden“ (in 1 Joh 5,8) hinzu. Es fehlte also immer noch die trinitarische Formulierung in 1 Joh 5,7. In der Lutherbibel von 1545 lautete die Stelle: „Denn drey sind die da zeugen auff Erden / Der Geist / vnd das Wasser / vnd das Blut / vnd die drey sind beysamen“. Erstmals 1581 wurde das Comma Johanneum dann durch einen Frankfurter Drucker in eine Lutherbibel eingefügt. Wenige Jahrzehnte später wurden nur noch Lutherbibeln mit dem Comma Johanneum gedruckt. Bei der Revision von 1892 wurde das Comma eingeklammert und mit einer Fußnote versehen; bei der Revision 1912 wurde es aus dem Text genommen und in eine Anmerkung verwiesen.
Die King-James-Bibel von 1611 enthielt das Comma; in der Revised Version seit 1881 ist es nicht mehr enthalten.
Die Vulgata-Ausgaben, die in der römisch-katholischen Kirche verwendet wurden, enthielten das Comma. Insbesondere die 1590 bzw. 1592 erschienenen päpstlich approbierten Ausgaben der Vulgata (die Vulgata Sixtina und Vulgata Clementina) enthielten es. Die 1979 promulgierte Nova Vulgata bietet den Satzteil hingegen nicht mehr.Der erste Johannesbrief nach der Neo-Vulgata
Die 1904 vom Patriarchat von Konstantinopel herausgegebene Ausgabe des griechischen Neuen Testamentes, die in den orthodoxen Kirchen weit verbreitet ist, enthält das Comma in kleinerer Schrift; die Einleitung erwähnt die fehlende Bezeugung.Eberhard Nestle: Einführung in das griechische Neue Testament. 3. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1909, S. .
Heutige Bibelübersetzungen In den meisten heute im Handel befindlichen Bibelübersetzungen wird das Comma Johanneum entweder überhaupt nicht erwähnt oder, wie im Fall der Einheitsübersetzung, deutlich als spätere Zufügung gekennzeichnet und in die Fußnoten verwiesen.
Ausnahmen sind vor allem die im englischen Sprachraum immer noch verbreitete King-James-Bibel von 1769, die deutsche Schlachter 2000 und die La Buona Novella-Lutherbibel. Hintergrund auch für die deutschen Ausgaben ist die vor allem US-amerikanische King-James-Only-Bewegung, die davon ausgeht, dass der der King-James-Bibel zugrundeliegende Textus receptus (in der Fassung nach 1522) der ursprüngliche Bibeltext sei, für dessen Erhalt Gott gesorgt habe.Jason A. Hentschel: The King James Only Movement. In: Paul C. Gutjahr (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Bible in America. Oxford University Press, New York 2017, S. 229–241. Außerdem gab es eine Ausgabe einer alten Lutherversion, die als „Original-Lutherbibel 1545“ vermarktet wurde, aber insbesondere durch das darin enthaltene Comma Johanneum als nicht original erkannt werden kann.Neben Webseiten, die diese Angabe gutgläubig übernommen haben, gibt es auch noch Luther-Bibel 1545 mit der Angabe, dass diese Ausgabe 1740/41 gedruckt wurde.
Forschungsgeschichte Die Arbeit des Erasmus an seiner Ausgabe des Novum Instrumentum omne gilt als Beginn der Echtheitskritik des Comma Johanneum. Erasmus hatte sich angesichts der fehlenden Bezeugung des Comma in griechischen Handschriften zunächst gegen die Echtheit entschieden und die Stelle daher nicht in seine Bibelausgabe aufgenommen. Nach einer längeren polemischen Auseinandersetzung, in deren Verlauf er die erst kurz zuvor angefertigte Minuskel 61 kennenlernte, entschied er sich, das Comma trotz textkritischer Bedenken in die dritte Auflage seines Novum instrumentum aufzunehmen.