Das LVR-Industriemuseum Tuchfabrik Müller ist ein Museumsstandort des dezentralen LVR-Industriemuseums in Euskirchen-Kuchenheim. Das Museum zeigt eine vollständig erhaltene Volltuchfabrik mit einem Maschinenpark aus dem frühen 20. Jahrhundert. Wesentliche Produktionsschritte werden mit den historischen Maschinen im Vorführbetrieb gezeigt.
Die Tuchfabrik Müller ist Ankerpunkt der Europäischen Route der Industriekultur sowie zentraler Punkt der Wollroute.
Geschichte mini|Das historische Ensemble mit dem Lager- und Unternehmerwohnhaus (vorne links) und dem Maschinen- und Kesselhaus samt Schornstein (vorne rechts). Luftbild 2012 mini|Dampfmaschine aus dem Jahr 1903 mini|Blick in die Weberei Die Tuchfabrik Müller arbeitete mit einem Maschinenbestand aus der Zeit um 1900 bis zur Schließung 1961. Der Besitzer Kurt Müller sah sich Anfang der 1960er Jahre gezwungen, die Produktion einzustellen, weil er nicht mehr genügend Aufträge bekam. Er hegte aber die Hoffnung, dass er die Fabrikation wieder aufnehmen könne, und erhielt die gesamte Fabrikeinrichtung – so wie sie am letzten Betriebstag verlassen wurde. Die folgende Zeit verfiel die Anlage in einen „Dornröschenschlaf“, der gut 20 Jahre dauerte.
Anfang der 1980er Jahre entdeckten Denkmalpfleger das Ensemble als Zeugnis der Technik- und Sozialgeschichte. Auf Grund der authentischen Überlieferung des gesamten Fabrikensembles wurde die Tuchfabrik schon bald als „Glücksfall der (…) rheinisch-westfälischen Industriegeschichte“ und als „Denkmal von nationalem Rang“ bezeichnet und unter Denkmalschutz gestellt. 1988 übernahm der Landschaftsverband Rheinland die Fabrik, um aus ihr einen Schauplatz des damals im Aufbau befindlichen dezentralen Rheinischen Industriemuseums (heute LVR-Industriemuseum) zu machern.
Auf diese Weise blieb das gesamte Gebäudeensemble der Tuchfabrik der Nachwelt nahezu unberührt erhalten: der Fabrikbau von 1801, das Maschinen- und Kesselhaus, das Unternehmerwohnhaus, das Woll- und Tuchlager, das Kontor, der Dampfkessel, die Dampfmaschine, die Kraftübertragung über Transmissionswellen und -riemen und die ca. 60 Großmaschinen zur Wolltuchherstellung. Auch der Nutzgarten und die Obstwiese, die unmittelbar an das Fabrikensemble angrenzen und von der Unternehmerfamilie bestellt wurden, sind erhalten.
Der Maschinenpark spiegelt „nahezu lexikalisch die … Textilmaschinenproduktion der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts“.Axel Föhl: Bauten der Industrie und Technik in Nordrheinwestfalen. Berlin 2000, S. 134. Bemerkenswert ist zudem die komplette Überlieferung. „Eine so vollständig erhaltene Fabrik (…) der Jahrhundertwende gibt es nirgendwo in Europa. Erhalten ist alles.“Roland Günter: Besichtigung eines Zeitalters. Industriekultur in Nordrhein-Westfalen. Essen 2001, S. 161. Neben den Maschinen blieb „nahezu das komplette Arbeitsplatzinventar“ überliefert: Materialien, Garnrollen, Werkzeuge, selbstgebastelte Hilfsmittel, Ersatzteile, Hinweisschilder, Notizen der Arbeiter, Arbeitsanleitungen an den Wänden. Auch persönliche Habseligkeiten der Arbeiter wurden an den Arbeitsplätzen und in den Spinden gefunden: zum Beispiel Kaffeetassen, Kämme, Handbürsten, Spiegelscherben, Kopfschmerztabletten, Zigarettenschachteln, ein durchgetretener Schuh.Erinnerungsstücke einer Fabrikwelt. 2000. Alle diese Inventarteile tragen wesentlich zur besonderen Anmutung und Denkmalqualität der Tuchfabrik bei, die sich nicht allein aus den Gebäuden und den großen Maschinen, sondern aus dem gesamten Ensemble mit insgesamt über 5000 Inventarteilen nährt. In dieser dichten Überlieferung bekommen gerade die einfachen und vermeintlich unwichtigen Alltagsgegenstände eine besondere Bedeutung, weil sie einen „Zeugniswert für historisch verschwundene Arbeitsweisen“ besitzen und damit wesentlich zur Aussagekraft des Objektes beitragen.Lambert: Der Stoff, aus dem Traditionen sind. S. 53.
Die Geschichte der Tuchfabrik wurde zunächst im Rahmen eines Forschungsprojekts in Bezug auf die Technik, die Arbeit und das Inventar minutiös dokumentiert. Im Jahr 2000 öffnete das Museum nach der umfangreichen aber behutsamen Restaurierung als letzter Schauplatz des dezentralen LVR-Industriemuseums die Fabrik für Museumsbesucher. Ziel der musealen Präsentation war es, „die Fabrik in ihrem einzigartigen Gesamtzusammenhang vollständig zu erhalten und den historischen Bestand nur sehr zurückhaltend und unmittelbar objektbezogen zu erläutern und zu ergänzen.“ Bautechnisch und restauratorisch war das Museum bestrebt, den Zustand des letzten Betriebsjahres 1961 zu konservieren und gegebenenfalls wiederherzustellen. Die Maschinen und sämtliche Inventarteile präsentieren sich an dem Platz und in dem Zustand des letzten Betriebstages. Die „Sammlung der Ausstellungsstücke und ihre Anordnung hat gewissermaßen die Geschichte selbst vorgenommen.“ Im Ergebnis bietet die Tuchfabrik nicht den Eindruck eines klassischen, nach wissenschaftlichen Kriterien geordneten Museums, sondern eher einer lebensnahen und komplexen Fabrikwelt.
Technik der Tuchfabrik mini|Vorgarnherstellung in der Krempelei mini|Tuchpresse in der Endappretur Die Tuchfabrik Müller war eine typische kleine Volltuchfabrik. Sie bezog gewaschene Wolle und stellte daraus Streichgarntücher für den Zivilbedarf, aber auch für Uniformen her. Streichgarntücher sind robuste, loden- oder tweedartige Wolltücher, die nach dem Weben noch gewalkt werden. Dadurch wird das Tuch dichter. Die Wollfasern verbinden sich dabei zu einer besonders robusten und strapazierfähigen Oberfläche. Die Tuchfabrik versandte das fertige Tuch an Tuchhändler, Kaufhäuser und Kleidungsfabriken.
Die um 1900 beschaffte Produktionstechnik wurde kaum modernisiert. Der Versuch der Elektrifizierung der Fabrik scheiterte in den 1920er Jahren. Daher hatten auch der Antrieb über die Dampfmaschine und die Wellen und Riemen der Transmission bis zur Fabrikschließung 1961 Bestand.
Folgende Produktionseinheiten und Einrichtungen zur Streichgarnherstellung sind bis heute erhalten und zu besichtigen: Maschinenhaus (Dampfkessel und Dampfmaschine) Färberei (Färben der Wolle) Wolferei (Lockerung, Reinigung und Vermischung der Wolle) Krempelei (Herstellung von Vorgarn) Spinnerei (Garnherstellung aus dem Vorgarn) Webvorbereitung (Zwirnen, Kettschären Schären (Herstellen der Webkette), Leimen der Kette) Weberei (Herstellen des Gewebes) Nassappretur (Waschen, Walken, Rauhen des Tuchs) Stückfärberei (Färben des Tuches, zur Erzielung einer gleichmäßigen Färbung, z. B. für Uniformtuche) Trockenapparatur (Finish oder Endbehandlung des Tuches: Noppen, Dämpfen, Scheren, Pressen, Dekatieren) Endkontrolle mit Hängevorrichtungen und Nopperei-Tischen. Kontor und TuchlagerAndreas Dix: Industrialisierung und Wassernutzung. Eine historisch-geographische Umweltgeschichte der Tuchfabrik Ludwig Müller in Kuchenheim. Köln 1997.
Reaktivierung historischer Maschinen und Vorführbetrieb mini|Reaktivierte Spinnmaschine Einige der zentralen Maschinen sind wieder funktionsfähig hergerichtet worden und laufen regelmäßig im Rahmen des Vorführbetriebs: die „Dampfmaschine“ (Fa. Otto Recke, Rheydt, 1903) der „Krempelwolf“ (Fa. Oscar Schimmel & Co. A. G., Chemnitz, 1898) ein „Krempelsatz“ (Fa. C. E. Schwalbe, Werdau, 1913) ein „Selfaktor“ zum Spinnen (Fa. Oscar Schimmel, Chemnitz, 1897) vier „Webstühle“ (u. a. Fa. Sächsische Webstuhlfabrik, vorm. Louis Schönherr, Chemnitz, Fa. Großenhainer Webstuhl- und Maschinenfabrik, Großenhain) Im Vorführbetrieb an den reaktivierten Maschinen werden Produkte hergestellt, die verkauft oder weiter verarbeitet werden: Wollvließ, Wollgarne, Wolltücher. Aus diesem „Müller-Tuch“ werden z. B. Wolldecken, Mützen, Mäntel und Sakkos hergestellt. Folgende Maschinen funktionieren ebenfalls wieder, werden aber in der Regel nicht bei den öffentlichen Führungen vorgeführt: die Zwirnmaschine (Fa. Peter Thieron Sohn, Eupen, 1919) und die Kettschärmaschine (Fa. Sächsische Webstuhlfabrik, vorm. Louis Schönherr, Chemnitz, 1907).
Eine wesentliche Aufgabe sieht das Museum neben der Erhaltung der Maschinen auch in der Bewahrung des (nicht gegenständlichen) Wissens, das erforderlich ist, um die historischen Textil-Technik in Betrieb zu behalten. Zunächst wurden die ehemaligen Arbeitskräfte ausführlich zu den historischen Arbeitsprozessen, Arbeitsbedingungen und Arbeitsumständen befragt.
Das praktische Wissen für den Betrieb der historischen Maschinen (Betrieb, Einstellung, Wartung, Reparatur) wurde zudem – fast vergleichbar dem Verfahren der experimentellen Archäologie – durch die Museumstechniker an den Maschinen erarbeitet. Diese Kenntnisse werden ständig in einem „learning-by-doing“-Prozess erweitert und im Museumsbetrieb an neue Mitarbeiter weitergegeben.
Durch die regelmäßige Vorführung und Erläuterung der Maschinen für Besucher wird die Funktionsweise dieser Maschinen dem Publikum vor Ort nahegebracht.
Ein weiterer Schritt der Vermittlung des Wissens um die Funktion der historischen Technik besteht in der filmischen Dokumentation zentraler Schritte der Wolltuch-Herstellung und des Antriebssystems. Diese Filme sind ortunspezifisch angelegt und zeigen idealtypisch wesentliche Techniken einer historischen Tuchfabrik.
Restaurierungskonzept mini|hochkant|Auf einer Tür konnten alte Färberezepte gesichert werden. Ziel der Restaurierung des Gebäudes und des Inventars war es, die Tuchfabrik wieder in den Zustand zum Zeitpunkt ihrer Schließung 1961 zu versetzen. Es sollten also nur Veränderungen und Verfallserscheinungen, die nach 1961 eingetreten waren, zurückgeführt werden. Wenn Reparaturen oder Erneuerungen notwendig waren, wurden diese in Bezug auf Material und Machart streng nach historischem Vorbild durchgeführt. Wo moderne Einbauten und Ergänzungen für den Vorführbetrieb und die Sicherheit der Besucher unerlässlich waren, wurden sie farblich abgesetzt, um sie als Eingriff erkennbar zu machen.
Für die Restaurierung der Maschinen ergaben sich aus dem Restaurierungskonzept drei Zustände, in die die Maschinen versetzt wurden Stillstands-Zustand: vor 1961 stillgelegte Maschinen, die beispielsweise nur noch als Ersatzteillager dienten, wurden von Bauschmutz gereinigt, nicht aber von Rost und Zerfall. Die Restauratoren hatten in diesem Fall den Auftrag, Schäden oder fehlende Teile zu ignorieren, gerade weil diese auch den Zustand der Nichtbenutzung dokumentieren. Betriebs-Zustand: Bis zur Stilllegung benutzte Objekte wurden hingegen wieder in einen gepflegten Gebrauchszustand versetzt. Dies bedeutete eine gründliche Reinigung und Entrostung, insbesondere der während des Betriebs sauberen und blanken Stellen. Alte Oberflächen und Lacke, Improvisationen und Behelfslösungen wurden belassen. Schäden durch die Zeit des langen Stillstands wie morsches Holz oder Mottenfraß wurden behutsam behoben. Reaktivierter Zustand: Einige zentrale Maschinen wurden wieder in Funktion genommen. Dabei werden so wenig wie möglich Eingriffe in die Maschinen vorgenommen. Der Anteil der ausgetauschten Teile, die als Dokumente der Betriebsgeschichte aufbewahrt werden, beträgt zwischen zwei und fünf Prozent und beschränkt sich zumeist auf Verschleißteile.
Museumskonzept Da es Absicht des Museums war, den „Fabrikkosmos“ in den Mittelpunkt einer lebensnahen Präsentation zu stellen, wurden alle musealen Eingriffe zurückhaltend konzipiert. Das wichtigste Informationsmedium ist die mündliche Führung, die ergänzt wird durch Vorführbetrieb an den historischen Maschinen, der Bestandteil jedes Besuchs der Tuchfabrik ist.