mini|Wappen des „Domenico Contarin“ nach Vorstellungen des 17. Jahrhunderts. Bei den Wappen frühmittelalterlicher Dogen handelt es sich um bloße Rückprojektionen sehr viel jüngerer Familienwappen. Die Heraldik setzte erst im 3. Viertel des 12. Jahrhunderts ein. Später wurden auch Wappen an die frühen Dogen vergeben, die nie ein Wappen geführt hatten („fanta-araldica“); dies diente dazu, die Familien dieser Epoche mit möglichst frühen Dogen in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu setzen, was ihnen Ansehen sowie politischen und gesellschaftlichen Einfluss verschaffte. Es wurden also die Wappen der sehr viel späteren Nachfahren dieser Dogen auf die angeblichen oder tatsächlichen Mitglieder der (angeblich) seit 697 in Venedig herrschenden Familien zurückprojiziert.„Il presupposto di continuità genealogica su cui si basava la trasmissione del potere in area veneziana ha portato come conseguenza la già accennata attribuzione ai dogi più antichi di stemmi coerenti con quelli realmente usati dai loro discendenti.“ (Maurizio Carlo Alberto Gorra: Sugli stemmi di alcune famiglie di Dogi prearaldici, in: Notiziario dell’associazione nobiliare regionale veneta. Rivista di studi storici, n. s. 8 (2016) 35–68, hier: S. 41).

Domenico I. Contarini († 1071 in Venedig) war von 1043 bis 1071 Doge von Venedig. Die jüngere Forschung nimmt allerdings an, dass er bereits im Jahr 1041 Doge wurde. Nach der historiographischen Tradition, wie die staatlich gesteuerte Geschichtsschreibung Venedigs genannt wird, war er der 30. Doge. Unter ihm begann im Jahr 1063 der Neubau des Markusdoms, der 1094 fertiggestellt werden sollte.

Ihm gelang es, die Auseinandersetzungen zwischen den Patriarchen von Aquileia, hinter dem vor allem Konrad II., aber auch Heinrich III. standen, und dem Patriarchen von Grado, dessen führenden Klerus Venedig bestimmte, zugunsten Grados zu entscheiden. Dies gelang durch eine Gesandtschaft bei Papst Leo IX., der eine entsprechende Anerkennung der Rechte Grados auf die Suffraganbistümer in Venetien und auf Istrien anerkannte, vielleicht, weil er selbst unter massivem außenpolitischem Druck stand. Den langsamen Niedergang Grados konnte dies jedoch nicht aufhalten.

Während der Regierungszeit des Contarini fiel die Stadt Zara und andere Städte in Dalmatien 1150 oder 1162 wieder an Venedig. Die Handelsprivilegien im Römisch-deutschen Reich wurden nach langer Unterbrechung 1055 wieder anerkannt, der Doge erhielt zudem ungewöhnliche byzantinische Ehrentitel, die eher einem Provinzgouverneur zustanden. Auch dies dürfte demselben Druck zu verdanken gewesen sein, den die Normannen mit der Eroberung Süditaliens ausübten. Gegen sie suchte der Papst Verbündete, ebenso wie die beiden Großreiche. In Süditalien kam es, so behauptete zeitweise die venezianische Historiographie, gar zu Seeschlachten zwischen Venezianern und Normannen. Doch hielt sich der Doge wohl aus dem Konflikt weitgehend heraus.

Herkunft Die Contarini zählen nicht nur zu den ältesten Familien Venedigs, den „case vecchie“, sondern sie galten sogar als eine der „apostolischen Familien“. Diese, so glaubte man ab dem Spätmittelalter, hätten an der Wahl des ersten Dogen im Jahr 697 teilgenommen. Urkundlich nachgewiesen sind sie allerdings zum ersten Mal im Jahr 960. Die Familie verzweigte sich im Laufe der Jahrhunderte in beinahe zwanzig Linien. Domenico war der erste der Contarini-Dogen. Insgesamt stellte die Familie acht Dogen, davon drei im Mittelalter und fünf im 17. Jahrhundert, und 44 Prokuratoren. Nach Reinhard Lebe, der dies pointiert ausdrückte, gehörten die Contarini „am dauerhaftesten zur Creme der Oberschicht“.Reinhard Lebe: Die Tausendjährigen Contarini, in: Damals, November 1984, S. 961. Mit Ausnahme des Palazzo Contarini del Bovolo befinden sich alle der insgesamt sieben Paläste, die nach dieser Familie benannt sind, am Canal Grande, und zwar unweit der Accademia. Auch die Ca’ d’Oro, den wohl berühmtesten Stadtpalast, ließ ein Contarini errichten. Ab dem 15. Jahrhundert führten sich die Contarini auf die Gens Aurelia Cotta zurück, Caesars Familie mütterlicherseits.

Dogenamt Seit der Chronik des Dogen Andrea DandoloEster Pastorello (Hrsg.): Andrea Dandolo, Chronica per extensum descripta aa. 460–1280 d.C., (= Rerum Italicarum Scriptores XII,1), Nicola Zanichelli, Bologna 1938, S. 209. wurde der Tod des Domenico Flabiano in das Jahr 1043 datiert. Doch nach einem breviarium recordationis war der Vorgänger des Domenico Contarini bereits im Juni 1041 tot. Roberto Cessi glaubt, Flabiano sei aller Wahrscheinlichkeit nach in den ersten Monaten des Jahres 1041 gestorben,Roberto Cessi: Venezia ducale, Bd. II: Commune Venetiarum, Venedig 1965, n. 1, S. 3. so dass der Regierungsbeginn des Contarini im Frühjahr-Sommer 1041 liegen dürfte. Aus dem Schweigen der Quellen wurde geschlossen, dass er in einer untadligen, friedlichen Wahl in sein Amt gelangte. Konflikt mit dem Patriarchat Aquileia um Grado, Anerkennung des Patriarchats von Grado mini|links|Italien um 1050 mini|Die Eroberung Siziliens durch die Normannen, ca. 1061–1090 Zwar lassen sich Aussagen über das politische Umfeld treffen, doch ist es vor allem der fortschwelende Konflikt mit der Hauptsäule der Reichspolitik in Italien, dem Patriarchat von Aquileia, der die ersten Jahre seines Dogats prägte. Dabei trat die päpstliche Politik in den Vordergrund, während Byzanz zunehmend mit eigenen Problemfeldern beschäftigt war. Schließlich veränderten die Normannen Süditaliens die politischen Verhältnisse grundlegend, die zwischen 1061 und 1091 das arabische Sizilien und die verbliebenen byzantinischen Städte eroberten. 1071 fiel als deren letzte dortige Bastion Bari.

Möglicherweise nutzte der Patriarch von Aquileia Poppo die Gelegenheit des Machtwechsels in Venedig, um Grado, das er für sein Patriarchat beanspruchte, in einem Handstreich zu erobern: „totam videlicet civitatem cum ecclesiis incendit, altaria confregit, thesauros abstulit et quidquid ab igne remansit paganorum ritu secum detulit“, er ließ also die ganze Stadt mit ihren Kirchen niederbrennen, die Altäre zerstören und die Schätze rauben, und was das Feuer verschonte führte er nach Heidenart mit sich.Ferdinando Ughelli: Italia Sacra, sive De episcopis Italiae, et insularum adiacentium, cura et studio Nicolai Coleti, 10 Bde., Venedig 1717–1722, Bd. V, col. 1114. Dagegen protestierte Orso Orseolo, der Patriarch von Grado, bei Papst Benedikt IX. Poppo starb überraschend im September 1042.

Doch dies löste nicht die grundsätzliche Frage, ob Grado ein selbstständiges Patriarchat mit Suffraganbistümern in Venedig, im Friaul und auf Istrien bleiben sollte, oder ob es ein Suffraganbistum Aquileias war. Dazu musste das Privileg, das de Gradensis ecclesiae subiectione, das Johannes XIX. Poppo 1027 eingeräumt hatte,Paul Fridolin Kehr: Italia pontificia, Berlin 1925, n. 84, S. 54. widerrufen werden. Zu diesem Zweck protestierten Anfang 1044 Orso, mit Unterstützung des Dogen und des ganzen Volkes, repräsentiert durch Benedetto, den Abt von S. Trinità e S. Michele Arcangelo in Brondolo, von Giovanni Storlato und dem Kleriker Gregorio, gegen das Vorgehen Aquileias. Sie ersuchten um Rückgabe allen geraubten Gutes, die Bestätigung von Rechten und Besitz Grados sowie dessen Unabhängigkeit, schließlich die Annullierung des besagten Dekrets. Nach der Verurteilung der Angriffe Poppos widerrief Papst Benedikt IX., der Poppo bloß als „Foroiuliensis praesul“ bezeichnete, und erkannte das Patriarchat von Grado endgültig an.Ferdinando Ughelli: Italia Sacra, sive De episcopis Italiae, et insularum adiacentium, cura et studio Nicolai Coleti, 10 Bde., Venedig 1717–1722, Bd. V, coll. 1114 f.; Paul Fridolin Kehr: Italia pontificia, Berlin 1925, n. 86–87, S. 54 f. Im Juni, zwei Monate später, erkannte der Papst zudem die Privilegien des Klosters Brondolo an.Paul Fridolin Kehr: Italia pontificia, Berlin 1925, n. 1–2, S. 120 f.

Sicherung des inneren Friedens Im Gegensatz zu seinem Vorgänger gelang es Domenico I. Contarini nicht nur, Grado wieder als Patriarchat anerkennen zu lassen, sondern er konnte auch wieder mit Orso Orseolo kooperieren, und folglich mit der 1026 bzw. 1032 gestürzten Orseolo-Familie. Damit galt auch der innere Frieden als gesichert. Neben der Kirchenpolitik ist wenig über die Innenpolitik des Dogen bekannt, sieht man von der Dezentralisierung der Finanzverwaltung ab. Wiederherstellung der Beziehungen zu Konstantinopel Außenpolitisch erreichte der Doge einige Verbesserungen. So gilt es als gesichert, dass es gelang, die traditionellen Kontakte zu Konstantinopel wiederherzustellen. Infolgedessen erlangte der Doge bis 1046 den Titel eines kaiserlichen Patricius,Agostino Pertusi: «Quedam regalia insignia»". Ricerche sulle insegne del Potere ducale a Venezia durante il Medioevo, in: Studi veneziani VII (1965) 3–123, hier: S. 107. 1049 zusätzlich den eines Archipato, dann eines imperialis patricius anthypatus et duxVittorio Lazzarini: I titoli dei dogi di Venezia, in: Scritti di paleografia e diplomatica, Padua 1969, S. 202 f.. Domenico Contarini war der einzige Doge, der diese Titel trug, die eigentlich für verdiente Militärs der höchsten Ränge und für die Gouverneure der Themen vorgesehen waren, die strategoi. Dies ist insofern von Bedeutung, als sich zu dieser Zeit der Konflikt zwischen der zivilen Verwaltung und dem Militärapparat, der bis dahin für die Expansion unter der Makedonischen Dynastie verantwortlich war, zuspitzte. Dies alles sei ein Hinweis darauf, dass der Hof den Herrscher der Lagune immer noch als eine Art Provinzgouverneur betrachtete.Agostino Pertusi: Saggi veneto-bizantini, Olschki, Florenz 1990, S. 53 f. Konflikt mit Heinrich III., Ausgleich (1049–1052) Die Annäherung an den Papst in der Grado-Frage veranlasste allerdings Heinrich III., den Oberherrn des Patriarchates Aquileia, an seiner offenen Feindseligkeit gegen Venedig festzuhalten. So räumte er dem Bischof von Treviso, Rotari II., im Mai 1047 ein wichtiges Privileg ein.Digitalisat der MGH-Edition. Darin wurde dem Bistum neben allerlei anderen Rechten das venezianische Kloster Sant’Ilario unterstellt, dazu einige Höfe mit der Decima sowie der dazugehörige Kirchendistrikt. Das unmittelbar dem Dogen unterstehende Kloster leistete niemals Abgaben und unterstellte sich auch nicht dem Bischof, doch in dessen Hauptstadt forderte eine Synode unter Leitung des neuen Patriarchen von Aquileia, Gotebald (1043–1063), die Umsetzung des Privilegs. Domenico Contarini griff nun persönlich ein und wandte sich direkt an den Kaiser. Danach kam es in den Jahren 1049 bis 1051 zu einer völligen Umkehr der Allianzen. Zunächst erkannte Gotebald unter Rückkehr zu früheren Entscheidungen die klösterlichen Rechte an. Dann wurde im Januar 1052 in Altinum in einem Placitum dem Kloster die friedliche Nutzung seiner Besitztümer gestattet. Gegenüber Domenico Silvo und Bono Dandolo, den Gesandten des Dogen, erkannte der Kaiser alle alten Privilegien an. Noch Karl Schmid glaubte, diese Änderung der politischen Verhältnisse habe mit dem Tod Poppos in Zusammenhang gestanden: „Symptomatisch mit Blick auf Aquileja und seinen Vorrang als Patriarchat ist es, daß Heinrich III. Poppos antigradensische und damit antivenezianische Politik nach dessen Tod […] nicht fortgesetzt hat“.Karl Schmid: Zum Haus- und Herrschaftsverständnis der Salier, in: Stefan Weinfurter (Hrsg.): Die Salier und das Reich, Bd. 1: Salier, Adel und Reichsverfassung, Sigmaringen 1991, S. 21–54, hier: S. 35.

Konflikt mit dem Reformklerus