Als mittelniederländische Sprache (Abkürzung Mnl. oder Mnld.) bezeichnet man die Vorstufe des Neuniederländischen, wie es zwischen 1150 und 1500 gesprochen wurde. Sie entwickelte sich aus dem Altniederländischen (Altniederfränkischen).

Bezeichnung der Sprache Zeitgenössische Bezeichnungen für das Mittelniederländische sind „Dietsc(h)“, „Duutsc(h)“, „Vlaems(ch)“ (Flämisch), Nederlantsch und „onsen tale“ („unsere Sprache“) und , wobei „Dietsch“ im überlieferten Textkorpus am stärksten vertreten ist.Jelle Stegeman: Grote geschiedenis van de Nederlandse taal, Amsterdam University Press, 2021, S. 239–245.

Die Bedeutung von „dietsc(h)“ und „duutsc(h)“ hängt vom Kontext ab, in dem diese Wörter vorkommen. Sie kann sich sowohl auf das mittelalterliche Niederländisch als auch auf das (west-)germanische Sprachgebiet beziehen, insbesondere als Antonym zu den romanischen Sprachen, vor allem zum Altfranzösischen. Die Bedeutung „Niederländisch“ ist dabei derart dominant, dass das Woordenboek van het Vroegmiddelnederlands empfiehlt, es grundsätzlich als „Niederländisch“ zu interpretieren, sofern der Kontext keine klare Gegenindikation liefert. Das Wort „Nederlands“ ist vergleichsweise spät in der mittelniederländischen Periode belegt, im frühen 15. Jahrhundert.

Zeitliche Einordnung Der Zeitraum zwischen 1150 und 1200 gilt gemeinhin als Beginn des Mittelniederländischen, wobei die frühmittelniederländische Sprachstufe bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts angesetzt wird. Die Datierung des Endes des Mittelniederländischen ist hingegen umstritten; die vorgeschlagenen zeitlichen Grenzsetzungen reichen von frühestens 1425 bis spätestens 1550–1600.M.C. van den Toorn, W. Pijnenburg, J.A. van Leuvensteijn und J.M. van der Horst: Geschiedenis van de Nederlandse taal. Amsterdam University Press, Amsterdam 1997, S. 147–148.

Das Mittelniederländische unterscheidet sich vom Altniederländischen unter anderem durch das Abschwächen der Nebenton-Vokale, auch Vokalreduktion genannt. Beispielsweise wurde vogala zu vogele („Vögel“, in modernem Niederländisch: vogels).Herman Vekeman und Andreas Ecke: Geschichte der niederländischen Sprache. Peter Lang, Bern 1993, ISBN 3-906750-37-X. Obwohl im Mittelniederländischen viel mehr Manuskripte und gedruckte Bücher erschienen sind als im Altniederländischen und dies die Begrenzung in der Zeit festsetzt, ist der Unterschied zwischen den beiden Sprachen also vor allem sprachlich definiert.

Räumliche Gliederung Die Grenzen des Mittelniederländischen decken sich nicht mit denen des heutigen niederländischen Sprachgebiets; während der mittelniederländischen Periode lassen sich sowohl Expansions- als auch Rückzugsprozesse beobachten.

Im Südosten und Südwesten war der niederländische Sprachraum ursprünglich deutlich größer: Sowohl im Niederrheinraum als auch in Teilen Nordfrankreichs wurden historisch zunächst Altniederländisch und später Mittelniederländisch gesprochen. In Frankreich wurde das Niederländische seit dem späten 15. Jahrhundert schrittweise zurückgedrängt, bis es sich ab dem 17. Jahrhundert im Wesentlichen auf die sogenannte Westhoek beschränkte. Das Niederländische in Deutschland wurde erst im 19. Jahrhundert unter preußischem Einfluss zurückgedrängt.

Die nordöstlichen Provinzen der heutigen Niederlande gehörten in der altniederländischen sowie in der frühen mittelniederländischen Periode noch nicht zum niederländischen Sprachgebiet. Diese Regionen waren teils friesisch-, teils niederdeutschsprachig geprägt. In den ehemals friesischsprachigen Gebieten (dem Norden der heutigen Provinz Nord-Holland sowie Friesland und Groningen) wurde das Lateinische in der Schriftpraxis nahezu unmittelbar vom Mittelniederländischen abgelöst. Auf der Ebene der Umgangssprache konnten sich die friesischen Dialekte lediglich in Friesland selbst behaupten. In Nord-Holland wurden sie durch niederländische, in Groningen hingegen durch niederdeutsche Dialekte ersetzt, die ab etwa 1500 unter starken niederländischen Einfluss gerieten. Im traditionell niederdeutschsprachigen IJsselgebiet und in angrenzenden Regionen in Westfalen orientierten sich die lokale Schriftsprache so stark am Niederländischen, dass sie in der Praxis dem spätmittelniederländischen Sprachraum zugerechnet werden.

Dialekte Innerhalb des Mittelniederländischen lassen sich die folgenden Dialektgruppen unterscheiden:Adolphe van Loey: Middelnederlandse spraakkunst – I. Vormleer, Groningen und Antwerpen 1960.Colette M. van Kerckvoorde: An Introduction to Middle Dutch. Berlin und New York, 1993, S. 1

Flämisch: Die flämischen Dialekte wurden im größten Teil der frühen Grafschaft Flandern sowie in Teilen der Grafschaft Artois und der Grafschaft Boulogne gesprochen, insbesondere in und um die Stadt Calais. Innerhalb des Mittelniederländischen gelten die flämischen Dialekte, vor allem die westlichsten Formen, als konservativ. Flämische Texte bilden zusammen mit dem Brabantischen den Hauptteil des mittelniederländischen Textkorpus.

Brabantisch: Das Brabantische bildet in vielerlei Hinsicht den zentralen Dialekt des Mittelniederländischen und wurde im Kerngebiet des mittelalterlichen Niederländisch gesprochen. Es wurde hauptsächlich im Herzogtum Brabant sowie in den südlichen und südöstlichen Teilen des Herzogtums Geldern und Grafschaft Kleve gesprochen. Im 16. Jahrhundert sollte es die Grundlage für die spätere niederländische Standardsprache bilden.

Holländisch: Das Holländische wurde in der Grafschaft Holland und im westlichen Teil des Hochstifts Utrecht gesprochen. Die holländischen Dialekte weisen sowohl innovative als auch konservative Merkmale auf und haben einen starken Einfluss auf das benachbarte Niederdeutsche ausgeübt. Das holländische Textmaterial ist im Allgemeinen sachlicher und weniger literarisch als das flämische oder brabantische.

Limburgisch: Das Limburgische wurde hauptsächlich in der Grafschaft Loon, der Grafschaft Limburg und in Teilen des Herzogtums Jülich gesprochen. Obwohl limburgische Texte in der frühen mittelniederländischen Periode eine bedeutende Rolle spielten, nahm ihre spätere Bedeutung stark ab. Unter dem Einfluss des mittelhochdeutschen (ripuarischen) Dialektgebiets übernahmen die limburgischen Dialekte bestimmte Merkmale der hochdeutschen Lautverschiebung und gelten als die am wenigsten konservative mittelniederländische Dialektgruppe.

Ostmittelniederländisch: Das Ostmittelniederländische stellt innerhalb des Mittelniederländischen einen Sonderfall dar, da es sich auf die Schriftsprache eines Dialektgebiets bezieht, das sprachgenetisch nicht zum Niederländischen, sondern zum Niederdeutschen gehört. Die Schriftsprache dieser Gebiete (des heutigen Nordostens der Niederlande und angrenzender Teile Niedersachsens) ist jedoch so stark vom Mittelniederländischen geprägt, dass sie in der Praxis als Teil desselben betrachtet wird.

Dialektgrundlagen der Literatursprache Das literarische Mittelniederländisch des 13. Jahrhunderts ist überwiegend flämisch und brabantisch geprägt, wobei flämische Einflüsse am stärksten sind. Dies hatte seinen Grund in dem starken Einfluss, den der Flame Jacob van Maerlant auf die Literatur seiner Zeit ausübte. Siehe auch niederländische Literatur des Mittelalters. Im 14. Jahrhundert verschiebt sich die sprachliche Grundlage des literarischen Mittelniederländisch nach Brabant. Im 15. Jahrhundert verstärkt sich die tonangebende Rolle des Brabantischen. Diese Verschiebung der sprachlichen Grundlage führte zu Sprachvermischung und zum Entstehen einer Sprache, die interregional verwendbar war. Die Erfindung des Buchdrucks führte zu einer weiteren Standardisierung, da die Drucker ihre Bücher einem möglichst breiten Leserkreis zugänglich machen wollten. Die Sprache der Drucke zwischen 1450 und 1540 (Inkunabeln und Postinkunabeln) ist hauptsächlich brabantisch oder brabantisch-holländisch.Guido Geerts: Voorlopers en varianten van het Nederlands. 4de druk, Leuven 1979.

Grammatik Die Tabellen zeigen den Sprachstand um 1300. Personal- und Interrogativpronomen +PersonalpronomenKasusSingularPluralichduersieeswirihrsieNominativicdu/-tuhi/-isi/-sehet/-(e)twighi/-isi/-seGenitivmijnsdijnssijns/-(e)shaer/-ere,-re,-er-/-(e)sonseruwerhaer/-ere,-re,-erDativmidihem/-(e)m, -enhaer/-ere,-re,-erhemonsuhem, hen/-enAkkusativmidihi/-isi/-sehet/-(e)tonsuhem, hen/-en

+ Interrogativpronomen Numerus Kasus Maskulinum Femininum Neutrum Singular Nominativ wie wie wat Genitiv wies/wes wier wies/wes Dativ wien wier wien Akkusativ wien wie wat Plural Nominativ wie Genitiv wier Dativ wien Akkusativ wie

Substantive In den folgenden Grammatiktabellen wird als Adjektiv clein (klein) verwendet; die Substantive sind knecht (Knecht), hane (Hahn), Broot (Brot), Beelde (Bild), gift (Geschenk) und Wonde (Wunde).Maaike Hogenhout-Mulder: Cursus Middelnederlands. Wolters-Noordhoff, Groningen 1983, S. 29–39.

+ Maskulinum Numerus Kasus Artikel Adjektiv Stark Schwach Singular Nominativ die/de cleine knecht hane Genitiv dies/des cleins knechts hanen Dativ dien/den cleinen knechte hane Akkusativ dien/den cleinen knecht hane Plural Nominativ die cleine knechte hanen Genitiv dier/der cleiner knechte hanen Dativ dien/den cleinen knechten hanen Akkusativ die cleine knechte hanen

+ Neutrum Numerus Kasus Artikel Adjektiv Stark Schwach Singular Nominativ dat cleine broot beelde Genitiv dies/des cleins brodes beelden Dativ dien/den cleinen brode beelde Akkusativ dat cleine broot beelde Plural Nominativ die cleine brode beelden Genitiv dier/der cleiner brode beelden Dativ dien/den cleinen broden beelden Akkusativ die cleine brode beelden

+ Femininum Numerus Kasus Artikel Adjektiv Stark Schwach Singular Nominativ die cleine gift wonde Genitiv dier/der cleiner(e) gift(e) wonden Dativ dier/der cleiner(e) gift(e) wonden Akkusativ die cleine gift wonde Plural Nominativ die cleine gifte wonden Genitiv dier/der cleiner gifte wonden Dativ dien/den cleinen giften wonden Akkusativ die cleine gifte wonden

Verben

Wie im modernen Niederländischen kann das Verb stark oder schwach flektiert werden. Im Folgenden wird die Konjugation eines schwachen Verbs (leren „lernen“) sowie eines starken Verbs (geven „geben“) dargestellt. Die Konjunktivformen werden nur dann aufgeführt, wenn sie von den entsprechenden Indikativformen abweichen.

+ Konjugation der schwachen Verben am Beispiel leren Numerus Person Präsens Präteritum Indikativ Konjunktiv Imperativ Indikativ Singular ic lere leerde du leers leer / lere! leerdes hi / si / het leert lere leerde Plural wi leren leerden ghi leert leert / leret! leerdet si leren leerden Partizip geleert

+ Konjugation der starken Verben am Beispiel geven Numerus Person Präsens Präteritum Indikativ Konjunktiv Imperativ Indikativ Konjunktiv Singular ic geve gaf gave du geefs geef / geve! gaefs hi / si / het geeft geve gaf gave Plural wi geven gaven ghi geeft geeft/ gevet! gaeft si geven gaven Partizip gegeven

+ Konjugation der Präteritopräsentia Deutsch Singular Plural Infinitiv Präteritum Partizip 1./3. Person 2. Person 1./3. Person wissen weet weets weten wiste geweten taugen / nützen dooch – dogen dochte gedogen gönnen an ons onnen onste geonnen können / kennen can cans connen conste geconnen bedürfen darf dorfs dorven dorste — dürfen/es wagen dar dorste dorren dorste gedorren/gedorst sollen sal sout/suls/sult sullen soude — vermögen mach moges/machs/macht mogen mochte gemogen müssen moet moets moeten moeste gemoeten