mini|Zar Iwan IV. (forensische Gesichtsrekonstruktion durch Michail Michailowitsch Gerassimow 1965)

Iwan IV. Wassiljewitsch, der Schreckliche ( Grosny ; * 25. August 1530 in Kolomenskoje; †  in Moskau), war der erste Großfürst von Moskau, der sich zum Zaren von Russland krönen ließ. Die deutsche Übersetzung von grosny ist „furchteinflößend, streng“; die Übersetzung „der Schreckliche“ ist zwar gebräuchlich, aber ungenau. Iwan IV. stammte aus dem alten russischen Fürstengeschlecht der Rurikiden.

Durch tiefgreifende Reformen von Verwaltung, Rechtswesen und Heer stärkte Iwan IV. die Zentralgewalt und förderte den niederen Dienstadel auf Kosten der einflussreichen Bojaren. Unter seiner Herrschaft expandierte das Zarentum Russland durch die Zerschlagung der tatarischen Khanate Kasan, Astrachan und Sibir beträchtlich nach Osten und Süden. Der am Ende erfolglose Livländische Krieg und der interne Terror hinterließen Russland jedoch in einem geschwächten Zustand.

Leben Jugend mini|Die zu Ehren von Iwans Geburt gebaute Christi-Himmelfahrt-Kirche in Kolomenskoje (1532)

Iwan war der langersehnte Thronerbe des Großfürsten Wassili III. Dessen erste, langjährige Ehe mit Solomonija Saburowa war kinderlos geblieben. Erst als Saburowa ins Kloster geschickt wurde und Wassili III. Helena Glinskaja heiratete, bekam er 1530 im Alter von 51 Jahren den Thronerben Iwan. Zunächst als Bitte Gottes um einen Sohn, dann als Gottesdank wurde die Christi-Himmelfahrt-Kirche in den Jahren 1528–1532 in der Großfürstenresidenz Kolomenskoje gebaut.

Iwan, nach seinem Großvater Iwan III. dem Großen benannt, wurde am 4. September 1530 im Kloster der Dreifaltigkeit und des Heiligen Sergius getauft, etwa 78 km nordnordöstlich von Moskau. Er wuchs bei seiner Mutter Helena Glinskaja im Kreml auf, die dort am 30. Oktober 1532 einen weiteren Sohn, Juri, gebar, der gehörlos war.

Iwan verlor am 3. Dezember 1533 im Alter von nur drei Jahren seinen Vater. Seine Mutter Helena Glinskaja übernahm darauf die Regentschaft für ihren Sohn. Der Thronprätendent Fürst Juri von Dmitrow, ein Bruder Wassilis, wurde sofort in den Kerker gebracht und zwei Jahre darauf beseitigt. Michail Glinski, der Onkel der Großfürstin, der sieben Monate eigentlich die Regierung führte, wurde am 5. August 1534 im Einvernehmen mit den Bojaren auf Befehl der Regentin gefangengesetzt und anschließend im Kerker des Kremls ermordet. Fürst Glinski hatte die offene Liebschaft Helenas mit dem jungen Fürsten Iwan Obolenski als Gefahr für das Haus Glinski abgelehnt und sah dadurch auch die eigene Machtstellung bedroht. Der aus 15 Mitgliedern bestehende Bojarenrat war gespalten, der loyalere Flügel wurde vom gemäßigten Fürsten Dimitri Belski, der andere Teil aber von der habgierigen und gewalttätigen Familie der Schuiski dominiert; letztere beabsichtigte selbst den Thron zu erlangen. Als gefährlicher Prätendent wurde auch Fürst Andrei von Stariza, ein Bruder des Vorgängers Wassili III., auf Befehl der Regentin und des Fürsten Obolenski verhaftet und im Dezember 1537 in den Kerker geworfen.

Am 4. April 1538 verstarb überraschend die noch junge Großfürstin Helena, vermutlich durch Gift; der junge Iwan wurde Vollwaise. Nach dem Tod der Mutter entwickelte sich ein Machtkampf zwischen den Bojaren, wobei vor allem die Schuiski und Belski um die Beherrschung des Throns und die Vormundschaft über den jungen Zaren rangen. Iwan wurde von ihnen lieblos behandelt und von der Außenwelt im Terem-Palast des Kremls abgeschottet. Das Leben des jungen Fürsten befand sich in ständiger Gefahr; ein letzter Vertrauter, Fürst Obolenski, verschwand gleichfalls im Kerker. Der achtjährige Iwan war den Intrigen, Gerüchten und verschiedenen Maßnahmen des übermächtigen Bojarenrates unter Führung der alten Bojaren Iwan und Wassili Schuiski ausgeliefert. Die Erfahrung ständiger Angst und Lieblosigkeit in seiner Kindheit prägten Iwans misstrauischen, grausamen und rachgierigen Charakter.

Im Juli 1540 konnte sich Fürst Iwan Belski im Bojarenrat durchsetzen und verschaffte dem Reich zwei Jahre Stabilität. Am 2. Januar 1542 gelangten die Schuiskis aber durch eine Palastrevolte erneut an die Macht, brachten den jungen Großfürsten in ihre Gewalt und schickten Belski in den Kerker. Als sich Iwan 1543 im Alter von 13 Jahren seiner Macht bewusst wurde, schlug er zurück. Er ließ am 29. Dezember 1543 den neuen führenden Bojaren Andrei Schuiski von der Kremlwache ergreifen und von ausgehungerten Jagdhunden zerreißen.

Herrschaft Iwan IV. ließ sich 16-jährig durch den Metropoliten von Moskau am 16. Januar 1547 zum Zaren krönen und heiratete im selben Jahr die Tochter des Bojaren Roman Jurjewitsch Sacharjin-Jurjew (russ. Рома́н Ю́рьевич Заха́рьин-Ю́рьев), Anastassija Romanowna Sacharjina (russ. Анастаси́я Рома́новна Заха́рьина), die Tante des Patriarchen Filaret, des Stammvaters des Hauses Romanow. Die Zeremonien bei seiner Krönung beruhten auf denen byzantinischer Kaiserkrönungen und sollten seine Macht und Erwähltheit betonen (z. B. das Überschütten mit Goldmünzen). Die Macht des Zaren war zu diesem Zeitpunkt noch immer umstritten. Viele Bojaren waren faktisch unabhängig vom Zaren, unterhielten Privatarmeen und sprachen Recht. Iwan begann damit, diese Macht zu beschneiden. Er begann zu seinen Gunsten mit der Umgestaltung des Staates, die darin bestand, große Teile der fruchtbarsten und reichsten Regionen des Landes, Bojareneigentum, durch Enteignung in Staatseigentum – die Opritschnina – zu überführen, die ihm direkt unterstand. Die ihm verhassten Bojaren erhielten lediglich minderwertiges Land an den Staatsgrenzen oder wurden gänzlich enteignet und in Klöster verbannt.

mini|Thron Iwans IV. aus Elfenbein.Der Thron stammt aus Byzanz von Zoë, der Großmutter Wladimir Monomachs

Iwan galt als fromm und in der Heiligen Schrift belesen, dazu als intelligent, allerdings auch als gerissen, verschlagen und nachtragend. Er konnte strategisch vorausdenken und spielte oft Schach. Nachdem er sich im Jahr 1549 zum Selbstherrscher (Autokrat, Samoderschez, russ. самодержец) von ganz Russland ernannt hatte, residierte er im Zarenpalast des Moskauer Kremls, den er bereits seit Kindertagen kannte. Hier initiierte er in den 1550er Jahren bedeutende Gesellschafts- und Staatsreformen. Unterstützt wurde er dabei von einem Kreis bedeutender Berater, dem Isbrannaja Rada („auserwählter Rat“). Hierzu gehören die Neufassung der Gesetzgebung durch das Gesetzbuch (Sudebnik) von 1550 und die Neuordnung der russischen Armee. Zar Iwan IV. gründete das erste russische Parlament, in dem die feudalen Stände repräsentiert waren (Semski Sobor, 1549). Das neue Gesetzbuch und die Regierungsverordnungen (Ustawnyje Gramoty) dehnten die Rechte der gewählten Vertreter bäuerlicher Gemeinden im Gericht und in der lokalen Selbstverwaltung aus.Die Enzyklopädie Brockhaus, die russische Ausgabe, St.-Petersburg, 1890–1897. Weiterhin begründete er 1550 die mit Musketen und russischen Glefen, den Berdyschen (russ. ), ausgestattete Palastgarde der Strelizen (wörtlich „Schützen“). Die Reformen festigten den zentralen Staatsapparat, erhöhten die militärische Schlagkraft Russlands und schufen die Voraussetzung für außenpolitische Erfolge.

Im Mai 1553 starteten die Engländer eine Expedition, um eine Nordostpassage durch das Nordpolarmeer zu finden. Die Leitung hatten Admiral Sir Hugh Willoughby und sein Navigator Richard Chancellor. Chancellor landete dabei mit seinem Schiff am 24. August 1553 in der Nikolski-Mündung der nördlichen Dwina und wurde später von Iwan IV. in Moskau empfangen. Es kam zu ersten Handelsbeziehungen zwischen England und Russland, 1555 wurde die „Moskauer Kompanie“ gegründet, eine englisch-russische Handelsgesellschaft. Bis 1584 entstand in Archangelsk mit dem Sankt-Nikolas-Hafen der erste russische Handelshafen. Auch die zwischen Archangelsk und Moskau gelegene Stadt Wologda wurde auf Iwans Betreiben stark ausgebaut.

Nach dem Verlust seiner ersten Frau, Anastassija Romanowna Sacharjina, im Jahre 1560, des einzigen Menschen nach seiner Mutter, den er wirklich liebte, schlug Iwan IV. vor versammeltem Hofstaat den Kopf gegen die Wand, bis er blutete, schrie und tobte wie ein Rasender. Seine Gemütsschwankungen, seine Launenhaftigkeit und sein Jähzorn, auch gegen sich selbst, traten damit deutlicher denn je zu Tage. Iwan heiratete nach seiner zweiten Frau innerhalb eines Zeitraums von neun Jahren (1571–1580) noch mehrere Male. Diese Ehefrauen starben entweder eines ungeklärten Todes oder wurden von ihm verstoßen und in Klöster verbannt. Aus seinem tiefen Misstrauen heraus, das auch vor seinen Gemahlinnen nicht Halt machte, belauschte er diese im Schlaf in der Hoffnung, dass sie reden und ihre wahre Meinung über ihn verraten würden.

Zwischen 1563 und 1575 ordnete Iwan neun Massenexekutionen an. Die mit der Durchführung betrauten neugegründeten Opritschniki verbreiteten Schrecken im ganzen Land und waren Handlanger des Zaren bei der Ermordung Tausender. Die Mitglieder der Opritschniki dienten sowohl als Leibwächter als auch als Spitzel, Häscher und Henker. Sie unterstanden dem Zaren unmittelbar. Zu den Opritschniki gehörte auch der junge Fjodor Basmanow, der laut Kurbski ein Favorit und sogar Liebhaber war. Die Darstellungen Kurbskis werden von den Historikern jedoch mit Vorsicht behandelt. mini|Das Gebäude des alten Moskauer Druckhofs (1553) Iwan IV. förderte das Buchwesen in Russland. Unter ihm nahmen in den 1550er Jahren erste Druckereien ihre Arbeit auf, unter anderem der Moskauer Druckhof, an dem die russischen bzw. ostslawischen Buchdrucker Iwan Fjodorow sowie Pjotr Mstislawez tätig waren. Der Zar selbst war ein ziemlich belesener Mann und soll eine große persönliche Bibliothek besessen haben (siehe Bibliothek Iwans des Schrecklichen), die heute als verschollen gilt. Er gab viele Werke in Auftrag, unter anderem die außerordentlich umfangreiche Illustrierte Chronik, die die Weltgeschichte von der Antike bis ins Jahr 1567 umfasst. In der Architektur war er der Auftraggeber bzw. Förderer von einigen markanten Bauten wie etwa die Basilius-Kathedrale am Roter Platz in Moskau oder die Sophienkathedrale in Wologda.

Reichserweiterung Feldzüge gegen Kasan mini|Iwan IV. an den Mauern von Kasan. Gemälde von Pjotr Korowin, 1885

Iwan IV. setzte die Moskau-Kasan-Kriege fort. Im Dezember 1547 erfolgte nach den jährlichen Bedrohungen Moskaus durch die einfallenden Tataren sein erster Feldzug gegen Kasan, dem im November 1549 ein weiterer folgte, beide waren allerdings zu schwach ausgestattet. Im Jahr 1551 wurden in Moskau detaillierte Pläne für die endgültige Einnahme von Kasan ausgearbeitet und dazu ein starkes Heer aufgestellt. Iwan IV. eröffnete am 16. Juni 1552 einen neuen Feldzug gegen den Krim-Khan Devlet I. Giray und das Khanat von Kasan. Nachdem er die Krimtataren vor Tula erfolgreich zurückgeschlagen hatte, wandte sich seine Streitmacht nach Osten.R. Payne: Iwan der Schreckliche. Carl Habel Verlag, 1975, S. 87. Am 30. August begann er die Belagerung von Kasan, die durch Rammböcke, Minenkrieg und 150 Kanonen unterstützt wurde. Die Wasserversorgung der Stadt wurde blockiert, ein letzter Sturm brachte am 2. Oktober die Übergabe der Stadt, ihre Befestigungen wurden eingeebnet und große Teile der Bevölkerung niedergemetzelt. Dem gefangenen Khan Jediger Machmet wurde 1553 der Übertritt zum Christentum auferlegt. Die Baschkiren mussten die russische Oberherrschaft zwei Jahre später akzeptieren. Durch die Siege über die Tataren stoppte der Zar die Raubzüge der Khanate Kasan im Nordosten Russlands und erschwerte die Angriffe von aggressiven Völkern aus Asien über die Wolga nach Europa.Russische Annalen berichten über 40 Angriffe der Khanate Kasan auf den Nordosten Russlands in der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts. Vollständige Sammlung der russischen Annalen. Band 13, St. Petersburg 1908 und Moskau 2001.