mini|Die Zerstörung von Sodom und Gomorra. Gemälde von John Martin, 1852 mini|Die Zerstörung von Sodom. Sizilianisches Mosaik in der Kathedrale von Monreale aus dem 12. Jahrhundert
Sodom (hebräisch ) und Gomorra (hebräisch ; andere Schreibweisen: ) sind zwei in der Bibel genannte Städte, die Gott wegen ihrer Sündhaftigkeit zerstörte. Sie werden häufig in der Bibel erwähnt. Die Zerstörung der Städte wird mit einer atmosphärischen Meteoritenexplosion um 1650 v. Chr. in Verbindung gebracht, oder alternativ mit einem Erdbeben am Ufer des Toten Meeres.
In den heiligen Schriften Biblische Erzählung mini|Sodom. Gemälde von Peter Paul Rubens mini|Das brennende Worms als Sodom: Bronzetür an der Dreifaltigkeitskirche in Worms (Ulrich Henn)
Der Name Sodom findet sich 39-mal in der hebräischen Bibel, ausschließlich in 1. Buch Mose (21), 5. Buch Mose (2) und den Prophetenbüchern (16). Den Namen Gomorra erwähnen dieselben Schriften 19-mal. Dabei wird Gomorra meist in Verbindung mit Sodom genannt, selten allein. Das negative Bild beider Städte wird offenbar stärker mit Sodom als mit Gomorra in Verbindung gebracht.
Die Städte sind Gegenstand einer Erzählung im Tanach (), der zufolge sie von Gott unter einem Regen aus Feuer und Schwefel begraben wurden, weil sie der Sünde anheimgefallen waren.
Gott selbst sucht Abraham in Gestalt dreier Engel in Männergestalt auf, um ihm mitzuteilen, dass er vorhabe, die Städte Sodom, wo sich Abrahams Neffe Lot aufhält, und Gomorra zu zerstören, wenn das sündige Verhalten ihrer Bewohner tatsächlich so schlimm sei, wie ihm zu Ohren gekommen sei. Abraham fragt Gott, ob er wirklich Schuldige und Unschuldige ohne Unterschied vernichten wolle. Gott versichert ihm schließlich, dass er Sodom verschonen werde, wenn sich nur zehn anständige Menschen darin finden ließen (). Diese Zahl ist im Judentum bedeutsam: Erst wenn zehn Männer zum Gottesdienst zusammenkommen (מנין Minjan), gibt es demnach eine jüdische Gemeinde, und es kann ein vollständiger Gottesdienst gefeiert werden.
Um zu sehen, ob das Klagegeschrei über Sodom der Wahrheit entspricht, schickt Gott zwei Engel zu Abrahams Neffen Lot, einem gottgefällig lebenden Mann. Lot nimmt die beiden Engel gastfreundlich bei sich auf, die von den Einwohnern Sodoms als fremde Männer angesehen werden (). Die Einwohner fordern daraufhin, dass Lot ihnen seine Gäste übergebe, weil sie mit ihnen gewaltsam sexuell verkehren wollen (Formulierung siehe unter Interpretationen). Lot bietet den Sodomitern zum Schutz seiner Gäste und der heiligen Gastfreundschaft stattdessen vergeblich seine beiden jungfräulichen Töchter an.
Nachdem sich keine zehn Gerechten in der Stadt fanden und sie deshalb dem Untergang geweiht ist, wollen die Engel ihn und seine Familie vor dem Untergang retten und schicken sie aus der Stadt. Sodom und Gomorra werden daraufhin von Gott vernichtet, indem er Schwefel und Feuer auf sie herabregnen lässt. Als Lots Frau – entgegen einem von den Engeln ausgesprochenen Verbot – auf die Stadt zurücksieht, erstarrt sie zu einer Salzsäule (). Lot und seine Töchter können sich in Sicherheit bringen und werden im Folgenden von Gott beschützt.
Als Lot am nächsten Morgen aus der Stadt Sodom Rauch aufsteigen sieht, flieht er gemäß dem göttlichen Gebot in die Berge und lebt dort in einer Höhle. Darauf sagen seine Töchter, dass kein Mann im Lande sei, der ihnen Nachkommen geben könne, machen ihren Vater an zwei aufeinanderfolgenden Abenden betrunken, schlafen mit ihm und werden schwanger.
Im Neuen Testament Auch im Neuen Testament wird Sodom (σόδομα) neunmal erwähnt. Jesus sagt seinen Jüngern (), dass es den Bewohnern von Sodom im Gericht besser ergehen wird als den Menschen, die das Evangelium gehört und abgelehnt haben. Denn die Bewohner von Sodom kannten im Gegensatz zu den hebräischen Zeugen des Wirkens Jesu weder die Ankündigungen der Propheten im alten Testament, noch hatten sie die Wunder gesehen, die Jesus und die von ihm bevollmächtigten Jünger öffentlich getan hatten.
Auch wird Jerusalem in als „geistlich Sodom und Ägypten“ bezeichnet. Heinz Schumacher schreibt hierzu: Jerusalem ist einerseits die „heilige“ (d. h. für Gott und seine Offenbarungszwecke abgesonderte) Stadt, andererseits gleicht sie im Stadium geistlichen Verfalls „Sodom und Ägypten“; wie einst zur Zeit des AT, so auch wieder in der Endzeit.Neues Testament mit Anmerkungen von Heinz Schumacher, Paulus-Verlag.
Koran Im Koran wird nicht die Stadt Sodom, sondern nur das „Volk des Lot“ erwähnt (Sure 7.79–85, Sure 11.78–85, Sure 15.50–75, Sure 21.71–76, Sure 26.161–176 Sure 27.55–59, Sure 29.26–36, Sure 37.134–139, Sure 38.14, Sure 50.14, Sure 66.10). Auf das Ereignis der Zerstörung wird vor allem im Kontext der Abwendung von Gott, dem Missachten seiner Regeln und seiner Gesandten Bezug genommen, aber auch im Kontext von missachteter Gastfreundschaft. Mit der Geschichte um den Propheten Lot wird das Verbot von Homosexualität im Islam begründet.
Interpretationen der biblischen Erzählung Der Weg nach Sodom (Gen 18,16–33) Auf dem Weg nach Sodom begleitet Abraham die Männer (Gen 18,16), die ihn besucht haben (). In dieser Wegszene () gibt es ein Gespräch zwischen Adonai und Abraham, dessen theologisches Hauptthema die Frage ist, ob Adonai die Gerechten zusammen mit den Gottlosen bestrafen würde oder ob er die Stadt wegen einer Minderheit von Gerechten verschonen würde (Gen 18,23). Wenn Adonai die Gerechten samt den Gottlosen vernichtet, dann wäre kein Unterschied zwischen Gerechten und Gottlosen – ein Problem, das auch die Weisheitsliteratur (wie etwa Hiob und Kohelet) interessiert. Hier setzt Abraham respektvoll in Beziehung, dass der „Richter“ () der ganzen Welt doch „Recht“ (Mischpat, selbe hebräische Wurzel) schafft (Gen 18,25).
Aufgrund der Widersprüche der folgenden Wegszene (Gen 18,16–33) wird vermutet, dass sie wahrscheinlich von mehr als einem Autor stammt:
Vers (V.) 17 steht in Spannung zu V. 21: In V. 17 scheint schon festzustehen, was Adonai vorhat (wahrscheinlich die Zerstörung der Stadt), in V. 21 ist er noch nicht sicher und möchte zunächst nachsehen. Westermann argumentiert dagegen: Der Beschluss zur Vernichtung steht zwar von Anfang an fest (V. 17), das Überprüfen, ob es sich entsprechend der Anklageschreie verhält (V. 21), ist der erste Bestandteil seines richterlichen Einschreitens. V. 19 steht in Widerspruch den sonst bedingungslosen Verheißungen: V. 19 knüpft die Verheißung über die Nachkommenschaft, die zu einem großen und starken Volk werden soll, an die Bedingung, dass sie Adonais Wege halten und tun. Andere Abrahamsverheißungen sind bedingungslos (z. B. Gen 12,2–3). Die bedingte Form der Verheißung begegnet auch noch in Gen 22,15–18 und 26,5. V. 23 steht in Spannung zu V. 14: In V. 14 wird die für Gen 18–19 theologisch zentrale Frage gestellt, ob etwas für Adonai unmöglich sein kann. Die theoretische Diskussion über Gottes Gerechtigkeit trägt zu dieser Frage wenig bzw. gar nichts bei, sondern behandelt ein ganz eigenes Thema. Dies hat Exegeten dazu veranlasst, die ganze Szene oder zumindest Teile daraus später zu datieren als die Erzählung von Mamre (Gen 18,1–16a) und die Zerstörung Sodoms in Gen 19 (so z. B. Westermann, für den die Mamre-Episode jahwistisch und auch Gen 19 eine ältere Vorlage ist, die dem nachexilischen Autor von Gen 18,16b–33 vorlag).
Die Sodom-Episode (Gen 19) Zunächst fällt auf, dass die Reaktion Lots (Gen 19) auf den Besuch der zwei Engel sehr ähnlich ist wie die Reaktion Abrahams auf den Besuch der drei Männer (Gen 18).
Gen 18 Gen 19Abraham sitzt (ישֵׁב) am Eingang seines Zelts (V. 1)Lot sitzt (ישֵׁב) im Eingangsbereich zu Sodom (V. 1)Er schaut (וַיַּרְא) und läuft ihnen entgegen (לִקְרָאתָם) (V. 2)Er schaut (וַיַּרְא) und läuft ihnen entgegen (לִקְרָאתָם) (V. 1)Er verneigt sich zur Erde hin (וַיִּשְׁתַּחוּ אָרְצָה) (V.2)Er verneigt sich zur Erde hin (וַיִּשְׁתַּחוּ אָרְצָה) (V. 1)Seine Selbstbezeichnung gegenüber den Besuchern ist „euer Diener“ (עַבְדְּכֶם) (V. 3)Seine Selbstbezeichnung gegenüber den Besuchern ist „euer Diener“ (עַבְדְּכֶם) (V. 2)Er bietet ihnen eine Fußwaschung an (וְרַחֲצוּ רַגְלֵיכֶם) (V. 4)Er bietet ihnen eine Fußwaschung an (וְרַחֲצוּ רַגְלֵיכֶם) (V. 2)
Lots Verhalten in V. 1–3 wird kontrastiert mit dem Verhalten der Bewohner Sodoms in V. 4–11. Lots Gastfreundschaft ist ebenso vorbildlich wie die von Abraham. Die Bewohner hingegen wollen die Besucher „erkennen“ (, V. 5, zur Wurzel ), was analog zu und in den V. 8 und 9 nur sexuell verstanden werden kann.Gesenius: Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, Lemma: Dieses Erkennen im Sinne homosexueller Gewalt (V. 5 und 9) steht im Kontrast zum Erkennen , das sich Adonai beim Besuch Sodoms vornimmt (). Außerdem ist das wiederum sexuell gemeinte Erkennen Sarahs (, ) von Gott abgesegnet, das von den Bewohnern Sodoms hingegen nicht. Das zunächst wertfreie, ganzheitlich, also auch tätlich zu verstehende Wahrnehmen ist also vom rein kognitiven zu unterscheiden.
Während Lot in V. 3 die Besucher im positiven Sinne sehr dazu drängt (), seine Gastfreundschaft anzunehmen, drängen die Bewohner in V. 9 im negativen Sinne hart auf Lot ein (, in beiden Fällen die Wurzel , „drängen“). Beteiligt sind alle Männer der Stadt, wie sowohl vorab (18,21 „sie alle“) als auch in der Szene selbst (19,4 „von jung bis alt“) betont wird.
In V. 12–13 erfolgt die Ankündigung der Zerstörung Sodoms, die Lots Schwiegersöhne nicht glauben wollen (V. 14). Dennoch wird die Ankündigung erfüllt (V. 15–28). Die Schlüsselelemente der Sodom-Episode haben wiederum strukturelle Ähnlichkeiten zur Mamre-Episode (Gen 18,1–15): Gen 18 Gen 19göttlicher Besuch und menschliche Gastfreundschaft (V. 1–8)göttlicher Besuch und menschliche Gastfreundschaft (V. 1–3) bzw. das Ausbleiben derselben (V. 4–11)göttliche Ankündigung (eines zukünftigen Sohnes für Sarah) (V. 9–10)göttliche Ankündigung (der Zerstörung der Stadt) (V. 12–13)menschlicher Zweifel an der göttlichen Ankündigung (ausgedrückt durch Sarahs Lachen וַתִּצְחַק, V. 11–15)menschlicher Zweifel an der göttlichen Ankündigung (ausgedrückt dadurch, dass die Schwiegersöhne Lots die Ankündigung als Scherz einschätzen כִמְצַחֵק, V. 14).die Erfüllung der Ankündigung, die allerdings nicht in der Szene enthalten ist, sondern in Gen 21 nachgeholt wirddie Erfüllung der Ankündigung (V. 15–28)
Die Sodom-Episode kann also auch als eine Antwort auf die Frage verstanden werden, die in der Mamre-Episode in V. 14 aufgeworfen wurde: Sollte Gott eine Sache zu schwer bzw. unmöglich sein? Die Antwort der Sodom-Episode ist dann: Nein; wenn Gott die Städte zerstören kann, dann wird er auch die wunderhafte Geburt ermöglichen. Eine Parallele hat Gen 18–19 in Jer 32, wo es auch um die Frage geht, ob etwas zu schwer für Gott sei (Jer 32,27). Die Fortsetzung ist, dass die Zerstörung Sodoms sicher ist (V. 28–29; 36), weil die Stadt Strafe verdient (V. 30–35), aber Adonai für Wiederherstellung sorgen wird (V. 37–42). Die Logik in Jer 32 (v. a. V. 42) ist also ähnlich wie in Gen 18–19: Gottes Fähigkeit, Strafe in der Vergangenheit zu verwirklichen, garantiert auch seine Fähigkeit, Verheißung in der Zukunft zu verwirklichen. Diese Logik findet eine weitere Ähnlichkeit auch in Sach 8,14–15.
Wirkungsgeschichte