Das Julfest ist ein nordeuropäisches Fest, das je nach religiöser Zuordnung zwischen der Wintersonnenwende und Anfang Februar gefeiert wird. Im Schwedischen, Dänischen und Norwegischen heißt Weihnachten heute jul, im Isländischen jól, im Finnischen joulu, im Estnischen jõulud. Im Englischen setzt Yule, im Niederländischen joelfeest das altgermanische Wort fort. Auch in diversen Mundarten der Nordfriesischen Sprache sind Entsprechungen zu finden, auf Sylterfriesisch etwa heißt es Jül oder Jööl.
Sprachliches Die älteste Erwähnung des Wortes findet sich im gotischen Kalenderfragment Codex Ambrosianus A aus dem sechsten oder siebten Jahrhundert n. Chr. Der November ist darin Naubaimbair: fruma Jiuleis überschrieben, das kann „November: der erste Julmonat“ oder „November: Der Monat vor der Julzeit“ heißen. Im Sinne der zweiten Variante wurde auch das Wort „Prosabbaton“ im Markusevangelium mit fruma sabbato übersetzt; eine ähnliche Bedeutung scheint dem altenglischen „æftera Geola“ für den Januar zugrunde zu liegen.
Im Altnordischen sind júl und jól nachgewiesen, im Finnischen die Lehnworte juhla „Feier, Fest“ und das pluralische joulu „Weihnachten“. In seiner weiteren Bedeutung umfasste auch das altnordische jól ganz allgemein das Festmahl, wie das Kenning „Hugins jól“ („Trinkgelage des Raben“) belegt. Zum selben Stamm gehören als Ableitungen jóln (neutrum plural) „Götter“ und jólnir, ein Beiname Odins, dessen mögliche Bedeutungen „Herr der Götter“ und „Herr des Jólfestes“ umfassen. Die isländische Handschriftensammlung Flateyjarbók (um 1500) berichtet, dass die Heiden das Julfest zu Ehren des Odin feierten.
Die Etymologie des Wortes bleibt zweifelhaft. Nach älterer Ansicht gehört es zu altnordisch él „Schneegestöber“ und zu einem rekonstruierten *jehwla- „Zeit der Schneestürme“.Grimm 1984, Bd. 28, S. 710.Vgl. Johannesson 1956. Neuerdings wird das Wort vom urgermanischen *jehwlą „Feier, Fest“ hergeleitet. Die Kirche hat später vergeblich versucht, das Wort durch andere Begriffe zu ersetzen (so im Altnordischen durch den Ausdruck Dróttins burðar tíð oder im Altschwedischen durch die Wendung gudz födzlo hötidh).
Datierung des vorchristlichen Festes
Im 13. Jahrhundert berichtete Snorri Sturluson in der Heimskringlasaga von Leben und Taten Håkons I., des Guten (um 920–960). Danach soll Håkon als getaufter Herrscher über Heiden und Christen das heidnische Jul und das christliche Weihnachtsfest auf dem 25. Dezember vereint haben.
Insgesamt nennt Snorri drei Jahresfeste der vorchristlichen Nordleute: eines zu Beginn der Winterperiode, ein zweites zur Mittwinterzeit und ein drittes im Sommer, wahrscheinlich zu dessen Beginn.
Als Termin des vorchristlichen Julfestes gibt Snorri hier die Mittwinternacht an. Es ist aber nicht sicher, ob Snorris „Mittwinter“ die Mitte des Winters oder vielmehr die längste Nacht des Jahres, also die Wintersonnenwende, bezeichnete. Es bieten sich daher verschiedene Daten an. So meinen manche Forscher, der Termin des Mittwinterfestes des ursprünglichen germanischen Lunisolarkalenders finde seine Entsprechung in den römischen Iden, was bedeute, dass das Jul- oder Mittwinterfest ursprünglich zum Vollmond jenes Monats, der unmittelbar nach der Wintersonnenwende beginnt, stattfand.Andreas Nordberg: Jul, disting och förkyrglig tideräkning. Kalendrar och kalendariska riter i det förkristna Norden (= Acta Academiae Regiae, Gustavi Adolphi 91). Uppsala 2006. Neuerdings wird der 15. Januar genannt. Die Sagakritik hat darauf hingewiesen, dass es sich bei Skaldendichtung und Sagas um literarische Texte handelt, nur indirekt um historischen Quellen.
Geht man davon aus, dass das Mittwinter- oder Julfest in dem nach ihm benannten Monat Ýlir lag, dann ergeben sich weitere Überlegungen. Der altisländische Kalender lebte neben dem kirchlichen Kalender nach der Christianisierung noch eine Weile fort und wurde erst allmählich, im Wesentlichen bis zum 12. Jahrhundert, dem julianischen Kalender angeglichen. Gemäß einer um 1250 verfassten komputistischen Abhandlung bezog sich der Monatsname Ýlir auf die Zeit vom 14. November bis zum 12. Dezember.Celander 1955; Weiser-All 1963, S. 6.
Harald Ehrhardt hingegen schließt aus dem oben zitierten gotischen Kalenderfragment, dass es sich bei Jul um eine Zeit im November gehandelt habe. Allerdings ist umstritten, ob in dieser Zeit überhaupt ein Fest stattfand. Eine genaue Datierung des Fests bleibt aber schwierig. Auch die gotischen und altenglischen Monats- oder Jahreszeitennamen Jiuleis und Geola (s. oben unter Sprachliches) sind bereits dem römischen Kalender angepasst. Mit einiger Sicherheit lässt sich aus den unterschiedlichen Benennungen wohl nur ableiten, dass das Julfest zwischen Mitte November und Mitte Januar lag. Die altenglische giuli-Zeit bezeichnete nach Beda Venerabilis Dezember und Januar.Beda: De Temporum Ratione, Kap. 15. Auch in den Sagen über Familien ist hie und da von Jul die Rede. Aber hier sind die Zeitbestimmungen ziemlich sicher bereits vom christlichen Festkalender beeinflusst.
Andere Forscher stützen sich auf den agrarischen Jahresverlauf und halten das germanische und skandinavische Julfest für identisch mit den Festen, die im Anschluss an die herbstliche Tierschlachtung (Álfablót) und zum Ende der herbstlichen Drescharbeiten von Mitte November bis Mitte Dezember stattfanden.Bjørnsson 1995; Celander 1955; Tille 1893. In keiner historischen Quelle wird allerdings davon berichtet, dass germanische Gruppen große Blóts zu den Sonnenwenden abgehalten haben.
Geschichte Die Anfänge Schon Prokopios von Caesarea berichtet im 6. Jahrhundert von einem großen Fest auf Thule für die Zeit, wenn die Sonne nach der langen Winterdunkelheit zum ersten Mal sichtbar wurde. Seine Angaben von 40 Tage Winterdunkelheit und 40 Tagen Mitternachtssonne scheint auf die Lofoten zu verweisen.Hultgård, S. 102. Um 700 berichtet der Mönch Beda Venerabilis in De temporum ratione, dass im England seiner Zeit das Jahr am 8. Januar („ab octavo Calendarum Januariarum die“) begann und dass jene Nacht, die bei den Christen nunmehr „die allerheiligste heißt“, von den Heiden „mit dem Namen módra nect, d. h. Nacht der Mütter“ benannten, was vermutlich auf den westgermanischen Matronenkult zu beziehen ist. Thietmar von Merseburg berichtet von einer Kultfeier bei den Dänen, die im „Januar, am Tage, an dem wir des Herrn Ankunft feiern“ stattfand. Beda wie Thietmar bezog sich hier auf das Epiphanie-Fest.
Das Haraldskvæði, das um 900 entstanden ist, ist die einzige Skaldendichtung vor 1100, in der das Julfest genannt wird. Dort stellt der Dichter die Julfeier auf dem Lande dem Jultrinken der Seekrieger gegenüber. In der sechsten Strophe heißt es: „Der König will das Jul draußen (auf dem Meer) trinken und das Spiel Freyrs beginnen“. Die Formulierung „Jultrinken“ deutet darauf hin, dass das Trinken ein wesentlicher Bestandteil des Julfestes war. Der Dichter erwähnt in diesem Zusammenhang „Freys leikr“, also Spiele des Freyr, ohne nähere Erläuterung. Gesichert scheinen Freyr-Riten zur Julzeit, von denen auch spätere Quellen berichten.Hultgård, S. 103.
Die frühe Geschichte des Julfestes ist sehr umstritten. Die Meinungen reichen von der Leugnung eines vorchristlichen Julfestes bis zu umfassenden Rekonstruktionsversuchen aus späteren Bräuchen. Laut Wilhelm Mannhardt, einem der Begründer der modernen Mythenforschung, wurde „bei der Einführung des Christenthums unter allen deutschen Stämmen das Julfest mit dem Christfeste vertauscht“ und mit dem Inhalt der neuen Religion erfüllt, wobei sich viele heidnische Festbräuche erhielten. Der reformierte Theologe August Ebrard schrieb in diesem Sinn: „Man ließ den Heiden ihre Götter und ihre Feste; man taufte sie nur um dem Namen nach, wie die Heiden selber“.
Die neuere Forschung hat dagegen darauf verwiesen, dass der Rückschluss von späterem Brauchtum auf früheres der starken Wandlungsfähigkeit der Bräuche und ihrer Fähigkeit, sich andere Elemente anzueignen, gegenüberstehe.Hultgård, S. 101. So wurden Sitten und Bräuche, die an die römischen Kalender-Feste gekoppelt waren, alsbald in volkstümliche christliche Feiern aufgenommen, um sich im Zuge der Christianisierung über ganz Europa bis in den hohen Norden auszubreiten. Dazu gehören Bräuche mit Vermummungen und die Sitte, sich zu Silvester zu beschenken, was später auf das Weihnachtsfest überging. Die gotischen, altenglischen und altnordischen Belege stammen alle aus christlicher Zeit und stehen fast durchweg in christlichem Kontext. Es ist daher schwierig, aus den knappen Quellen der altnordischen Literatur ein Bild der verschiedenen Feste zu gewinnen. Das gilt ebenso für das Jul und Álfablót der Skandinavier wie für die módra nect („Nacht der Mütter“) der Angelsachsen.
Vor allem die Zuverlässigkeit der altwestnordischen Quellen wird unterschiedlich bewertet. So herrscht keine Einigkeit über den Wahrheitsgehalt von Snorris Schilderung des Opfers in Tröndelag, zu dessen Teilnahme König Håkon der Gute gezwungen wurde.Hultgård, S. 100. Auch weitere von Snorri und anderen geschilderten Opferrituale werden nicht als authentische Darstellung angesehen. Die Schilderung der Opfer hält man heute für literarische Konstruktionen. Allenfalls die Gelübde, die man mit der Hand auf einen Eber ablegte, der später dann Freyr geopfert wurde, scheinen ein authentisches vorchristliches Element darzustellen, auch wenn die Überlieferung relativ spät ist. Lokal scheint sich das Julfest in Norwegen nach der Christianisierung als rein soziales Ereignis erhalten zu haben, was dafür spricht, dass das Schwergewicht schon immer auf der sozialen Bedeutung der Zusammenkunft und der Stärkung der Gemeinsamkeit gelegen hatte.
Aus vorchristlicher Zeit soll neben dem beschriebenen Jultrinken auch der Julbock stammen, ein aus Stroh geflochtener Ziegenbock. Dieser lässt sich vielleicht auf die Ziegenböcke des Gottes Thor zurückführen, die seinen Wagen ziehen. Er bringt auf seinem Rücken noch heute in Skandinavien die Geschenke.
Die heute auch im Christentum bekannten zwölf Rauhnächte, die sich dem 25. Dezember anschließen, zwischen Jul und Epiphanias, sollen schon den Germanen bekannt gewesen sein. Zu dieser Zeit soll sich in der germanischen Vorstellung auch Wodans alljährliche Wilde Jagd abgespielt haben, in der die Geister der Verstorbenen mit Odin über das Land ziehen sollten. Der Glaube, dass zu dieser Zeit das Geisterreich offenstehe, zog Bräuche wie das Stehenlassen von Essen für die Geister oder das Verbringen von Essen in die Megalithanlagen mit sich.Vgl. Glob 1967. Auch für Odins Pferd Sleipnir stellte man Nahrung vor die Tür. Ebenfalls in den Rauhnächten spielt das Märchen um Frau Holle, die deutliche Bezüge zur germanischen Totengöttin Hel hat.
Eine byzantinische Quelle des 10. Jahrhunderts berichtet von Zeremonien des Kaisers Konstantin Porphyrogennetos am neunten Tag einer Periode von zwölf Tagen zwischen Jul und Epiphanias, in denen zwei Gruppen von Männern als „Goten“ verkleidet und mit Fellen behangen um den Tisch tanzten und unverständliche mit lateinischen Wörtern durchsetzte Texte sangen und mit Stäben auf die Schilde schlugen. Es wird vermutet, dass es sich um Soldaten der wikingischen Leibgarde handelte, die den byzantinischen Sieg über die Goten im 6. Jahrhundert besangen und dies mit heimischen Brauchtumsresten vermengten.Hultgård 2000, S. 100 ff.
Mittelalter Die Königsmacht und die Kirche nahmen davon Abstand, in einer Übergangszeit zu schnell und zu radikal mit den Kulttraditionen zu brechen. Håkon der Gute verlegte das Fest auf den 25. Dezember,Jóhannesson 1956, S. 97. indem er gesetzlich bestimmte, dass das jólahald zur selben Zeit wie das christliche mælisøl zu feiern sei. Das Wort brandajól bezeichnete das Weihnachtsfest mit vier oder fünf aufeinanderfolgenden Feiertagen. Nach der „Graugans“, einer alten isländischen Gesetzesniederschrift, durfte während der Julzeit niemand Feuer entzünden oder Holzscheite nach Hause tragen.