Der von der Wissenschaft wiederaufgenommene mittelalterliche Ausdruck Bildwirkerei bezeichnet sowohl die Technik des Einwirkens von Bildern und Motiven in ein textiles Flächengebilde als auch das Erzeugnis dieser Technik, die Tapisserie. Die Bildwirkerei ist nicht zu verwechseln mit der Teppichwirkerei oder dem maschinell hergestellten Gewirk.

Wortschatz mini|Fragment eines Schweizer Bildteppichs, 2. Viertel 15. Jh. mini|Wandbehang mit der Darstellung der Hildegard von Bingen aus der 2012 profanierten Filialkirche St. Hildegard von Herz-Jesu in Fechenheim, heute in der Heilig-Geist-Kirche in Frankfurt-Riederwald Die Technik der Bildwirkerei ist der Weberei verwandt, aber nicht mit ihr identisch, obgleich sie wie die Weberei einen Handwebstuhl oder eine Webmaschine erfordert. Bei der Wirkerei werden die farbigen Schussfäden nur bis zum Rand der im Karton vorgegebenen Farbfläche hin- und zurückgewirkt, während sie bei der Weberei durch die gesamte Webebreite, von einer Kante zur anderen eingeschossen werden. Die Herstellung eines gewirkten Bildes ist nicht maschinell möglich, d. h., eine Bildwirkerei wird immer manuell gefertigt.

Für das Erzeugnis sind auch die Bezeichnungen Bildteppich oder Wandteppich üblich. Vornehmlich die klassischen Werke nennt man seit dem 19. Jahrhundert Tapisserie, ein aus dem Französischen übernommenes Synonym. Als Gobelins sind ausschließlich in der heute in Paris angesiedelten Gobelinmanufaktur hergestellte Tapisserien zu bezeichnen. Um Imitationen handelt es sich bei der Gobelinmalerei, wobei die Motive auf ein Gewebe aufgemalt werden, und der Gobelinstickerei, eigentlich eine Petit-Point-Stickerei.

Bildwirkereien werden als Einzelwerke, als Bildfolgen und als Behänge hergestellt. Eine Bildfolge (frz. série) besteht aus mehreren, thematisch zusammengehörenden Motiven. Der Behang (frz. ensemble) ist eine Garnitur, die der homogenen Raumausstattung einer Galerie, eines Gemaches oder einer Zimmerflucht dient. Sie setzt sich aus Einzelwerken zusammen, in denen jeweils gleiche Farbgebung und gleiches Sujet in abgewandelter Form aufgegriffen werden. Zu einem solchen Behang gehören außer mehreren großen Wandbehängen auch kleinere, in Farbgebung und Thema ebenfalls angepasste Werke wie Türbehänge und Möbelbezüge für Sitzmöbel, Sitzkissen, Kaminschirme und dergleichen.

Funktion Die kunstvollen Wirkereien hatten neben der schmückenden auch verschiedene praktische Aufgaben zu erfüllen. Zum einen eine Wärmedämmung, wodurch auch das Raumklima positiv beeinflusst wurde. Weiter halfen sie die Akustikprobleme in großen, hohen Räumen zu lösen. Betrachtet man nur diese praktischen Funktionen von Bildwirkereien, wird man der Gattung allerdings nicht gerecht. Daneben haben viele Bildwirkereien und Bildwirkereifolgen große didaktische Funktionen. So sind z. B. die mittelalterlichen Bildwirkereien vom Oberrhein, die Wildleute und/oder Fabeltiere zeigen, Aufforderungen ein Leben nach höfischen Gesetzen zu leben. Die wilden Gestalten spiegeln das höfisch-ritterliche Ideal wider, dem der Betrachter nacheifern soll. Auch die zahlreichen Liebesallegorien derselben Provenienz zeugen davon.

Technik mini|Wandteppich in der Wartburg aus dem 14. Jhd. – Niederdeutsch mini|Antependium mit Darstellung der Verklärung Christi, Ende 15. Jahrhundert Eine echte handgewirkte Tapisserie entsteht auf einem senkrechten Hochwebstuhl (Hautelisse-Stuhl) oder auf einem waagerechten Flachwebstuhl (Basselisse-Stuhl). Verarbeitet werden Leinen und Baumwolle für die hochstrapazierten Kettfäden, Wolle, Seide, gelegentlich Leinen und, wenn es sich um sehr kostbare Werke handelt, Silber und Goldfäden für den Schuss. Gewirkt wird auf der Rückseite des entstehenden Werkes.

Grundlage für das Motiv ist ein farbiger Entwurf oder auch ein Gemälde. Als Verbindungsglied zwischen dem Entwurf und dem Gewebe dient ein Karton, auf dem die vorgegebenen Konturen, die Grenzen der verschiedenen Farbflächen und die Farbgebung festgelegt worden sind. Dieser Karton wird als Webvorlage entweder im Rücken des Wirkers aufgestellt (Hochwebstuhl) oder unter den Kettfäden befestigt (Flachwebstuhl). Dies bedeutet, dass der Karton für einen Flachwebstuhl spiegelverkehrt gezeichnet werden muss oder, um Übertragungsfehler zu vermeiden, mit Hilfe durchsichtiger Pausen, den calques, als gespiegelte Umrisszeichnung übertragen wird. Die Übertragung der Konturen vom Karton auf die Kettfäden ist möglich. In beiden Fällen wird mit Spiegeln gearbeitet, und zwar am Hochwebstuhl mit einem großen Spiegel, um den Karton im Auge zu behalten, am Flachwebstuhl mit einem kleinen Handspiegel, um die Qualität der Vorderseite zu kontrollieren. Also wird der Karton des Hochwebstuhls, den der auf der Rückseite der Tapisserie arbeitende Wirker in einem Spiegel betrachtet, nicht spiegelverkehrt gezeichnet.

Die Einarbeitung der Bilder wird Einwirken oder Durchwirken genannt. Bei Handarbeit wird das Schussgarn auf eine hölzerne sogenannte Fliete aufgewickelt, die einem vorne spitz zulaufenden Klöppel gleicht. Mit dem angespitzten Ende der Spitze der Fliete wird der Faden im Gewebe angedrückt. mini|Abraham-Engel-Teppich, um 1150, und Christus-Apostel-Teppich, um 1170, Domschatz Halberstadt Das Wirken einer Tapisserie ist sehr zeitaufwändig. Es können vier bis acht Arbeitswochen pro Quadratmeter erforderlich sein.

Geschichte mini|Croy-Teppich von 1554/1556, im Besitz der Universität Greifswald Die Wirkerei gehört neben der Weberei und der Töpferei zu den ältesten Handwerkskünsten der Menschheit. Sie wurde schon vor Jahrtausenden ausgeübt. Ihre Blütezeit erlebte die Bildwirkerei im Mittelalter und in der Renaissance, zum Beispiel in den Millefleurs-Wandteppichen.

Die ältesten erhaltenen Fragmente von Bildwirkereien sind Grabbeilagen, die sich dank des trockenen Wüstenklimas in Ägypten über Jahrtausende erhalten haben. Aus dem griechischen Altertum sind Vasen mit Darstellungen von Webstühlen bekannt, aus spätantiker und frühchristlicher Zeit Wollwirkereien aus Kleinasien und Ägypten. Eine frühe koptische WollwirkereiKoptische Wollwirkerei In: Kunsthistorisches Museum Wien. aus dem 4. Jahrhundert ist im Kunsthistorischen Museum in Wien zu sehen.

Zu den ältesten westeuropäischen Spuren der Bildwirkerei gehören die mittelalterlichen Werke aus dem 12. und 13. Jahrhundert, die im Domschatz Halberstadt aufbewahrt werden (Abraham-Engel-Teppich um 1150, der älteste gewirkte Bildteppich Europas) und große, gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Frankreich entstandene Zyklen wie die Apokalypse, die in Angers zu bewundern ist.

Tapisserien (Auswahl) Apokalypse (Wandteppich) in Angers Croÿ-Teppich Estherteppich im Pommerschen Landesmuseum Hestia-Teppich in der Dumbarton Oaks Collection Los Honores Spieleteppich Verdüre mittelalterliche Bildteppiche aus dem Kloster St. Clara im Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen Die Dame mit dem Einhorn im Musée national du Moyen Âge Abraham-Engel-Teppich, um 1150, Domschatz Halberstadt Christus-Apostel-Teppich, um 1170, Domschatz Halberstadt Karlsteppich, um 1245–1250, Domschatz Halberstadt Marienteppiche, um 1500–1510, Domschatz Halberstadt gotische Bildteppiche im Kloster Wienhausen Die Jagd des Einhorns in The Cloisters Wildfrau mit Einhorn im Historischen Museum Basel Flachsland-Teppich im Historischen Museum Basel Tunisfeldzug im Palacio Real in Madrid Les Chasses de Maximilien im Musée du Louvre Histoire du Roy im Schloss Versailles Artemisia-Gobelins in der Hildesheimer Domkirche Friedenstaube, 1968, Friedenskirche Detmold-Remmighausen von Anemone Schneck-Steidl

Der Teppich von Bayeux (2. Hälfte des 11. Jhs.) wird auch in der französischen Sprache irrtümlich als „Tapisserie“ bezeichnet. Es handelt sich jedoch tatsächlich um eine Stickerei.

Produktionsstätten Unter den Produktionsorten sticht Aubusson (Frankreich) hervor. Seine Bedeutung wurde 2009 gewürdigt, als der Titel „Wandteppiche aus Aubusson“ in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen wurde. „Traditionelle Wandteppiche“ aus Moldawien und Rumänien wurden im Jahr 2025 dort eingetragen.

Weitere Produktionsstätten sind:

Arras Basel Beauvais Braunsdorf Brügge Brüssel Chichester (West Dean College) Enghien (Edingen) Felletin Gent Geraardsbergen (Grammont) Halle (Saale) Madrid Nürnberg Oudenaarde (Audenarde) Paris Straßburg Tournai (Doornik) Vorpommern, Stätten der Pommerschen Fischerteppichwirkerei, Freest

Bedeutende Kunsthandwerker, Künstler und Persönlichkeiten Aufgeführt werden − Bildwirker, − Künstler, die Entwürfe für Bildwirkereien geliefert haben, − weitere Persönlichkeiten, die sich um die Bildwirkerei verdient gemacht haben,

nach den Ländern, in denen sie schöpferisch tätig waren, und in der chronologischen Reihenfolge der Geburtsjahre geordnet.

Deutschland Max Wislicenus (1861–1957), Künstler, Lehrer und Professor der Königlichen Kunst- und Gewerbeschule (Akademie ab 1911) zu Breslau, in der er 1904 eine Werkstatt für Bildwirkerei einrichtete, Mitbegründer der Werkstätten für Bildwirkerei Schloss Pillnitz (1919) bei Dresden Carlotta Brinckmann (1876–1965), deutsche Bildwirkerin und Textilrestauratorin, erste Werke 1901 Wanda Bibrowicz (1878–1954), polnische Bildwirkerin und Leiterin der Textilabteilung der Königlichen Kunst- und Gewerbeschule (Akademie ab 1911) zu Breslau, Gründerin der Schlesischen Werkstätte für Kunstweberei in Oberschreiberhau/Schlesien (1911), Mitbegründerin der Werkstätten für Bildwirkerei Schloss Pillnitz bei Dresden (1919) Paul Thiersch (1879–1928), Kunstgewerbelehrer und Leiter der Handwerker- und Kunstgewerbeschule (heute Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle) in Halle (Saale), ließ ab etwa 1915 Tapisserien in der Schulwerkstatt produzieren Marie Thierfeldt (1893–1984), erster weiblicher Webemeister Ostpreußens, Lehrtätigkeit an der Königsberger Kunstakademie, später erfolgreiche Werkstatt in Hamburg Irma Goecke (1895–1976), Leiterin der Nürnberger Gobelin-Manufaktur, schuf erste Werke 1918 Elisabeth Crodel, geb. v. Fiebig (1895–1976), deutsche Malerin und Textilkünstlerin in Deutschland und U.S.A., Ehefrau von Charles Crodel Johanna Schütz-Wolff (1896–1965), deutsche Künstlerin und Bildwirkerin, schuf erste eigene Werke seit den 1920er Jahren, Begründerin der Textilklasse an der Burg Giebichenstein Rudolf Stundl (1897–1990), künstlerisch-technischer Leiter der Pommerschen Fischer-Teppich-Heimknüpferei mit Sitz in Greifswald Immeke Mitscherlich, geborene Schwollmann (1899–1985), deutsche Textilkünstlerin, Absolventin des Bauhauses Erich Klahn (1901–1978), Kartonmaler Alen Müller-Hellwig (1901–1993), Werkstatt im Burgtor in Lübeck Wladimir Lindenberg (1902–1997), deutscher Arzt, Schriftsteller, Maler und Bildwirker russischer Herkunft, schuf seine ersten Wirkereien in den 1920er Jahren Woty oder Woty Werner, eigentlich Anneliese Werner (1903–1971), war eine deutsche Bildweberin, Malerin und Entwerferin, 1959 Teilnehmerin der documenta 2 in Kassel Elisabeth Kadow, geborene Jäger (1906–1979), Textilentwerferin, Leiterin der Meisterklasse für Textilkunst und der textilgestalterischen Abteilung der Studienstätte Textilkunst Krefeld an der Textilingenieurschule Krefeld, schuf u. a. Tapisserien für öffentliche Räume Hildegard Osten (1909–2000), Werkstatt der Künstlerin in Lübeck Edith Müller-Ortloff (1911–1994), Bildteppichkünstlerin, Gründerin des Meersburger Bildteppich-Ateliers Werner Rataiczyk (1921–2021) und Rosemarie Rataiczyk (1930–2025), Textilkünstler in Halle (Saale) Marielies Riebesel (1934–2015), Textilkünstlerin in Halle (Saale) Karl Schaper (1920–2008) betrieb zusammen mit seiner Frau Susanne Schaper die Bildweberei in ihrem Atelierhaus in Apelnstedt (Gemeinde Sickte) bei Wolfenbüttel. Ingeborg Schäffler-Wolf (1928–2015), schuf zahlreiche Tapisserien für öffentliche Räume Else Bechteler-Moses (1933–2023, geboren in Berlin), Teppichkünstlerin