Birger Sellin (* 1. Februar 1973 in Berlin) ist ein Autist, der als Autor zweier mittels gestützter Kommunikation verfasster Bücher bekannt wurde.
Leben und Wirken
Kindheit und Jugend Erste Auffälligkeiten bemerkten Sellins Eltern beim ersten Besuch des Kindergartens Ende 1974. Im Folgejahr war er über Monate hinweg schwer erkrankt und danach wesensverändert. Unter anderem entwickelte er panische Angst vor anderen Kindern, zog sich völlig zurück und hörte auf zu sprechen. 1990 lernte Birgers Mutter Annemarie Sellin die Sprachtherapeutin Annegret Schubert kennen und wurde von ihr in die Nutzung der gestützten Kommunikation (facilitated communication / FC) eingeführt. Diese war die ehemalige Assistentin von Douglas Biklen, Professor an der Syracuse University, der FC in den USA popularisiert hatte. Wie Biklen vertrat auch Schubert die Ansicht, dass schwerer Autismus keine geistige, sondern eine körperliche Behinderung darstelle und dass die Betroffenen über normale bis hohe Intelligenz verfügen. In der Folge begannen Sellins Eltern damit, FC bei ihrem zu dieser Zeit 17-jährigen Sohn anzuwenden. Der Journalist Michael Klonovsky wurde 1992 auf den Fall aufmerksam und verfasste im Hamburger Zeit-Magazin vom 31. Juli 1992 einen Artikel über Birger Sellin.
Buchveröffentlichungen Größere Bekanntheit erlangte Sellin schließlich durch das 1993 von Klonovsky bei Kiepenheuer & Witsch herausgegebene per FC verfasste Buch Ich will kein Inmich mehr sein. Das Buch war mit über 100.000 verkauften Exemplaren und Übersetzungen in sieben Sprachen sehr erfolgreich. 1995 folgte eine zweite und bislang letzte Veröffentlichung unter dem Titel "Ich, deserteur einer artigen autistenrasse: Neue botschaften an das volk der oberwelt". Leitmotiv beider Bücher ist das Eingesperrtsein im „autististischen Kerker“ und die Sehnsucht nach Befreiung. Amy Lutz sieht in diesem Standardelement der meisten FC-Texte eine Projektion der nicht-autistischen „Stützer“, die den Testergebnissen zufolge die eigentlichen Urheber der Texte sind. Diese glauben, dass in dem nicht sprechenden Autisten allem Anschein zum Trotz ein „intakter Geist“ eingeschlossen sei und durch die richtigen Hilfsmittel „befreit“ werden könne.
Kontroverse um Urheberschaft 1993 zeigten amerikanische Doppelblindstudien, dass per Gestützter Kommunikation erzeugte Botschaften stets Produkte der „Stützer“ und nicht der „Nutzer“ sind. So kam es zu heftigen Kontroversen um die Urheberschaft Sellins. Im Beitrag „Lyrik oder Lüge? Signale aus der Welt des Schweigens“ versuchte Spiegel TV, Sellins eigenständige Kommunikationsfähigkeiten zu testen und kam zu einem negativen Ergebnis. Später führte Spiegel-Reporter Jürgen Neffe für das Magazin ein FC-Interview mit Sellin. Er nennt im Artikel zwar Zweifel an der Methode, zitiert aber mehrere Stimmen, die von Sellins eigenständiger Kommunikationsfähigkeit überzeugt sind.
Rezeption Felix Kuballa produzierte unter dem Titel wie ein wuchernder erdklumpen auf der seele für den WDR einen Dokumentarfilm über Birger SellinWie ein wuchernder Erdklumpen auf der Seele 1v4. Der Film und Kuballa erhielten 1995 den Sonderpreis des Kultusministers von Nordrhein-Westfalen beim Adolf-Grimme-Preis. Am 30. August 1995 hatte Sellin einen Auftritt in der Sendung Stern-TV mit Günther Jauch, während der er, unterstützt von seiner Mutter, von Jauch live interviewt wurde.
Texte von Birger Sellin wurden in einem Lied auf einem Album der Band Pur (1998), in einer Kammeroper (2000) sowie in einem experimentellen Rundfunk-Hörspiel (2005) genutzt.DeutschlandRadios Berlin, 2005
Am 24. Juli 2013 wurde in Stern-TV ein Feature über den inzwischen 40-jährigen Birger Sellin mit dem Titel Ein Autist sucht Kontakt mit der Außenwelt gesendet. Laut diesem Feature lebt er seit 2007 in einem Heim für Autisten in Hitzacker. Feature über Birger Sellin z. T. mit früheren Aufnahmen, abrufbare Sendung vom 24. Juli 2013 unter Stern-TV.de (25 Sekunden Werbevorspann)
Bibliografie Gedichte und Essays Ich will kein Inmich mehr sein: Botschaften aus einem autistischen Kerker. Hrsg. von Michael Klonovsky. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1993, ISBN 3-462-02289-X Ich Deserteur einer artigen Autistenrasse: neue Botschaften an das Volk der Oberwelt. Hrsg. von Michael Klonovsky. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1995, ISBN 3-462-02457-4
Dramaturgische Bearbeitungen Ich will raus hier, ein Song der Band Pur unter Nutzung von Auszügen aus Ich will kein Inmich mehr sein, enthalten in deren Album Mächtig viel Theater, 1998. nimmerlandmensch. Kammeroper. Texte: Birger Sellin. Musik: Marc Schubring, Konzept und Regie: Thomas Münstermann. Uraufführung am Theater Osnabrück, 2000. I don't want to be inside me anymore – ich will kein inmich mehr sein. Experimentelles Hörspiel von Darren Copeland als Versuch einer akustischen Umsetzung der angenommenen Innenwelt eines Autisten mit Versatzstücken aus Birger Sellins Texten. Eine Produktion des DeutschlandRadios Berlin, 2005.
Literatur
Einzelnachweise
Weblinks
Sebastian Bartsch: The globalisation of disability: Rise and fall of Facilitated Communication in Germany, Juni 2013,
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