mini|Lateinimitation „Tonnosaurus Rex“ in Anlehnung an die zoologische Nomenklatur an einem Müllsammelfahrzeug der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (2017)
Küchenlatein (latinitas culinaria) ist im ursprünglichen, engeren Sinne eine spöttische Bezeichnung aus der Zeit des Humanismus für ein als „schlecht“ oder „barbarisch“ geltendes Latein.
Daraus entwickelte sich die heutige, weiter gefasste Bedeutung, die den – meist bewussten und spielerischen – Einsatz von fehlerhaftem Latein oder unpassenden Übersetzungen bis hin zu absichtlichen Lateinimitationen einschließt. Zum Teil ist dafür auch etwas unscharf der Begriff Pseudolatein in Verwendung.
Begriffsentwicklung An der Klassischen Antike geschulte Humanisten bezeichneten das aus ihrer Sicht im Gegensatz zum erneuerten humanistischen Latein „verderbte Mönchslatein“ (Kirchenlatein) des Mittelalters auch als Küchenlatein.Belege unter Ihnen war jene – aus moderner Sicht durchaus natürliche und als Mittellatein bezeichnete – Weiterentwicklung der spätantiken lateinischen Sprache zuwider, und sie propagierten eine Rückkehr zum Stil Ciceros oder Caesars. Beispielsweise äußerte Johannes Aventinus:
Später übertrug sich der Ausdruck auch auf das frühneuzeitliche Vulgärlatein-Umgangsdeutsch-Potpourri, wie es sich etwa auch in der damaligen Verwaltungssprache und der Studentensprache findet. Von dort aus entwickelte sich durch den damals obligatorischen Lateinunterricht aus ungewollt komischen Übersetzungen und Wortspielen die heutige Bedeutung im weiteren Sinne.
Verwendung Bewusst als komischer Effekt eingesetzt wurde das Küchenlatein in der sogenannten makkaronischen Dichtung. Zum Beispiel wird es in den anonymen satirischen Epistolae obscurorum virorum (Dunkelmännerbriefen) als „sprachliche Tarnkappe“ benutzt, um die verknöcherte Klostergelehrsamkeit zur Zielscheibe des Spottes zu machen.
Küchenlatein wurde genutzt, um zu imponieren (Fachwörter), zu beschwören (Zaubersprüche) oder, um einer Rede einen exotischen Reiz zu verleihen, sowie als übertriebene Verwendung von Latinismen, wie sie in der geschraubten Sprache der Barockzeit beliebt war. Eine lange Tradition hat das bewusst falsche, mit moderner Sprache gemischte Latein im Theater, etwa bei den „Vecchi“-Figuren der Commedia dell’arte, dann in der Haupt- und Staatsaktion und sogar noch in der Posse des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Diese Tradition zeigt sich in Stücktiteln: Horribilicribrifax (1663), Lumpazivagabundus (1833). Auch modernere Wortbildungen bedienen sich mit satirischer Absicht des Küchenlateins wie die „Reductio ad Hitlerum“ von Leo Strauss (1953).
Heutzutage steht der Begriff für eine spielerische, absichtlich falsche oder komische bis groteske Verwendung lateinischer Wörter (bei der etwa nur die Wort-für-Wort-Übersetzung einen Sinn ergibt) oder gar für Zeichenfolgen, die zwar wie lateinische Wörter aussehen, aber nur beim Vorlesen in einer modernen Sprache einen Sinn ergeben. – Eine noch weiter gefasste Bedeutung hat der Begriff Kauderwelsch.
Im Wirtschaftsbereich wird auf der Suche nach neuen Firmen- und vor allem Markenbezeichnungen ebenfalls immer wieder auf Latein bzw. meist eher Lateinimitationen zurückgegriffen. Zum Teil kommt es dabei, in diesen Fällen gewöhnlich unbeabsichtigt, zu genau den grammatikalisch unsinnigen oder – gelegentlich unfreiwillig – komischen Verwendungen, wie sie für die küchenlateinischen Erscheinungen typisch sind. Wegen der langen Beziehung der Medizin zur lateinischen Sprache ist diese Erscheinung verstärkt im Gesundheitswesen anzutreffen. Jedoch kann hier nicht jede (pseudo-)lateinische Verwendung als Küchenlatein bezeichnet werden. Zusätzlich zu unterscheiden davon sind auf romanische Sprachen zurückzuführende Namen, was im Einzelfall schwer sein kann.
Obwohl sie ebenfalls aus Pseudolatein bestehen, werden Lorem ipsum und einige verwandte Texte wegen ihres Einsatzzweckes als Blindtext nicht zu Küchenlatein gezählt.
Beispiele Theater
Küchenlateinische Spielereien Die erste Variante verwendet Wendungen oder ganze Sätze, die auch bei korrekter Übersetzung irgendeinen Sinn ergeben (es handelt sich also im eigentlichen Sinn nicht um Pseudo-Latein), wo man aber die übertragene, umgangssprachliche oder dialektale Bedeutung der lateinischen Begriffe im Deutschen kennen muss, um den Sprachwitz zu verstehen; zum Teil sind diese Sätze auch als ungewollt komische Übersetzungen im Lateinunterricht entstanden (siehe auch Stilblüten): anus mundi – „Arsch der Welt“ (siehe auch Anus als Fachbegriff); vermutlich Wortspiel in Anlehnung an annus mundi, möglich ist auch eine ursprüngliche Fehlschreibung (eine Haplographie). Caesar cum vidisset portum plenum esse, iuxta navigavit. – „Als Cäsar gesehen hatte, dass der Hafen [süddeutsch ‚Topf‘] voll war, schiffte er daneben.“ Mit derselben Thematik: Navigare necesse est. – „Schiffen ist notwendig.“ (Umdeutung des Zitats: Navigare necesse est, vivere non necesse est. „Seefahrt ist notwendig, Leben nicht.“) „Excrementum“ inquit Caesar et in togam navigavit. – „‚Scheiße!‘ sagte Cäsar und schiffte in die Toga.“ (Siehe Exkrement.) Caprum non iam habeo. – „Ich habe keinen Bock [= keine Lust] mehr.“ (Korrekt: „Ich besitze den [Ziegen-]Bock nicht mehr.“) Carum quidquid – „liebes bisschen“ Coito ergo sum. – „Durch einen Koitus existiere ich.“ – Abwandlung von Cogito ergo sum („Ich denke, also bin ich.“) Mors certa hora incerta. – „Todsicher geht die Uhr falsch.“ (Korrekt: „Der Tod ist gewiss, seine Stunde ungewiss.“) Nescio quid mihi magis farcimentum esset. – „Ich weiß nicht, was mir mehr Wurst wäre.“ (Otto von Bismarck zugeschrieben. Völlig korrekt wäre Nescio quid mihi magis farcimento esset. – „Ich weiß nicht, was mir mehr an Wurst gehören würde.“) Nihil exspecto in omnibus – „Das Ausspeien in den öffentlichen Transportmitteln ist untersagt.“ (Korrekt: „Im Allgemeinen erwarte ich nichts.“ – Cäsars letzte Worte aus dem Film Ist ja irre – Cäsar liebt Cleopatra.) Nunc habemus endiviam. – „Jetzt haben wir den Salat.“ (Siehe Endivie.) Puto me in silva esse. – „Ich glaub, ich bin im Wald.“ Quidquid id est, timeo puellas et oscula dantes. – „Was immer es ist, ich fürchte die Mädchen, auch wenn sie Küsse geben.“ – Profane Abwandlung (mit Verlust des hexametrischen Versmaßes) von Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes, „Was immer es ist, ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke tragen“. scala dei – „leider Gottes“ (Korrektes [Spät-]Latein, deutsch „Leiter Gottes“; „Leider Goddes“ ist die Aussprache der Übersetzung in Dialekten mit binnendeutscher Konsonantenschwächung.) Scit vultur. – „Weiß der Geier.“ Se ex pulvere fecit. – „Er machte sich aus dem Staub.“ (Korrekt: „Er erschuf sich aus Staub.“) Sed sub vespere olet ex pedibus. – „Aber abends riecht er aus (den) Füßen.“ (Der Witz ergibt sich erst, wenn die Übersetzung bairisch ausgesprochen wird: „Oberamtsrichter aus Füssen“.) Vera fides rara est. – „Vera ist selten treu.“ (Korrekt: „Wahre Treue ist selten.“) Vita pastor est. – „Das Leben ist hirt (‚hart‘).“ (Korrekt: „Das Leben ist ein Hirte.“)
Eine zweite Art Pseudolatein dient als Ratespiel für Lateinkundige, etwa mit wörtlich aus dem Deutschen übersetzten lateinischen Begriffen, die erst nach der Rückübersetzung – mit wenigen Ausnahmen separat Wort für Wort – einen Sinn ergeben: Agricola arat. (Bauer, ara = Altar [Substantiv!] + t) – „Der Bauer altert.“ Variante, eine Mischform aus erster und dritter Gruppe: „Der Bauer a’ Rad [= Der Bauer auf dem Rad.]“ (Korrekte Übersetzung: „Der Bauer pflügt“; das heißt, agricola muss übersetzt werden, arat aber nicht.) Caesar equus consilium. ([Cäsar/] Kaiser, Pferd, Rat) – „Der Kaiser fährt Rad.“ Variante: Caesar equus consilium consilium consilium. – „Cäsar fährt Dreirad.“ Caesar ora classis Romana. (Cäsar, Küste, Flotte, [Römische/] Römerin) – „Cäsar küsste eine flotte Römerin.“ Variante: Caesar litus unam classem Romanam. (Cäsar, Küste, eine, Klasse, Römerin) – „Cäsar küsste eine klasse Römerin.“ Cortex ovulus (Rinde, ovulus = Ei-chen [Verkleinerungsform von ovus]; Wortstellung, wie im Lateinischen üblich) – „Eichenrinde“ Deus pax ora lege lectus. (Gott, Fried[en], Küste, lies [Imperativ], Bett) – „Gottfried küsste Liesbeth.“ Fac animalia ad trahit! (mach [Imperativ], Tiere, zu, [er/sie/] es zieht) – „Mach die Türe zu, es zieht!“ Ignis quis vir multum in plus. (Feuer, wer, Mann, viel, in, mehr) – „Der Feuerwehrmann fiel in das Meer.“ Ova alta fierent (Eier, hoch, [sie] würden [Konjunktiv]) – „Euer Hochwürden“ Ovum, ovum, quid lacus ego! (Ei, Ei, was, See, ich) – „Ei, ei, was seh’ ich!“ Quidquid peregrinus (Was, was, Fremder) – „Was waß (österreichisch für ‚weiß‘) a Fremder?“ Quod lumen lumen, auch: Quod lumen lux (was, Licht, Licht) – „Was liegt, liegt (dialektal ‚liecht‘)!“ (Beim Kartenspiel – soll aussagen, dass eine ausgespielte Karte nicht zurückgenommen werden darf.) Rex pulex post Africam et multum in plus. (König, Floh, nach [temporal!], Afrika, und, viel, in, mehr) – „Der König floh nach Afrika und fiel ins Meer.“ Unus ignis quis caput vir multum in corpore se ab audere et clamabat: „Studium fuga, meum prohibere!“ (ein, Feuer, wer, [Kopf/] Haupt, Mann, viel, in Leib, sich, von, wagen [Verb!], und, rief, Eifer, Flucht, mein, hindern [Verb!]) – „Ein Feuerwehrhauptmann fiel in Leipzig vom Wagen und rief: ‚Ei verflucht, mein Hintern!‘“ Via arx in oleo sedebat ([Weg/]Straß’, Burg, in Öl, [er/sie/es] saß) – „Straßburg im Elsass“
Die dritte Variante ist gar kein Latein mehr, sondern nur dem typographischen Eindruck nach lateinisch, sogenanntes Sauerkraut-Latein (Analogie zum Wortspiel Blumento-PferdeVergleiche Eintrag im Wiktionary: Blumentopferde.): Der Sinn des geschriebenen Textes wird erst beim (lauten) Lesen klar – es erklingt ein deutscher Satz. Zum Verständnis sind keinerlei Lateinkenntnisse nötig, zum Teil jedoch das Beherrschen eines der deutschen Dialekte. Die folgende Inschrift charakterisiert ebendiese Art von Pseudolatein: SITA VSVI LATE IN ISTA PER CANES – „Sieht aus wie Latein, ist aber kaan[e]s (keines).“ (Davon gibt es mehrere Versionen; das Besondere an der hier verwendeten ist, dass sie echte lateinische Wörter verwendet, allerdings die meisten nicht in ihrer lexikalischen Grundform.)
Weitere Beispiele: Alaser laxasi. – „Aal aß er, Lachs aß sie.“Variante: Alaser musas si. – „Aal aß er, Mus aß sie.“ (auch: Alaser si asmus. – „Aal aß er, sie aß Mus.“) Ana dratantum procenta. – „Anna, drah d’Ant um, brat’s ent a!“ (Bairisch: „Anna, dreh die Ente um, brate sie auch auf der anderen Seite!“) Zitat: C. J. Caesar as libera V sternunt IX augnal S. Spina tunt Q. Caes. – „Gaius Julius Caesar aß lieber Austern und Neunaugen als Spinat und Kuhkäs’.“ (Bemerkenswert und anfänglich verwirrend: Zu Beginn wird Cäsar mit den üblichen Abkürzungen seines Vor- und Gentilnamens geschrieben und soll auch so im Deutschen verwendet werden, am Ende jedoch dürfen die übliche Abkürzung Q. für „Quintus“ und das in Inschriften bezeugte Caes. für „Caesar“ nicht aufgelöst werden. Zudem steht zuerst das V nicht für die entsprechende römische Zahl, das kurz darauf folgende IX sehr wohl.) Datis nepis potus colonia (echte lateinische Wörter) – „Dat is ne Pispott us Colonia (Köln).“ Die te cane is caput. (echte lateinische Wörter) bzw. Ditec aneisc aput – „Die Teekanne is’ kaputt.“ Diecu rentum denserum. – „Die Kuh rennt um den See rum.“ Dicur ante di pum pehum. – „Die Kuh rannte die Pumpe um.“ Dicurante bissiphil – „Die Kuh rannte, bis sie fiel.“ Duca Melbista-Berso-Thum – „Du Kamel bist aber so dumm.“ (Fiktiver italienischer Senator [damit streng genommen „küchenitalienisch“], ein Grubenhund in der Neuen Freien Presse vom 3. März 1913.)Siehe Ende von Ergo tamen amor genitus emnestus. (außer „emnestus“ echte lateinische Wörter) – „Er goht ame’n am Morge nid us em Nescht us.“ (Baseldeutsch: „Er geht morgens nicht aus dem Bett heraus.“)