miniatur|Wachsmoulage einer Gumma bei Syphilis, um 1926, Moulagensammlung des Museums der Universität Tübingen MUTWachsmoulage aus der Sammlung "WachsKörper" des Museums der Universität Tübingen MUT der Eberhard Karls Universität Tübingen Moulagen sind farbige dreidimensionale und lebensgroße Abformungen von Körperteilen zur naturnahen Wiedergabe menschlicher Krankheitsbilder.Benedikt Ignatzek: Aus der Geschichte der Dermatologie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 23, 2004, S. 524–527; hier: S. 526.Thomas Schnalke: Moulagen. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1012 f. Das Wort stammt von französisch mouler (,formen‘, ‚abformen‘) bzw. moule (‚Gussform‘) und über altfranzösisch modle von lateinisch modulus und ist verwandt mit deutsch Model.
Bis in die 1950er Jahre wurden in der Medizin, insbesondere in der Dermatologie und Venerologie, zu Lehrzwecken und zur Krankheitsdokumentation krankhafte Befunde plastisch nachgebildet. Erste Moulagen wurden bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts hergestellt. Seit dem ersten Internationalen Kongress für Haut- und Geschlechtskrankheiten 1889 im Musée des Moulages am Hôpital St. Louis in Paris galten Moulagen als die idealen Lehrmittel im dermatologischen universitären Unterricht.
Hierzu wurden Abdrücke, beispielsweise aus Gips, später auch aus Silikon, genommen und mit einem Wachs- oder Wachs-Harz-Gemisch ausgegossen. Die Rohmodelle wurden nach dem Aushärten aus der Abdruckform entnommen und direkt beim Patienten bemalt. Auf diese Weise sind bis heute Moulagen bzw. Bilder von diesen erhalten, die bildlich einem Originalbefund nahekommen.
Angefertigt wurden die Wachsbilder in der Frühzeit häufig von interessierten Medizinern, ab 1900 dann meist von ausgebildeten Künstlern. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurden zunehmend auch Frauen als Moulagenbildnerinnen tätig, deren Anteil in den Folgejahren stetig stieg. In den 1950er Jahren galt die Tätigkeit bereits explizit als „Frauenberuf“. Versuche zur Etablierung eines eigenständigen Berufsbildes kamen in den 1920er und 1930er Jahren nicht über Ansätze hinaus.
Moulagen wurden nicht nur als Hilfsmittel in der Vorlesung eingesetzt. Sie waren Vorlagen für qualitativ hervorragende und dennoch kostengünstige Farbdrucke (Citochromie-Technik) in Atlanten und Lehrbüchern, aber auch in wissenschaftlichen Publikationen. Auf wissenschaftlichen Tagungen dienten die Wachsmodelle als Anschauungsobjekte zur Diskussion von Fallgeschichten. Zur Aufklärung und Abschreckung wurden Moulagen von Geschlechtskrankheiten in der Öffentlichkeit gezeigt.
Nachdem die dreidimensionalen lebensgroßen Wachsobjekte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Farbfotografie fast in Vergessenheit geraten sind, wurden sie in den letzten Jahren wiederentdeckt. Heute werden sie als wertvolle medizinhistorische Dokumente geschätzt, die teilweise Krankheiten zeigen, die es heute in dieser Form kaum oder nicht mehr gibt (z. B. Spätformen der Syphilis, Hauttuberkulose, Pocken). Gut erhaltene Sammlungen haben auch wieder eine Bedeutung in der Lehre gewonnen und werden von Studierenden der Medizin zur Vorbereitung des Staatsexamens genutzt. In der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich findet seit einigen Jahren auch der Einführungskurs in das Spezialfach der Haut- und Geschlechtskrankheiten im Moulagenmuseum statt.
Bedeutende Moulagensammlungen Bedeutende Moulagensammlungen gab oder gibt es insbesondere in (alphabetische Liste):
Ort Institut Zusammenstellung Zahl und Art der Moulagen Anmerkungen Athen Andreas-Syngros-Hospital ab 1912 (unter Georgios Fotinos) 1660: Haut- und Geschlechtskrankheiten nach Vorbild des Pariser Hôpital Saint-Louis auf den Seiten des Archivs für medizinische Wachsbilder (Moulagen) der Charité (abgerufen am 21. November 2010) Berlin Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité ab 1896 257 (u. a. Augenmoulagen des Berliner Mouleurs Fritz Kolbow aus der Sammlung Greeff) z. T. (seit 2007) ausgestellt in der Dauerausstellung „Dem Leben auf der Spur“ auf den Seiten des Archivs für medizinische Wachsbilder (Moulagen) der Charité (abgerufen am 21. November 2010) Breslau Dermatologische Universitätsklinik in Breslau ab 1890 (unter Neisser) einst 2700, heute 313 (insbesondere Tuberkulose), sowie acht Exemplare vom Castans Panoptikum angeregt durch die Pariser Moulagen von Jules Baretta; gab als wichtiges deutschsprachiges Hautzentrum den Anstoß für viele andere deutschsprachige Sammlungen; in Kiel sind heute mehr „Breslauer“ Moulagen (von Alfons Kröner) als in BreslauMoulagensammlung: Moulagen von Alfons Kröner auf den Seiten der Universitäts-Hautklinik Kiel Dresden Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt (und Deutsches Hygiene-Museum): „Friedrichstädter Moulagensammlung“ ab 1903 (unter Johannes Werther) einst 368, heute 60 relativ schlechter Erhaltungszustand; 18 befinden sich heute in der Sammlung des Hygiene-Museums, und einige besser erhaltene Exponate werden dort ausgestellt auf den Seiten des Archivs für medizinische Wachsbilder (Moulagen) der Charité (abgerufen am 21. November 2010) Dresden Deutsches Hygiene-Museum ca. 2000 großenteils über Internet einsehbar (www.dhmd.de/neu) auf den Seiten des Archivs für medizinische Wachsbilder (Moulagen) der Charité (abgerufen am 21. November 2010) Erlangen Erlanger Hautklinik der Universität Erlangen 1923–1945 (unter Leo Hauck) 136 Die Moulagensammlung in Erlangen wurde von Leonhard Hauck aufgebaut, der 1906 an Oberarzt der neuen Abteilung für Hautkrankheiten an der Medizinischen Klinik Erlangens wurde. auf den Seiten des Archivs für medizinische Wachsbilder (Moulagen) der Charité (abgerufen am 21. November 2010), Hornstein, Otto P.: Chronik der dermatologischen Universitätsklinik Erlangen. Ein "Provisorium" begeht sein 70-jähriges Bestehen, Erlangen, 1993 Freiburg im Breisgau Universitätsklinik und Museum („Uniseum“) der Universität Freiburg: „Freiburger Moulagensammlung“ 1899 (unter Eduard Jacobi, später Georg Alexander Rost und Alfred Stühmer) – 1957 einst 1200, heute 822 (vor allem Geschlechtskrankheiten wie Syphilis) Jacobi war zwei Jahre in Breslau Volontär unter Neissen (siehe Kiel), bevor er 1899 erster Direktor in Freiburg wurde; gab später auch als Lehrbuch bekannte „Atlanten der Hautkrankheiten“ (Auflagen von 1903 bis 1942, auch in Übersetzungen) mit Moulagen insbesondere von Alfons Kröner heraus