Linus Fleck oder Der Verlust der Würde ist ein satirischer Roman von Hans Werner Richter aus dem Jahr 1958.

Inhalt „Linus Fleck“ ist eine Satire über die westdeutsche Gesellschaft der frühen Nachkriegszeit. Der Autor übt Kritik an denjenigen, die schnell das große Geld gemacht haben, ohne eine solide Grundlage für ihren Erfolg zu schaffen. Er bringt zum Ausdruck, dass man über kurz oder lang genauso schnell und tief fallen kann, wie man zuvor aufgestiegen war.

Der Roman spielt in München in den Jahren 1945–1955. Es beginnt damit, dass der Vater des Protagonisten Linus Fleck stirbt, und dieser nun vollkommen auf sich gestellt ist, da seine Mutter die Familie schon vor langer Zeit wegen eines anderen Mannes verlassen hatte. Als die Amerikaner einmarschieren, hängt sich der 17-jährige Linus an sie, um eine privilegierte Stellung und einen raschen sozialen Aufstieg zu erreichen. Tatsächlich schafft er in kürzester Zeit den sprichwörtlichen Weg vom Tellerwäscher zum Millionär. Er wird zunächst Herausgeber einer neu gegründeten politischen Jugendzeitschrift, später einer Zeitung der Regenbogenpresse. Linus hat mit diesen Unternehmen eine ganze Weile guten Erfolg.

Parallel zu seiner Karriere verlaufen die von zwei ehemaligen Schulkameraden, Sigrid Merck und Waschbottel. Jedoch zeichnet sich schnell ab, wer sich in seinem Geschäft wirklich etabliert hat und wessen Wohlstand nur von kurzer Dauer sein wird.

Während Linus und Sigrid versuchen, in der neuen Medienbranche Fuß zu fassen, traut Waschbottel der Entwicklung nicht. Zwar arbeitet er zunächst als Redakteur bei Linus, entschließt sich dann aber doch, einen sicheren und altbewährten Beruf zu ergreifen, und geht in die Schweiz, um dort Professor an einer Universität zu werden. Wie man am Ende der Geschichte bzw. im Nachwort erfährt, hat er damit die richtige Entscheidung getroffen: Vielen, die in neuen Branchen ihr Glück versuchen, ergeht es ähnlich wie Linus und Sigrid. Diese müssen am eigenen Leib erfahren, von welch kurzer Dauer Erfolg sein kann, wenn man als Außenseiter versucht, sich in einem Metier zu etablieren. Sie enden dort, wo sie begonnen haben.

Die Hauptpersonen Die drei Hauptpersonen Linus Fleck, Peter Waschbottel und Sigrid Merck, die von allen nur der „Engel von Fontainebleau“ genannt wird, starten unter denselben Bedingungen: Sie wohnen im selben kleinen bayerischen Dorf, sind alle ungefähr 17 Jahre alt und gehen in dieselbe Klasse, bis der Unterricht aufgrund des Zweiten Weltkrieges entfallen muss. Sie entwickeln sich jedoch unter dem Einfluss der Besatzung und der aufkommenden Aufbruchsstimmung in unterschiedliche Richtungen weiter. Die drei stehen stellvertretend für die gesamte deutsche Bevölkerung, welche von Hans Werner Richter aufgrund ihrer Einstellungen und „Erfolgsrezepte“ in einer Zeit, in der nichts unmöglich schien und anscheinend jedem jeder Weg offen stand, in zwei verschiedene Rubriken eingeteilt wird. Alle drei Personen haben, wie auch der gesamte Roman, reale Vorbilder, wie man dem Nachwort entnehmen kann.

Peter Waschbottel – der oppositionelle Intellektuelle Peter Waschbottel bezeichnet sich selbst als „ohnmächtigen Opponenten“. Vom Autor wird er im Nachwort der Gruppe der oppositionellen Intellektuellen zugerechnet.

Als Linus das Angebot bekommt, Chefredakteur und Herausgeber einer neu gegründeten Zeitung zu werden, stellt er Waschbottel als Redakteur ein. Man merkt schnell, dass er im Gegensatz zu Linus eine eigene Meinung hat und sich nicht wie ein Schiff von den aufkommenden Stimmungen treiben lässt. Er stützt diese Meinung auf geschichtliche Ereignisse und die Aussagen berühmter Politiker oder Philosophen und den Schlüssen, die er daraus für sich zieht. Dies wird immer wieder in seinen Reden und Zeitungsartikeln sichtbar. Waschbottel ist aus tiefstem Herzen Demokrat und bezeichnet die amerikanische Militärregierung als Diktatur, die ihre Aufgabe der Umerziehung der Deutschen von Nazis zu Demokraten nur ungenügend wahrnimmt. Seiner Meinung nach ist „Kritik das Salz der Demokratie“ und dementsprechend nimmt er in seinen Texten kein Blatt vor den Mund. Von den Besatzern wird er aufgrund eines ihnen gegenüber äußerst kritischen Artikels als „Nihilist“ bezeichnet, was auf ein Erlebnis des kritischen Journalisten Hans Werner Richter anspielt, der von der amerikanischen Kulturleitstelle des Nihilismus beschuldigt wurde.

Seine Kritik an der damaligen Gesellschaft äußert Waschbottel in Form von Satiren, die er in Linus Zeitschriften unter dessen Namen veröffentlicht. Doch statt die ausgeübte Kritik zur Kenntnis zu nehmen und an Verbesserung zu arbeiten, zeigen die amerikanischen Besatzer Unverständnis. Die Reaktion der Bevölkerung wird nicht erwähnt. Nachdem die Zeitschrift „Korkenzieher“ aufgrund mangelnder Nachfrage aufgegeben werden muss, entschließt sich Waschbottel, in die Schweiz zu emigrieren, um dort als Professor an einer Universität zu lehren.

Linus Fleck – ein Spielball des Glücks An derselben Stelle, an der Waschbottel sich selbst in seiner satirischen und leicht sarkastischen Art als „ohnmächtigen Opponenten“ des neuen Systems bezeichnet, steckt er Linus in die Kategorie „[der billigen Protzer]“, die „den Weg des Geldes gehen“. Er repräsentiert den Typus des Opportunisten, der glaubt, sich klug anzustellen, wenn er andere Personen durch seine regelmäßigen Zahlungen in Form von Lebensmitteln an sich bindet. Doch statt langfristig zu gewinnen, gerät er hierbei mehr und mehr in die Rolle des Ausgenutzten und wird so zum Opfer der neuen „gewinn-stress-zerstörten Gesellschaft“ (Ingeborg Drewitz).

Zu Beginn des Romans ist er einer der wenigen Leute im Land, die aufgrund ihrer Beziehung zu den amerikanischen Besatzern über Lebensmitteln verfügen. Zwar liegt er zunächst richtig mit seiner Meinung, aufgrund der Nahrungsmittel alles erreichen oder erzwingen zu können. Jedoch ist er dem schnellen Wandel der Zeit und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Aufschwung nicht gewachsen und realisiert es deshalb nicht, als sein Einfluss immer kleiner und somit die Stützen seiner Karriere immer wackeliger werden.

Der Figur des Linus Fleck fehlt das eigenständige Profil, da er hauptsächlich als Spielball anderer Personen erscheint. Zunächst Waschbottel, später der neureiche Herr Nießburg benutzen seinen Namen und seinen zunächst guten Ruf, um ihre eigene Meinung kundzutun und ihre eigenen Ziele zu erreichen, ohne selbst etwas zu riskieren. An dieser Methode erkennt man die Instabilität dieses Geschäftsbetriebs und es ist für den Leser keineswegs überraschend, dass der Protagonist am Ende des Romans wegen Rufmords und zu hoher Verschuldung vor Gericht steht. Linus selbst glaubt bis zuletzt daran, einen geschickten Schachzug gemacht zu haben, und denkt nicht weiter kritisch darüber nach.

Ein Grund dafür ist, dass Linus keine eigene Meinung hat, sondern immer die der Anderen übernimmt. Als er die Kritik seines amerikanischen Vorgesetzten für einen von Waschbottel geschriebenen Artikel einstecken muss, gibt er diese dem Redakteur gegenüber mit fast exakt dem gleichen Wortlaut wieder, in dem er sie empfangen hatte. Sogar als er von Lina Knass (die Frau seines ehemaligen Rektors, durch die er sein neues Zeugnis bekommen hat) sexuell bedrängt wird, überlegt er sich, was Waschbottel wohl in dieser Situation sagen und machen würde.

Der Engel von Fontainebleau – Opfer des Aufschwungs? Sigrid Merck kann der gleichen Rubrik wie Linus Fleck zugeordnet werden. Auch sie profitiert von der neuen Aufbruchsstimmung, schaffte es, sich in einem Metier zu etablieren, von dem sie zunächst keine Ahnung hat (Filmverleih), und kommt dank der Amerikaner schnell zu viel Geld. Der Unterschied zwischen ihr und Linus ist jedoch, dass sie sich nicht auf ihr Glück verlässt, sondern, wie man es erst zum Schluss des Romans erfährt, hart arbeiten muss, um ihr Ziel zu erreichen. Sie musste viel Geld investieren, hat oft Lehrgeld zu zahlen, hat aber aus ihren Fehlern gelernt und ihre Konsequenzen gezogen. Zwar ist sie bis zum Ende der Geschichte erfolgreich, doch erfahren wir im Nachwort, dass auch sie, oder zumindest ihre reales Vorbild, der schnelllebigen Zeit zum Opfer gefallen ist. Ihre Filme kamen aus der Mode und sie hat es nicht rechtzeitig geschafft, umzusatteln.

Satire, ja, aber gegen wen? Der Satiriker ist ein gekränkter Realist, der die Welt gut haben will und da diese es aber nicht ist, rennt er nun gegen das Schlechte an. (frei nach Kurt Tucholsky) Der Untertitel des Romans „Linus Fleck“ lautet „Ein satirischer Roman“. Es lassen sich mehrere satirische Aspekte in dem Werk finden. Es ist zum einen der Satiriker unter den Hauptpersonen, dessen Platz in diesem Werk eindeutig Peter Waschbottel übernimmt. Zum anderen ist es aber auch die satirische Rolle des gesamten Romans, die interessant zu sehen ist.

Peter Waschbottel – eine satirische Figur Der Autor hat die Nachkriegswelt am eigenen Leibe erfahren und hat teilweise stark unter der eingeschränkten Meinungsfreiheit gelitten. Zwar durfte man nach dem Gesetz in Deutschland alles sagen, was man wollte, jedoch war dies in der Praxis nicht immer so der Fall. Zum Beispiel reagierten die Besatzer im Westen sehr sensibel auf alles, was auch nur einen Hauch von Kommunismus mit sich brachte. Und da Richter vor dem Zweiten Weltkrieg für zwei Jahre Mitglied in der KPD gewesen war, hatte er es nach dem Krieg unter den antikommunistischen Besatzern nicht gerade leichter. So wurde zum Beispiel die von ihm herausgegebene Zeitschrift „Der Ruf“ schon nach kurzer Zeit verboten.

Es ist wohl unter anderem dieses Erlebnis, das ihn dazu veranlasst hat, sich in diesem Roman immer wieder kritisch gegenüber den Besatzern und ihrer Auffassung von Demokratie zu äußern. Diese „Aufgabe“ und somit die Rolle des Satirikers unter den Personen übernimmt in diesem Fall Waschbottel.

Zwar hält sich Waschbottel meist an die Vorgaben, die ihm hinsichtlich der Form und des Inhalts seiner Artikel von Linus bzw. Major Howard (der Exfreund von Linus’ Mutter und Linus’ Vorgesetzter) gemacht werden. Wenn man ihn jedoch einfach schreiben lässt, dann kann man seine eigene Meinung meist deutlich herauslesen. Das Gleiche gilt für seine Reden.

Bei der Verabschiedung eines amerikanischen Soldaten hält er zum Beispiel eine Rede zu Ehren der transatlantischen Besatzer. Darin lobt er sie für die außerordentlichen Verdienste, die diese mittels ihrer Umerziehung erreicht hätten. Doch statt, wie man erwarten würde, auf die politischen Aspekte einzugehen, spricht er nur von den Blue Jeans und dem Jazz, die im Rahmen dieser Umerziehung nun zum Kult der deutschen Jugend geworden waren. Dies kann ganz eindeutig als Seitenhieb auf deren Politik gesehen werden.

Ein anderes Beispiel hierfür ist ein Gespräch zwischen Waschbottel und Linus, in dem Peter feststellt, dass die Amerikaner beim deutschen Volk meist sehr beliebt sind. Der Grund: sie verfügen über das Essen, das bei den Normalsterblichen im Moment so knapp ist. Die eigentliche Aussage ist, dass die Besatzer eigentlich verhindern sollten, dass die Bevölkerung Hunger leidet. Sie sollten notwendige Maßnahmen ergreifen, um dies zu verhindern, anstatt sozusagen ein Monopol auf Nahrungsmittel zu errichten, das die Besetzten fast zur Kollaboration zwingt. In diesem Zusammenhang spricht er auch über den so genannten „Kalorien-Eros“, also „die Verbindungen zwischen Hunger und Sex“, der wohl einige dazu veranlasste, mehr oder weniger ungewollte Verbindungen einzugehen.

Linus Fleck – Ein satirischer Roman