Nackt und zerfleischt (Originaltitel: Cannibal Holocaust) ist ein dem Exploitation-Genre nahestehender Kannibalenfilm von Ruggero Deodato aus dem Jahr 1980. Er gilt als einer der kontroversesten Filme des 20. Jahrhunderts, nicht nur wegen seines Sujets, sondern auch durch die Verwendung von echten Tiertötungen, der Aufnahme echten Dokumentarfilmmaterials sowie der rassistischen Darstellung der Eingeborenen als Kannibalen. Auf Grund seiner grafischen Gewaltdarstellung unterlag und unterliegt er in mehreren Ländern Zensurmaßnahmen. In Deutschland ist die Originalversion bundesweit beschlagnahmt und die gekürzten Versionen sind indiziert.
Auf Grund seines kontroversen Inhalts gilt er als Kultfilm unter Horrorfilm- und Splatterfilmfans. Er ist zugleich ein frühes Beispiel für den Found-Footage-Film.
Handlung 1979 verschwindet eine US-amerikanische Filmcrew im Amazonas-Regenwald. Das Team um den Dokumentarfilm-Regisseur Alan Yates, Drehbuchautorin Faye Daniels und die beiden Kameramänner Jack Anders und Mark Tomaso wollte dort unter dem Titel The Green Inferno eine Dokumentation über angebliche Kannibalen-Stämme in den Tiefen des Urwalds drehen.
Der angesehene Anthropologe Harold Monroe von der New York University reist an den Amazonas, um mit einem Team aus Söldnern nach dem Verbleib des Filmteams zu forschen. Bereits vor seiner Ankunft hat ein Söldnerteam einen Yacumo gefangen genommen, der sie zu seinen Stammesbrüdern führen soll. Monroe und sein Team verlassen sich auf einen zynischen Führer und betrachten den gefangen genommenen Yacumo mit Argwohn. Während sie mehrere Tage durch den Dschungel reisen, finden sie schließlich den Stamm. Sie stoßen zunächst auf einen der Eingeborenen, der eine Stammesangehörige auf grausame Art in einem merkwürdigen Ritual tötet. Zunächst vergewaltigt er die Frau mit einem Holzpenis und führt anschließend eine mit Spitzen gespickte Schlammkugel in ihre Genitalien ein. Anschließend erschlägt er sie mit dem Holzpenis. Die Gruppe verfolgt den Eingeborenen zum Dorf, wo sie den gefangen genommenen Yacumo freigeben. Der Stamm begegnet den Eindringlingen mit sichtbarer Feindseligkeit, ist aber zu verängstigt, um etwas zu unternehmen. Sie verständigen sich miteinander und erfahren, dass das Filmteam viel Leid unter den Dorfbewohnern verursacht habe.
Das Team geht tiefer in den Dschungel und befreit einige Yanomami, die gerade mit den Shamatari in Konflikt stehen. Die Eingeborenen zeigen sich dankbar, sind jedoch weiter misstrauisch und reserviert. Um ihr Vertrauen zu gewinnen, badet Monroe nackt im Fluss, um so zu zeigen, dass auch sie Menschen seien. Der Plan geht auf und einige Frauen nähern sich ihm, baden nackt mit ihm und berühren ihn. Anschließend führen sie ihn zu einer Art Schrein, wo die Überreste des Filmteams aufgebahrt sind. Daneben befindet sich eine Filmrolle. Um an diese zu kommen, bedient sich Monroe nun eines Tricks. Er spielt den Eingeborenen ihre Gesänge auf einem Kassettenrekorder vor und tauscht diese gegen die Filmrollen.
Zurück in New York gibt es eine Besprechung mit Pan American Broadcasting System, die Interesse an dem bislang ungesichteten Filmmaterial haben. Sie wollen das Material senden und Monroe soll die anthropologischen Hintergründe dazu erläutern. Zur Einstimmung sehen sie den Film The Last Road to Hell (engl. für „Die letzte Straße zur Hölle“), einen alten Dokumentarfilm von Yates über ein Massaker von Soldaten an Dorfbewohnern. Monroe ist skeptisch, weil er das Material noch nicht gesehen hat, er beginnt im Anschluss mit der Sichtung.
Das Filmmaterial erhält den Titel The Green Inferno (engl. für „Die grüne Hölle“). Die ersten Szenen zeigen das Team, wie es sich durch den Dschungel schlägt, relativ entspannt und zu Scherzen aufgelegt. Auch eine Sexszene zwischen Alan und Faye findet ihren Weg auf die Filmrolle. Nach einigen Tagen wird ihr örtlicher Führer Felipe von einer giftigen Schlange gebissen. Zunächst versuchen sie das Gift herauszuschneiden. Am Ende amputieren sie sein Bein mit einer Machete und brennen die Wunde aus. Doch Felipe verstirbt. Ohne Führer gehen sie weiter. Beim Weitergehen treffen sie schließlich auf einen Yacumo. Um ihm zu folgen, schießen sie ihm ins Bein. Im Dorf angekommen schüchtern sie die Bewohner ein und erschießen vor ihren Augen ein kleines Schwein. Anschließend stecken sie das Dorf an und tun so, als handele es sich um das Massaker eines anderen Stammes an den „friedlichen“ Yacumo. Bei den Dialogen zwischen den Crewmitgliedern wird dann auch deutlich, dass das Team bei Last Road to Hell ähnlich vorgegangen war. Eine weitere Filmrolle zeigt eine Eingeborene, die gerade ein Kind bekommt, die Nabelschnur durchbeißt und danach das schreiende Kind im Schlamm erstickt. Die Eingeborene wird dann von mehreren anderen gesteinigt. Monroe ist entsetzt und gibt dies auch an den Fernsehsender weiter, der jedoch weiter auf der Ausstrahlung des Materials beharrt.
Die letzten beiden Filmrollen werden deshalb mit den Filmproduzenten gemeinsam angesehen. Die erste Rolle zeigt, wie Jack, Alan und Mark eine Eingeborene der Yanomami nacheinander vergewaltigen, während Faye versucht zu protestieren, jedoch eher um die Sorge, dass Filmrollen verschwendet werden. Im Hintergrund ist ein Yanomami-Krieger zu sehen, der die Szene beobachtet. Anschließend ist zu sehen, wie das Vergewaltigungsopfer gepfählt von der Filmcrew aufgefunden wird. Die Regieanweisung lautet, so zu tun, als habe man sie gerade erst entdeckt. Als Sprecher sagt Yates, sie wäre für den Verlust ihrer Jungfräulichkeit getötet worden.
Kurz darauf wird die Filmcrew von den Yanomami angegriffen. Jack wird von einem Speer getroffen. Alan schießt auf ihn, um selbst zu entkommen. Jack wird gefangen genommen und mit einer großen Machete kastriert. Anschließend töten die Eingeborenen ihn und zerstückeln seine Leiche. Auf der Flucht verläuft sich die Gruppe. Alan hat nur noch eine Leuchtpistole, mit der er die Eingeborenen auf Distanz hält. Faye wird schließlich von einer Gruppe der Eingeborenen gefangen genommen und mehrfach vergewaltigt. Alan will sie befreien, doch Mark besteht darauf, das Ganze zu filmen. Am Ende wird Faye erschlagen und geköpft. Die letzten Bilder zeigen, wie die Yanomami Mark und Alan entdecken, diese auf der Flucht hinfallen und ebenfalls getötet werden.
Nach der letzten Szene ordnen die Fernsehproduzenten an, dass das Material vernichtet wird. Mit den Worten: „I wonder who the real cannibals are?“, („Ich frage mich, wer die echten Kannibalen sind.“) verlässt der Professor das Gebäude, um dann im Großstadtdschungel unterzutauchen.
In einer Texttafel nach dem Abspann wird erklärt, dass ein Techniker des Fernsehsenders das Tape illegal aus dem Studio herausgeschmuggelt habe.
Produktion und Vertrieb Dreharbeiten mini|hochkant|Regisseur Ruggero Deodato (2008) Nackt und zerfleischt ist nicht Ruggero Deodatos erster Ausflug in die Welt der Kannibalenfilme. 1977 drehte er den Nachfolger zu Umberto Lenzis Mondo Cannibale von 1972, den Film Mondo Cannibale, 2. Teil – Der Vogelmensch. Zu jener Zeit waren italienische Filme weltweit begehrt und vieles wurde von den Produktionsgesellschaften blind gekauft. Es beteiligten sich ein deutsches Filmproduktionsteam mit etwa 90.000 DM sowie ein japanischer Investor. Mit Franco Di Nunzio und Franco Palaggi fand Deodato weitere Produzenten, die ihm Geld zugaben. Die Idee zum Film kam Deodato, nachdem er einige Mondo-Filme von Gualtiero Jacopetti gesehen hatte und den Realismus liebte.Felipe M. Guerra: Deodato Holocaust. Blu-Ray. 8 Films 2022.
Die Produktion des Films fand vom Juni bis Juli 1979 innerhalb von fünf bis neun Wochen an Originalschauplätzen im Amazonas statt. Der überwiegende Dreh fand in Süd-Kolumbien an der Grenze zu Peru und Brasilien, nahe der Stadt Leticia statt. Der Drehzeitraum war vom Juni bis Juli 1979. Ein weiterer Drehort war die sogenannte Affeninsel („Isla de los Micos“), eine Flussinsel mit zahlreichen frei lebenden Totenkopfaffen. Mike Tsalikys, der damalige Besitzer der Affeninsel, stellte seine Insel für Naturszenen zur Verfügung und beschaffte einige Tiere für die Produktion. Der Drehort wurde kurz darauf von Umberto Lenzi für Die Rache der Kannibalen (1981) ebenfalls genutzt. Dabei griff Lenzi auf die gleiche Crew zurück und nutzte ebenfalls Mike Tsalikys’ Kontakte. Dieser wurde in den 1990ern wegen Drogenhandels und Handels mit Wildtieren angeklagt und zu 20 Jahren Haft verurteilt, bestritt diese Vorwürfe jedoch Zeit seines Lebens.
Der Dreh fand mit einer Crew statt, die etwa 15 Leute, inklusive der Schauspieler umfasste, sowie örtliches Personal. Die Kosten beliefen sich differierenden Angaben zufolge auf eine Summe von 100.000 bis 200.000 US-Dollar.
Die Gegend, in der sie drehten, war zu jener Zeit außerdem als Drogenumschlagplatz bekannt, wobei die Crew wenig Probleme mit den Drogenschmugglern hatte. Laut Darsteller Gabriel Yorke waren die Drogen, insbesondere Kokain, jedoch allgegenwärtig und auf dem Filmset wohl auch verfügbar. In einer Szene des Films wurde einem Eingeborenen Kokain gereicht, um ihn gefügig zu machen. Probleme hatte die Crew vor allem mit Schlangen, die überall am Set zu finden waren.
Da der Film auf Englisch gedreht werden sollte, benötigte Deodato Schauspieler aus Amerika. Die jüngeren Schauspieler fand er beim Actor’s Studio in New York, wo auch einige Aufnahmen entstanden. Gleichzeitig drehte er dort auch schon Szenen für den nachfolgenden Film Der Schlitzer. Da er jemanden mit italienischem Hintergrund suchte, nahm er Luca Giorgio Barbareschi, der dort gerade Anglistik studierte. Francesca Ciardi stammte aus Rom und war eine Freundin seiner Schwester. Er wusste von ihr, dass sie fließend englisch sprach und setzte sie gegen den Widerstand der Produzenten durch. Für die vermutlich schwierigste Rolle, die Frau, die vergewaltigt und gepfählt wurde, nahm er kurzerhand die kolumbianische Kostümbildnerin, die er engagiert hatte.
Veröffentlichung In Italien hatte der Film seine Premiere am 7. Februar 1980. Der Vertrieb erfolgte über PIC Distribuzione. In Italien erhielt er eine Altersfreigabe ab 18 Jahren. Die Gesamtlänge betrug 95 Minuten. In Deutschland startete der Film am 16. Januar 1981 im Kino, ebenfalls mit einer Altersfreigabe ab 18 Jahren und einer Lauflänge von 92 Minuten. Den Vertrieb übernahm Jugendfilm.
Synchronisation Die deutsche Version unterscheidet sich in der Synchronisation von der Originalfassung. Bereits der Titel wurde geändert, da der Begriff Holocaust (engl. eigentlich „Brandopfer“) im deutschen meist auf die Shoa hinweist und eine andere Konnotation als im englischsprachigen Raum hat. Daher erinnert der deutsche Titel Nackt und zerfleischt eher an einen Exploitation- oder Slasherfilm. Zum Teil wurden auch die Rollennamen geändert. Einige Dialoge wurden ebenfalls umgeschrieben, zum Teil sinnentstellend. Rolle Darsteller SynchronsprecherProfessor Harold MonroeRobert KermanErich EbertAlan YatesCarl Gabriel YorkeIvar CombrinckMark TomasoLuca BarbareschiMichael AndeFaye DanielsFrancesca CiardiChristina HoeltelJack AndersPerry PirkanenManfred Seipold
Hintergründe Die italienische Berichterstattung über die Roten Brigaden Deodato zog Parallelen zwischen der Berichterstattung über die Roten Brigaden durch die italienischen Medien, die seiner Meinung nach journalistische Integrität und Ethik vermissen ließen, und dem Gebaren des Kamerateams in seinem Film; insbesondere seien gewisse Szenen in den Nachrichten gestellt gewesen.Ruggero Deodato: Interview mit Sage Stallone; Bob Murawski. Cult-Con 2000. Cannibal Holocaust DVD Commentary. Tarrytown, New York. 12. November 2000.
The Last Road to Hell