Die vieraktige Komödie Le Barbier de Séville ou La précaution inutile () ist der erste Teil der Figaro-TrilogieEs folgten 1784 Le mariage de Figaro (Die Hochzeit des Figaro) und 1792 La mère coupable (Die schuldige Mutter). von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais (1732–1799). Sie wurde 1775 von den Comédiens-Français uraufgeführt.
mini|hochkant|Sevilla (kolorierte Fotografie, 1907). mini|hochkant|Ramón Bayeu y Subías: Majo mit Gitarre (etwa 1786).
Anders als mit seinen beiden ersten Stücken Eugénie und Les deux amis (Die beiden Freunde) wollte Beaumarchais das Publikum mit Le barbier de Séville nicht rühren, sondern amüsieren – aber mit dem gleichen Ziel, die Ungerechtigkeit von Ständeordnung und Patriarchat erfahrbar zu machen. Das Werk war ein internationaler Erfolg und diente als Vorlage zu Il barbiere di Siviglia von Rossini sowie anderen Opern.
Entstehung In einem Brief an den Minister des königlichen Hauses Breteuil schrieb Beaumarchais 1784, nach seinen sentimentalen Erstlingswerken habe er, , im Barbier de Séville versucht, Pierre Larthomas, unter Mitwirkung v. Jacqueline Larthomas (Hrsg.): Beaumarchais, Œuvres, Gallimard (Bibliothèque de la Pléiade), Paris 1988, S. 1257–1263, hier S. 1259.
Die Komödie ist eine Reminiszenz an die Spanienreise des Autors in den Jahren 1764/65. Ein bruchstückhafter EntwurfPierre Larthomas, unter Mitwirkung v. Jacqueline Larthomas (Hrsg.): Beaumarchais. Œuvres, Gallimard (Bibliothèque de la Pléiade), Paris 1988, S. 1138–1145. trägt den Titel Le sacristain, Intermède imité de l’espagnol (Der Küster, Zwischenspiel nach spanischer Art). Darin heißt Rosine noch PaulineWie die weibliche Hauptfigur des Dramas Les deux amis von Beaumarchais nach der Kreolin Pauline Le Breton benannt, die dem Autor einen Korb gegeben hatte.. Sie ist seit sieben Monaten mit Bartholo verheiratet, aber immer noch Jungfrau. Ihr Liebhaber Lindor vertritt, als Küster verkleidet, ihren bestechlichen Harfenlehrer Bazile.
Beaumarchais, der in seiner Jugend Musiklehrer der Töchter Ludwigs XV. gewesen war, arbeitete den Stoff dann zu einer (verlorenen) Opéra-comique umDie Couplets arrangierte er aus spanischen und italienischen Melodien. , die aber 1772 von den Comédiens-Italiens abgelehnt wurde.
Noch im erwähnten JahrPierre Larthomas, unter Mitwirkung v. Jacqueline Larthomas (Hrsg.): Beaumarchais. Œuvres, Gallimard (Bibliothèque de la Pléiade), Paris 1988, S. 1591. entstand die definitive Fassung für die Sprechbühne. Sie wurde von der Comédie-Française angenommen und von der Zensur freigegeben, doch konnten für 1773 und 1774 geplante Aufführungen nicht stattfinden, weil Beaumarchais in aufsehenerregende Affären verwickelt war.
mini|Der erste Figaro: Préville (Pierre-Louis Du Bus). Die Hauptrollen übernahmen Jean-Claude Col(e)son genannt Bellecour (Almaviva), Denis Déchanet genannt Des Essarts (Bartholo), Louise-Adélaïde Berton de Maisonneuve genannt Doligny (Rosine), Pierre-Louis Dubus genannt Préville (Figaro) und François Augé (Bazile). Für die Uraufführung erhöhte Beaumarchais die Zahl der Aufzüge auf fünf. Nachdem das Stück durchgefallen war, kehrte man zur vieraktigen Version zurück, worauf die nächste Vorstellung drei Tage später zum Triumph wurde. Die Comédiens-Français spielten das Werk auch bei Hof. Von den beiden Buchausgaben aus dem Jahr 1775 gilt die zweiteLe Barbier de Séville ou La précaution inutile, comédie en quatre actes par M. de Beaumarchais, représentée & tombée sur le Théâtre de la Comédie Française aux Tuilleries le 23 de février 1775, Ruault, Paris 1775 (). als maßgeblich. Sie enthält ein Vorwort und eine in der Comédie-Française nicht übliche Ariette, die Mademoiselle Doligny nach Radau des Publikums an der Premiere nicht mehr vorzutragen gewagt hatte.Ariette der Rosine in Szene 4 des 3. Akts. Vgl. die Interpretation durch Micheline Goethals, 58:40).
Die Musiknummern dürften aus der Opéra-comique-Fassung übernommen worden sein. Über die Romanze Je suis Lindor schrieb Mozart 1778 in Paris die zwölf Variationen in Es-Dur KV 354/299a. Die Gewittermusik zwischen den beiden letzten Akten komponierte der erste Violinist der Comédie-Française, Antoine-Laurent Baudron.
Zu einer erfolgreichen Oper wurde das Stück nicht erst durch Rossini: In Paisiellos Barbiere di Siviglia, der 1782 in Sankt Petersburg uraufgeführt wurde, sang drei Jahre später (vor Beaumarchais als Ehrengast) Königin Marie-Antoinette die Rosina, der künftige König Karl X. den Figaro.Im Théâtre de la Reine beim Petit Trianon in Versailles. Vgl. Anton Bettelheim: Beaumarchais, Eine Biographie, 2., neubearbeitete Auflage, C. H. Beck, München 1911, S. 413.
Handlung Die kürzeste Zusammenfassung des Stücks stammt von Beaumarchais selbst:
Ausgangssituation Graf Almaviva sah vor sechs Monaten im Prado in Madrid eine schöne Person. Ohne je mit ihr gesprochen zu haben, reiste er ihr nach Sevilla nach. Dort erfuhr er, dass es sich um eine adlige Waise namens Rosine handle, die mit dem alten Arzt Bartholo verheiratet sei. In Wirklichkeit aber ist sie dessen Mündel und widersetzt sich der Heirat. Bartholo ist brutal, geizig und äußerst eifersüchtig. Er hält Rosine wie eine Sklavin gefangen, selbst die Jalousie ihres Fensters schließt er mit dem Schlüssel ab. Figaro war Diener des Grafen, der ihn dann für eine Staatsstelle empfahl. So wurde er Apothekergehilfe im königlichen Gestüt in Andalusien. Wegen Verabreichens von Pferdemedizin an Menschen bzw. unerwünschter Schriftstellerei entlassen, versuchte er sich in Madrid als Theaterautor und zog zuletzt als Barbier durch Spanien. Das Haus, wo er zur Ader lässt, befindet sich bei jenem Bartholos, der es ihm vermietet und dessen Barbier, Chirurg und Apotheker er ist. Von den höheren Ständen hält er nicht viel. So sagt er zum Grafen: 1. Akt, Szene 2.
1. Akt mini|hochkant|Sogenannter Balkon von Rosine, Sevilla. mini|hochkant|Andalusier (kolorierter Stich, 1784–1788). (Schauplatz ist eine Straße in Sevilla. Alle Fenster sind vergittert.)
Szenen 1 f.: Einem Abbé gleich in einen braunen Mantel gehüllt und mit niedergeschlagener Hutkrempe, wartet der Graf auf den Augenblick, wo Rosine am Morgen hinter der Jalousie ihres Fensters erscheint. Er begegnet Figaro, der mit umgehängter Gitarre Verse schmiedet, in denen er den Wein und die Trägheit besingt. Almaviva wünscht inkognito zu bleiben und Lindor genannt zu werden.
Szenen 3 f.: Bartholo öffnet die Jalousie des Fensters im ersten Stock. Er schimpft über das Jahrhundert der Aufklärung. (Szene 3) Beaumarchais dagegen war stolz auf seine von Wissenschaft, Philosophie und Entdeckungen, aber auch von Unruhe, Agitation, Erfindungen und Reformen bestimmte Zeit. Vgl. Pierre Larthomas, unter Mitwirkung v. Jacqueline Larthomas (Hrsg.): Beaumarchais. Œuvres, Gallimard (Bibliothèque de la Pléiade), Paris 1988, S. 457. Rosine lässt Couplets aus der (fiktiven) Komödie La précaution inutile (= Die nutzlose Vorsicht) vom Balkon fallen. Während Bartholo das Papier holen geht, bedeutet sie ihrem Verehrer, es aufzuheben. Darin steckt ein Zettel, der ihn auffordert, sich ihr singend vorzustellen. Auf Figaros Rat hin will der Graf sich von dem ihm bekannten Obersten eines Kavallerieregiments bei Bartholo einquartieren lassen.
Szenen 5 f.: Bartholo verlässt das Haus und befiehlt, niemanden einzulassen. Er geht Rosines Gesangslehrer Bazile suchen, der die für den folgenden Tag geplante Heirat organisieren soll. Figaro leiht dem Grafen seine Gitarre, worauf dieser sich seiner Angebeteten als Student bürgerlicher Herkunft vorstellt. Rosine kann ihn nur kurz ihrer Gegenliebe versichern. Dann tritt jemand ins Zimmer, und sie schlägt das Fenster zu. Almaviva sagt Figaro, er werde Rosine heiraten.
2. Akt (Spielt wie auch die letzten beiden Akte in Rosines Appartement. Das Fenster im Hintergrund ist mit einer vergitterten Jalousie verschlossen.)
Szenen 1–7: Rosine schreibt ihrem Verehrer. Den Brief befördert Figaro, der Zutritt zum Haus hat. Als Bartholo kommt, versteckt er sich im Cembalozimmer. Es folgt ein komischer Auftritt der Bedienten des Arztes, von denen der junge dauernd gähnt, der alte dauernd niest.
Szenen 8–11: Figaro hört Bazile zu Bartholo sagen, dass Almaviva inkognito in Sevilla sei, um Rosine nachzuspüren. Der bestechliche Geistliche bietet an, den Grafen zu verleumden, doch Bartholo hält eine rasche Heirat für das Sicherste. Er findet heraus, dass Rosine jemandem geschrieben hat.
Szenen 12–15: Der Graf erscheint als Regimentsveterinär verkleidet bei Bartholo und macht sich über diesen lustigUnter anderem nennt er ihn (Dummkopf), und .. Er muss das Haus aber wieder verlassen, weil der Arzt das Privileg besitzt, von Einquartierungen verschont zu bleiben. Vorher steckt Almaviva der Geliebten noch einen Brief zu, an dessen Stelle sie den Vormund einen harmloseren lesen lässt. Sie beschuldigt Bartholo der Verletzung ihrer Privatsphäre und droht wegzulaufen, wenn er sie anrühre. Er antwortet, sie seien hier nicht in Frankreich, wo man den Frauen immer Recht gebe, und beruft sich auf .Szene 15.
3. Akt Szenen 1–4: Almaviva gibt sich diesmal als Geistlicher namens Alonzo aus, Schüler des angeblich kranken Bazile. Er übergibt Bartholo den Brief, den ihm Rosine geschrieben hat, und behauptet, der Empfänger habe ihn einer Geliebten überlassen. Er rät Bartholo, dies Rosine kurz vor der Heirat mitzuteilen, um ihren Widerstand zu brechen. Dadurch gewinnt er Bartholos Vertrauen. Dieser fordert ihn auf, Baziles Gesangsstunde zu übernehmen. Rosine singt eine ArietteSzene 4. aus La précaution inutile, die den Frühling als Zeit der Jugend, der Empfindsamkeit und der Befreiung feiert. Bartholo lässt die Verliebten nicht allein, doch nickt er mehrmals ein, so dass Almaviva Rosines Hand küssen kann.
Szenen 5–10: Bartholo behauptet in einem LiedSzene 5., er sei zwar kein ThyrsisSänger in der gleichnamigen Idylle von Theokrit., im Bett aber noch . Figaro kommt, um ihn zu rasieren. Er kann ihn nicht von den Liebenden weglocken, ihm dafür aber den Schlüssel für die Jalousie stehlen.
Szenen 11–14: Der Bazile findet bei seinem Eintreffen einen Stellvertreter vor, von dem er nichts weiß; doch heißen ihn alle, zu schweigen und sich wieder hinzulegen. Der Graf verleiht dieser Aufforderung Nachdruck, indem er ihm einen Geldbeutel in die Hand drückt. Der Geliebten flüstert er zu, dass er mit Hilfe des erbeuteten Schlüssels um Mitternacht bei ihr einsteigen werde. Rosine erklärt coram publico, denjenigen heiraten zu wollen, der sie aus ihrer Gefangenschaft befreie.
4. Akt (Das Theater ist dunkel. Es geht gegen Mitternacht. Draußen tobt ein Gewitter.)
Szenen 1–4: Bazile beichtet Bartholo, dass er sich von bestechen ließ. Er glaube jedoch, dieser sei in Wirklichkeit ein Agent Almavivas oder der Graf selber. Bartholo heißt Bazile den Notar holen, den Figaro unter einem Vorwand zu sich bestellt hat. Dann zeigt er Rosine ihren Brief, den nicht , sondern Almaviva erhalten habe. Die Frau, in deren Besitz er gelangt sei, habe ihn weitergegeben, um Rosine als Rivalin loszuwerden. Erschüttert vom vermeintlichen Verrat des Geliebten, willigt Rosine in die Heirat mit ihrem Peiniger ein. Auch verrät sie diesem den bevorstehenden Befreiungsversuch. Bartholo geht bewaffnete Hilfe holen.