Die Schlacht bei Spotsylvania Court House, auch einfach Schlacht von Spotsylvania genannt, wurde im amerikanischen Bürgerkrieg ausgetragen und war die zweite Schlacht in Generalleutnant Ulysses S. Grants Überland-Feldzug 1864. Sie fand in der Nähe der Flüsse Rapidan und Rappahannock im zentralen Virginia statt, einer Gegend, in der zwischen 1862 und 1864 mehr als 100.000 Soldaten beider Seiten ihr Leben verloren. Die Schlacht und die mit ihr verbundenen Bewegungen dauerten vom 8. Mai bis zum 21. Mai 1864. Die 52.000 Soldaten von General Robert E. Lees konföderierter Nord-Virginia-Armee erwarteten in einer stark ausgebauten, knapp 6,5 Kilometer langen Verteidigungsstellung den Ansturm von Generalmajor George Gordon Meades 100.000 Mann starker Potomac-Armee. Spotsylvania stellte Lees zweiten Versuch innerhalb des Überland-Feldzuges dar, den Vorstoß der Potomac-Armee zur konföderierten Hauptstadt Richmond, Virginia zu vereiteln.
Stärke und Organisation der Armeen Zu Beginn des Überland-Feldzuges bestand die Potomac-Armee aus ungefähr 118.000 Soldaten und 316 Artilleriegeschützen. Nach der blutigen Schlacht in der Wilderness standen Generalleutnant Ulysses S. Grant und Generalmajor George G. Meade für die Schlacht bei Spotsylvania Court House noch etwa 78.850 Infanteristen, 11.625 Kavalleristen, 9.900 Artilleristen und 314 Geschütze zur Verfügung. Die Armee gliederte sich in fünf Korps: Das II. Korps unter Generalmajor Winfield Scott Hancock, bestehend aus 81 Infanterieregimentern und zehn Batterien leichter Artillerie. Das V. Korps unter Generalmajor Gouverneur Kemble Warren, bestehend aus 67 Infanterieregimentern und neun Batterien leichter Artillerie. Das VI. Korps unter Generalmajor John Sedgwick, bestehend aus 50 Infanterieregimentern und acht Batterien leichter Artillerie. Das IX. Korps unter Generalmajor Ambrose Everett Burnside, bestehend aus 42 Infanterieregimentern, vier Kavallerieregimentern und 14 Batterien leichter Artillerie (Das IX. Korps war bis zum 24. Mai 1864 formeller Bestandteil der James-Armee und unterstand nicht Meade, sondern direkt Grant.) Das Kavalleriekorps unter Generalmajor Philip Henry Sheridan, bestehend aus 32 Kavallerieregimentern.
General Robert E. Lees Nord-Virginia-Armee stellte sich der vorrückenden Potomac-Armee Anfang Mai 1864 mit knapp 63.000 Soldaten und 224 Artilleriegeschützen entgegen. Nach Abzug der in der Wilderness erlittenen Verluste verblieben Lee bei Spotsylvania noch circa 38.250 Infanteristen, 8.300 Kavalleristen, 4.750 Artilleristen und 226 Geschütze. Die Armee gliederte sich in vier Korps: Das I. Korps unter Generalleutnant Richard Heron Anderson, bestehend aus 43 Infanterieregimentern und 14 Batterien leichter Artillerie (davon eine nicht ausgerüstet). Das II. Korps unter Generalleutnant Richard Stoddert Ewell, bestehend aus 58 Infanterieregimentern und 18 Batterien leichter Artillerie. Das III. Korps unter Generalmajor Jubal Anderson Early, bestehend aus 61 Infanterieregimentern und 20 Batterien leichter Artillerie. Das Kavalleriekorps unter Generalmajor James E. B. „Jeb“ Stuart, bestehend aus 25 Kavallerieregimentern und fünf Batterien leichter Artillerie.
Von der Wilderness nach Spotsylvania 300px|mini|Der Weg der Armeen nach Spotsylvania
Trotz schwerer Verluste in der Wilderness fuhren Generalleutnant Ulysses S. Grant und Generalmajor George G. Meade damit fort, die konföderierte Nord-Virginia-Armee nach Richmond zurückzudrängen. Am 7. Mai gegen 20:30 Uhr begann die Potomac-Armee ihren Marsch südostwärts in Richtung Spotsylvania Court House. Hinter Generalmajor Winfield Scott Hancocks II. Unionskorps, das vorerst in seinen Befestigungen verblieb, um den Abmarsch der Armee zu decken, marschierte Generalmajor Gouverneur Kemble Warrens V. Korps auf der Brock Road nach Süden. Generalmajor John Sedgwicks VI. Korps marschierte ostwärts und schwenkte dann nach Süden um. Ihm folgte Generalmajor Ambrose Everett Burnside mit seinem IX. Korps. Schließlich folgte Hancock auf dem gleichen Weg, den Warren eingeschlagen hatte.
125px|mini|Ulysses S. Grant General Robert E. Lee, der zwischenzeitlich Kenntnis von Grants Absichten erlangt hatte, ließ das I. Korps unter Generalmajor Richard Heron Anderson (der ursprüngliche Kommandierende General Generalleutnant James Longstreet war in der Wilderness schwer verwundet worden) von seiner Position in der Wilderness abziehen und sandte es in einem eiligen Nachtmarsch südostwärts nach Spotsylvania Court House, wo es gerade rechtzeitig eintraf, um Warrens weiteren Vormarsch zu blockieren: Am 8. Mai gegen 08:00 Uhr trafen zwei von ihrem nächtlichen Marsch erschöpfte Divisionen des V. Korps unerwartet auf Andersons Vorhut und mussten nach einem kurzen Gefecht in großer Verwirrung ausweichen, um sich in sicherer Entfernung neu zu formieren. Somit war der Unionsarmee der direkte Weg nach Spotsylvania Court House versperrt. Seinen knappen Vorsprung verdankte Anderson konföderierter Kavallerie unter dem Kommando von Generalmajor Fitzhugh Lee (einem Neffen von Robert E. Lee), die bei Todd’s Tavern die Straße blockiert und mehreren Angriffen von Unionskavallerie und -infanterie zähen Widerstand geleistet hatte.
Generalleutnant Richard Stoddert Ewells II. Korps und Generalleutnant Ambrose Powell Hills III. Korps (nun befehligt von Generalmajor Jubal Anderson Early, da Hill durch Krankheit abwesend war) folgten Anderson in kurzem Abstand. Die Konföderierten verbrachten den Morgen des 9. Mai damit, in Erwartung eines baldigen Angriffes Feldbefestigungen zu errichten.
Verlauf der Schlacht Beziehen der Stellungen 125px|mini|links|Robert E. Lee
Im Verlaufe des 9. Mai erreichten weitere Truppen beider Seiten die Stellungen. Das IX. Unionskorps unter Burnside marschierte aus nordöstlicher Richtung über die Fredericksburg Road auf die Ortschaft Spotsylvania Court House zu. Um zu verhindern, dass Burnside von dort aus Ewells II. Korps in den Rücken fallen konnte, sandte Lee das eintreffende konföderierte III. Korps über die Shady Grove Church Road zu der Ortschaft und ließ es östlich davon Stellung beziehen. Somit erhielt die konföderierte Front die grobe Form eines umgedrehten „V“, wobei die nach Norden ragende Spitze, genannt Mule Shoe (Eselshuf), den verwundbarsten Punkt darstellte.
Das II. Unionskorps unter dem Kommando von Hancock näherte sich auf der Brock Road und verließ die Straße, um sich zur Rechten des V. Unionskorps zu positionieren. Ein schwerer Schlag traf die Potomac-Armee, als der bei seinen Männern beliebte Uncle John Sedgwick von einem konföderierten Scharfschützen getötet wurde, während er die Aufstellung einer Artillerieeinheit überwachte. Grant erklärte daraufhin: „Sein Tod wiegt schwerer als der Verlust einer ganzen Division“. An Sedgwicks Stelle übernahm nun Brigadegeneral Horatio G. Wright das Kommando über das VI. Korps (er wurde daraufhin am 12. Mai 1864 zum Generalmajor ernannt). 125px|mini|General John Sedgwick
Der Grundstein für ein weiteres bedeutungsschwangeres Ereignis wurde gelegt, als Grant Generalmajor Sheridan und dessen Kavalleriekorps die Erlaubnis erteilte, einen Vorstoß in Richtung Richmond zu unternehmen (bei einem Gefecht mit Sheridans Truppen sollte der hochangesehene konföderierte Kavalleriegeneral James Ewell Brown Stuart zwei Tage später bei Yellow Tavern, unweit von Richmond, zu Tode kommen).
Angesichts der starken Front, die Lees Soldaten in der kurzen Zeit errichtet hatten und stetig weiter befestigten, sah Grant lediglich zwei Möglichkeiten, die Verteidiger zu überwältigen: Das Umfassen einer Flanke oder einen massiven Sturmangriff. Seine Wahl fiel zuerst auf die wahrscheinlich unblutigere der beiden Varianten und am späten Nachmittag des 9. Mai überquerten Truppen des II. Unionskorps den Fluss Po und rückten in östliche Richtung entlang der Shady Grove Church Road vor, um Andersons I. Korps in die Flanke zu fallen. Die einbrechende Dunkelheit stoppte jedoch ihren Vormarsch. Während der Nacht sandte der Oberbefehlshaber der Nord-Virginia-Armee, General Lee, eine Brigade unter dem Kommando von Brigadegeneral William Mahone aus, um die vorgerückten Unionstruppen zu blockieren, während eine Division unter Generalmajor Henry Heth diese am folgenden Tag angreifen sollte.
Erste Angriffe auf General Lees Linien 300px|mini|Die Linien der beiden Armeen am 10. Mai
Dieses unerwartete Hindernis in Form gegnerischer Truppen ließ Grant an der Durchführbarkeit eines raschen Einbruchs in Andersons Flanke zweifeln, und so erhielten am Morgen des 10. Mai jene drei Unionsdivisionen des II. Korps, die sich südlich des Po-Flusses befanden, die Order, auf die nördliche Seite des Flusses auszuweichen. Zwei Divisionen konnten ungestört zurückmarschieren, die Dritte allerdings musste den Fluss unter konföderiertem Beschuss überqueren.
Nun sah der Oberbefehlshaber des US-Heeres nur noch eine Möglichkeit zur Überwindung der Nord-Virginia-Armee: Das zwangsläufig blutige Erstürmen der feindlichen Befestigungen. Sein Plan sah dabei vor, Lees Verteidigung mit koordinierten Angriffen entlang der gesamten Linie zu bezwingen. Auf der Suche nach einem Schwachpunkt, an dem die Attacke begonnen werden sollte, sondierten Spähtrupps aus Generalmajor Wrights VI. Korps das Zentrum der konföderierten Befestigungslinie und kamen zu dem Entschluss, dass der exponierte Mule Shoe die schwächste Stelle in Lees Verteidigung sei. Wright befahl daraufhin dem Brigadekommandeur Oberst Emory Upton, einem West-Point-Absolventen, der bereits des Öfteren seine auf konzentrierter Stärke basierende Taktik propagiert hatte, mit seiner aus zwölf eigens für dieses Unternehmen ausgewählten Regimentern bestehenden Brigade (zusammen etwa 5.000 Soldaten) eine Bresche in die linke Flanke des Mule Shoe zu schlagen. Unmittelbar nach einem erfolgreichen Eindringen in die gegnerischen Gräben sollten Uptons Regimenter von einer Division unter Brigadegeneral Gershom Mott direkt unterstützt werden, während Warrens V. Korps und Burnsides IX. Korps durch Angriffe auf die beiden äußeren Flanken diese nach Möglichkeit ebenfalls durchbrechen, oder zumindest die Konföderierten am Heranführen von Verstärkungen zur Mitte hindern sollten. Jedoch sollten eine schlechte Koordination und die Unfähigkeit, die gut verschanzten Verteidiger effektiv zu bedrängen, um so größere Truppenteile zu binden, jeglichen Erfolg der Flankenangriffe zunichtemachen. So warf Warren bereits um 16:00 Uhr die Divisionen seines V. Korps gegen eine vermeintliche Schwachstelle in Andersons Frontabschnitt. 3.000 Unions-Soldaten brachen im Abwehrfeuer der konföderierten Verteidiger zusammen; die Angreifer wichen geschlagen aus und hatten nicht den geringsten Vorteil errungen.
150px|mini|Emory Upton Gegen 18:00 Uhr führte schließlich Upton seine Männer in südöstliche Richtung auf die linke Flanke des Mule Shoe zu. Die angreifenden Regimenter marschierten in einer dichten, drei Regimenter breiten und vier Regimenter tiefen Formation. Ein Wäldchen verbarg sie vor den Konföderierten und sie näherten sich dem gegnerischen Grabensystem bis auf etwa 180 Meter, bevor Upton den Befehl gab, die Bajonette aufzupflanzen und nach vorne zu stürmen. Um den Schockeffekt der Attacke weiter zu erhöhen, war den Soldaten das Abfeuern der Waffen vor Erreichen der feindlichen Befestigungen untersagt.