mini|Albrecht Müller (2012) Albrecht Müller (* 16. Mai 1938 in Heidelberg) ist ein deutscher Volkswirt, Publizist und ehemaliger Politiker (SPD). Müller war Planungschef im Bundeskanzleramt unter den Bundeskanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt. Von 1987 bis 1994 war er Mitglied des Deutschen Bundestages. In den 2000er Jahren verfasste er eine Kolumne für die SPD-Zeitung Vorwärts und hat seitdem mehrere Bücher veröffentlicht. Seit 2003 ist er als Autor und Herausgeber des Blogs NachDenkSeiten tätig.
Leben Müller wuchs in Meckesheim auf. Er ist ein Onkel des Regisseurs Franz Müller. Auf eine Lehre zum Industriekaufmann folgten das Studium der Volkswirtschaftslehre und Soziologie in Mannheim, Berlin, München und Nottingham. Nach seiner ersten Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Internationale Wirtschaftsbeziehungen der Universität München war er ab 1968 Redenschreiber des Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller.
In den Jahren 1970 bis 1972 war er Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des SPD-Parteivorstandes. Müller managte den Wahlkampf des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt.Mehr Macht. In: Süddeutsche Zeitung, 15. Dezember 1998, S. 17. Müller arbeitete von 1973 bis 1982 als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt und Helmut Schmidt.
Am 1. Oktober 1982 wurde Helmut Schmidt mit den Stimmen der Unionsparteien und einer Mehrheit der FDP-Abgeordneten vom Bundestag durch ein konstruktives Misstrauensvotum des Amtes enthoben und Helmut Kohl zu seinem Nachfolger gewählt. Bald danach verlor Müller seine Stelle im Bundeskanzleramt.Eintrag „Müller, Albrecht“ in Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv 23/2010 vom 8. Juni 2010. Abgerufen am 9. Juli 2011. Er wurde freiberuflicher politischer und wirtschaftspolitischer Berater.
Im Jahr 1984 trat er als Kandidat bei den Oberbürgermeisterwahlen in Heidelberg an. Die SPD erhielt 40,8 Prozent der Stimmen (nach 27 % bei der Wahl zuvor); der parteilose Amtsinhaber Reinhold Zundel gewann die Wahl.
Nach der Bundestagswahl 1987 und nach der Bundestagswahl 1990 zog Müller in den Bundestag ein; er war für zwei volle Legislaturperioden Mitglied des Deutschen Bundestages.
Müller hat zahlreiche Artikel, Essays und Bücher veröffentlicht. In den 2000er Jahren hatte er die Kolumne Gegen den Strom in der SPD-Zeitung Vorwärts.Ratlose Berater, Gegen den Strom: Albrecht Müller blickt hinter die Kulissen der öffentlichen Meinungsbildung, in vorwärts, 10/2002, S. 12 Er ist seit 2003 Mitherausgeber und seit 2015 alleiniger Herausgeber der NachDenkSeiten. Müller ist weiterhin Mitglied der SPD.
Müller stand im Jahr 2013 der damaligen SPD-Politik kritisch gegenüber.Lafontaine-Freund wirft Gysi "mangelnde Solidarität" vor. In: tagesspiegel.de; 25. September 2013, abgerufen am 2. März 2016.http://www.russland.news/albrecht-mueller-nachdenkseiten-zum-russlandbild-deutscher-medien-audio-podcast/
Im Herbst 2020 war er einer der Erstunterzeichner des Appells für freie Debattenräume.
Veröffentlichungen In seinen Büchern und Internetaktivitäten setzt Müller sich insbesondere mit dem Lobbyismus, den politischen Reformen in Deutschland, der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik und der Meinungsbildung in der Presse auseinander. Mit solchen Formen der Gegenöffentlichkeit hofft Müller politische Diskussionen anzuregen.
NachDenkSeiten
Müller gründete 2003 mit Wolfgang Lieb die Website NachDenkSeiten. Die kritische Website. Anfangs wurde sie als wichtiger Bestandteil einer Gegenöffentlichkeit gelobt, sieht sich in den letzten Jahren jedoch vermehrt dem Vorwurf ausgesetzt, Verschwörungstheorien zu verbreiten.
Von der Parteiendemokratie zur Mediendemokratie (1999) Im Auftrag der Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen verfasste Müller anlässlich der Bundestagswahl 1998 eine Analyse zur Rolle der Medien, besonders des Fernsehens, im Wahlkampf. Der Schwerpunkt der Analyse liegt in Vergleichen zu früheren Wahlkämpfen und Beobachtungen aus Müllers Tätigkeit als Wahlkampfmanager. Sie erfolgt unter der Maßgabe, dass die Auswirkung des Medieneinflusses auf die Qualität demokratischer Entscheidungen einzuschätzen sei. Kernergebnis der Expertise ist, dass die politische Willensbildung in einem zunehmenden Maße von den Medien dominiert werde, sodass die im Grundgesetz verankerte Mitwirkung der politischen Parteien in den Hintergrund trete. Müller wirft die Frage auf, ob die Medien ihrer gewachsenen Verantwortung gerecht werden.
Die Resultate der in der Untersuchung angewandten Kriterien für die Qualität der Veränderungen in der politischen Willensbildung ergeben ein Gesamtbild: Die mediale Kommunikation verdränge aufgrund der steigenden Dauer der Fernsehnutzung die personale Kommunikation bei abnehmendem Anteil als „schwierig“ bezeichneter Sendungen wie Dokumentationen und Bildungssendungen. Die Ausweitung der Anzahl an Fernsehsendern seit den 1980er-Jahren habe eine Fragmentierung der Öffentlichkeit zur Folge, eine Erhöhung der Quote nicht politischer Sendungen, eine Verringerung der alle Menschen zugleich erreichenden Diskussionsanstöße, über die wiederum eine personale Kommunikation erfolgen könnte. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sei außerdem der Bildungsstand abgesunken, die Neigung zu Stereotypen und Vorurteilen auch bei als intellektuell angesehenen Medienkonsumenten weit verbreitet. Der Nährboden für Manipulation sei bereichert worden, die Vergesslichkeit der Wähler gestiegen.
Die Mitwirkung der Parteien an der allgemeinen Willensbildung sei seit dem Höhepunkt der Wahlbeteiligung 1972 kontinuierlich gesunken, ebenso die politische Relevanz von Parteitagen. Letztere dienten zunehmend mehr der Demonstration eines bestimmten Images („Geschlossenheit“, „Modernität“) in den Medien als der parteiinternen Kommunikation. Relativierungen von Parteitagsbeschlüssen als Folge negativer Medienreaktionen seien häufiger geworden, Themensetzungen der Medien allgemein angestiegen. Das Denken in abschließend bewertenden Schlagworten wie „Informationszeitalter“ und „Ende der Arbeit“ bewertet Müller als Unsitte. Hinzu komme die künstliche Herstellung einer Dichotomie zwischen Bürgern und Politikern, die die Politikverdrossenheit fördere. Die Beitragslänge in Nachrichtensendungen habe spürbar abgenommen, ebenso der O-Ton-Anteil von Politikerreden.
Die Reflexion der Rolle der Medien in den Medien selbst sei mangelhaft. Verglichen etwa mit 1972 sei eine Amerikanisierung des Wahlkampfs festzustellen, eine zunehmende Personalisierung, Inszenierung, Emotionalisierung, Ereignisplanung und auch ein zunehmendes Spindoktoring. Diese Debatten würden von wesentlichen Veränderungen – denen zu mehr Einseitigkeit als Pluralität – ablenken.
Die Reformlüge (2004) Das Buch Die Reformlüge erschien 2004 im Droemer Knaur Verlag. Es belegte Platz 8 auf der Spiegel-Bestsellerliste im Oktober 2004. Im Manager Magazin führte das Buch im März 2005 die Wirtschaftsbestsellerliste an. Auf dem Ranking des Sterns erreichte es Platz 11.Über das Buch: Albrecht Müller: Die Reformlüge. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren. Nachdenkseiten vom 27. März 2005.
In diesem Buch kritisiert Müller die Wirtschafts- und Sozialpolitik der damaligen rot-grünen Bundesregierung. Die Reformen des Sozialstaats führten zum Abbau der sozialen Sicherungssysteme und taugten nicht zur Lösung der ökonomischen und politischen Probleme wie der wirtschaftlichen Stagnation, der Nachfrageschwäche und der Arbeitslosigkeit. Gegliedert in „40 Denkfehler, Mythen und Legenden“ wirft er Politikern, Ökonomen und Journalisten Fehler vor. Dabei kritisiert er die betriebene Öffentlichkeitsarbeit: Insbesondere mittels dramatisierender Veröffentlichungen über die Globalisierung der Märkte und die Überalterung der Gesellschaft diskreditierten Verbandsfunktionäre, Wissenschaftler, Politiker und Journalisten die sozialen Sicherungssysteme, den Kündigungsschutz, hohe Löhne und kurze Arbeitszeiten. Demgegenüber ist Müller für eine expansive Wachstumspolitik. Daher stellt er die These auf, dass die Angebotstheorie einen anhaltenden Einfluss auf Medien und Politik in Deutschland habe und so „Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren“.
Rezensionen Sachverständigenratsmitglied Peter Bofinger äußerte 2004, das Buch habe ihm sehr gut gefallen. In sachlicher und systematischer Form würden dort viele der Vorurteile widerlegt, die jeden Sonntagabend im Fernsehen bei Sabine Christiansen die Runde machten. Albrecht Müller sei das Kunststück gelungen, ein ausgesprochen spannendes Buch über grundlegende wirtschaftliche Zahlen und Fakten zu schreiben.Peter Bofinger: Die Lieblingslektüre der Ökonomen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Oktober 2004.
Peter Thelen im Handelsblatt fand, das Buch prangere zu Recht die typisch deutsche Reformhysterie an.Peter Thelen: Gegen den Mainstream deutscher Reformitis. Handelsblatt vom 3. September 2004. Wolfgang Dick von der Deutschen Welle schätzte das Buch als „eines der besten der letzten Jahre“ ein. Ulrich Kurzer schrieb in Der Freitag, Müller stelle Argumente gegen Phrasen; dies sei die Stärke des Buchs.Ulrich Kurzer: Ganz große Koalition. In: Der Freitag vom 21. Januar 2005.
Im Deutschlandradio blieb Ernst Rommeney skeptisch gegenüber Müllers These, dass selbst ein verschuldetes Gemeinwesen noch konjunkturpolitisch handlungsfähig sei. Andererseits lobte er die Kritik an den gängigen wirtschaftspolitischen Argumenten und Müllers Warnruf, die psychologische Seite wirtschaftlichen Handelns zu beachten.Ernst Rommeney: , Sendung des Deutschlandradio „BuchTipp“ vom 29. August 2004.
Der Volkswirt Hanno Beck schrieb 2004, Müllers Argumente seien enttäuschend, und kritisierte dessen „Vulgärkeynesianismus“. Arnulf Baring bezeichnete Müllers Lösungsansatz als veraltet und wirklichkeitsfremd. Konrad Adam schrieb in Die Welt, Müllers Buch beweise nichts und widerlege nichts. Es habe eine einzige Botschaft: Macht es wie ich vor vielen Jahren, dann geht’s euch wieder besser! Dies repetiere er exzessiv, als ließe sich durch Wiederholung wettmachen, was an Substanz fehle. Corinna Nohn (SZ) kritisierte, er spiele mit seiner Glaubwürdigkeit, denn er reiße Zahlen aus dem Zusammenhang und interpretiere sie so, dass sie seine Thesen unterstützen. Ein Kniff, den er selbst an seinen Gegnern kritisiere.Corinna Nohn: Ein Plädoyer gegen den deutschen Reformmarathon. In: Süddeutsche Zeitung vom 30. November 2004. Dem Soziologen und Journalisten Mathias Greffrath zufolge ist das Buch nicht frei von polemischen Ausfällen, doch analytisch, empirisch und historisch gut belegt. Er lobt Müllers Buch als „ökonomische Alphabetisierungsbemühung“.https://www.perlentaucher.de/buch/albrecht-mueller/die-reformluege.html
Machtwahn (2006) In Machtwahn – Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet kritisiert Müller Führungskräfte aus Politik und Publizistik, aus Wissenschaft und Wirtschaft, die Deutschland durch sogenannte Reformen ohne Rücksicht auf deren soziale Folgen zugrunde richten würden. Er interpretiert die Politik der letzten Jahrzehnte als systematische Konkursverschleppung und erläutert die dahinter stehende Ideologie und deren Umsetzung.
Bezüglich der Medien beschreibt der Autor die Ökonomisierung des gesellschaftspolitischen Diskurses, die die mediale Öffentlichkeit bestimme. Medien bezögen Informationen aus einem Netzwerk von unternehmensfinanzierten Wissenschafts- und Beratungseinrichtungen, die sich jedoch in der Öffentlichkeit als neutral und unabhängig darstellen. Insbesondere die Bertelsmann- und die Bosch-Stiftung seien die zentralen politischen Konzeptionalisierungs- und Beratungsagenturen. Dadurch hätten sich Sprachregelungen durchsetzen und die bisherige und zukünftige Wirtschafts- und Sozialpolitik als alternativlos dargestellt werden können. Müller nannte die Verflechtung zwischen den neoliberalen Denkfabriken und den Medien „Ideologieplatzierung“.