Der Kreis Schleswig war von 1867 bis 1974 ein Landkreis in der preußischen Provinz bzw. dem Bundesland Schleswig-Holstein.
Geographie Der Kreis lag im Norden Schleswig-Holsteins. Er grenzte Anfang 1974 im Uhrzeigersinn im Norden beginnend an die Kreise Flensburg-Land, Rendsburg-Eckernförde, Dithmarschen und Nordfriesland.
Geschichte In der nach dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 entstandenen neuen preußischen Provinz Schleswig-Holstein wurden im Rahmen einer Verwaltungsstrukturreform zwanzig neue Kreise gebildet,Verordnung, betreffend die Organisation der Kreis- und Distriktbehörden, sowie die Kreisvertretung in der Provinz Schleswig-Holstein vom 22. September 1867, PrGS 1867, 1587 die bis zur Kreisreform im Jahr 1970 in ihrer Grundstruktur erhalten blieben. Der Kreis Schleswig umfasste bei seiner Gründung die Städte Schleswig und Friedrichstadt, die Flecken Kappeln (1870 Stadt) und Arnis (1934 Stadt), das Amt Gottorf, die diesem seit 1853 untergeordneten oktroyierten Köge Börmerkoog und Meggerkoog, die seit 1853 ebenfalls dem Amt unterstehenden adeligen Güter sowie das Gut Dollrott und teilweise Toestorf, die Ländereien des St. Johannisklosters und die Landschaft Stapelholm. Der größte Teil des neuen Kreises Schleswig gehörte zum Istathesyssel. Hinzu kamen die Landschaft Stapelholm und das historische Krongut Fræzlæt.
NS-Zeit Ende November 1924 trat im Kreis Schleswig mit Ernst Graf zu Reventlow in einer vom örtlichen „Hypotheken- und Gläubigerverband“ einberufenen Versammlung in Schleswig erstmals ein prominentes NSDAP Parteimitglied auf.Matthias Schartl: Eine Clique „Alter Kämpfer“ Aufstieg und Fall regionaler NSDAP-Eliten in Stadt und Landkreis Schleswig. In: Demokratische Geschichte – Jahrbuch für Schleswig-Holstein, vol. 15, 2003, S. 161–222. Die NSDAP gründete ihre erste NSDAP-Ortsgruppe im Kreis Schleswig im März 1925. Zwei Jahre später, im Mai 1927, wurde sie, mit Tolk vereinigt, wiedergegründet. Kay Dohnke: Das „Kernland nordischer Rasse“ grüßt seinen Führer. Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte (Kiel), Nr. 50. Winter 2008. S. 8–27.
In dem von der Landwirtschaft dominierten Kreis Schleswig gewann die NSDAP zahlreiche Anhänger. Bei der Reichstagswahl im September 1930 erreichte sie mit ihrer zielgerichteten Agrarkampagne im Kreis Schleswig mehr als ein Drittel der Stimmen. Am 5. März 1933 zählte Schleswig mit 69,9 % zu den Landkreisen mit den höchsten NSDAP-Anteilen in der Provinz. In den kleineren Landgemeinden betrug der Anteil oft mehr als 75 %. Schartl, 2003, S. 166 Der Anteil der NSDAP bei den Wahlen stieg von 4,2 % (4. Mai 1924) über 35,6 % (14. September 1930) und 70,2 % (31. September 1932) auf 95,6 % (7. November 1933). Schartl, 2003, S. 163
Kristallisationspunkt der NSDAP im Kreis Schleswig war die wenige Kilometer östlich der Kreisstadt gelegene Landgemeinde Tolk. Hier existierte schon 1924 ein Stützpunkt der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsgemeinschaft“. Starken Zulauf erhielt die NSDAP auch in den westlich von Schleswig gelegenen Geestdörfern wie Groß Rheide, Klein Rheide, Börm, Klein Bennebek, Jagel sowie dem Amt Silberstedt. In Schuby soll Thomas Frahm als Ortsgruppenleiter ein wahres „Schreckensregiment“ ausgeübt haben. Der SA-Sturm IV/86, Kreis Schleswig, zählte 650 Mann an neun Orten. Schartl, 2003, S. 168, 170-71
Schon bei der Kommunalwahl im Dezember 1929 zogen fünf NS-Kandidaten mit 5.161 Stimmen in den Kreistag ein. Unter ihnen der Kreisleiter Joachim Meyer-Quade, ab 1932 SA-Oberführer und einer der führenden Nationalsozialisten der Provinz Schleswig-Holstein, und der spätere Flensburger Kreisleiter und Landrat Claus Hans sowie der Landwirt Jürgen Jöns, zugleich Kreisvorstandsmitglied des schleswig-holsteinischen Bauernbundes und schließlich der Gastwirt Albert Zerrahn. Für Claus Hans rückte 1932 Peter Börnsen, Mitglied des Deutschen Reichstags von 1933–1945, nach.Schartl, 2003, S. 166–67
Zahlreiche NSDAP-Versammlungen in den Herbstmonaten 1929 und 1930 führten zu steigenden Ortsgruppengründungen. Bis Ende 1929 gab es im Kreis Schleswig 18 NSDAP-Ortsgruppen mit 912 Mitgliedern, im Juni 1930 waren es 22 mi 990 Mitgliedern und Ende Januar 1933 3.525 Mitglieder, davon gehörten 1.070 der SA, und weitere 95 verschiedenen SS-Abteilungen an. Schartl, 2003, S. 167
Nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 kam es zur Gleichschaltung der Kreisverwaltung. Kreisleiter Joachim Meyer-Quade verkündete wenige Wochen später, dass diejenigen, die im Wege stehen und sich widersetzten, verschwinden müssten. Die meisten von ihnen wurden ersetzt durch Angehörigen der „Alten Garde“ der NSDAP, so auch im Kreis Schleswig, wie z. B. Albert Zerrahn, Otto Gestefeld, Erich Hasse und der vor keiner Gewaltanwendung zurückschreckenden Haudegen und späterer Schleswiger Kreisleiter Ernst Kolbe, und schließlich der Landrat in Schleswig von 1934–1945 Hans Kolbe, der bekannt wurde wegen seines rücksichtslosen Verhaltens gegenüber Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern zwischen 1941 und 1945. Schartl, 2003, S. 219–220
Für die Verhafteten begann ein traumatischer Leidensweg, der viele zunächst in das eilends eingerichtete Konzentrationslager KZ Kuhlen bei Bad Segeberg führte. Als dieses zum Oktober 1933 aufgelöst wurde, wurden 15 vormals in Schleswig inhaftierte Häftlinge ins KZ Papenburg im Emsland verfrachtet. Schartl, 2003, S. 171–172 Kurz darauf begann die Verfolgung der Juden und weiterer Andersdenkender mit dem gewaltsamen Boykott jüdischer Läden, z. B. in Kappeln und der Gemeinde Idstedt mit sog. „Prangermärschen“. Schartl, 2003, S. 207, 222
Nachkriegszeit Am 26. April 1970 wurden die Gemeinden Mehlby und Toesdorf aus dem Kreis Flensburg-Land sowie Kopperby aus dem aufgelösten Kreis Eckernförde in den Kreis Schleswig eingegliedert. Gleichzeitig gab der Kreis die Gemeinde Langstedt an den Kreis Flensburg-Land sowie die Stadt Friedrichstadt und die Gemeinden Seeth und Drage an den Kreis Nordfriesland ab.
Die Zahl der Gemeinden des Kreises, die 1939 noch 103 betragen hatte, wurde durch Zusammenschlüsse und Eingemeindungen bis März 1974 auf 79 verringert.
Am 24. März 1974 wurde der Kreis Schleswig mit dem Kreis Flensburg-Land zum Kreis Schleswig-Flensburg zusammengeschlossen.
Einwohnerentwicklung Kreis Jahr Einwohner Quelle 1867 60.270 GenWiki: Kreis Schleswig 1900 66.603 1910 71.987 1925 70.109 1939 73.627 1946 133.971 Volkszählung 1946 1950 127.798 1960 98.200 1970 100.000 Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland 1972 1973 101.400 Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland 1975
Städte und größere Gemeinden Angegeben werden die Fläche 1970 in ha und die Einwohner in den Jahren 1900, 1919, 1939, 1950, 1961, 1970 (Volkszählungsergebnisse).
Städte
Stadt ha1970 1900 1919 1939 1950 1961 1970 Arnis 45 500 566 534 954 758 523 Kappeln 381 2.384 2.646 2.834 5.004 4.476 4.031 Schleswig 2430 17.910 16.923 26.051 36.247 33.766 32.518
Gemeinden mit mehr als 1000 Einwohnern
Gemeinde ha1970 1900 1919 1939 1950 1961 1970 Böklund 788 540 643 647 1108 934 1148 Busdorf 536 577 635 740 1456 1135 1474 Dannewerk 1690 – – 586 1024 702 861 Erfde 2629 1399 1566 1662 2473 1821 1844 Fahrdorf 1202 377 389 390 746 733 1392 Hollingstedt 1759 740 788 722 1267 835 844 Jübek 1115 536 792 870 1226 958 1100 Kopperby 2613 266 254 454 1556 1492 3611 Kropp 3270 1413 1473 1737 3679 3468 4085 Meggerdorf 2356 352 341 899 1089 769 715 Mehlby 1306 431 595 1078 1962 1522 1553 Mohrkirch 1440 – – – – – 1134 Norderstapel 1591 687 755 660 1103 741 715 Satrup 2395 615 786 1089 2079 1745 2837 Schuby 2358 715 737 731 1666 1140 1630 Silberstedt 2329 716 719 733 1687 989 1003 Steinfeld 873 597 632 563 1060 652 632 Stolk 1454 674 690 596 1064 751 757 Struxdorf 1337 629 652 672 1199 730 710 Süderbrarup 810 1358 1983 2384 4294 3261 3282 Süderstapel 1696 795 851 765 1303 921 1024 Taarstedt 1369 425 385 817 1434 871 895 Tolk 1047 565 613 792 1285 930 975 Treia 2175 878 967 936 1863 1180 1148
Landräte
1867–1888Hugo von Plessen 1888–1900Carl von Fidler 1900–1909Kurt von Alten 1910–1919Fred Hagedorn 1919–1933Gerhard Werther 1933–1933Joachim Meyer-QuadeMatthias Schartl: Eine Clique „Alter Kämpfer“. Aufstieg und Fall regionaler NSDAP-Eliten in Stadt und Landkreis Schleswig. In: Birte Claasen, Uwe Danker et al. (Hrsg.): Demokratische Geschichte. Jahrbuch für Schleswig Holstein Bd. 15. Malente 2003, ISBN 3-933862-34-5, S. 161–222, hier S. 174 u. 181. (Online; PDF; 2,5 MB) 1933–1935Roland SiegelMatthias Schartl: Eine Clique „Alter Kämpfer“ …, S. 211 f. 1935–1945Hans KolbeMatthias Schartl: Eine Clique „Alter Kämpfer“…, S. 218. 1945Bernhard Rogge 1945–1946Hans Hinrichs 1946–1957Johannes Hagge, CDU, ab 1953 FDP 1957–1972Hans Heinrich Kühl 1972–1974Gernot Korthals
Gemeinden 1974 Vor seiner Auflösung am 24. März 1974 gehörten dem Kreis Schleswig zuletzt die folgenden 79 Gemeinden an: Alt Bennebek Arnis, Stadt Bergenhusen Böel Böklund Bollingstedt Boren Borgwedel Börm Brarupholz Brebel Brodersby Busdorf Dannewerk Dollrottfeld Dörpstedt Ekenis Ellingstedt Erfde EsperstoftFahrdorf Friedrichsau Gammellund Geltorf Goltoft Grödersby Groß Rheide Havetoft Havetoftloit Hollingstedt Hüsby Idstedt Jagel Jübek Kappeln, Stadt Kiesby Klappholz Klein Bennebek Klein Rheide KroppLoit Lottorf Lürschau Meggerdorf Mohrkirch Neuberend Norderbrarup Norderstapel Nottfeld Nübel Oersberg Rabenkirchen-Faulück Rüde Rügge Satrup Saustrup Schaalby Scheggerott Schleswig, Stadt Schnarup-ThumbySchuby Selk Silberstedt Steinfeld Stolk Struxdorf Süderbrarup Süderfahrenstedt Süderstapel Taarstedt Tetenhusen Tielen Tolk Treia Twedt Uelsby Ulsnis Wagersrott Wohlde
Ehemalige Gemeinden Die folgende Liste enthält die Gemeinden des Kreises Schleswig, die während seines Bestehens in andere Gemeinden eingegliedert wurden oder aus dem Kreis ausschieden:
Gemeinde eingemeindetnach Datum Arenholz Lürschau 1. Oktober 1938 Bargen Erfde 1. September 1971 Berend Nübel 1. Januar 1974 Böelschuby Böel 1. Januar 1974 Brekling Brekling-Nübel 1. Januar 1971 Buschau Twedt 1. August 1970 Dammholm Havetoftloit 28. Februar 1970 Drage zum Kreis Nordfriesland 26. April 1970 Esmark Satrup 28. Februar 1970 Faulück Rabenkirchen-Faulück 1. April 1971 Friedrichsanbau Klein Bennebek 1. Oktober 1938 Friedrichstadt zum Kreis Nordfriesland 26. April 1970 Friedrichswiese Kropp 1. April 1938 Füsing Schaalby 1. Januar 1974 Geel Brodersby 1. Februar 1974 Groß Dannewerk Dannewerk 1. Oktober 1938 Grumby Twedt 1. August 1970 Hostrup Havetoft 1. Februar 1974 Ketelsby Boren 1. Februar 1974 Kius Ulsnis 1. Februar 1974 Klein Dannewerk Dannewerk 1. Oktober 1938 Klosterhof Schleswig 1. Oktober 1936 Kopperby Kappeln 1. Januar 1974 Kurburg Dannewerk 1. Oktober 1938 Langstedt zum Kreis Flensburg-Land 26. April 1970 Lindau Boren 1. Februar 1974 Mehlby Kappeln 1. Januar 1974 Mohrkirchosterholz Mohrkirch 1. Januar 1970 Mohrkirchwesterholz Mohrkirch 1. Januar 1970 Moldenit Schaalby 1. Januar 1974 Neubörm Börm 1. Oktober 1938 Niederselk Selk 1. April 1938 Nübel Brekling-Nübel 1. Januar 1971 Obdrup Satrup 28. Februar 1970 Oberselk Selk 1. April 1938 Rabenkirchen Rabenkirchen-Faulück 1. April 1971 Rehberg Satrup 28. Februar 1970 Sankt Jürgen Schleswig 1. Oktober 1936 Schnarup Schnarup-Thumby 28. Februar 1970 Scholderup Taarstedt 1. Oktober 1938 Seeth zum Kreis Nordfriesland 26. April 1970 Stexwig Borgwedel 1. Oktober 1938 Thumby Schnarup-Thumby 28. Februar 1970 Toesdorf Oersberg 1. Januar 1971 Tolkschuby Tolk 1. April 1942 Torsballig Havetoftloit 1. Januar 1974 Westerakeby Taarstedt 1. Oktober 1938
Kfz-Kennzeichen Am 1. Juli 1956 wurde dem Kreis bei der Einführung der bis heute gültigen Kfz-Kennzeichen das Unterscheidungszeichen SL zugewiesen. Es wird im Kreis Schleswig-Flensburg durchgängig bis heute ausgegeben.
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Einzelnachweise
Schleswig Kategorie:Geschichte (Kreis Schleswig-Flensburg) Schleswig Kategorie:Aufgelöst 1974