mini|Roberto Assagioli Roberto Assagioli, eigentlich Roberto Marco Grego (* 27. Februar 1888 in Venedig; † 23. August 1974 in Capolona, Arezzo) war ein italienischer Psychiater, Psychoanalytiker und Begründer der Psychosynthese.
Leben Roberto Assagioli hieß mit vollem Namen Roberto Marco Grego Todesco Assagioli. Die Mutter Elena Kaula (1863–1925),Roberto Assagioli. Biografische Daten. Psychosynthese, psychosynthese.ch psychosynthese.ch in Ägypten geboren, kam aus einer venezianischen Familie, der Vater Leone Grego (1850–1890) war Ingenieur und stammte aus Verona. Beide waren jüdischen Glaubens und heirateten am 2. April 1882.Andrea Fontana: Sintesi biografica ed analisi astrologica ed esoterica di Roberto Assagioli. Articolo del 2009 completato il 27 Febbraio 2018 pubblicato nel Percorso Astrologia dell'Anima e Psicologia dei Sette Raggi, auf scienze-astratte.it scienze-astratte.it Der Vater starb, als Roberto zwei Jahre alt war. Die Mutter heiratete später den Arzt Emanuele Alessandro Todesco Assagioli (* 1854),Cronologia della vita. Istituto di Psicosintesi, auf archivioassagoli.org archivioassagioli.org der Roberto adoptierte. Seine Mutter stand der Theosophie nahe. Robertos kulturelle Bildung war durch ein anregendes Familienumfeld und gute finanzielle Mittel sehr umfangreich. Er lernte schon als Kind fast gleichzeitig drei Sprachen. In Venedig besuchte er das Lyzeum Foscarini.Roberto Assagioli. Biografische Daten. Psychosynthese, psychosynthese.ch psychosynthese.ch Im Jahr 1904 erwarb er mit 16 Jahren das Abitur mit sehr guten Noten. Diese Schule kam, laut Alessandro Bertis Arbeit,Alessandro Berti: Roberto Assagioli. Profilo biografico degli anni di formazione. Edizioni Istituto di Psicosintesi, Firenze 1988. der klassisch-humanistischen wie auch der wissenschaftlichen Neigung Assagiolis zugute. Dieses weit gefasste Interesse von Philosophie und Literatur bis zur Wissenschaft zog sich durch sein ganzes Leben. Neben seiner Muttersprache Italienisch sprach er fließend Deutsch, Englisch und Französisch und las Altgriechisch, Latein, Russisch und Sanskrit.John Firman, Ann Gila: Psychosynthesis. A Psychology of the Spirit. (SUNY series in Transpersonal and Humanistic Psychology), State University of New York Press, New York 2002, ISBN 0-7914-5534-3, Teilabdruck S. 9–17 auf sunypress.edu sunypress.edu S. 9. Sein Interesse umfasste ein großes Spektrum von Fachgebieten und Wissensbereichen, besonders intensiv forschte er in den Grenzbereichen zwischen Medizin, Pädagogik und Religion.Gerhard Schobel: Roberto Assagioli - Kurzbiografie. Psychosynthese, auf psychosynthese.ch psychosynthese.ch
Im November 1904 zog die Familie Assagioli nach Florenz, wo Roberto sein Medizinstudium begann: zuerst mit dem Schwerpunkt Chirurgie, dann Psychiatrie. Die Psychologie war noch kein eigenständiges Fach, so bahnte sich sein Interesse für die menschliche Psyche einen anderen Weg. Assagiolis kulturelles Interesse war ebenfalls weitgefächert; bereits 1906 begann seine Mitarbeit bei der florentinischen Zeitung Leonardo. 1906 reiste er nach Wien, vermutlich traf er Freud, auf jeden Fall hatte er Kontakt zu dessen Umfeld.A Brief History of Assagioli, Freud and Psychoanalysis. auf psychosynthesistrust.org.uk psychosynthesistrust.org.ukWilliam McGuire (Hrsg.): The Freud/Jung letters, The correspondence between Sigmund Freud and C. G. Jung. (=94, Bollingen Series) Princeton University Press, Princeton 1974. Im selben Jahr hatte er Kontakt zu römischen Theosophen. In Genf traf er die Psychologen Édouard Claparède und Théodore Flournoy, der auch mit Carl Gustav Jung in Kontakt stand und mit dem er lange in Verbindung blieb.Eike Joachim Stut: Wirkungen der Psychosynthese. Dissertationsschrift, Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg 2015, auf oops.uni-oldenburg.de oops.uni-oldenburg.de S. 33–38. Trotz der Kriegserklärung Österreich-Ungarns im Juli 1914 half Assagioli Ernest Jones bei der Korrespondenz mit Freud, so verschickte er Briefe, die er bei Jones in London abgeholt hatte, und schickte sie nach seiner Ankunft in Florenz an Freud nach Wien.Letter from Jones to Freud, 10 October 1914, written in London and sent by Assagioli to Freud from via degli Alfani 46, Florence, S. 300. 1907 erschien ein Artikel in der Zeitschrift Leonardo, betitelt Il “Nuovo pensiero” americano (zu deutsch etwa „Das neue amerikanische Denken“), in dem schon einige grundlegende Gedanken seines späteren Werkes, der Psychosynthese, enthalten sind, z. B. die Betonung des Willens als einer wichtigen seelischen Kraft im Menschen.John Firman, Ann Gila: Psychosynthesis. A Psychology of the Spirit. (SUNY series in Transpersonal and Humanistic Psychology), State University of New York Press, New York 2002, ISBN 0-7914-5534-3, Teilabdruck S. 9–17 auf sunypress.edu sunypress.edu S. 12. 1907 besuchte Assagioli das Burghölzli, die psychiatrische Universitätsklinik von Zürich, und entschied sich, die Psychoanalyse zum Thema seiner Doktorarbeit zu machen. Hier traf er auch Carl Gustav Jung und war dort regelmäßiger Gast. Jung schreibt am 13. Juli 1909 an Sigismund Freud: „unter ihnen ein gewisser Dr. Assagioli aus Florenz, von der dortigen psychiatrischen Klinik. Er ist ein offener aufnahmefähiger junger Mann“. Mit Jung blieb er bis zu dessen Tode verbunden.John Firman, Ann Gila: Psychosynthesis. A Psychology of the Spirit. (SUNY series in Transpersonal and Humanistic Psychology), State University of New York Press, New York 2002, ISBN 0-7914-5534-3, Teilabdruck S. 9–17 auf sunypress.edu sunypress.edu S. 12–14.Massimo Rosselli, Duccio Vanni: Roberto Assagioli and Carl Gustav Jung. The Journal of Transpersonal Psychology, 2014, Vol. 46, No. 1, auf psykosyntesakademin.se psykosyntesakademin.se
Im August 1909 besuchte Assagioli den Internationalen psychologischen Kongress in Genf. Hier beschäftigte er sich intensiv mit der Psychologie des religiösen Ausdrucks, der Mystik und deren außergewöhnlicher Bewusstseinszuständen (später in dem Begriff des „Überbewusstseins“ integriertRoberto Assagioli: Psychosynthese und Transpersonale Entwicklung. Nawo, Rümlang 2008, ISBN 978-3-9522591-5-3, S. 24 f.), die ins Gebiet der transpersonalen Psychologie fallen.Lucia Boato: Roberto Assagioli. Tesi di Laurea „Lettere e Filosofia“ Cursos/Especialização em Psicologia Transpessoal, 30. Oktober 2007, auf famigliafideus.com famigliafideus.com 1909 begann er bei Eugenio Tanzi in Florenz seine Doktorarbeit mit dem Titel La Psicoanalisi, die er am 1. Juli 1910 mit einer Disputation abschloss und mit der er zum Doktor der Medizin promovierte.John Firman, Ann Gila: Psychosynthesis. A Psychology of the Spirit. (SUNY series in Transpersonal and Humanistic Psychology), State University of New York Press, New York 2002, ISBN 0-7914-5534-3, Teilabdruck S. 9–17 auf sunypress.edu sunypress.edu S. 9–10.
Nach seiner Graduierung arbeitete Assagioli als Assistenzarzt bei Eugen Bleuler in der Psychiatrie Burghölzli. Bleuler beschrieb damals erstmals das „Gespalten-Sein des Geistes“ als Schizophrenia. Bleuler war zur Zeit, als Assagioli bei ihm arbeitete, äußerst kritisch gegenüber Sigmund Freud eingestellt. Nach seiner Zeit als Assistenzarzt praktizierte Assagioli als Psychiater in Italien, er gehörte zum Kreis der frühen Psychoanalytiker und war wesentlich daran beteiligt, die Psychoanalyse in Italien zu etablieren.Petra Guggisberg Nocelli: The Way of Psychosynthesis: A complete guide to the origins, concepts, and the fundamental experiences, with a biography of Roberto Assagioli. Eigenverlag, 2017, ISBN 979-12-200-3333-6, „CHAPTER 2: The consolidation of the work.“ In der italienischen Literaturzeitschrift „La Voce“ publizierte er im Jahre 1910 einen Artikel „Die Ideen von Freud über die Sexualität“ ()Le idee di Sigmund Freud sulla sessualità. (Archivio Assagioli - Firenze), auf psicosintesi.it psicosintesi.it sowie einen Kommentar zu den „Drei Abhandlungen über die Sexualtheorie“ von Freud. Assagioli ist unter den ersten 53 Mitgliedern der Italienischen Psychologischen Gesellschaft. Weitere Kongressteilnahmen folgten.Roberto Assagioli. Biografische Daten. Psychosynthese, psychosynthese.ch psychosynthese.chElena Polli: Oltre il viola la psicosintesi, strumento pedagogico del nostro tempo. Dissertationsschrift (italienisch), Università degli studi die Milano-Bicocca, Milano 2003/2004, auf psicoenergetica.it psicoenergetica.it S. 10.
Im Jahre 1912 gründete und finanzierte er die Herausgabe der Zeitschrift „Psiche“ über psychologische Studien, die er zusammen mit Sante De Sanctis, Enrico Morselli und Guido Villa veröffentlichte. Die Zeitschrift erschien zweimonatlich und bestand vier Jahre.
Während des Ersten Weltkrieges diente Assagiolo ab 1917 als Arzt im Rang eines Leutnants in der italienischen Armee, (). Am Ende des Krieges 1919 wurde er zum Vizedirektor des neurologischen Zentrums von Ancona berufen, „Ospedale neuropsichiatrico della provincia di Ancona“.Cronologia della vita. Istituto di Psicosintesi, auf archivioassagioli.org archivioassagioli.org Ein Jahr später eröffnete er eine Praxis in Florenz. Am 12. August 1922 heiratete er Nella Ciapetti (1890–1970)Biografische Daten zu Nella Ciapetti ancestors.familysearch.org in Florenz, am 12. September 1923 folgte die Geburt ihres Sohnes Ilario.Roberto Assagioli. Biografische Daten. Psychosynthese, psychosynthese.ch psychosynthese.ch Sein Sohn starb am 6. November 1951 an den Folgen einer Tuberkulose. Seine Ehefrau war ebenfalls Theosophin und entstammte einer wohlhabenden katholischen Familie.Petra Guggisberg-Nocelli: Chi è stato Roberto Assagioli? Breve biografia del fondatore della Psicosintesi. 27. Februar 2023, auf psicosintesi.ch psicosintesi.chJohn Firman, Ann Gila: Psychosynthesis. A Psychology of the Spirit. (SUNY series in Transpersonal and Humanistic Psychology), State University of New York Press, New York 2002, ISBN 0-7914-5534-3, Teilabdruck S. 9–17 auf sunypress.edu sunypress.edu S. 13.
Im Jahre 1926, er hatte seinen Lebensmittelpunkt nach Rom verlegt, gründete er das „Institut für Kultur und Therapie der Psyche“ (), das ab 1933 den Namen „Institut für Psychosynthese“ trug. Es folgten Reisen von 1926 bis 1928 in verschiedene europäische und nordamerikanische Städte. Assagioli konnte so sein Netzwerk internationaler Beziehungen erweitern, intensivieren und gleichzeitig die Entwicklung, Formulierung und Verbreitung der Psychosynthese voranbringen. Im Jahre 1928 führte ihn sein stärker werdendes Interesse zur Erforschung und begrifflichen Erfassung spiritueller und esoterischer Begebenheiten in der menschlichen Psyche bzw. Kultur an die Arcana-Schule (), einer Gruppe, die von Alice Bailey gegründet worden war. Er wurde Mitglied der Arkan-Schule und deren Vertreter für Italien..
Sein Institut für Psychosynthese wurde während der Zeit des italienischen Faschismus im Jahre 1938 geschlossen. Als Jude musste er 1939 die Theosophische Gesellschaft () verlassen. Die Gesellschaft wurde später vom Regime ebenfalls geschlossen. Am 22. August 1940 wurde er in der Villa Serena verhaftet und des Pazifismus beschuldigt; es erfolgte seine Inhaftierung für einen Monat im Gefängnis Regina Coeli, eine Erfahrung, die ihn zu der Schrift „Freiheit im Gefängnis“ inspirierte. Unter der Bedingung eines Hausarrestes wurde er entlassen.Cronologia della vita. Istituto di Psicosintesi, auf archivioassagioli.org archivioassagioli.org