Als Brunnenvergiftung bezeichnet man die absichtliche Verunreinigung des lebensnotwendigen Grund- und Trinkwassers mit gesundheitsgefährdenden Schad- und Giftstoffen aller Art. Dies galt schon in der Antike, als trinkbares Wasser in Städten und Dörfern meist nur durch Brunnen zugänglich war, als schweres, die Allgemeinheit betreffendes Verbrechen und steht in Deutschland als Gewässerverunreinigung unter Strafe. Der Vorwurf der Brunnenvergiftung ist seit dem Mittelalter eines der beliebtesten antisemitischen Stereotype und diente insbesondere zu Zeiten der Großen Pest von 1347 bis 1350 der Legitimation von Judenverfolgungen.

Brunnenvergiftung als militärische Taktik

Brunnenvergiftung, etwa mittels Tierkadaver oder Fäkalien, wurde seit der Antike als militärische Taktik angewandt. Neben der heimlichen bzw. nicht offensichtlichen Vergiftung, die zu Krankheiten oder Tod führen soll, dient die offensichtliche beim Rückzug (verbrannte Erde) dazu, den Vormarsch insbesondere ortsunkundiger Invasoren zu verzögern. Bei lang andauernden Belagerungen von Festungen versuchten beide Seiten, die Trinkwasserversorgung des Gegners zu vergiften, etwa durch Katapultieren eines Kadavers in einen Teich oder in eine offene Zisterne. Viele Burgen besitzen einen Burgbrunnen im Inneren bzw. mit Brunnenhaus, so dass eine gesicherte Trinkwasserversorgung bei Belagerungen gewährleistet werden konnte.

Noch in den 1940er Jahren, etwa im Finnischen Winterkrieg, wurden Brunnen vergiftet. Moderne Armeen können ihre Vorräte selbst mitführen bzw. Wasser untersuchen und aufbereiten, sodass heutzutage Zivilisten und Vieh die Hauptbetroffenen sind.

Im Jahr 1948 nutzte Israel im Rahmen des Palästinakriegs Brunnenvergiftung als biologische Kriegswaffe in mehreren Städten und Dörfern. Dabei kam es zu mindestens einem Typhus-Ausbruch. Ägypten konnte einen Versuch vereiteln.Benny Morris, Benjamin Z. Kedar (2023). "'Cast thy bread': Israeli biological warfare during the 1948 War". Middle Eastern Studies. 59 (5): 752–776. ISSN 0026-3206.

„Brunnenvergiftung“ als antisemitisches Stereotyp mini|Ein Bild von 1575, das die Verleumdung eines Juden zeigt, der einen Brunnen vergiftet und damit den Schwarzen Tod verursacht Als Vorwurf ist Brunnenvergiftung auch ein altes Stereotyp zur Verleumdung bestimmter Volksgruppen. Sie wurde den Juden im Mittelalter besonders während der Verbreitung der Pest (1347–1350) zugeschrieben und löste europaweit Judenverfolgungen und Pogrome mit hunderttausenden Todesopfern an ihnen aus. Der Vorwurf war der klassische Fall einer antijudaistischen Verschwörungstheorie.

Spätmittelalter Im Spätmittelalter lag der Verdacht von Giftanschlägen bei verheerenden Seuchen, die man sich nicht erklären konnte, gleichsam in der Luft. Dass er sich fast ausschließlich gegen die Juden als Minderheit richtete, lag an den lange zuvor geschaffenen und verbreiteten Judenbildern, die unter anderem, aber nicht ausschließlich in der Volksfrömmigkeit verankert waren. Sie schrieben den sozial ausgegrenzten Juden Heimtücke, Schadenzauber und Verschwörungen gegen die Christenheit zu. Manchmal wurden Juden wegen ihrer religiös verankerten Hygienevorschriften von Epidemien später getroffen als die übrige Stadtbevölkerung. Auch genossen jüdische Ärzte im Mittelalter bei den Fürsten einen guten Ruf, während sie im Fall von Seuchen wegen ihrer medizinischen Kenntnisse leicht als deren Urheber verleumdet wurden. Die seit dem 12. Jahrhundert zunehmende Isolation der Juden in Ghettos schützte sie nicht vor dem Übergreifen von Seuchenerregern.

Schon 1161 kam es in Böhmen zu einem damals noch vereinzelten Pogrom an 68 Juden, deren Ärzte die Christen zu vergiften versucht haben sollten.

1321 wurde in Südfrankreich Juden Brunnenvergiftung vorgeworfen. Sie hätten, auf Initiative von Muslimen hin, an Lepra erkrankte Christen (genannt „Aussätzige“) dazu angestiftet, ihre Glaubensbrüder durch vergiftetes Brunnenwasser zu ermorden, und dafür angeblich Gift geliefert und Geld gezahlt. Dieser Vorwurf einer Verschwörung der „Feinde des Christentums“ trug in der Folge offenbar zur Vertreibung der Juden aus Frankreich bei. Philipp V. rechtfertigte den Massenmord an Wehrlosen in einem Edikt vom 21. Juni. Seit dem 11. Juni galten die Juden bereits als Bundesgenossen der Aussätzigen und wurden in südfranzösischen Städten und Regionen – u. a. Tours, Chinon, den Grafschaften Anjou und Touraine – ebenfalls verfolgt und verbrannt. Dabei berief man sich auch auf ein Sendschreiben von Philipp von Valois, Herzog von Anjou: Dieser zitierte einen Brief, den man bei einem Juden Bananias entdeckt habe. Dieser habe ihn an alle orientalischen Herrscher versenden wollen und darin einen angeblichen Pakt der Juden Frankreichs mit den Muslimen bekräftigt. Er habe mit ihnen die Auslieferung Frankreichs im Tausch für Jerusalem verabredet. Daraufhin seien die Aussätzigen mit gewaltigen Mengen Gold und Silber dazu bestochen worden, ein von den Juden zubereitetes Pulver in alle Brunnen, Quellen und Zisternen zu schütten.

Weitere, angeblich von den Mauren abgefangene Briefe sollten diese fingierte Verschwörung bestätigen: So übten Adelige auf den König Frankreichs Druck aus, bis dieser im Juli alle Juden seines Reichs gefangen setzte, um sich ihre Güter anzueignen. Die als Täter geltenden Juden wurden in Paris verbrannt, die überlebenden Juden wurden 1323 nach zweijährigen Prozessen vertrieben. Die Beschuldigung der Leprakranken erhielt man bis dahin schon nicht mehr aufrecht.

Die große, als Schwarzer Tod bezeichnete Pandemie, in deren Kontext den Juden erneut eine diesmal erfolgreiche Brunnenvergiftung vorgeworfen wurde, begann 1347 in der heutigen Türkei, griff 1348 über Italien, Spanien, Frankreich und die Schweiz auf Deutschland über und erreichte 1349 Nord- und Osteuropa. Die bis dahin unbekannte Krankheit kostete um 25 Millionen Menschenleben. Nachdem alle versuchten Maßnahmen – Quarantäne und Verbannung Erkrankter, Gegenmittel, teilweise Evakuierungen – sich als untauglich erwiesen hatten, kam es im zweiten und dritten Pestjahr zu großen Pogromwellen. Hunderttausende Juden wurden auf Scheiterhaufen verbrannt oder gerädert. Insgesamt wurden 350 jüdische Gemeinden ausgelöscht.

Voraussetzungen dafür waren: die vorwissenschaftliche Annahme, die Pest sei auf eine Art Verunreinigung von Wasser und Luft mit einem schädlichen Giftstoff zurückzuführen, die antike Tradition der Brunnenvergiftung als militärische Maßnahme im Krieg gegen feindliche Bevölkerung, die gesellschaftliche Isolation und Ausgrenzung der Juden aus den „ehrbaren“ Berufsgruppen, ihre Stigmatisierung als Wucherer und Gottesmörder durch den herrschenden christlichen Antijudaismus. Juden wurden daher schon lange der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschheit für fähig gehalten. Dieses tiefe Misstrauen wurde angesichts der Ohnmacht gegenüber der Pest zu akuter Aggression gegen sie.

Nachdem in Narbonne, Carcassonne und Avignon zunächst einige obdachlose Bettler aufgegriffen und hingerichtet wurden, die ein Pulver in Wasserstellen und Häuser gestreut haben sollten, erfolgten in Nordspanien, der Provence und Italien die ersten Übergriffe gegen Juden. In Dauphiné (Savoyen) wurde dabei erstmals ausdrücklich der Vorwurf der Brunnenvergiftung laut. Beim weiteren Vordringen der Pest wurde immer öfter behauptet, Juden würden seltener von ihr angesteckt als Christen. Dass unter Juden Hygiene, gesunde Ernährung und Medizin aus religiösen Gründen eine größere Rolle als bei anderen Stadtbewohnern spielten und berühmte Ärzte oft Juden waren, bestärkte das Misstrauen gegen sie zusätzlich.

In Lausanne und Chillon am Genfersee wurden vom 15. September bis 18. Oktober 1348 die ersten Juden festgenommen und gefoltert, bis ein jüdischer Arzt den Verdacht einer großangelegten Verschwörung aller Juden zur Vernichtung der Christenheit bestätigte: Er „gestand“, ein spanischer Jude und ein französischer Rabbiner hätten ein geheimes Gift zusammengebraut und an Judengemeinden aller Länder versandt, um damit die dortigen Brunnen zu vergiften. Weiterhin behauptete er, dass man solche angeblichen Gifte jederzeit bei Hausdurchsuchungen anderer jüdischer Ärzte hätte finden können.

Der Bailli von Lausanne übermittelte das unter Folter erpresste Geständnis als Sensation nach Freiburg im Breisgau und Straßburg. Sein Vorgehen gegen die örtlichen Juden wurde in Zofingen im Aargau exakt nachgeahmt und von da aus als Muster von anderen Orten übernommen: Hausdurchsuchungen, „Gift“-Funde, Festnahmen, Folter Geständnisse, weitere Festnahmen Verbrennung aller Juden des Ortes Berichte darüber an Nachbarstädte. Auf diese Weise breitete sich der Vorwurf der Brunnenvergiftung parallel zur Pest rasch in ganz Europa aus. Vielfach wurden Stadträte auch von sich aus gegen Juden tätig und fanden in den Berichten aus anderen Städten dann nur noch die Bestätigung ihrer Verdächtigungen. So wurden im November 1348 die Juden in Bern und Stuttgart verbrannt, ohne direkte Nachrichtenverbindung zwischen diesen Städten. Es folgten Pogrome, häufig ohne Rechtsverfahren, im Allgäu, Augsburg, Nördlingen, Lindau (→Geschichte der Juden in Lindau (Bodensee)), Esslingen am Neckar und Horb am Neckar.

In manchen Städten wie Solothurn wurden getaufte Juden zuerst verschont, dann aber ebenfalls hingerichtet, wenn die Pest nach der Verbrennung der nichtgetauften Juden nicht nachließ. In Basel glaubte man den Gerüchten aus Bern und Zofingen zuerst nicht und verbannte einige Ritter aus der Stadt, die Gewalttaten gegen Juden begangen hatten. Die Zünfte protestierten dagegen und verlangten stattdessen die Entfernung aller Juden aus der Stadt. Dem gab der Rat nach und verbannte im Januar 1349 alle 600 Juden der Stadt in ein eigens errichtetes Holzgebäude auf einer Sandbank im Rhein. 130 jüdische Kinder wurden aus ihren Familien gerissen und zwangsgetauft. Auch getaufte Juden wurden später hingerichtet, nachdem sie durch Folter zu Geständnissen gezwungen worden waren, sie hätten neben dem Brunnenwasser auch Butter und Wein vergiftet.

Der Straßburger Rat forderte von Zofingen zunächst eine Probe des Giftes an, worauf Zofingen ablehnte und die Erprobung vor Ort zu demonstrieren anbot. Darauf zwangen die Straßburger eine Gruppe ihrer jüdischen Bürger, als Vorkoster Wasser aus angeblich vergifteten Brunnen zu trinken. Nach drei Wochen, als niemand daran starb, stellten sie die Versuche ein. Doch dass sie die übrigen Brunnen bewachen ließen, galt in den Orten der Umgebung als Beweis für die Schuld der Juden. Nur der Kölner Rat hielt sich zurück und schrieb den Straßburgern, sie sollten Ausschreitungen gegen Juden möglichst verhindern, solange sie von deren Unschuld überzeugt seien, da Aufstände gegen Juden leicht in Aufstände gegen die Obrigkeit umschlagen könnten.

Doch in beiden Städten erzwangen bewaffnete Handwerker Anfang 1349 die Absetzung von Stadträten, die die Juden schützen wollten, und die Verbrennung aller ungetauften Juden. Ihre eigentlichen Motive nannte der Straßburger Chronist beim Namen: Man habe den Juden vor ihrer Ermordung alle Pfandbriefe wiedergegeben. Ihr Bargeld habe der Rat genommen und unter die Handwerker verteilt:Stefan Rohrbacher, Michael Schmidt: Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Rowohlt, Reinbek 1991, ISBN 3-499-55498-4, S. 198. Daz was ouch die vergift, die die Juden dote. („Das war auch die Vergiftung, die die Juden tötete.“)

Im März 1349 wurde die große Judengemeinde von Erfurt ausgelöscht, im Juli die in Meiningen. Im selben Monat folgten Frankfurt am Main und Oppenheim. Im August folgten Mainz, Koblenz, Köln: Dort wurden die Juden in ihren Häusern verbrannt und ihre Synagoge zerstört. Andernorts wurden die Synagogen zu Kirchengebäuden oder Kapellen umgewandelt, so in Nürnberg und Überlingen. Dort begann man das Münster mit Grabsteinen des jüdischen Friedhofs zu bauen.