mini|hochkant=0.7|Alfonsina Storni und ihre Unterschrift im Gedichtband La inquietud del rosal (1916)rahmenlos mini|hochkant=0.7|Alfonsina Storni
Alfonsina Carolina Storni (* 29. Mai 1892 bzw. 22. Mai 1892 in Sala Capriasca, Bezirk Lugano, Schweiz; † 25. Oktober 1938 in Mar del Plata, Argentinien) war eine Dichterin und Schriftstellerin der argentinischen Avantgarde. Als mittellose Immigrantin und alleinerziehende Mutter veröffentlichte sie neun Gedichtbände, schrieb Theaterstücke und wurde mit den bedeutendsten argentinischen Literaturpreisen geehrt. Ihr Freitod machte sie zum nationalen Heiligtum.
Leben Alfonsina Carolina Storni war die jüngste Tochter von Alfonso Storni (1858–1906) und Pasqualina, genannt Paulina, geb. Martignoni (* 1866).Hildegard E. Keller: Wach. Vom Leben und Weiterleben der Alfonsina Storni. Band 1. Edition Maulhelden, Zürich 2024. Alfonsina wurde nach ihrem Vater benannt, was nach ihrer eigenen Übersetzung „Bereit sein für alles“ bedeutete. Sie hatte zwei ältere Geschwister, María und Romeo, die beide in Argentinien geboren wurden. Dorthin waren ihre Eltern im Dezember 1886 ausgewandert. In San Juan hatten die drei älteren Brüder von Alfonso Storni 1881 eine Soda- und Eisfabrik gegründet, außerdem betrieben sie eine Konditorei und zwei Brauereien. Es ist unklar, welche Rolle Alfonsinas Vater im Familienverband und -unternehmen innehatte.
Im Jahr 1890 kehrte die vierköpfige Familie wieder nach Lugaggia zur Großmutter väterlicherseits zurück. Der Vater reiste danach für kurze Zeit mehrere Male nach Argentinien und wieder zurück ins Tessin, dieweil die Mutter mit den Kindern von Lugaggia nach Sala Capriasca umgezogen war, wo Alfonsina 1892 auf die Welt kam. Ihr genaues Geburtsdatum ist umstritten, weil sich im Taufbuch der Kirche Sant' Antonio in Sala nur eine Storni fand, die am 22. Mai geboren sein soll. In den Akten von Lugaggia und in den argentinischen Dokumenten war jedoch der 29. Mai angegeben. Dieses Datum feierte Storni als ihren Geburtstag.
1896 kehrte die Familie mit der vierjährigen Alfonsina nach Argentinien zurück, wo sie am Fuß der Anden in San Juan in recht ärmlichen Verhältnissen lebten. 1899 kam Alfonsinas Lieblingsbruder Hildo zur Welt. Ende 1899 musste die Firma der Brüder Storni liquidiert werden, der Vater Alfonsinas wurde zum Alkoholiker. 1900 zog die Familie Storni nach Rosario. Die Mutter Paulina, die ein Lehrerinnendiplom aus der Schweiz mitgebracht hatte, führte eine kleine Privatschule im eigenen Haus. Vater Alfonso eröffnete das Kaffeehaus „Café Suizo“, die zehnjährige Alfonsina servierte und wusch dort ab. Nach der Pleite des Cafés wurde der Vater krank und verstarb 1906. Paulina versuchte die Familie mit Gelegenheitsjobs und Näharbeiten über Wasser zu halten. Alfonsina verließ die Schule und begann mit elf Jahren in einem Konfektionsatelier für Hüte zu arbeiten, wo sie sich zum ersten Mal der sozialen Ungerechtigkeit bewusst wurde und sie zwischen Tüll, Federn, Perlen und Seidentücher, die sie auf die Hüte nähte, ihr ästhetisches Empfinden und die eigenen Prioritäten im Leben entdeckte.
Mit zwölf Jahren schrieb Alfonsina Storni ihr erstes Gedicht, welches von der Mutter zerrissen wurde, weil es von Friedhöfen und Alfonsinas eigenem Tod handelte. Mit sechzehn schickte sie Gedichte an die Wochenzeitschrift Monos y Monadas und war überrascht, dass sie veröffentlicht wurden.
Alfonsina Storni soll erste Erfahrungen als Schauspielerin gemacht haben, als sie für ein erkranktes Ensemble-Mitglied in einem Passionsspiel zur Semana Santa einsprang, in dem ihre Mutter die Hauptrolle spielte. Kurze Zeit später kam die fahrende Theaterkompanie des spanischen Schauspielers José Tallaví in die Stadt. Alfonsina ergriff diese Gelegenheit, reiste ein Jahr lang mit der Truppe umher und trat in den Stücken Gespenster (Henrik Ibsen), La loca de la casa (Benito Pérez Galdós) und Los muertos (Florencio Sánchez) auf. Storni brach die Tournee 1908 aus persönlichen Gründen vorzeitig ab.
1909 ging sie nach Coronda, wo sie die Aufnahmeprüfung für die zweijährige Ausbildung am neu gegründeten Lehrerseminar Escuela Normal Mixta de Maestros Rurales Coronda bestand. Am Wochenende arbeitete sie als Sängerin in einem Theater, bis ihr Doppelleben aufflog und es zu einem Skandal an der Schule kam – Anlass für ihren ersten Suizidversuch. Andere Quellen sprechen von Gerüchten über eine Suizidneigung Stornis. Es schien vielmehr, dass die Achtzehnjährige ihr Leben in die Hand nahm. Die Schulabbrecherin holte die Vorbildung in drei Monaten nach und erhielt im Dezember 1910 ihr Lehrdiplom mit Bestnoten.
Alfonsina Storni nahm 1910 am Dritten Nationalkongress der Freidenker in Santa Fe teil, wo sie starke Persönlichkeiten wie Julieta Lanteri und María Abella Ramírez kennenlernte, die sich für feministische Anliegen einsetzen. Ramírez gründete am 11. Dezember 1910 eine Ortsgruppe der Nationalen Liga der Feministinnen, deren zweite Vizepräsidentin Storni wurde. Im Februar 1911 begann Alfonsina Storni an der Escuela Elemental Nº 65 in Rosario zu unterrichten. Im selben Jahr erschien ihr erster Prosatext in der Zeitschrift Vida Santfesina.
Zu dieser Zeit lernte sie einen verheirateten Politiker, Carlos Tercero Arguimbau, kennen, von dem sie bald ein Kind erwartete; um der „Schande“ in der Provinz zu entgehen, zog sie nach Buenos Aires. Andere Quellen besagen, dass Alfonsina Storni den Autor und Provinzabgeordneten Carlos Tercero Arguimbau möglicherweise bereits im Februar 1908 an der Theaterpremiere in Santa Fe kennengelernt haben könnte, und dass sie zu leben wagte, wofür die Feministinnen und Freidenkerinnen kämpften. So soll sie sich in der Hauptstadt Argentiniens bessere Perspektiven für eine alleinerziehende Mutter erhofft haben. Am 25. Januar 1912 nahm sie in Begleitung von Arguimbau den Zug nach Buenos Aires.
Am 21. April 1912 kam ihr Sohn Alejandro Alfonso Storni im Gemeindespital San Roque zur Welt. Nach der Geburt zogen Mutter und Kind ins Haus der Feministin und Freidenkerin Josefina Durbec de Routin. Dort lebte auch deren gleichaltrige Nichte Julia Huergo, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verband. Sechs Monate nach Alejandros Geburt erschien Stornis erster Prosatext in der Wochenzeitschrift Atlántia, die Erzählung Aus dem Leben, welche von einer armen Landlehrerin handelte. 1913 publizierte sie erste Gedichte in der Zeitschrift Caras y Caretas.
Da Stornis Landlehrerinnendiplom in Buenos Aires nicht anerkannt war, musste sie für ihren Lebensunterhalt alle möglichen Arbeiten annehmen, u. a. war sie Kassiererin in einer Apotheke, Verkäuferin in einem Modegeschäft und Angestellte in einer Handelsfirma, in der sie Bestellungen, Briefe und vermutlich auch Werbetexte verfasste. Daneben entstanden 50 Gedichte, die sie im März 1916 als ihren ersten Gedichtband La inquietud del rosal (Die Unruhe des Rosenstocks) veröffentlichte, dessen Druck sie selber finanzierte. Ihr Erstling öffnete ihr Türen, so konnte sie sich in der Familienzeitschrift El Hogar als einzige Frau in der Serie junger Dichter erstmals der argentinischen Öffentlichkeit vorstellen.mini|hochkant|Alfonsina Storni mit 24 Jahren
1917 erhielt sie den Premio Anual del Consejo Nacional de Mujeres für ihren Canto a los niños. Im selben Jahr wurde sie zur Leiterin der Internatsschule Marcos Paz der Asociación Protectora de Hijos de Policías y Bomberos ernannt. Dort kümmerte sie sich um die Bibliothek und kam wieder mehr zum Schreiben. Doch eine weitere Nervenkrise zwang sie, sich aus dem Internat zurückzuziehen; zeitweilig arbeitete sie als Aufseherin in einer Schule für geistig behinderte Kinder („Escuela de Niños Débiles del Parque Chacabuco“), die sie mit Geschichten und Liedern beruhigte. Sie rezitierte ihre Gedichte auch immer wieder in kleinen Bibliotheken des Partido Socialista, mit dem sie zwar sympathisierte, aber nie Mitglied wurde.
In der Wochenzeitschrift La Nota förderte Chefredakteur Emin Arslan junge Schreibende wie Alfonsina Storni und fand stets Platz für ihre Gedichte. Ihm verdankte sie es, dass sie Kolumnistin wurde. Trotz anfänglichem Widerstand schrieb sie vom 28. März 1919 bis 5. März 1920 wöchentlich die Kolumne für die Frau. Anschließend bot man ihr die Kolumne Frauenskizze in der Beilage der Sonntagsausgabe von Argentiniens traditionsreichster Tageszeitung La Nación an. Storni nahm an und musste ihre Anliegen einmal mehr in Kochrezepte, Tipps für Kosmetik, Mode und Klatsch hineinschmuggeln. Stornis Kolumnen zeichnete sie meist unter dem Deckbamen Tao Lao, was im Spanischen männlich klingt.
Am 9. November 1920 wurde die Tessinerin Alfonsina Storni argentinische Staatsbürgerin. Im selben Monat erscheint ihr vierter Gedichtband Languidez (Matt) mit der Widmung: „Denen, die wie ich keinen einzigen ihrer Träume verwirklichen konnten.“ Dabei war die Kritik hingerissen, das Buch bald vergriffen und es wurde mit dem ersten Preis der Stadt Buenos Aires sowie einem der drei Landespreise ausgezeichnet.
1920 reiste sie auf Einladung der Universität nach Montevideo, wo sie mehrere Vorträge hielt, unter anderem über die von ihr bewunderte Delmira Agustini, der sie auch ein Gedicht widmete. Nach der Anerkennung, die ihr in Uruguay zuteilgeworden war, fühlte sie sich in Buenos Aires wieder einsam und unverstanden und litt unter starken Depressionen. Dabei schrieb sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit: während sie die Hefte ihrer Schüler korrigierte, im Kaffeehaus, in der Straßenbahn, auf Telegrammformularen.
Sie kannte José Enrique Rodó, Amado Nervo, José Ingenieros und Manuel Ugarte. Mit den letzten beiden war sie eng befreundet. Sie reiste oft nach Montevideo in Uruguay, wo sie die Dichterin Juana de Ibarbourou und den Schriftsteller Horacio Quiroga kennenlernte.
1921 halfen ihr Freunde aus ihrer misslichen finanziellen Situation, indem sie eigens für sie einen Posten am Teatro Infantil Labardén schufen, wo sie Kindern Schauspielunterricht erteilte und selbst einige Dramen für Kinder schrieb.
1922 wurde ihr der Premio Nacional (Argentinischer Staatspreis für Literatur) zugesprochen. 1923 verschaffte ihr ihr Freund und Bewunderer, der spätere Unterrichtsminister Antonio Sagarna, einen feste Teilzeitstelle als Professorin für Deklamation an der Escuela Normal de Lenguas Vivas. Storni dankte Sagarna für die Berufung mit einem Gedicht und blieb dieser Schule bis zu ihrem Lebensende treu.
1925 erschien der Gedichtband Ocre, der eine neue Richtung in ihrer Arbeit darstellte. Sie organisierte die Primera Fiesta de la Poesía in Mar del Plata, wo sie zusammen mit anderen Dichterinnen auftrat und großen Erfolg hatte. 1926 erhielt sie einen Lehrstuhl am Musikkonservatorium und unterrichtete Spanisch und Arithmetik an einer Schule für Erwachsene. In diesem Jahr gab sie auch ihr einziges Prosawerk heraus, Poemas de amor, das in drei Auflagen gedruckt und ins Französische übersetzt wurde.
Am 10. März 1927 wurde im Beisein des Präsidenten und anderer hoher Würdenträger Stornis Theaterstück El amo del mundo (Herr der Welt) uraufgeführt. Ursprünglich hatte sie das Werk als Komödie namens Zwei Frauen geschrieben. Es wurde jedoch vom Intendanten und Regisseur Juan León Bengoa und seiner Ehefrau Fanny Brena, welche die Hauptrolle übernahm, teilweise umgeschrieben und anders interpretiert. Die Theaterkritik war gemischt, man warf Storni vor, die Männer zu scharf kritisiert zu haben. Sie wehrte sich mit dem Artikel Hinter den Kulissen einer Inszenierung in Nosostros und ließ das Stück nach sechs Aufführungen vom Spielplan nehmen.