mini|Jupiters Haupt, gekrönt mit Lorbeer und Efeu, (Sardonyx Cameo, Louvre) Giove in Argo (englisch und deutsch Jupiter in Argos, HWV A14) ist ein italienisches Opernpasticcio („Dramatical composition“) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Ähnlich wie bei Oreste (1734) und Alessandro Severo (1738) stellte er die Musik fast ausschließlich aus eigenen früheren Werken zusammen. Die Uraufführung war am 1. Mai 1739 im King’s Theatre am Haymarket in London.

Die Musik ist nur fragmentarisch erhalten, es gab jedoch zu Beginn des 21. Jahrhunderts einige Rekonstruktionsversuche.

Entstehung

Da Händel mit seinen italienischen Opern ab Mitte der 1730er-Jahre immer weniger Erfolg hatte, wandte er sich nach und nach dem englischen Oratorium zu. Eine klare Zäsur stellte dabei die Tatsache dar, dass im Sommer 1738 die Resonanz auf die Subskriptionen für die Opern so gering war, dass sein Geschäftspartner Johann Jacob Heidegger, der Impresario des King’s Theatre, sich gezwungen sah, sie für die folgende Saison ganz aufzugeben:John H. Roberts: Giove in Argo. Aus dem Englischen von Gudrun Meier. EMI Records Ltd/Virgin Classics, 50999 72311622, London 2013, S. 30–31.Donald Burrows: Händel. Imeneo. Aus dem Englischen von Eckhardt van den Hoogen, CPO 999915-2, Osnabrück 2003, S. 8–9.

Für die erste Hälfte des Jahres 1739 plante Händel daher zunächst eine reine Oratorien-Saison und brachte am King’s Theatre ab Januar 1739 seine neuen Oratorien Saul und Israel in Egypt heraus, sowie einige Wiederaufnahmen des Alexander-Festes; als besondere Attraktion spielte er bei diesen Aufführungen Orgelkonzerte.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 188–194 und 364–365.

Dass Händel gegen Ende der Saison mit seinem Giove in Argo doch wieder eine italienische Oper herausbrachte, war vermutlich eine Reaktion auf eine von Charles Sackville, Earl of Middlesex, gegründete neue Operntruppe an dem von John Rich geführten Theater in Covent Garden – Händels eigener ehemaliger Wirkungsstätte von 1734 bis 1737. Die neue Truppe trat in eine scharfe Konkurrenz zu ihm, indem sie ihre Aufführungen ausgerechnet auf dieselben Abende legte wie Händels.John H. Roberts: Giove in Argo. Aus dem Englischen von Gudrun Meier. EMI Records Ltd/Virgin Classics, 50999 72311622, London 2013, S. 31.

Er beendete die Partitur des Giove in Argo Ende April: Fine dell Opera Jupiter in Argos | April 24. | 1739.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 421Friedrich Chrysander: G. F. Händel, Zweiter Band, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 453.

Die Oper wurde als „Dramatical Composition, called Jupiter in Argos. Intermix’d with Chorus’s, and two Concerto’s on the Organ“ angekündigt.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 310. Einige spätere Autoren meinten daher, dass es wie in Serenatas oder in Händels Oratorien keine szenische Darstellung gegeben habe. Da Händel selbst das Werk jedoch „Opera“ nannte, ebenso wie einige Zeitgenossen, geht John H. Roberts davon aus, dass auf der Bühne gespielt wurde.John H. Roberts: Giove in Argo. Aus dem Englischen von Gudrun Meier. EMI Records Ltd/Virgin Classics, 50999 72311622, London 2013, S. 34. Ungewöhnlich für eine Oper sind die angekündigten Orgelkonzerte.

Im erhaltenen Libretto von Giove in Argo werden keine Sänger genannt, aber aus einer Zeitungsankündigung ist bekannt, dass die italienische Sängerin Costanza Pusterli, genannt „La Posterla“, die erst kurz zuvor zusammen mit ihrem Mann, dem Geiger Giovanni Piantanida, und ihrer Tochter nach London gekommen war, von Händel für seine neue Oper engagiert wurde:John H. Roberts: Giove in Argo. Aus dem Englischen von Gudrun Meier. EMI Records Ltd/Virgin Classics, 50999 72311622, London 2013, S. 32.

Nach Roberts bestand die Besetzung wahrscheinlich aus den folgenden Sängern:John H. Roberts: Giove in Argo. In: Annette Landgraf und David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 259–260. (englisch) Arete – John Beard (Tenor) Calisto – Élisabeth Duparc, genannt „La Francesina“ (Sopran) Iside – Costanza Piantanida-Pusterli, genannt „La Posterla“ (Mezzosopran) Diana – Chiara Pusterli (Sopran) Erasto – ? Licaone – ?

Für die beiden Basspartien Erasto und Licaone kommen alternativ drei Sänger in Betracht: Gustavus Waltz, William Savage und/oder Henry Theodore Reinhold.John H. Roberts: Giove in Argo. In: Annette Landgraf und David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 260. (englisch)

Die Oper war offenbar kein Erfolg und erlebte nur zwei Aufführungen am 1. Mai und am 5. Mai 1739.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 423

Libretto Händels Giove in Argo basiert auf einem Libretto von Antonio Maria Lucchini, das 1717 in einer Vertonung durch Antonio Lotti in Dresden uraufgeführt wurdeBernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 421–422 und auch 1719 anlässlich der Hochzeit des Kurprinzen Friedrich August mit Erzherzogin Maria Josepha von Österreich wieder auf die Bühne kam.John H. Roberts: Giove in Argo. Aus dem Englischen von Gudrun Meier. EMI Records Ltd/Virgin Classics, 50999 72311622, London 2013, S. 31. Dabei dürfte Händel das Werk bereits kennengelernt haben, als er auf der Suche nach Sängern in Dresden weilte.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 422

Das Werk wird in Lucchinis Original als „Melodrama pastorale“ bezeichnet,Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 421 gehört also zum Genre der Pastoral-Oper.John H. Roberts: Giove in Argo. Aus dem Englischen von Gudrun Meier. EMI Records Ltd/Virgin Classics, 50999 72311622, London 2013, S. 33. Wer den Text für Händel einrichtete, ist nicht bekannt. Die Vorlage wurde gekürzt und zwei komische Diener-Rollen (Vespetta und Milo) gestrichen.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 422 und Fußnote 5John H. Roberts: Giove in Argo. Aus dem Englischen von Gudrun Meier. EMI Records Ltd/Virgin Classics, 50999 72311622, London 2013, S. 34.

mini|Diana und Callisto, (Dosso Dossi, 1528, Galleria Borghese, Rom) Historischer und literarischer Hintergrund Die Liebesabenteuer des Göttervaters Zeus/Jupiter werden in verschiedenen Werken antiker griechischer und römischer Dichter erzählt, wie den historíai des Herodot oder den Metamorphoseon libri des Ovid. Von der klassischen Mythologie ist jedoch in Lucchinis Giove in Argo wenig übriggeblieben. Die Handlung dreht sich um Jupiters Affären mit Io (= Iside) und Calisto, zwei seiner sterblichen Geliebten. Zu den wenigen originalen Handlungselementen gehört das durch die Affäre mit Jupiter gebrochene Keuschheitsgelübde der Calisto gegenüber der Göttin Diana, das jedoch in der Oper nicht durch die Verwandlung der Calisto in einen Bären bestraft wird, sondern durch ein für die Opera seria übliches lieto fine ersetzt wurde. Es fehlen auch andere zentrale Punkte der Überlieferung, wie die Eifersucht von Jupiters Gemahlin Juno, sowie die Verwandlung der Io in eine Kuh. Außerdem machte Lucchini aus Ios Vater, dem unsterblichen Flussgott Inachos, einen sterblichen König von Arkadien, der von Calistos Vater Lycaone umgebracht wurde.

Musik Von der Musik zu Giove in Argo sind nur einige autographe Fragmente sowie zwei Abschriften mit ausgewählten „Songs in Jupiter in Argos“ überliefert.Ausführliches zu den Quellen in: John H. Roberts: Reconstructing Handel‘s ‚Giove in Argo‘. In: Händel-Jahrbuch 2008. 54. Jg., Halle (Saale) 2008, ISBN 978-3-7618-1448-2, S. 198–199.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 421–423 Eine Ouverture fehlt und von den neukomponierten Rezitativen sind nur diejenigen des ersten Aktes, und auch diese nur „skizzenhaft“, erhalten.Steffen Voss: Giove in Argo (HWV A14), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 434–435. Darüber hinaus gibt es bezüglich der Arien zwischen den autographen Fragmenten und dem gedruckten Libretto beträchtliche Differenzen. Wegen dieser sehr lückenhaften Überlieferung war noch Baselt der Meinung, dass „keine bis ins Einzelne gehende Rekonstruktion der verschollenen Aufführungspartitur“ möglich sei.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 422 Dennoch wurden zu Beginn des 21. Jahrhunderts Rekonstruktionsversuche unternommen, u. a. von John H. Roberts für die Hallische Händel-Ausgabe (Siehe oben).

Folgende Fakten können als gesichert gelten: Giove in Argo ist die einzige italienische Oper Händels, in der kein Kastrat mitwirkte und es auch keine Hosenrollen gab. Stattdessen sind alle männlichen Partien für tiefe Männerstimmen – einen Tenor und zwei Bässe – komponiert.Roberts spekulierte allerdings darüber, dass William Savage kurz nach seinem Stimmbruch hier als Erasto Rezitative in Bass-, aber Arien in Alt-Lage gesungen haben könnte – das erscheint jedoch unwahrscheinlich oder sogar bizarr. John H. Roberts: Reconstructing Handel‘s ‚Giove in Argo‘. In: Händel-Jahrbuch 2008. 54. Jg., Halle (Saale) 2008, ISBN 978-3-7618-1448-2, S. 189–190. Auffällig ist eine überdurchschnittlich große Beteiligung des Chores, der u. a. sämtliche Aktanfänge und -abschlüsse bestreitet.Steffen Voss: Giove in Argo (HWV A14), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 433–434. Insgesamt gibt es acht Chöre, von denen zwei wiederholt werden. Das ist mehr als in jeder anderen Oper Händels.John H. Roberts: Giove in Argo. Aus dem Englischen von Gudrun Meier. EMI Records Ltd/Virgin Classics, 50999 72311622, London 2013, S. 34. Diese Besonderheiten sowie die ursprünglich zwischen den Akten gespielten zwei Orgelkonzerte, rücken die Oper bis zu einem gewissen Grade in die Nähe von Händels Oratorien.