Das Sicherheitsmanagement führt, lenkt und koordiniert eine Organisation in Bezug auf alle Sicherheitsaktivitäten.

Sicherheitsmanagement ist synonym zu Risikomanagement (RM), welches sämtliche Maßnahmen zur systematischen Erkennung, Analyse, Bewertung, Überwachung und Kontrolle von Risiken umfasst. Die Verwendung des Begriffs Sicherheitsmanagement in der Technik (im deutschen Sprachraum) erklärt sich aus der allgemeinen Verwendung des Begriffs Sicherheit in der Technik (vgl. Abschnitt Elemente des Sicherheitsmanagements).

Historie der Entwicklung des Sicherheitsmanagements Sicherheitsmanagement kommt in allen Industriebereichen mit Gefährdungspotenzialen zur Anwendung. Die Notwendigkeit der Einführung und Anwendung des Sicherheitsmanagements ergaben sich praktisch aus Unfallanalysen, wonach über die Fehlermöglichkeiten der Technik und des Personals hinaus sich gravierende Mängel in der Organisation als wesentliche Unfallursachen herausstellten. Folgende bedeutende Unfallereignisse gaben hierzu Anlass: Chemie – Sevesounglück Seveso (1976), Kerntechnik – Tschernobyl (1986), Raumfahrt – Challenger (1986), Petrochemie – Piper Alpha (1988), Bahn – Eschede (1998).

In der Luftfahrt wird dieser Prozess als die Entwicklung des Sicherheitsdenkens bezeichnet, wonach sich die Erkenntnis über die wesentlichen Unfallursachen-Arten zeitlich von den technischen Faktoren (1950) über die menschlichen Faktoren (1970) zu den organisatorischen Faktoren (1980) entwickelt hat.Safety Management Manual (SMM), ICAO Doc 9859, ISBN 978-92-9231-295-4, 2009. Die Entwicklung der Methoden der Zuverlässigkeitstechnik zur Bewertung technischer Systeme (technische Faktoren) begann etwa um 1950.

Mit dem Tschernobyl-Unfall von 1986, der in erheblichem Maße organisatorische Mängel in Form von Regelverletzungen offenbarte, wurde die Bedeutung der Einflussgröße Sicherheitskultur auf das Unfallgeschehen erkannt und ergänzt die Reihe der oben angeführten Unfallursachen-Arten. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko von 2010 zeigte noch einmal die Bedeutung dieser Einflussgröße auf.

Die Schweizer Aufsichtsbehörde HSK stellt die enge Wechselbeziehung zwischen Sicherheitskultur und Sicherheitsmanagement heraus:A. Frischknecht, J. Nöggerath, Deutschmann: Aufsicht über die betriebliche Sicherheit der Kernkraftwerke, Vortrag bei SVA-Vertiefungskurs Überprüfung der betrieblichen Sicherheit von KKW, Winterthur, 10/2000.

In der Luftfahrt wird die Notwendigkeit der Einführung des Sicherheitsmanagements wie folgt begründet:Safety Management Systems for Airports (PDF; 1,6 MB), ACRP Report 1, Volume 1: Overview, Transportation Research Board, Washington, D.C., 2007.

„Sicherheitsmanagement basiert auf der Prämisse, dass es immer Sicherheitsrisiken und menschliche Fehler gibt. Das Sicherheitsmanagementsystem (SMS) lässt Prozesse entstehen, die die Kommunikation über diese Risiken und die Maßnahmen zu deren Verringerung verbessern. Das Sicherheitsniveau und die Sicherheitskultur einer Organisation werden damit nachhaltig verbessert.“

Die wesentlichen Elemente des Sicherheitsmanagements in den verschiedenen Industriebereichen sind weitgehend vergleichbar, wobei aufgrund spezifischer Industrieerfahrung punktuell unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt sind (siehe Abschnitt: Anwendungsbereiche des Sicherheitsmanagements).

Elemente des Sicherheitsmanagements

Sicherheitskonzept Zentraler Bestandteil eines Sicherheitsmanagements ist ein Sicherheitskonzept. Hier werden alle relevanten Rahmenbedingungen, die definierten Sicherheitsziele des Unternehmens sowie Maßnahmen zur Zielerreichung beschrieben bzw. definiert. Das Sicherheitskonzept stellt entsprechend die Basis für die Planung und Durchführung einzelner Sicherheitsmaßnahmen dar. Ziel der Erstellung und Umsetzung eines Sicherheitskonzepts ist das Erreichen eines geplanten Sicherheitsniveaus und die Minimierung identifizierter Risiken.

Sicherheitspolitik Die Sicherheitspolitik umfasst Ziele und Richtlinien der Sicherheit in Unternehmen. Die Sicherheitspolitik soll im Einklang mit dem Leitbild des Unternehmens stehen und von der Unternehmensführung vertreten und den Mitarbeitern vermittelt werden.

Sicherheitsanalyse Die Sicherheitsanalyse ist Teil der Tätigkeiten im Rahmen des Sicherheitsmanagements in einer Organisation oder einem Unternehmen. Ziel der Sicherheitsanalyse ist es, Bedrohungen zu erkennen, deren Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenspotenzial einzuschätzen und daraus das Risiko für die Organisation abzuschätzen, zum Beispiel nach Standard ISO 27001. Insbesondere sind die „unsicheren“ Parameter (Schwachstellen) eines Systems und deren Priorisierung zu ermitteln. Die Bewertung von Risiken erfolgt in der Praxis auf Grundlage von Erfahrung oder durch Expertenschätzung ().

Mittel der Sicherheitsanalyse sind sowohl technischer Art (darunter Vulnerability Scan und Penetrationstest), als auch prozessorientierter Art (Gespräche mit verantwortlichem Personal oder Datenschützern, Dokumentationsanalysen oder Geschäftsprozessanalyse).

Sicherheitsbericht

Der Sicherheitsbericht ist vom Betreiber der Anlage zu erstellen und soll die folgenden Elemente enthalten (Beispiel aus dem Bereich Chemie): Konzept zur Verhütung schwerer Unfälle; Beschreibung des Sicherheitsmanagements und seiner Anwendung; Ermittlung der Gefahren schwerer Unfälle und der erforderlichen Maßnahmen zu ihrer Verhütung und der Begrenzung der Folgen für Mensch und Umwelt (z. B. mittels einer Gefahren- und Risikoanalyse / Sicherheitsanalyse); Darlegung der Auslegung, Errichtung, Betrieb und Wartung der Systeme der Anlage, die im Zusammenhang mit der Gefahr schwerer Unfälle stehen, und dass die Systeme ausreichend sicher und zuverlässig sind; Beschreibung der internen Notfallpläne und Angaben zu externen Notfallplänen, wie bei einem schweren Unfall die erforderlichen Maßnahmen ergriffen werden sollen; Angabe über die Informationen, die der zuständigen Behörde bereitgestellt werden.

Sicherheitsindikatoren Sicherheitsindikatoren (Safety Performance Indicators) sind aus dem Systembetrieb abgeleitete Parameter, die leicht zu erfassen und zu verfolgen sind. Sie geben ein klares Bild über den Sicherheitsstatus des Systembetriebes. Der Betriebsführung geben sie in einem frühen Stadium Hinweise auf eine mögliche Verschlechterung des Systembetriebes, so dass Korrekturmaßnahmen eingeleitet werden können, bevor ein inakzeptables Risiko eintritt., Aviation Glossary Aviation Glossary – Defining the Language of Aviation

Sicherheitskultur Sicherheitskultur ist ein Verhaltensmerkmal einer Gruppe oder Organisation wie mit Fragen zur Sicherheit umgegangen wird. Es unterliegt einem komplexen Lernprozess, in dem sich gemeinsame Ziele, Interessen, Normen, Werte und Verhaltensmuster herausbilden.

Anwendungsbereiche des Sicherheitsmanagements

Chemische Industrie Als Konsequenz aus dem Chemieunfall in der norditalienischen Stadt Seveso im Jahr 1976 wurde 1980 von der Europäischen Kommission die erste Störfall-Richtlinie (Seveso-I-Richtlinie) 1982 herausgegeben.. Die Unfälle von Bhopal (1984) und Guadalajara, Mexiko (1992) führten 1996 zu einer Fortschreibung in der Seveso-II-Richtlinie, in der erstmals die Erstellung eines Sicherheitsmanagementsystems von Betreibern gefordert wird..Bundes-Immissionsschutzgesetz (Störfall-Verordnung – 12. BImSchV), 26. April 2000.

Mit der Herausgabe der Richtlinie 2012/18/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 4. Juli 2012 zur Beherrschung der Gefahren schwerer Unfälle mit gefährlichen Stoffen wird die Seveso-II-Richtlinie durch die Seveso-III-Richtlinie ersetzt. Sie wurde mit den Regelungen der 12. BImSchV am 13. Januar 2017 im Bundesgesetzblatt Nr. I Nr. 3 veröffentlicht und ist am 14. Januar 2017 in Deutschland in Kraft getreten.. In: Amtsblatt der Europäischen Union. 24. Juli 2012.Verordnung zur Umsetzung der Richtlinie 2012/18/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 4. Juli 2012 zur Beherrschung der Gefahren schwerer Unfälle mit gefährlichen Stoffen, zur Änderung und anschließenden Aufhebung der Richtlinie 96/82/EG des Rates, vom 9. Januar 2017. Regelungen der 12. BImSchV am 13. Januar 2017. In: Bundesgesetzblatt. Teil I, Nr. 3 ().

Nach der Seveso-III-Richtlinie (Anhang III) sollen Betreiber zur Verhütung schwerer Unfälle ein Konzept darlegen, das ein geeignetes Sicherheitsmanagementsystem zur Beherrschung der Gefahren schwerer Unfälle einschließt (folgender Text etwas gekürzt):

Das Sicherheitsmanagementsystem ist den Gefahren, Industrietätigkeiten und der Komplexität der Betriebsorganisation angemessen und beruht auf einer Risikobeurteilung. Das Sicherheitsmanagement soll folgende Aspekte berücksichtigen: Organisation und Personal – Aufgaben und Verantwortungsbereiche des zur Überwachung der Gefahren schwerer Unfälle vorgesehenen Personals auf allen Stufen der Organisation zusammen mit den Maßnahmen, die zur Sensibilisierung für die Notwendigkeit ständiger Verbesserungen ergriffen werden; Ermittlung und Bewertung der Gefahren schwerer Unfälle – Beurteilung der Eintrittswahrscheinlichkeit und der Schwere solcher Unfälle; Betriebskontrolle – Festlegung und Durchführung von Verfahren und Erteilung von Anweisungen für den sicheren Betriebsablauf, einschließlich Wartung; sichere Durchführung von Änderungen – Festlegung und Anwendung von Verfahren zur Planung von Änderungen der Anlage; Planung für Notfälle – Festlegung und Anwendung von Verfahren zur Ermittlung vorhersehbarer Notfälle aufgrund einer systematischen Analyse und zur Erstellung, Erprobung und Überprüfung der Notfallpläne; Leistungsüberwachung – kontinuierliche Beurteilung der Einhaltung der Ziele, die in dem Konzept des Betreibers und im Sicherheitsmanagement festgelegt sind, sowie von Mechanismen zur Prüfung und Einleitung von Abhilfemaßnahmen bei Nichteinhaltung. Meldung schwerer Unfälle oder „Beinaheunfälle“, insbesondere solcher, bei denen die Schutzmaßnahmen versagt haben, sicherheitsbezogene Leistungsindikatoren; Audit und Überprüfung – Festlegung und Durchführung von Verfahren für eine regelmäßige, systematische Beurteilung des Konzepts und der Wirksamkeit und Eignung des Sicherheitsmanagements.

Petrochemie Die Explosion der Ölplattform Piper Alpha am 6. Juli 1988, bei der 167 Personen ums Leben kamen, führte zu einer grundlegenden Neuausrichtung der sicherheitstechnischen Maßnahmen in der Petrochemie.

Lord Cullen, D. Cullen. 1990. The Public Inquiry into the Piper Alpha Desaster. Department of Energy, HMSO Cm 1310, London. kommt in seiner Unfalluntersuchung (1990) zu dem Ergebnis, dass das vorherrschende Sicherheitsregime der Offshore-Industrie (Present offshore regime) unzureichend ist und das Genehmigungsverfahren (in UK) einer grundlegenden Erneuerung bedarf. Jedes Offshore-Unternehmen sollte über ein formalisiertes Sicherheitsmanagementsystem (SMS) verfügen, in dem die Sicherheitsziele (safety objectives) des Unternehmens ausgewiesen sind und in Sicherheitsstandards festgelegt ist, wie diese Sicherheitsziele erreicht und nachgewiesen werden. Aufgabe des Sicherheitsmanagements ist, die Sicherheitsziele sowohl bei der Systemauslegung als auch im Betrieb des Systems zu gewährleisten. Das realisierte SMS ist der zuständigen Behörde darzulegen.

Im Einzelnen soll das SMS die folgenden Elemente enthalten: Schaffen einer Organisationsstruktur Standards für das Managementpersonal Ausbildung für Betrieb und Notfälle Sicherheitsanalyse Auslegungsrichtlinien (design procedures). Prozeduren für Betrieb, Instandhaltung, Änderungen und Notfälle Sicherheitsmanagement von Subunternehmern bezüglich deren Arbeit Einbinden des Betriebspersonals und das der Subunternehmer in das Sicherheitsmanagement Berichterstellung von Unfall- und Störungsereignissen, Ereignisanalyse und Maßnahmenverfolgung Überwachen und Auditieren der Funktionsweise des SMS Systematische Neubewertung des SMS in Bezug auf die Erfahrung des Betreibers und der Industrie.