mini|Beger bei kraniometrischen Messungen in Tibet (1938) Bruno Beger (* 27. April 1911 in Frankfurt am Main; † 12. Oktober 2009 in Königstein im Taunus) war ein deutscher Anthropologe und Hauptsturmführer der SS.

Leben Bruno Beger studierte Anthropologie, Geografie und Völkerkunde in Jena und Heidelberg.vgl. Reitzenstein (2018), S. 176. Anschließend ging er nach Berlin, um bei Hans F. K. Günther zu promovieren. Zum 1. Mai 1937 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 4.037.145).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/1970720 Er schloss sich der Deutschen Tibet-Expedition 1938/39 unter Leitung von Ernst Schäfer an, die unter der Schirmherrschaft von Reichsführer-SS Heinrich Himmler stand. In Tibet nahm er Schädelvermessungen an Tibetern vor, um den Ursprung der „Nordischen Menschen“ aus Tibet zu „beweisen“. Diese vom Comte de Buffon aufgestellte und von Johann Friedrich Blumenbach aufgegriffene These der Wanderungsbewegung der Europäer war populär und wurde von Begers Doktorvater Günther um die These ergänzt, dass einige Jahrtausende später „nordisch“ gewordene Menschen nach Tibet zurückgewandert seien und dort die Adelsschicht stellten (Nordthese). Während Himmler Beweise für diese These erwartete, blieb Beger diese schuldig, da sich nur sehr wenig Tibeter von ihm anthropologisch abformen lassen wollten.

Bruno Beger trat 1934 als Student in die SS (SS-Nummer 263.712) ein und arbeitete als Hilfskraft des Rassereferenten Südost, Erich Sparmann.Reitzenstein, Schädelsammlung, S. 177. Ab 1935 war er als hauptamtlicher Rassereferent im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS (RuSHA) in Berlin beschäftigt.Reitzenstein, Schädelsammlung, S. 178. Aufgrund einer Umorganisation gemäß Himmlers Befehl vom 11. August 1938 hatte das RuSHA nur noch drei Aufgabenfelder, eine davon die Schaffung einer Rassekarte Deutschlands. Alle wissenschaftlichen Mitarbeiter schieden aus dem RuSHA aus. Beger wurde zum Hauptamt Persönlicher Stab Reichsführer-SS versetzt.BArch NS 2, Findbuch, Vorwort Hans Booms, S. VII

Nach der Rückkehr aus Tibet werteten die Expeditionsteilnehmer ihre Ergebnisse, von Erdmagnetismus über Ornithologie bis Anthropologie, in der „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V.“ der neu geschaffenen „Forschungsstätte Innerasien und Expeditionen“ aus. Leiter der neuen Forschungsstätte war seit Januar 1940 der vormalige Expeditionsleiter Ernst Schäfer. Während der Auswertungsphase diente Beger als Kriegsberichterstatter in Norwegen und der UdSSR. Dort wurde den deutschen Truppen der Kommissarbefehl bekannt gegeben, der die Ermordung der „jüdisch-bolschewistischen Kommissare“ der Roten Armee befahl. Die Nationalsozialisten unterstellten, dass die Träger der Sowjetideologie allesamt Juden waren, die den Bolschewismus verteidigten. Beger hatte in Norwegen anthropologische Untersuchungen an Norwegern durchgeführt, zuvor an Tibetern. Um seine These der Wanderungsbewegung von Tibet bis nach Nordeuropa zu verfolgen, wollte er die Schädel der Menschen zwischen diesen Regionen abformen. In der Roten Armee und den anderen genannten Organisationen dienten nicht nur Russen, sondern auch Menschen aus Tadschikistan, Usbekistan, Kirgisien, Armenien etc. Deshalb befanden sich unter den Kriegsgefangenen auch Menschen aus Vorderasien und dem Kaukasus, der Landbrücke zwischen Asien und Europa. Beger sah diese Chance und regte an, diese ohnehin zu ermordenden Kriegsgefangenen für seine Forschungen zu erhalten. Er reichte eine entsprechende Denkschrift bei Himmler ein, die dieser an das Ahnenerbe weiterleitete.HStA Wiesbaden Abt. 461, Nr. 34145 Prozessakte Beger, Aussage Schmitz vom 23. November 1960, HStA Wiesbaden Abt. 461, Nr. 34145 Prozessakte Beger, Aussage Schmitz vom 23. November 1960, HStA Wiesbaden Abt. 461, Nr. 34151, Aussage Schmitz-Kahlmann vom 12. Juni 1967.

Am 10. Dezember 1941 meldete sich Beger am ersten Tag nach seinem Wehrdienst zurück zur Arbeit bei Wolfram Sievers, um ihm nahezulegen, die ermordeten „jüdisch-bolschewistischen Kommissare“ der Roten Armee nach der Ermordung zu enthaupten und ihm die Köpfe zuschicken zu lassen. Sievers verlangte eine Denkschrift und regte an, dass Beger sich um Expertise seiner vormaligen Dienststelle RuSHA und von August Hirt bemühen solle.BArch NS 21/127 Diensttagebuch Sievers, Eintrag vom 10. Dezember 1941. Sievers hatte Hirt wenige Wochen zuvor in Straßburg kennengelernt, als der neu ernannte Direktor der Anatomie sein Tischnachbar bei der Wiedereröffnungsfeier der Universität war. Hirt hatte sich sogleich dafür eingesetzt, dass das Ahnenerbe die Kernforschungsarbeiten seines Kollegen, des Geographen Georg Niemeier, unterstützt.vgl. Reitzenstein (2018), S. 69. Hirt selbst befasste sich zeitlebens nur mit drei Forschungsfeldern: dem sympathischen Nervensystem, der Intravitalmikroskopie und darauf aufbauend mit der Zellschädigung durch Kampfstoffverletzung.vgl. Reitzenstein (2018), S. 11. Am 3. Januar 1942 erhielt Beger von Sievers ein Habilitationsstipendium für sein Projekt „Die Wanderungswege der Indogermanen auf Grund nordischer Restbestandteile“ zur Anfertigung einer Rassekarte von Asien bis Europa.BArch DS G 113 Personalakte Beger, Schreiben von Sievers an Beger vom 5. Januar 1942. Beger hatte mit der Habilitation den noch unbesetzten Lehrstuhl für Anthropologie in Straßburg als Ziel. Dort sollten die erbeuteten Schädel laut Denkschrift aufbewahrt werden.vgl. Reitzenstein (2018), S. 291. In Hirts Denkschrift stand unter anderem:

Es ist kaum anzunehmen, dass ein wissenschaftlich geschulter Anthropologe wie Beger tatsächlich glaubte, dass die „jüdisch-bolschewistischen Kommissare“ der Roten Armee alle Juden waren oder dass nur Juden Kommissare werden durften. Die von Victor Klemperer beschriebene Lingua Tertii Imperii zeigt, dass derartige Alibiworte häufig verwendet wurden. Die Denkschrift wurde von Sievers am 9. Februar 1942 an Himmler geschickt, zusammen mit einem Forschungsbericht August Hirts, der sich durch anderes Papier, anderen Sprachstil, anderes Layout etc. abhob. Die Hinzufügung der Denkschrift durch Sievers ist ebenso unzweifelhaft wie die Tatsache, dass Himmlers Büro nie auf die Denkschrift reagierte, sondern nur auf Hirts Forschungsbericht.vgl. Reitzenstein (2018), S. 293 f. Letztlich stellte sich heraus, dass die Vorschläge der Denkschrift durch die Wehrmacht nicht umgesetzt wurden. Der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer bezweifelte, dass diese Denkschrift von Hirt stamme, da diese sich nicht nur äußerlich und sprachlich von allen anderen Unterlagen von Hirt bei der Staatsanwaltschaft unterschied, sondern dem Sprachstil von Begers anderen Denkschriften entsprach.HStA Wiesbaden Abt. 461, Nr. 34155 Prozessakte Beger, Anklageschrift vom 8. Mai 1965, S. 81, unterschrieben von Dr. Fritz Bauer Beger stellte daraufhin eine „Abteilung Mensch“ für das geplante Sonderkommando K („Totalerforschung des Kaukasus“) zusammen. In seiner Ausrüstungsliste bestellte er Skalpelle, große Skalpelle und „Fleischmaschinen“.vgl. Kater (1997), S. 253. Zudem schuf er eine Position für einen ihm direkt zugeordneten Mitarbeiter „zur Betreuung der ethnologischen Sammlung.“BArch NS 135/44, S. 164289. Nachdem nach der Niederlage in Stalingrad der Kaukasus nicht mehr erreichbar war, wurden die ausgewählten Unteroffiziere und Mannschaften wieder der Front zugeteilt. Die wissenschaftlichen Teilnehmer aus der Forschungsstätte Innerasien und Expeditionen waren noch für viele Monate mit der Vorbereitung der Expedition beschäftigt, um zu suggerieren, dass der Kaukasus bald wieder erobert werden würde.

Da die Lage an der Ostfront aber immer chaotischer wurde, wurden Ende 1942 erstmals 10.000 sowjetische Kriegsgefangene von der Wehrmacht nach Auschwitz zur SS verlegt. Dort sollten sie ein Kriegsgefangenenlager für 100.000 Sowjetgefangene errichten. Im Mai 1943 schrieb Adolf Eichmann, bei dem Sievers sich zuvor um Schädel von Asiaten bemüht hatte,BArch ALLPROZ6/N1497 TON-10-C, Aussage Eichmann zur Schädelsammlung. an Sievers, dass dort jetzt „besonders geeignetes Material“ für Beger vorhanden sei.HStA Wiesbaden Abt. 461, Nr. 34164 Prozessakte Beger, S. 12a und 12b Himmler erteilte Beger die Genehmigung, 150 Menschen in Auschwitz zur Ermordung auszuwählen. Begers Präparator Wilhelm Gabel (auch Angehöriger des „Kommando K“) berichtete: „Meiner Erinnerung nach war das Dr. Beger, der mir dann eines Tages sagte, dass die Möglichkeit für mich bestehe, in ein Lager zu kommen, in dem asiatische Typen zu finden seien. Dr. Beger sagte mir auch, dass es sich um das Lager Auschwitz handeln würde.“HStA Wiesbaden Abt. 461, Nr. 34145 Prozessakte Beger, Aussage Gabel vom 23. November 1962, S. 50. Auf Wunsch von Sievers reisten Bruno Beger und Hans Fleischhacker zum Konzentrationslager nach Auschwitz. Beger kam am 7. und Fleischhacker am 11. Juni 1943 dort an. In Auschwitz eingetroffen fand Beger nicht die erwarteten 150 Asiaten, um Himmler seine These beweisen zu können.

Beger hatte zahlreiche einflussreiche SS-Führer um diese Chance gebeten und stand nun mit nur vier aufgefundenen Asiaten da. Um eine Blamage zu vermeiden, schwenkte er spontan auf das ihm bisher unbekannte Forschungsfeld der Judenforschung. Die beiden Anthropologen wählten zwei polnische, 86 jüdische Häftlinge sowie vier „Innerasiaten“ aus und vermaßen sie fast eine Woche lang. Beger wählte insgesamt 115 Menschen aus und begann sie zu vermessen. 89 davon wurden bei Ausbruch einer Epidemie in Quarantäne gesperrt. 26 sind bis heute verschollen, darunter jene, die Beger so dringend suchte: Asiaten. Von den 89 starben drei in Quarantäne, die anderen 86 wurden hektisch ins KZ Natzweiler deportiert, wo Robert Heider nach ihrer Ankunft eine improvisierte Gaskammer bauen ließ.vgl. Reitzenstein (2018), S. 143 ff. Dort wurden die Opfer dann im August 1943 vergast, nachdem Beger an ihnen Blutgruppen- und Röntgenuntersuchungen vorgenommen hatte. Während der Ermordungen reiste Beger aufgrund einer Fleckfieberepidemie ab. Hirt war in jenem Zeitraum nicht in Natzweiler, sondern fuhr in die Kur nach St. Lambrecht, und der Plan geriet außer Kontrolle. Beger versuchte, seinen Einsatz als lobenswerten Erfolg zu verkaufen: In einem begeisterten Brief an seinen Vorgesetzten Ernst Schäfer beschrieb er die wenigen gefundenen Innerasiaten: „Es handelt sich um gute Typen, Übergangsglieder nach Inner- und Ostasien. Der eine Usbeke, ein großer gesunder Naturbursche, hätte ein Tibeter sein können. Seine Sprechweise, seine Bewegungen und seine Art sich zu geben, waren einfach entzückend, mit einem Wort: innerasiatisch.“vgl. Kater (1997) S. 251. Bei Sievers verlangte er nach seiner Rückkehr ins Ahnenerbe eine eigene Forschungsstätte für Rassekunde im Ahnenerbe unter seiner Leitung. Gleichzeitig wollte er die Leitung der dritten Abteilung dieser Forschungsstätte übernehmen. In seiner Denkschrift trägt die Beschreibung dieser Abteilung die Überschrift „'Mongolen'Forschung (begonnen im Juni 1943 im KL Auschwitz)“.BArch R BArch R 135/52, S. 162729.