mini|hochkant|Maria Becker in der Titelrolle am Berliner Schillertheater, Foto: Abraham Pisarek, Deutsche Fotothek, 31. August 1953 mini|hochkant|Antigone begräbt ihren Bruder Polyneikes, Burgtheater 2015
Antigone [] (; in späteren Verarbeitungen auch Antigonae, Antigonä oder Antigona) ist eine Tragödie des antiken griechischen Dichters Sophokles.
Überblick
Kreon, der neue Tyrann von Theben, verbietet die Bestattung seines Neffen Polyneikes, da dieser als Verbannter gegen die eigene Stadt Krieg geführt hat. Antigone, Tochter des Ödipus und dessen Mutter Iokaste sowie Polyneikes’ Schwester, akzeptiert Kreons Herrschaft nicht und übertritt trotzig das Verbot. Zur Strafe lässt Kreon sie vorerst lebendig einmauern, lässt sich aber später umstimmen und will sie aus Gottesfurcht wieder befreien: Da hat Antigone sich aber bereits das Leben genommen. Ihr Freitod löst eine Kette von Suiziden aus: Ihr Verlobter Haimon, Kreons Sohn, und Eurydike, Kreons Ehefrau und Haimons Mutter, nehmen sich alle das Leben.
In Athen wahrscheinlich im Jahr 442 v. Chr. uraufgeführt, ist die Tragödie das zuerst aufgeführte Stück von Sophokles’ „Thebanischer Trilogie“, zu der außerdem König Ödipus und Ödipus auf Kolonos gehören.
Personen Antigone, Tochter und Schwester von Ödipus, Tochter und Enkelin von Iokaste Ismene, Antigones Schwester Kreon, König von Theben, Antigones Onkel, Bruder von Iokaste Haimon, Antigones Verlobter, Sohn von Kreon und Eurydike Teiresias, Seher Eurydike, Kreons Frau Wächter Erster Bote Zweiter Bote Chor, die Ältesten der Stadt Theben, 15 Männer, darunter ein Chorführer
Inhalt Ort und Zeit Das Stück spielt in mythischer Vorzeit im Stadtstaat Theben in Griechenland.
Vorgeschichte mini|Stammbaum von Antigone
Hintergrund ist das Unheil, das seit drei Generationen über dem Herrschergeschlecht von Theben hängt, dem Haus der Labdakiden. König Laios hatte eine Untat begangen, was dazu führte, dass sein Sohn Ödipus unwissentlich sowohl seinen Vater erschlug als auch seine Mutter Iokaste heiratete. Er wurde der neue König von Theben und hatte mit Iokaste vier Kinder: zwei Töchter, Antigone und Ismene (die also zugleich die Schwestern von Ödipus und die Enkelinnen von Iokaste sind), und zwei Söhne, Eteokles und Polyneikes (zugleich die Brüder von Ödipus und die Enkel von Iokaste). Nach dem Tod von Iokaste und Ödipus wachsen die Kinder bei Kreon auf, dem Bruder ihrer Mutter. Die Söhne (Antigones Brüder und zugleich Neffen) sollen abwechselnd die Herrschaft innehaben, darüber sind sie jedoch zu Feinden geworden, und eine Stasis bricht aus: Polyneikes wird verbannt; er sammelt aber Verbündete um sich und versucht, im Krieg der Sieben gegen Theben mit ihrer Hilfe die Stadt zu erobern. Bei der entscheidenden Schlacht vor den Toren Thebens töten sich die verfeindeten Brüder gegenseitig, und die Angreifer werden zurückgeschlagen. Nun übernimmt Kreon die Herrschaft, als nächster männlicher Verwandter der bisherigen Könige. Seinen Neffen Eteokles, der die Stadt verteidigt hat, lässt er den Sitten gemäß beerdigen. Den Leichnam des Polyneikes jedoch, der zum Feind der Stadt geworden war, lässt er vor den Toren der Stadt liegen und verbietet seine ordentliche Bestattung (Atimie). Damit verwehrt Kreon dem toten Polyneikes den Einzug ins Totenreich. Die Einhaltung seines Verbots, das er mit der Strafandrohung einer Steinigung verbunden hat, sichert eine Gruppe von Wächtern. An dieser Stelle setzt die Handlung ein.
Prolog Antigone berichtet ihrer Schwester Ismene von Kreons Verbot, Polyneikes zu beerdigen; sie fragt sie, ob sie bereit sei, ihr bei der Bestattung zu helfen. Ismene lehnt das ab. Sie verweist auf Kreons Verbot und auf die schmähliche Strafe der Steinigung; die Aufgabe der Frauen bestehe nicht darin, sich den Männern und den Stärkeren zu widersetzen. Antigone erklärt Ismene, dass sie deren Entscheidung für falsch hält – die Gesetze der Unterweltgötter gebieten die Bestattung; Antigone versucht aber nicht, Ismene umzustimmen. Ismene ist klar, dass sie das Gesetz der unterirdischen Götter verletzt; dafür will sie sie um Verzeihung bitten. Antigone freut sich darauf, so sagt sie, nach der Tat zu sterben und mit ihrem lieben Bruder auf immer zusammenzuliegen. Ismene fordert Antigone auf, die Tat wenigstens heimlich zu begehen, Antigone weist das zurück. Ismene erklärt Antigone für unverständig.
Das Einzugslied des Chores handelt vom Kampf um Theben. Ein gefährlicher Krieger näherte sich der Stadt, Adrast von Argos, mit dem Polyneikes sich verbündet hatte. Die Angreifer wollten die Türme der Stadt in Brand setzen, doch die Thebaner konnten sie zurückschlagen; dabei stützten sie sich auf die Hilfe der Götter Zeus und Ares. Das „schreckliche Brüderpaar“ (Vers 144) hat sich im Kampf gegenseitig umgebracht. Nike, die Siegesgöttin, jubelt; jetzt soll der Kampf vergessen und der Sieg gefeiert werden.
1. Akt/Epeisodion Kreon erklärt sich zum neuen Herrscher der Stadt, er beruft sich auf seine nahe Verwandtschaft mit den bisherigen Machthabern, Ödipus und seinen Söhnen. Das höchste Gut sei das eigene Vaterland, deshalb habe er befohlen, dass Polyneikes nicht bestattet werden dürfe. Der Chorführer erklärt sein Einverständnis: Kreon habe das Recht, einen solchen Befehl zu erlassen.
Ein aufgeregter und ängstlicher Wächter erscheint und berichtet, dass das Verbot übertreten worden sei. Die Leiche wurde mit Staub bedeckt, der Täter ist unbekannt. Ausführlich schildert er, eine komische Figur, wie sehr er fürchte, für die schlechte Nachricht bestraft zu werden. Der Chorführer fragt vorsichtig, ob das göttliche Recht nicht möglicherweise doch die Bestattung gebiete. Zornig beharrt Kreon auf dem Verbot; er vermutet, dass derjenige, der es übertreten hat, dies für Geld getan habe. Die Bewacher der Leiche werden von ihm mit dem Tod bedroht: Falls sie den Schuldigen nicht sofort finden, sollen sie gekreuzigt werden. Mit einem Wortspiel versucht der Wächter, Kreon den Unterschied zwischen der Nachricht und dem Boten klarzumachen.
Im ersten Standlied besingt der Chor die ungeheuren Taten des Menschen: Der Mensch beherrscht die Seefahrt und die Landwirtschaft, den Vogelfang, den Fischfang und die Viehzucht. Er hat sich das Denken, das Sprechen und das Staatenlenken beigebracht. Dem Schnee und dem Regen kann er entfliehen; dem Tod kann er zwar nicht entrinnen, doch schwer heilbare Krankheiten hat er im Griff. Die Kunst der Erfindung wird von ihm teils für das Gute, teils für das Schlechte eingesetzt. In der Stadt bringt er die Gesetze des Landes und das von den Göttern verhängte Recht zur Geltung; wer Unrecht tut, wird aus der Stadt verbannt.
2. Akt/Epeisodion
Die Wächter haben Antigone am Grab des Polyneikes gefasst; einer von ihnen bringt sie zu Kreon. Er berichtet dem König, wie sie die Leiche mit Staub bedeckt und Polyneikes' Tod beklagt habe; er beschreibt, wie erleichtert er sei, selbst dem Unglück entronnen zu sein. Antigone gesteht ihre Tat ohne Umschweife. Sie beruft sich auf die ungeschriebenen Gesetze des Unterweltgottes. Diese Gesetze verlangen, sagt sie, dass der Bruder bestattet werde, unabhängig davon, ob er Gutes oder Schlechtes getan habe; das Volk der Stadt sehe das genauso, wage aber nicht, das zu äußern. Wenn sie sterben müsse, sei das nur ein Gewinn, da sie ein Leben voller Leid gelebt habe. Kreon kritisiert ihre Starrheit und ihren Hochmut; nie werde eine Frau ihn beherrschen. Er lässt Ismene holen. Ismene erklärt, dass sie bereit sei, die Mitschuld auf sich zu nehmen. Von Antigone wird sie schroff zurückgewiesen.
Im abschließenden Standlied singt der Chor von dem Unheil (Ate), mit dem das Haus der Labdakiden geschlagen sei.
3. Akt/Epeisodion
Es kommt zu einem Streitgespräch zwischen Kreon und seinem Sohn Haimon, dem Verlobten der Antigone. Haimon bekundet zunächst seinen Respekt gegenüber dem Vater, berichtet dann, dass das Volk der Stadt das Mädchen bedaure, da sie eine rühmliche Tat begangen habe, und fordert Kreon schließlich dazu auf, seine Meinung zu ändern. Kreon erklärt, das hieße, diejenigen zu ehren, die die Ordnung verletzt hätten. Da die Stadt das Eigentum des Herrschers sei, habe er allein das Recht, über Antigone zu entscheiden. Das Gespräch wird hitzig. Kreon wirft Haimon vor, sich dem Vater zu widersetzen, der Sklave einer Frau und ein Hohlkopf zu sein; Haimon setzt dagegen, dass die Stadt nicht einem einzigen Mann gehöre, dass Kreon das Recht der Unterweltgötter verletze und dass er verrückt sei. Wenn Antigone sterbe, wolle auch er, Haimon, sterben; Kreon werde ihn nie wiedersehen. Kreon verfügt, Antigone lebendig in eine Grabkammer einzusperren, und verhöhnt sie: In diesem Grab könne sie Hades anbeten, den Gott der Unterwelt, den einzigen Gott, den sie verehre.
Im dritten Standlied geht es um Eros – um den Gott der Liebe, des Begehrens. Eros verwirre den Sinn der Gerechten und habe auch diesen Streit zwischen Blutsverwandten hervorgerufen. Die strahlenden Augen von Antigone hätten gesiegt und drohten jetzt (so singt der Chor über sich selbst) sogar den Chor der Alten von der Bahn des Gesetzes abzubringen.
4. Akt/Epeisodion
Der vierte Auftritt enthält Antigones Totenklage (kommos). Sie beklagt, dass sie unverheiratet in den Tod gehe. Der Chorführer antwortet, dass sie berühmt sei, allgemein gelobt werde und autonom (autonomos, sich selbst das Gesetz gebend) in den Hades gehe. Sie vergleicht ihr Schicksal mit dem von Niobe, die in einen Fels verwandelt wurde. Der Chorführer erwidert, es sei etwas Großes, wie eine Göttin zu sterben; Antigone fühlt sich dadurch verspottet. Der Chorführer bringt in Erinnerung, dass sie dem Fluch der Labdakiden zum Opfer gefallen sei; Antigone spricht von den Verbrechen des Ödipus. Kreon tritt auf und drängt die Wächter, Antigone schneller ins Grab zu bringen. Sie erklärt, dass sie sich auf das Totenreich freue, da sie hoffe, dort ihre Eltern und Brüder wiederzusehen. Was sie für ihren Bruder tat, hätte sie niemals, so sagt Antigone, für ihren Ehemann oder für ihre Kinder getan; diese seien ersetzbar – sie könnte einen anderen Mann heiraten und mit ihm andere Kinder haben –, den Bruder aber könne sie, da Vater und Mutter tot seien, nicht ersetzen.
Das vierte Standlied handelt von grausamen Strafen: Danaë wurde in eine Eisenkammer gesperrt, obwohl sie von königlicher Herkunft war und mit Zeus ein Kind hatte. König Lykurg von Thrakien wurde von Dionysos in ein steinernes Gefängnis eingeschlossen, weil er gegen den Gott Schmähreden gehalten hatte. Die beiden Söhne von König Phineus wurden von ihrer Stiefmutter Idaea mit Weberschiffchen geblendet. Die Söhne beweinten das Leid ihrer Mutter Kleopatra, Tochter des Windgottes Boreas.
5. Akt/Epeisodion
Von einem Knaben geführt, betritt der blinde Seher Teiresias die Szene und berichtet Kreon von schlechten Zeichen: Die Vögel sind aggressiv, und von den Altären steigt das Feuer nicht mehr in die Höhe – die Götter nehmen die Gebete und die Opfer nicht mehr an. Der Grund, so sagt er, liege darin, dass die Altäre besudelt seien von Leichenteilen des Polyneikes, die von Vögeln und Hunden dorthin geschleppt worden seien. Der Seher fordert Kreon auf, Polyneikes beerdigen zu lassen. Kreon beharrt auf dem Verbot und verdächtigt Teiresias, bestochen worden zu sein. Beide geraten in Zorn. Teiresias sagt Kreon voraus, dass er nicht mehr lange zu leben habe und dass die Unterweltgötter einen von seinen Blutsverwandten zur Strafe für das Unterlassen der Beerdigung sterben lassen würden. Der Chorführer ist sich mit dem König darin einig, dass die Voraussagen von Teiresias, seit er alt geworden sei, immer gestimmt hätten. Der Chorführer rät Kreon, Antigone aus der Gruft zu holen und Polyneikes zu bestatten. Kreon stimmt zu, was ihn große Überwindung kostet, und zieht los, um Antigone zu befreien.