Als Banktheorien (auch: Theorien der Finanzintermediation) werden in der Mikroökonomie jene Theorien bezeichnet, die sich mit der Forschung und Analyse von Banken in ihrer Rolle als Finanzintermediäre befassen.

Allgemeines Die Fachliteratur zur klassischen Bankbetriebslehre hat sich ganz überwiegend nicht mit banktheoretischen Überlegungen befasst, weil Thomas Hartmann-Wendels zufolge die Bedeutung der Erkenntnisse der Banktheorie erst in den letzten Jahren erkannt wurde und sich diese Erkenntnisse erst langsam in der traditionellen Bankbetriebslehre durchgesetzt haben.Thomas Hartmann-Wendels/Andreas Pfingsten/Martin Weber, Bankbetriebslehre, 2000, S. 83 f. Etwa ab 1992 setzte eine rasante Entwicklung der betriebswirtschaftlichen Banktheorie ein, zumal die in der Finanzierungstheorie übliche Annahme vollkommener Kapitalmärkte keine nutzbringende Erklärung für die Rolle von Kreditinstituten zulässt.Dieter Wagner/Thomas Edeling/Werner Jann, Institutionenökonomie und Neuer Institutionalismus, 1999, S. 212. Erste systematische Anfänge stammen aus dem Jahre 1992.Frederic S. Mishkin: Economics of Money, Banking and Financial Markets, 1992, S. 1 ff.

Die Banktheorie betrachtet Banken als Intermediäre zwischen Kapitalgebern und Kapitalnehmern, die mittels Finanzkontrakten zusammengebracht werden.Arnoud Boot/Stuart I. Greenbaum/Anjan V. Thakor, Contemporary Financial Intermediation, 1995, S. 49 f. Die Theorie gibt Aufschluss über die Funktionen von Finanzintermediären bei der Kreditgewährung, begründet die Existenz von Kreditinstituten und erläutert, um welche Art der Finanzintermediation es sich beim bankinternen Rating handelt.Marc Arens, Bankinternes Rating leistungswirtschaftlicher Risiken bei kleinen und mittleren Unternehmen, 2009, S. 72.

Allgemein wird die Banktheorie der Neuen Institutionenökonomik zugeordnet, wodurch sie im Zusammenhang steht mit der Prinzipal-Agent-Theorie, Transaktionskostentheorie und Theorie der Verfügungsrechte.Ingo Lippmann, Traditionelle, innovative und revolutionierende Bankdienstleistungen auf ausländischen Finanzmärkten, 2002, S. 164.

Inhalte Finanzintermediäre sind Wirtschaftssubjekte, die zwischen dem Geld-, Kapital- und Kreditangebot einerseits und der Geld-, Kapital- und Kreditnachfrage auf Finanzmärkten andererseits vermitteln.Frank Stummer, Venture-Capital-Partnerschaften, 2002, S. 38.

Wird die Finanzintermediation eng ausgelegt, nimmt der Intermediär eine Transaktions- und Transformationsfunktion (Fristen-, Losgrößen- und Risikotransformation) wahr und nimmt Kapital von Kapitalgebern auf, um es Kapitalnehmern – auch in veränderter Form – weiterzugeben. Diese Aufgaben werden von Kreditinstituten, Kapitalanlagegesellschaften, Versicherungsunternehmen oder Venture-Capital-Gesellschaften wahrgenommen. Ihre Intermediation erfordert Informationen und den Einsatz von Ressourcen.

Zu den Finanzintermediären im weiteren Sinne gehören jene Wirtschaftssubjekte, bei denen eine Transaktion lediglich Informationen erfordert, ohne dass eine Transformation erfolgt. Hierzu gehören Broker, Emissionsbanken, Finanzinformationsanbieter (wie Börsenbriefe), Gutachter, Investmentbanken oder Ratingagenturen.Marc Arens, Bankinternes Rating leistungswirtschaftlicher Risiken bei kleinen und mittleren Unternehmen, 2009, S. 73.

Die Existenz von Finanzintermediären wird wie folgt begründet:Ann-Kristin Achleitner/Alexander Bassen/Luisa Pietzsch, Kapitalmarktkommunikation von Wachstumsunternehmen, 2001, S. 47 f.; ISBN 978-3-7910-2000-6. Überwindung der Informationsasymmetrie und Verringerung von Agentur- und Transaktionskosten; anreizkompatible Vertragsgestaltung von Finanzkontrakten und Kostensenkung bei ÜberwachungskostenDouglas W. Diamond: Financial Intermediation and Delegated Monitoring, 1984, S. 395 ff.; Transformation notleidender Kredite in handelbare Forderungen.John Bryant, A Model of Reserves, Bank Runs and Deposit Insurance, in: Journal of Banking and Finance 4, 1980, S. 336 ff.

Die Banktheorie veranschaulicht zudem, dass sowohl Kreditinstitute als auch Ratingagenturen Finanzintermediäre darstellen. Letztere erstellen lediglich ein Rating, ohne jedoch selbst Kredite zu gewähren, während Banken Kreditgeschäfte betreiben und hierfür ein bankinternes Rating erstellen. Dieses Rating gehört sowohl zur Transaktions- als auch zur Transformationsfunktion.Marc Arens, Bankinternes Rating leistungswirtschaftlicher Risiken bei kleinen und mittleren Unternehmen, 2009, S. 73.

Geschichte Es gab keine in sich geschlossene Banktheorie, sondern diese entwickelte sich aus einer Vielzahl von Partialanalysen.

Adolph Wagner forderte 1873, dass die Ergebnisse der Wissenschaft wie der Geld-, Kredit- und Banktheorie in der Bankpolitik verwendet werden müssten.Adolph Wagner, System der Zettelbankpolitik, 1873, S. 20. Ludwig von Mises kritisierte 1912, dass nur wenige versucht haben, die volkswirtschaftlichen Probleme der Banktheorie aufzuspüren.Ludwig von Mises, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, 1912, S. IV.

Nach Ansicht der 1930 entstandenen „Kreditvermittlungstheorie“ üben Banken lediglich eine vermittelnde Funktion aus.Richard Reich, Die „Deposit“-Legende in der Banktheorie, in: Zeitschrift für Nationalökonomie, Band I, 1930, S. 489. Damit wurden die später folgenden Theorien über Banken als Finanzintermediäre vorweggenommen.

Die Abgrenzung zwischen Banktheorie und Bankbetriebslehre fiel einigen Autoren nicht immer leicht. Hanns Linhardt unterschied 1957 vier Phasen der Bankbetriebslehre,Hanns Linhardt, Bankbetriebslehre, Band I, 1957, S. 148 ff. nämlich die Anfänge der Banktechnik, die Entwicklung des bankbetrieblichen Erkenntnisobjekts, Entwicklung einer Banktheorie und hieraus deren Anwendung als Bankpolitik.Carl Zimmerer, Wirtschaft und Wissenschaft im Wandel, 1986, S. 138; ISBN 978-3-7819-0357-9. Es wurde später die Ansicht vertreten, dass etwa Kreditderivate im Spannungsverhältnis zwischen dem Finanzintermediär Bank und dem Kapitalmarkt stehen, so dass sie finanzierungstheoretisch zwischen Banktheorie und der klassischen Kapitalmarkttheorie stünden.Eva Wagner, Credit Default Swaps und Informationsgehalt, 2008, S. 2. Sie sind aber reine Bankgeschäfte, die zur Bankbetriebslehre zu zählen sind. Die Bankbetriebslehre ist – so beispielsweise Hans Büschgen zufolge – zunächst eine Bankgeschäftslehre vom Inhalt, der Systematik, der Abwicklung, der zweckmäßigen Gestaltung und der adäquaten Abbildung von Bankleistungen im Rechnungswesen.Hans E. Büschgen, Bankbetriebslehre: Bankgeschäfte und Bankmanagement, 1998, S. 5. Dies setze banktheoretische und finanzierungstheoretische Grundlagen voraus.

Die moderne, mikroökonomisch fundierte Banktheorie begann im Jahre 1980. Einen wesentlichen Schub erhielt sie durch die theoretische Analyse von Finanzkontrakten und durch die Berücksichtigung informationsökonomischer Erkenntnisse.Thomas Hartmann-Wendels/Andreas Pfingsten/Martin Weber, Bankbetriebslehre, 2000, S. 84. Sie konnte sich erst mit der Entstehung der Neuen Institutionenökonomik etablieren. Hiernach erfüllen Kreditinstitute auch die Transformation des Informationsbedarfs durch eine Informationsbedarfsanalyse, indem sie beispielsweise ihren Anlegern im Einlagengeschäft die Überwachung der Kreditrisiken ihres Kreditgeschäfts abnehmen.

Arten Unterschieden werden kann zwischen mikroökonomischen Modellen und dem Konzept der Intermediation.Wolfgang Bessler: Zinsrisikomanagement in Kreditinstituten, 1989, S. 10- C. William Sealey Jr. entwickelte 1980 das bisher umfassendste mikroökonomische Modell, indem er die Risikopräferenzfunktion des portfoliotheoretischen Ansatzes mit den Marktbedingungen, Produktionskosten und der Bestimmung der Zinssätze verknüpfte.C. William Sealey Jr., Deposit Rate Setting, Risk Aversion, and the Theory of Depository Financial Intermediaries, in: Journal of Finance 35, 1980, S. 1139–1154.

Dabei kann zwischen Partialanalysen und Totalanalysen differenziert werden. LetztereErnst Baltensperger bezeichnete sie als „“, C. William Sealey Jr als „ erklären die Aktiv- und Passivstruktur und ihre Interaktionen sowie das optimale Geschäftsvolumen eines Bankportfolios. Partialmodelle leiten die optimale Portfoliostruktur für die Aktiva und Passiva einer Bankbilanz von exogen vorgegebenen Gesamtportfoliogrößen ab.Wolfgang Bessler, Zinsrisikomanagement in Kreditinstituten, 1989, S. 11; ISBN 3-8244-0030-8. Sie behandeln die Liquiditätsreserven einer Bank im Wesentlichen als Problem der optimalen „Lagerhaltung“ bei stochastischer Nachfrage.Ernst Baltensperger, Alternative Approaches to the Theory of the Banking Firm, in: Journal of Monetary Economics 6, 1980, S. 4 ff. Das Optimum ist erreicht, wenn die marginalen Grenzkosten den marginalen Grenzerträgen aus der Haltung zusätzlicher Überschussreserven entsprechen.

Funktion der Finanzintermediation Ziel der Theorie der Finanzintermediation ist es unter anderem, die Existenz von Kreditinstituten ökonomisch zu rechtfertigen. Diese Begründung erfordert einen Nachweis dafür, welche Aufgaben Finanzintermediäre besser übernehmen können als der Kapitalmarkt.

Delegated Monitoring Ihre wichtigste Funktion wird in der delegierten Überwachung () gesehen, d. h. der stellvertretenden Überwachung der Kreditnehmer für die (indirekten) Kreditgeber, da es für letztere ein zu großer Aufwand wäre, sich selbst um die Überprüfung der Bonität ersterer zu kümmern. Ein wichtiger Beitrag zur Erklärung der Existenz von Banken durch delegiertes Monitoring ist das Modell von Diamond.

Anreizeffekte wiederholter Interaktion Darüber hinaus entsteht ein zweiter positiver Effekt: Unternehmen, die häufiger Kredite benötigen, werden weniger dazu tendieren, eine Bank mit falschen Angaben zu betrügen. Würden sie dies tun, müssten sie um ihr und die Vergabe künftiger Kredite fürchten. In einem Kreditmarkt mit einigen wenigen Banken wirkt diese disziplinierende Funktion auf Unternehmen. Im Relationship Banking ist insbesondere ein Beitrag aus 1995 von Bedeutung.Mitchell A. Petersen/Raghuram Rajan, The effect of credit market competition on lending relationships, in: The Quarterly Journal of Economics, 1995, S. 407–443. Würden Unternehmen Kredite direkt von einzelnen Nichtbanken leihen, würden sich betrügerische Vorgehensweisen weniger schnell herumsprechen. Diese Rechtfertigung von Banken stützt sich auf Erkenntnisse der Neuen Institutionenökonomik, nämlich asymmetrische Information und Transaktionskosten.

Versicherung gegen individuelle Konsumschwankungen Bei ihrer Analyse von Bank Runs zeigen Diamond/Dybvig,Douglas W. Diamond/Phillip H. Dybvig, Bank Runs, Deposit Insurance, and Liquidity, in: The Journal of Political Economy 91 (3), Juni 1983, S. 401–419. wie ein Finanzintermediär eine Art Versicherung gegenüber unsicher anfallenden Konsumwünschen bietet. Somit werden Liquiditätsschocks bei den Investoren aufgefangen und durch Fristentransformation ein Nutzenzuwachs bei den Einlegern erzielt.

Kreditrisikomanagement Die Banktheorie untersucht auch spezielle Maßnahmen, die dazu dienen, die Wahrscheinlichkeit und Höhe von Kreditausfällen zu begrenzen. Dazu gehören die Kreditrationierung, Unvollständige Verträge, Kreditsicherheiten und Kreditvertragsklauseln (Covenants).

Partialanalysen Einige Partialanalysen, die der Neuen Institutionenökonomik zuzurechnen sind, untersuchten Teilbereiche und entwickelten hierzu Modelle.

Stiglitz/Weiss Beide Autoren unter Führung von Joseph E. Stiglitz befassten sich 1981 mit der Kreditrationierung als Ablehnung von Kreditanträgen, unter denen sich auch potenzielle Kreditnehmer mit guter Kreditwürdigkeit befinden.Joseph E. Stiglitz/Andrew Weiss, Credit Rationing in Markets with Imperfect Information, in: The American Economic Review, 1981, S. 393 ff.