mini|Theaterhaus Jena, 2010 mini|hochkant|Kunstobjekt auf dem Theater-Vorplatz
Das Theaterhaus Jena ist das Theater der Stadt Jena.
Geschichte bis 1989 1408–1871 Theaterspielen in Jena Bereits im Mittelalter wurde in Jena Theater gespielt. Neben fahrenden Künstlern waren es vor allem Klöster und Kirchen, die Mysterienspiele, Passions- und Weihnachtsspiele boten, beispielsweise das Karmeliterkloster, das bis 1655 am heutigen Engelplatz stand.
Unter der weimar-sächsischen Herrschaft wurde Theaterspielen in Jena genehmigungsbedürftig. Die regen Jenaer Theatermacher überforderten die Weimarer Behörde offensichtlich mit ihren vielen Anträgen, so dass diese 1800 das Theaterspielen in Jena gleich ganz verbot. In der Folge unterliefen die Jenaer dieses Verbot ständig. Man spielte überall in der Stadt: im Rathaus, den Rosensälen, in Wirtshaussälen, im Ballhaus und auch im großen Tanzsaal des Gasthauses „Zum Goldenen Engel“.
In theatralischer Hinsicht war Jena zu dieser Zeit eine widersprüchliche Stadt: Einerseits schrieb Friedrich Schiller in seinem Gartenhäuschen im heutigen Schillergässchen einige seiner weltberühmten Dramen (z. B. Maria Stuart, Wallenstein oder Die Jungfrau von Orleans). Doch kamen seine Dramen nicht in Jena zu ihren Uraufführungen, sondern zum Beispiel in Weimar, wo – wie in den anderen Residenzstädten (Gera, Rudolstadt, Naumburg u. ä.) – die lokalen Fürsten und Herzöge um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert prunkvolle Theater gebaut hatten. Jena dagegen bekam sein Theater im Zuge einer privaten Initiative: Der Wirt, Bierbrauer und erklärte Theaterliebhaber Kommerzienrat Carl Köhler baute es 1872 auf den Hinterhof seines Gasthauses „Zum Goldenen Engel“.
1872–1900 Das Köhler’sche Theater Das „Köhler’sche Etablissement“ – so nannte man das Privat-Theater fortan – bot 800 Zuschauern Platz. Es wurde, zumindest am Anfang, zu einer künstlerischen Erfolgsgeschichte. Köhler engagierte fahrende Ensembles, die ihr Programm jeweils von Oktober bis Neujahr darboten. Den Rest des Jahres vermietete er das Theater an private Initiativen und Vereine. Damit war das Theater nicht nur künstlerisch auf der Höhe seiner Zeit: Unabhängig vom Auftrag eines Adelshofes konnte es politisch und aktuell sein. Wirtschaftlich allerdings konnte sich das Theater kaum selbst tragen, da das theateraffine Publikum in Jena mit der neu gebauten Eisenbahn vor allem nach Weimar ans Weimarer Hoftheater fuhr. Obwohl Köhler 1886 mit Umbaumaßnahmen versucht hatte, die Attraktivität seines Gartentheaters zu erhöhen, musste er die Verluste des Hauses immer wieder mit Überschüssen aus seiner Brauerei und dem Engel-Gasthof ausgleichen. Schließlich sah er sich dann doch gezwungen, seine Immobilie an die Kommune zu verkaufen.
1900–1921 Stadt-Theater Jena Im Mai 1900 wurde Köhlers Gesamtkomplex inklusive „Goldenem Engel“ und Theater vom Gemeinderat Jena erworben. Man versäumte es zwar, das Haus umfassend zu renovieren, hoffte aber trotzdem, aus der Verpachtung an diverse Theaterunternehmer Gewinn zu erzielen. Zwischen 1900 und 1921 probierten sich insgesamt 11 Intendanten aus, die ihre zunächst ambitionierten künstlerischen Programme immer wieder dem breiten Publikumsgeschmack anpassen mussten, um nicht wirtschaftlich zu scheitern. Das Theatergebäude verkam während dieser Zeit zusehends, so dass sich um das Jahr 1911 immer mehr Bildungsbürger für einen Um- oder gar Neubau des Theaters starkmachten. Trotz verschiedener Initiativen und eines massiven Spendenaufkommens gelang es allerdings nicht, dieses Projekt vor dem Ersten Weltkrieg in gesicherte Bahnen zu lenken. Nach dem Weltkrieg gründete sich zunächst eine gemeinnützige Theatergesellschaft, die turnusgemäß neue Theater-Direktoren bestellte. Eine bauliche Lösung war angesichts klammer Kassen vorerst undenkbar. Man dachte vielmehr offensiv über Fusionierungen mit anderen Thüringer Theatern nach und nahm mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar Kontakt auf. Bis zuletzt wehrte sich der Jenaer Theater-Direktor Alfred Horsten gegen eine Übernahme durch das Nationaltheater Weimar. Er sollte keinen Erfolg haben: 1921 war das Jenaer Theater endgültig pleite und zudem technisch und baulich so gut wie unbespielbar.
1921–1945 Das Gropius-Theater Im April 1921 übernahm das Nationaltheater Weimar das Köhler’sche Theater als Neben- bzw. Außenspielstätte. Bedingung für die Übernahme war allerdings die grundlegende Erneuerung des maroden Theatergebäudes. Die Weimarer favorisierten den gerade frisch gekürten Bauhaus-Direktor Walter Gropius; die Jenaer mussten sich samt ihrem Stadtbaudirektor Oskar Bandtlow dieser Entscheidung beugen. Nach einem halbjährigen Streit um Zuständigkeiten und Kompetenzen begannen schließlich die Umbaumaßnahmen. Aus Kostengründen blieb das alte Bühnenhaus von den umfassenden baulichen Veränderungen unberührt. Gropius kümmerte sich vor allem um die der Öffentlichkeit zugänglichen Bereiche des Theaters und dessen Erschließung zur Stadt hin: Die Neugestaltung konzentrierte sich auf den Weg durch den „Goldenen Engel“ zum Theater hin, auf die innenarchitektonische Zuschauersituation (Zuschauersaal, Kasse, Foyer, Garderobe, wobei er ein besonderes Augenmerk auf die Farbgebung richtete) und vor allem auf eine neue Fassade. Für die Farbgestaltung des Theaters setzte er seinen Bauhausgesellen Hinnerk Scheper ein.Europa in Weimar: Visionen eines Kontinents Jahrbuch 2008 Wallstein Klassik Stiftung Weimar herausgegeben von Hellmut Seemann S. 396 Zur Wiedereröffnung des Theaters am 24. September 1922 schrieb die Jenaische Zeitung:
Der Spielplan der Folgejahre ließ dagegen zu wünschen übrig: Das Weimarer Nationaltheater sah sich wegen mangelnder Finanzierung immer weniger in der Lage, das Theater in Jena hochwertig zu bespielen. Zwischenzeitlich wurde Jena sogar von den Theaterensembles aus Gotha, Meiningen und Altenburg bespielt. Darüber hinaus stritten sich die Regierung des gerade entstandenen Landes Thüringen und die Kommunen über die finanzielle Verantwortung für die Thüringer Theater. 1929 wurde der Weimarer Theaterchef Franz Ulbrich schließlich zum Generalintendanten aller Thüringer Theater ernannt. Er sah sich mit der undankbaren Aufgabe konfrontiert, massive Theater- und/oder Spartenschließungen durchzusetzen.
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde auch das kulturelle Leben in Jena gleichgeschaltet: Die verschiedenen Besucherorganisationen wurden zerschlagen und zur so genannten „Kulturgemeinde“ zusammengeführt; im Jenaer Theater wurden „rassenreine“ Stücke und Propagandaveranstaltungen gegeben. Im Winter 1944 wurde das Theater wie alle anderen in Deutschland geschlossen, überstand aber den Bomben-Krieg letztendlich ohne große Schäden.
1946–1948 Das Biermann-Theater Schon kurz nach dem Krieg pachtete der Hamburger Theaterimpressario John Biermann das Jenaer Theater. Als Privat-Unternehmer hatte er sich viel vorgenommen: Zunächst führte er den Drei-Sparten-Betrieb ein (Oper, Tanz- und Sprechtheater) und bespielte mit wachsendem Erfolg an sieben Abenden pro Woche die zwei Spielstätten Theater und Volkshaus. Außerdem hatte er sich zum Umbau des Gropius-Theaters auf eigene Kosten verpflichtet. Der äußerst ambitionierte Umbau begann 1948 und sollte sowohl das Zuschauer- als auch das Bühnenhaus umfassen. Zuerst hob er die Decke des Zuschauerraums an und baute Seitenränge ein, um eine größere Platzzahl zu gewinnen. Danach gestaltete er alle Zuschauerbereiche um, so dass von der Gropius-Innenarchitektur nichts mehr zu sehen war. Außerdem flachte er die inzwischen mit einem Giebel versehene Fassade ab, um später einen pseudoklassizistischen Vorbau als Kassenhalle anbauen zu können. Auf diese Weise verschwanden die letzten sichtbaren Spuren, die an das Bauhaus-Theater von Walter Gropius hätten erinnern können. Der geplante und bitter notwendige Umbau des Bühnenhauses sowie der Anbau der Kassenhalle konnten nicht mehr in Angriff genommen werden, da Biermann 1949 pleite war.
Die nächsten Jahre wurden von zurückgehenden Zuschauerzahlen und intensiven Streitigkeiten über die Situation des Theaters geprägt: Die Künstler sahen sich mit Provisorien konfrontiert, die einen regulären Spielbetrieb beinahe unmöglich machten. Das Bühnenhaus war nach wie vor in einem ruinösen Zustand; immer wieder drohte die Baupolizei mit der Schließung des Hauses; 1950 übernahm schließlich erneut das Nationaltheater Weimar das Jenaer Theater. Das Nachkriegsensemble wurde entlassen und der dringend notwendige Umbau des Bühnenhauses auf den Weg gebracht. In der Folgezeit produzierte das Jenaer Theater keine eigenständigen Inszenierungen mehr. Eine technisch rundumerneuerte Bühne sollte es ermöglichen, die Produktionen aus Weimar direkt zu übernehmen. So wurden erstmals ein Eiserner Vorhang und eine Drehbühne in das Theater eingebaut. Erst 1956 war der technische Umbau abgeschlossen und das Jenaer Theater wurde wiedereröffnet. Um die meisten anderen baulichen Bereiche hatte man sich aber nur provisorisch gekümmert.
1956–1989 Das Jenaer Theater in der DDR Bis in die sechziger Jahre hinein wurde das Theater unter dem Namen „DNT Weimar, Haus Jena“ ein fester Spielort des Weimarer Theaters. Nach 1964 traten neben die Bespielung des Nationaltheaters Weimar erneut gastierende Produktionen aus Gera, Altenburg, Eisenach, Rudolstadt und Erfurt. Das Stadttheater Jena war jetzt formal zwar wieder ein eigenständiges Theater, hatte aber nach wie vor kein eigenes Ensemble. Die wenigen Alleinstellungsmerkmale des Theaters beschränkten sich auf jährlich gastierende Jazz-Konzerte (im Rahmen der Festivals „Jazz im Paradies“ und „Jenaer Jazztage“). Auch die Planungen des großaufgelegten DDR-Städtebauprogramms von 1968 (das sich noch heute vor allem durch den JenTower und die Plattenbau-Siedlung Neu-Lobeda abbildet) sah für das Theater keine ernstzunehmenden neuen Impulse vor.
Stattdessen wurde das Stadttheater mit immer neuem Flickwerk vor der Schließung bewahrt. 1977 erkannte ein Bau-Statiker, dass die langsam, aber sicher auseinanderreißenden und einfeuchtenden Wände der enormen Last der weiten Dachkonstruktion aus der Zeit Biermanns auf Dauer nicht standhalten konnten. Dank einer Ausnahmegenehmigung konnte das Theater immerhin bis Ende 1986 bespielt werden.
Schon 1985 hatte eine Gruppe von Architekten und Ingenieuren in Zusammenarbeit mit der Theaterdirektion einen „Rekonstruktionsplan“ für das Theater vorgeschlagen: Das Theater sollte um 16 Meter nach vorn erweitert werden, um einen gänzlich neuen, etwas kleineren Zuschauerraum zu bilden, der sich in einem weiten Foyer und durch eine Glas-Stahl-Fassade zur Stadt hin öffnen würde. Im Keller sollte das Theater eine moderne Studio-Bühne und eine Weinstube unter Einbeziehung der unterirdischen Gewölbe des alten Karmeliterklosters enthalten; und es sollte in „Schillertheater“ umbenannt werden. Die politischen Gremien waren begeistert – das Theater wurde Silvester 1986/1987 zum letzten Mal bespielt, am 2. Januar begann der Abriss des alten Zuschauerhauses. Doch bereits im Februar 1987 gerieten die Baumaßnahmen ins Stocken. Der offiziell bewilligte Bauplan konnte in den folgenden Jahren nie finanziert werden, es konnte nicht einmal ein Architekt mit der qualifizierten Ausarbeitung, geschweige denn ein Bauunternehmen mit der konkreten Umsetzung betraut werden.
1990 bis heute: Aufbau des Theaterhauses Jena Von 1987 bis zur Wiedervereinigung 1990 blieb das Theater baupolizeilich gesperrt und verkam zusehends. Die Räume wurden von der Stadtverwaltung als Lager genutzt; der Vorplatz war von Brettern eingezäunt. Theater gespielt wurde im nahe gelegenen Capitol-Kino. Erst im Frühjahr 1990 eröffnete eine Geraer Inszenierung das „theater auf der hinterbühne“. Begleitet von intensiven Diskussionen über die Zukunft des Jenaer Theaters, nutzten die Theatermitarbeiter die Ruine in der Zwischenzeit und zeigten vor hundert alten Kinositzen Kleinkunst, Kabarett und kleinere Kammerspiele.