Der Hausvogteiplatz liegt im Berliner Bezirk Mitte an der Schnittstelle zwischen Friedrichswerder und Friedrichstadt. Es handelt sich um einen relativ kleinen, schräg dreieckigen Platz, der auf ehemaligen Festungsanlagen entstand. Im 17. und beginnenden 20. Jahrhundert gewann er überregionale Bedeutung als Zentrum der Berliner Konfektionsindustrie. Ein Teil der Bebauung steht unter Denkmalschutz. Auf dem Platz befindet sich das Denkzeichen Modezentrum Hausvogteiplatz.

Bezeichnungen des Platzes, Erschließung Der 1720–1730 entstehende Platz wurde zunächst „Polygon“, auch „Quarree“ und „Krähenmarkt“ genannt. „Quarree“ (Viereck, Quadrat) war eher der spätere Pariser Platz in denselben Jahren. Von 1750 bis 1789 trug er offiziell den Namen Jerusalemsplatz, zu der hier beginnenden Jerusalemer Straße. 1789 erhielt er seinen heutigen Namen, den er dem königlichen Hofgericht verdankt, das 1750 unter Friedrich II. (Friedrich dem Großen) an die Ostseite des Platzes verlegt worden war – der Hausvogtei.

Noch bis ins späte 19. Jahrhundert wurde der Platz im Volksmund Schinkenplatz genannt, wegen der Form seines Grundrisses, weil hier Fleisch verkauft wurde und/oder deswegen, weil in der Gegend „unehrbare Frauen“ wohnten, die in der derben Umgangssprache als „Schinken“ (angelehnt an das jiddische Wort Schickse) bezeichnet wurden.Hausvogteiplatz. kipdf.com, 2022. Originalseite: Hausvogteiplatz. (PDF; 500 kB) berlin.de, 28. Mai 2017; hier fehlen alle Abbildungen; abgerufen am 8. Mai 2022. Die Bezeichnung legt aber auch nahe, dass sie von der benachbarten Schinkenbrücke abgeleitet wurde.

Zwei ihn südwestlich und südöstlich begrenzende Straßen tragen auch die Bezeichnung Hausvogteiplatz. Im Übrigen liegt eine abgetrennte Grünfläche von etwa 160 m² Grundfläche südwestlich des eigentlichen Platzes und wird ebenfalls Hausvogteiplatz genannt.

Die U-Bahn-Linie 2 hält unter dem Platz am U-Bahnhof Hausvogteiplatz.

Geschichte

17. und 18. Jahrhundert mini|Alte Hausvogtei, erbaut 1750, abgerissen im Herbst 1891 Unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm wurde Berlin seit 1657 zur Festung ausgebaut, mit acht Meter hohen Wällen, einem breiten, wassergefüllten Graben und 13 Bastionen. Zwischen den Bastionen III und IV lag das Leipziger Tor, der südwestliche Hauptzugang zur Stadt. Noch während des Festungsbaues entwickelten sich Siedlungen außerhalb der Befestigungslinien, der Verkehr zwischen diesen Vorstädten und der Residenz nahm schnell zu, die Festungsanlagen erwiesen sich als hinderlich, ihr Verteidigungswert als fragwürdig. Schon 1733 wurde begonnen, die Wälle teilweise niederzulegen und den Festungsgraben aufzufüllen. Über der früheren Bastion IV entstand der Spittelmarkt, auf dem Gelände der ehemaligen Bastion III der Hausvogteiplatz. Die Bebauung der Umgebung und die angelegten Straßen hatten die Konturen der Festung nachgezeichnet; der Hausvogteiplatz blieb als der zuvor unzugängliche Bereich der Bastion ohne Bebauung übrig.

19. Jahrhundert mini|Hausvogteiplatz, 1840 mini|links|Stadtplan von Berlin, 1847, Ausschnitt

Auf einem Stadtplan von 1847 – der historische Stadtteil Friedrichswerder mit dem Hausvogteiplatz ist hier gelb eingefärbt – sind die Positionen der ehemaligen Wälle und der dreieckig vorspringenden Bastionen am Verlauf der westlichen Stadtteilgrenze noch deutlich zu erkennen.

Die von Gottfried Carl Nauck (1764–1835) gegründete Buchhandlung hatte am Hausvogteiplatz 1 ihren Sitz. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich auch das Hausvogtei-Gefängnis am Hausvogteiplatz. Hier wurden im Verdachtsfall Personen inhaftiert, die der Hofgerichtsbarkeit unterstanden, also Bedienstete und Handwerker des königlichen Hofes und die Bewohner des Stadtteils Friedrichswerder. Außerdem war das Gefängnis zuständig für die Berliner Juden. Eine Redewendung jener Zeit warnte: „Wer die Wahrheit weiß und saget sie frei, der kommt in Berlin in die Hausvogtei.“

Im Jahr 1853, auf dem Höhepunkt der Reaktion in Preußen, wurde auf dem Hausvogteiplatz noch eine Frau wegen Meineids an den Pranger gestellt: „[…] als es uns auffiel, dass sich vor der Hausvogtei eine neugierige Menschenschar unruhig vor etwas herumdrängte. Wir beschleunigten unsere Schritte und erblickten nun eine schon ziemlich bejahrte, korpulente Frau, mit den Händen rücklings an einen Pfahl gebunden, über dem zu lesen war: ‚Wegen Meineid‘. Man schrieb damals 1853. Es war also ein auf der Höhe der Reaktion gemachter Versuch, die mittelalterliche Strafe des Prangers wieder einzuführen. Als wir um zwölf Uhr auf dem Rückwege an derselben Stelle standen, war das uns Jungen natürlich sehr interessierende Schauspiel bereits von der Bildfläche verschwunden. Die Regierung hatte wohl eingesehen, dass sie nach 1848 so etwas den Berlinern nicht mehr bieten durfte.“Johannes E. S. Schmidt: Die Französische Domschule und das Französische Gymnasium zu Berlin. Schülererinnerungen 1848–1861. Herausgegeben und kommentiert von Rüdiger R. E. Fock. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2008, ISBN 978-3-8300-3478-0, S. 35

Angelegt war der Platz als befestigter Stadtplatz ohne Schmuck und Vegetation. Zu einem nicht genau feststellbaren Zeitpunkt in der Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt er eine Brunnenanlage – sie erscheint erstmals auf einer Karte von 1852. Im Juni 1857 wurde Peter Joseph Lenné mit einem Entwurf für gärtnerischen Schmuck beauftragt, lehnte aber zunächst ab, weil ihm die Bedingungen, die er vorfand, „für dergl. Pflanzungen nicht geeignet“ schienen. Schließlich zeichnete Lenné doch einen Plan, der „den Brunnen als Mittelpunkt nehmend, darauf abzielt, diesem Platz die Zierde anmutigen Grüns zuzuwenden“ und in dem er die beabsichtigten gartenarchitektonischen Details genau beschrieb. Dieser Plan wurde allerdings nicht ausgeführt. Neue Diskussionen über die Gestaltung des Platzes begannen erst wieder 1875, als über eine veränderte Straßenführung am Hausvogteiplatz gesprochen wurde.

mini|Hausvogteiplatz, 1889

Inzwischen hatte sich rings um den Platz die Konfektionsindustrie entwickelt. 1891 wurde die alte Hausvogtei abgerissen, das Grundstück zur Erweiterung der anliegenden Reichsbank genutzt. Als Platzrandbebauung entstanden zunehmend vierstöckige Gebäude, wichtige Zeugnisse für die Architektur des späten 19. Jahrhunderts. Die Geschäftshäuser mit den Hausnummern 3–4, 8–9 und 12, alle in den 1890er Jahren gebaut, sowie das 30 Jahre später entstandene Haus Nr. 1 stehen unter Denkmalschutz. In den Jahren 1877/80 und 1885 wurden verschiedene Pläne für die Neugestaltung des Platzes ausgearbeitet. Die Inhaber der umliegenden Geschäfte sprachen sich gegen die Bepflanzung aus – sie befürchteten, Bäume würden den ungehinderten Blick auf ihre Firmenschilder versperren. Freilich gab es zunächst gar keine Finanzmittel für die geplanten Veränderungen, erst 1890 konnte an der Grünanlage weiter gearbeitet werden. Das damalige Ergebnis: eine dreieckige Rasenfläche, bepflanzt mit Bäumen und Sträuchern, am Rande zwei halbrunde Bänke, im Zentrum der Springbrunnen. Um die Jahrhundertwende war der Hausvogteiplatz das Großhandelszentrum der Berliner Konfektion. Folgende Firmen hatten dort prächtige Geschäftshäuser: Gebr. Manheimer, David Levin, Hansen Bang, Leopold Lindemann, Salinger & Benda und Gebr. Berglas.

20. Jahrhundert mini|hochkant|Mario von Bucovich: Hausvogteiplatz 1928

Diese Platzgestaltung hatte nur für kurze Zeit Bestand. Für den Neubau der heutigen U-Bahn-Linie U2 musste 1906 der halbe Platz aufgerissen werden, alle Bäume fielen den Bauarbeiten zum Opfer, nur der Springbrunnen blieb übrig. Danach wurde die Mittelinsel des Platzes nach Norden erweitert, um den U-Bahn-Eingang zu integrieren. Die neue gärtnerische Gestaltung, von der Park-Deputation 1908 beschlossen, sah einen zentralen Kiesplatz vor, darin den Brunnen, von einem Rasenstreifen und Blumen eingefasst, außen einen Kreis von Bäumen und einige nunmehr gerade Bänke. Obergärtner Diekmann hatte der Park-Deputation geschrieben: „ […] die früheren halbrunden Bänke sind verfault […] ich bitte sehr ergebenst um Zustellung von sechs Bänken“.

In dieser Form überdauerte der Hausvogteiplatz bis weit in den Zweiten Weltkrieg. Auf einer Luftaufnahme von 1943 erscheint er noch unbeschädigt. Dagegen sind auf einem Foto von 1945 verheerende Kriegsschäden zu erkennen – ein großer Teil der umliegenden Häuser und auch der Platz selbst sind zerstört. Der U-Bahn-Schacht ist großflächig aufgerissen, sodass die Gleise freiliegen. Ein einzelner Baum, eine Linde, überstand den Krieg und – zumindest ebenso bemerkenswert – auch die strengen Nachkriegswinter, in denen alle Berliner Parkanlagen weitgehend abgeholzt und verfeuert worden waren. In den unmittelbar folgenden Jahren diente der Platz als Abladefläche für Trümmerschutt. Nachdem die Aufräumarbeiten beendet waren, entstanden in den 1950er Jahren wieder erste gärtnerische Anlagen, die historische Linde wurde in die Bepflanzung integriert, der zerstörte Brunnen aber nicht wiederhergestellt. Weitere Umgestaltungen ergaben sich in den Jahren 1962/63 und 1983, dabei erhielt die ganze Fläche des Platzes einen Belag aus bunten Müggelheimer Kunststeinplatten.

Der Hausvogteiplatz liegt in jenem Teil Berlins, der bis 1990 zur DDR gehörte. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden 1991 vorübergehend Pläne erörtert, den Platz wieder zum Textil- und Modezentrum zu entwickeln. An den inzwischen veränderten Bedingungen in der Konfektionsbranche scheiterten solche Absichten.

Eine grundlegende Veränderung begann im Jahr 1997 mit einem Gutachten zur Entwicklungsgeschichte des Hausvogteiplatzes, in Auftrag gegeben durch das Landesdenkmalamt Berlin und die Deutsche Stadtentwicklungsgesellschaft. Nach Auswertung des Gutachtens, in dem der Platz als „Traditionsinsel“ bewertet wird, entschied sich der Senat dafür, ihn auf der Grundlage des einfach strukturierten, städtebaulich überzeugenden Entwurfs von 1908 wiederherzustellen; Planungselemente von Lenné sollten dabei berücksichtigt werden. Im Herbst 2001 war der Platzbereich zusammen mit den angrenzenden Straßen fertiggestellt. Die Wiederherstellung des Brunnens dauerte etwas länger. Bei archäologischen Grabungen wurde der Sockel des Bassins von 1890 freigelegt. Dem Original entsprechend erhielt das flache Becken einen neu angefertigten Rand aus Sandstein. Die Fontäne erhebt sich aus einem Kranz von Akanthusblättern. Diese Blätterkrone aus Bronzeguss ist eine verkleinerte Nachbildung der Originale in den historischen Brunnen am Pariser Platz.

Zur Brunnentaufe des wieder ins Leben gerufenen Brunnens am 20. Juni 2003 war als mediale Attraktion Anita Ekberg geladen. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Öffentliche Brunnen in Berlin: Mitte, 2003. Mit einer Badeszene im Trevi-Brunnen beim Spielfilm La dolce vita (1960) war sie zu Weltruhm gekommen und warf hier die ersten Münzen in das Hausvogtei-BrunnenbeckenFilm: Anita Ekberg tauft Berliner Brunnen. In: Mitteldeutsche Zeitung, 20. Juni 2003 (dpa); abgerufen am 8. Mai 2022. wie schon bei anderen Einweihungen von europäischen Brunnen.Peter Zander: Anita Ekberg, die ewige Brunnen-Nixe, ist mit 83 gestorben. In: Berliner Morgenpost, 11. Januar 2015.

21. Jahrhundert mini|Wegweiser zu nahegelegenen Sehenswürdigkeiten

In den folgenden Jahren entstanden repräsentative Neubauten, Bestehendes wie das denkmalgeschützte Haus zur Berolina wurde aufwändig modernisiert. Hier konnten jüdische Traditionen des Platzes wiederbelebt werden: seit Dezember 2003 wird an dieser Stelle die Jüdische Allgemeine herausgegeben. Sie ist die einzige überregionale jüdische Wochenzeitung Deutschlands und steht in der Tradition der 1837 gegründeten Allgemeinen Zeitung des Judenthums aus dem Rudolf-Mosse-Verlag. Im November 2015 eröffnete der traditionsreiche Berliner Herrenausstatter BECON Berliner Konfektion GmbH im Erdgeschoss des Hauses zur Berolina ein Einzelhandelsgeschäft, unmittelbar vor der Statue der Tanzenden Berolina, geschaffen vom Künstler Axel Anklam.