Gewerkschaftliche Bildungsarbeit ist Jugend- und Erwachsenenbildung die von Gewerkschaften geleistet wird. Gewerkschaftliche Bildungsarbeit wird als Teil der Organisationsarbeit von Gewerkschaften verstandenVgl. hierzu Diegmüller 2011 und Budde 2002: Gewerkschaftliche Bildungsarbeit „ist Teil der Organisationsarbeit“. und zielt auf die Erweiterung der persönlichen, betrieblichen und gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit. Gewerkschaftliche Bildungsarbeit versteht sich ausdrücklich als politische Bildungsarbeit.Dementsprechend werden gewerkschaftliche Bildungsmaßnahmen im „Monitor politische Bildung“ von Dirk Lange auf der gesellschaftlichen Ebene aufgelistet. Vgl. dazu Lange 2010, S. 134ff„Gewerkschaftliche Bildungsarbeit versteht sich als politische Bildungsarbeit“ (Ludwig 2003, S. 83).
Allgemeines zur gewerkschaftlichen Bildungsarbeit Geschichte der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit mini|Eine Klasse der „Fritz Heckert“ Gewerkschaftshochschule des FDGB (DDR). In den Nachkriegsjahren hatten auch die DGB-Gewerkschaften ihre Bildungsarbeit oft über Klassenräume und/oder in Form von schulischer Bildung organisiert. mini|Eine der historischen Säulen gewerkschaftlicher Bildungsarbeit ist die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus. Hier am Beispiel der DGB-Jugend München in Zusammenhang mit der Gedenkveranstaltung zum Oktoberfestattentat von 1980 durch den Rechtsextremisten Gundolf Köhler. mini|Leitfaden der gewerkschaftlichen Jugendbildung vom DGB (1973) Gewerkschaften hatten sich von Beginn an als Arbeiterbildungsvereine verstanden. Insofern bestand mit den Anfängen der Arbeiterbewegung auch der Wunsch nach Arbeiterbildung. Hinzu kam sehr schnell der Wunsch nach Bildungsarbeit im Sinne einer Allgemeinbildung als auch der Wunsch nach der Herausbildung von Klassenbewusstsein. Grob lässt sich diese Bildung in die Zeit des Vormärz (bis 1848), die Zeit von 1848 bis zu den Sozialistengesetzen und schließlich die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg einteilen (ab 1848). In der Weimarer Zeit, also ab 1919 wird die gewerkschaftliche Bildungsarbeit des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) im Sinne gewerkschaftlicher Bildungsarbeit ausgebaut. Sie bleibt aber, wie die anderer Gewerkschaften zu dieser Zeit auch, parteipolitisch gebunden.
Nach dem Zivilisationsbruch durch das faschistische Regime wird die gewerkschaftliche Bildungsarbeit ab 1945 wieder systematisch aufgebaut. Dabei unterscheidet sie sich zunächst sowohl in Bezug auf die inhaltliche Ausrichtung, als auch die konkreten Strukturen nach den unterschiedlichen Besatzungszonen. In Westdeutschland war die gewerkschaftliche Bildungsarbeit der Entnazifizierung und dem Gedanken der Reeducation verpflichtet und machte seitdem die Aufklärung über die Verbrechen des NS-Regimes sowie den Kampf gegen Neofaschismus zu einer ihrer Säulen.Siehe hierzu Dittrich & Günthner 1998 Mit der Konsolidierung und Stabilisierung der Demokratie in der BRD verlagerte sich der Akzent auf „politische Arbeitnehmerbildung“ im Sinne gewerkschaftlicher Zielvorstellungen.Von den „traditionellen Zielen“ erfolgte eine Verschiebung hin „zur politischen, an gewerkschaftlichen Interessen und Zielvorstellungen orientierten Bildung“ (Jahresbericht des DGB Bildungswerks Bayern 1982/83, S. 19).
Auch sonst folgte die gewerkschaftliche Bildungsarbeit der DGB Gewerkschaften (Einheitsgewerkschaft) in den alten Bundesländern den Entwicklungen der Bundesrepublik Deutschland in der Nachkriegsgeschichte und den unterschiedlichen Fragen, die sich bezüglich der Bildung generell stellten. Dabei unterscheidet sich die gewerkschaftliche Bildungsarbeit erheblich zwischen den einzelnen Gewerkschaften. In der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone wurden die Gewerkschaften in Form des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) in einer anderen Struktur gegründet. Dies hatte auch für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit in Ostdeutschland andere Bedingungen und Konsequenzen zur Folge.
Ziel und Zweck gewerkschaftlicher Bildungsarbeit Da gewerkschaftliche Bildungsarbeit immer auch darauf bezogen sein muss, die Interessen von abhängig Beschäftigten zu artikulieren und durchzusetzen, steht sie oft auch in einem Spannungsfeld zu den Gewerkschaften als Organisation. Die unterschiedlichen Gewerkschaften und auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) haben eine je eigene Interpretation von Gesellschaft und ihrer Entwicklung. Aber auch Strategien der Findung von Forderungen und ihrer Durchsetzung. Grundsätzlich stellt gewerkschaftliche Bildungsarbeit auch hierfür ein gutes Mittel dar. Doch gewerkschaftliche Beschlüsse (die sogenannte „Beschlusslage“) stellen zugleich „Vereinbarungen auf Zeit“ dar. In diesem Zusammenhang ist zu fragen, „wie sich die Funktion gewerkschaftlicher Bildungsarbeit in diesem Diskussions- und Willensbildungsprozeß bestimmt“.Bahl-Benker & Röske 1980, S. 393Es stellt sich also die Frage, ob die „sich in der Beschlußlage manife- stierenden langen, wechselvollen, kollektiven Erfahrungen der Organisation als statisch zu betrachten“ sind und es immer nur gelten kann, diese „immer wieder neu in die Köpfe hineinzubringen“. Oder ob „Probleme und Entwicklungen, die zu dieser innergewerkschaftlichen ‚Vereinbarung auf Zeit‘ geführt haben, wieder neu in ihren einzelnen Fragestellungen, Bedingungen und Konsequenzen diskutiert werden“ dürfen (Bahl-Benker & Röske 1980, S. 400).
Das Verhältnis zur Organisation Der Streit um pädagogische Konzepte in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit war immer auch eine Auseinandersetzung um die Frage, welchen Zweck gewerkschaftliche Bildungsarbeit verfolgen soll oder muss. Dies lässt sich sehr gut an der Auseinandersetzung um den „Leitfadenansatz“ (wie beispielsweise bei der IG Metall) im Gegensatz zum sogenannten „Erfahrungsansatz“ (wie bei der damaligen DGB-Bundesjugendschule Oberursel) in den 1980er Jahren zeigen.Hierzu Bahl-Benker & Röske 1980 Eine Diskussion, die nicht nur durch Missverständnisse sehr erbittert geführt wurde. So legte der Leitfadenansatz allgemein „Lernziele, Lerninhalte, Lernschritte und -materialien in einem Leitfaden fest“Bahl-Benker & Röske 1980, S. 394 Was dazu führt, dass der gewünschte Lehrgangsverlauf detailliert beschrieben werden konnte. Kombiniert mit einem deutlichen Planungsoptimismus bezüglich der Seminarverläufe wurde ein geschlossenes Curriculum entwickelt, das sich in Stufenkonzeptionen präsentierte. Der Erfahrungsansatz ging dagegen davon aus, dass „Bewußtseinsbildung unmittelbar die vielfältigen und widersprüchlichen Erfahrungen und Bedingungen der Teilnehmer aufgreifen muß“. Er ging sehr unmittelbar auf Oskar Negts Buch „Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen“ zurück und sollte neben dem rein kognitiven Lernen auch „all die Ängste, Abwehrstrategien, psychischen Barrieren und Blockierungen, die interessenbewußtes Handeln erschweren und verhindern“ zum Thema machen können.Bahl-Benker & Röske 1980, S. 397 Die Tauglichkeit beider Ansätze wurde in der Realität gewerkschaftlicher Bildungsarbeit immer wieder auf eine harte Probe gestellt. Vor allem aber war in beiden Fällen nicht geklärt, wie weit im Rahmen gewerkschaftspolitischer Seminare gedacht werden kann und darf. In den jeweiligen Lernbegriffen hinter den Konzepten stand das Verhältnis zu den Gewerkschaften als Organisation zur Debatte. Wohl ein wichtiger Grund dafür, warum diese Debatten zum Teil äußerst heftig geführt wurden.Dabei ging es „um das Verhältnis von Bildungsarbeit und Organisation – bestimmt durch den Widerspruch der Notwendigkeit von Zentralisierung und Vereinheitlichung als Voraussetzung gewerkschaftlicher Schlagkraft einerseits und andererseits der Unmöglichkeit, das Lernen und Denken zu begrenzen, das sich auf die eigenen Interessen als Lohnabhängiger und deren Durchsetzungsmöglichkeiten bezieht“ (Bahl-Benker & Röske 1980, S. 400).
Zielgruppen der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit mini|Je nach Zielgruppe unterscheiden sich die Inhalte, die vermittelt werden sollen. Hier die in Gruppen erarbeiteten Ergebnisse, die für betriebliche Interessenvertretungen wichtig sind. mini|Die angewandten Methoden unterscheiden sich eher durch das Selbstverständnis der eingesetzten Referenten. Spätestens Mitte der 1990er Jahre ist eine weitere heftige innergewerkschaftliche Diskussion um den Sinn und die Aufgaben gewerkschaftlicher Bildungsarbeit entbrannt. Diesmal um die Frage, welche Zielgruppen die Gewerkschaften typischerweise mit ihrer Bildungsarbeit adressieren. Dies ging, wie auch schon in den 1980er Jahren, einher mit der Debatte um neue Methoden (beispielsweise Zukunftswerkstätten oder Kommunikationsworkshops) und Kompetenzen der Lehrenden (hier vor allem „soziale Kompetenzen“) im Rahmen der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Seit dieser Zeit stehen sich bis heute mindestens zwei sehr disparate Positionen gegenüber: Gewerkschaftliche Bildungsarbeit dient primär oder ausschließlich der Gewinnung gewerkschaftlicher Funktionsträger. Gewerkschaftliche Bildungsarbeit ist den Mitgliedern allgemein verpflichtet und stellt zusätzlich eine kommunalpolitische Vorfeldarbeit oder auch Überzeugungsarbeit für Bürger im Allgemeinen dar. Hierbei handelt es sich um einen Streit von Überzeugungen oder auch Ideologien, denn beide Positionen sind empirisch nicht (ohne weiteres) nachzuweisen. Die erste Position deshalb nicht, weil die Teilnehmer auf gewerkschaftliche Bildungsveranstaltungen schon mit einem Vorverständnis bzw. einer gewerkschaftlich positiven Grundstimmung kommen. Die zweite Position deshalb nicht, weil eine positive Grundstimmung für gewerkschaftliche Ziele und Positionen durch deren Bildungsarbeit nicht zu erfassen ist. Dieser Konflikt ist nie zu Ende geführt und ausgetragen worden. Er endete zunächst abrupt mit der Wiedervereinigung. Nun kam der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit primär die Aufgabe zu, das westliche Modell mehr oder weniger unkritisch auf Ostdeutschland zu übertragen.
Bildungsobleute Mit der Ausbildung betrieblicher Bildungsobleute ab 1965 – jeder Betrieb ab 100 Beschäftigte sollte über einen Bildungsobmann verfügen – versuchte die Abteilung Bildung unter Heinz Dürrbeck mit dem damaligen Vorsitzenden Otto Brenner die Vertrauensleutearbeit der IG Metall zu stärken und griff damit zugleich in das latente Konflikt- und Spannungsfeld zwischen gewerkschaftlichen Vertrauensleuten, Betriebsräten und Arbeitsdirektoren ein.Stefan Müller: Gewerkschafter, Sozialist und Bildungsarbeiter. Heinz Dürrbeck (1912–2001). Klartext, Essen 2010, S, S. 302–328 Der Hintergrund der Bildungsarbeit war der Mitgliederrückgang in der Gewerkschaft in der Betrieben und eine geringere Bereitschaft Konflikte offensiv auszutragen. Die Ausbildung der betrieblichen Bildungsobleute hatte einen Umfang von neuen Wochen (ein 1-wöchiges, ein 2-wöchiges und ein 6-wöchiges Seminar). Es wurden regionale Referentenarbeitskreise aufgebaut, insgesamt die regionale Bildungsarbeit auf ehrenamtliche Füße gestellt. Die Bildungsarbeit nahm betriebliche Konflikte zum Ausgangspunkt, um dann gesellschaftliche, ökonomische und politische Ursachen für die Lage der Beschäftigten zu erarbeiten. Zwischen 1966 und 1972 absolvierten rund 1.500 Teilnehmer ein 1-Wochen-Seminar und 400 IG-Metaller haben die 6-Wochen-Kursen in dem dazu auch neu geschaffenen Bildungszentrums Sprockhövel besucht. Nach Auseinandersetzungen wurde 1972 das Bildungsobleute-Projekt aufgegeben. Besonders Arbeitsdirektoren der IG Metall äußerten sich kritisch, sahen eine Konkurrenz zu den Betriebsräten und warnten vor wilden Streiks.Stefan Müller: Gewerkschafter, Sozialist und Bildungsarbeiter. Heinz Dürrbeck (1912–2001). Klartext, Essen 2010, S. 367–368Stefan Müller: Linker Abbruch in der IG Metall-Bildungsarbeit in den 1960er Jahren, in: Marcel Bois, Bernd Hüttner (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte einer pluralen Linken, Heft 1, Luxemburg Papers, Berlin 2010, S. 47–50