Die Zentralbibliothek Zürich ist eine öffentliche Stiftung und als Universitätsbibliothek eine wissenschaftliche Bibliothek. Zugleich dient sie als Stadt- und Kantonsbibliothek der Informationsvermittlung für die allgemeine Öffentlichkeit. Gemäss ihren Statuten sorgt sie unter anderem für die möglichst vollständige Dokumentation und Archivierung publizierter und unpublizierter Zürcher Informationsträger (Turicensia), das heisst solcher Informationsträger, die im Kanton Zürich erschienen sind, von Zürchern verfasst wurden, Zürich oder seine Bewohner zum Thema haben. Die Direktorin der Zentralbibliothek Zürich ist seit März 2025 Priska Bucher. Der Vizedirektor ist Christoph Meyer.
Geschichte Die Gründung erfolgte 1914. Der Name «Zentralbibliothek» ist Programm, denn sie ist in corpore das Ergebnis der seit den 1890er-Jahren angestrebten Zusammenlegung von Kantonsbibliothek und Stadtbibliothek, welche nun die Aufgaben und Funktionen einer wissenschaftlichen, universitären Bibliothek übernahmen.Vertrag zwischen dem Kanton Zürich und der Stadt Zürich betreffend die Errichtung einer Zentralbibliothek als öffentliche Stiftung (Stiftungsvertrag), vom 26. November / 16. Dezember 1910, zugegriffen am 29. April 2014.
Stiftsbibliothek Grossmünster Die Anfänge der Zürcher Bibliotheksgeschichte reichen mit der erstmals im Jahr 1259 durch Statuten belegten Bibliothek des Zürcher Chorherrenstifts St. Felix und Regula (Grossmünster) bis in das frühe Mittelalter zurück. Der grösste Teil des Bestandes an liturgischen Werken, vielleicht auch anderes, ging allerdings mit dem Büchersturm vom 17. September bis 7. Oktober 1525 verloren. Die Stiftsbibliothek blieb als solche zwar noch bestehen, aber die Zahl der vorhandenen Werke war auf nur noch 470 Bände geschrumpft. Ab 1532 setzte sich der Elsässer Humanist Konrad Pellikan für die Stiftsbibliothek ein und baute sie mit den in Zürich und Umgebung vorhandenen Büchern aus Kirchenbesitz und der vom Stift für 200 Pfund angekauften Privatbibliothek Huldrych Zwinglis konsequent auf. Sein bis 1551 geführter Katalog weist etwa 770 Bände (Handschriften und Drucke) mit ungefähr 1100 Titeln nach, wovon rund 800 Titel in den Beständen der Zentralbibliothek Zürich aufgefunden werden konnten.Martin Germann: Die reformierte Stiftsbibliothek am Großmünster Zürich im 16. Jahrhundert und die Anfänge der neuzeitlichen Bibliographie : Rekonstruktion des Buchbestandes und seiner Herkunft, der Bücheraufstellung und des Bibliotheksraumes, mit Edition des Bibliothekskataloges von 1532/1551 von Conrad Pellikan. Harrassowitz, Wiesbaden 1994 (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen; 34), ISBN 3-447-03482-3 Ankäufe und Schenkungen erweiterten in den folgenden drei Jahrhunderten den Bestand nachhaltig. 1831 wurde das Chorherrenstift aufgelöst. mini|Donationenbuch der Bürgerlichen Bibliothek, begonnen 1629
Bürgerliche Bibliothek und Stadtbibliothek mini|Johann Melchior Füssli: Bürgerliche Bibliothek in der Wasserkirche, 1719 Am 6. Februar 1629 beschlossen vier junge Zürcher Kaufleute im Hause des Professors für griechische Sprache, Heinrich Ulrich (1575–1630), die Gründung einer Bibliotheks-Gesellschaft, die sich zum Ziel setzte, eine Bürgerliche Bibliothek für die Bildungswilligen Zürichs einzurichten. Neudruck mit Nachwort von Conrad Ulrich, Zentralbibliothek Zürich, Zürich 1979. Die Verschleppung der berühmten pfälzischen Bibliothek (Bibliotheca Palatina) 1623, aus dem eroberten Heidelberg durch die bayerischen Truppen nach Rom, hatte die Gefährdung des Protestantismus durch den Dreissigjährigen Krieg gezeigt. Dies war auch der Grund für die Wahl des Mottos «Arte et Marte, durch Wissenschaft und Waffen».Martin Germann: Arte et Marte, durch Wissenschaft und Waffen, die Gründungsidee der Bürgerbibliothek Zürich (1629); in: Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1981, S. 25–45, ill. Daneben existierte seit dem Mittelalter die Bibliothek des Chorherrenstifts Grossmünster, die primär den Mitgliedern des Kapitels offenstand. 1634 öffnete die zunächst noch in Privaträumen untergebrachte Bibliotheca nova Tigurinorum publico-privata ihre Pforten in der spätgotischen Wasserkirche, einem seit der Reformation als Lagerhaus zweckentfremdeten Bau. Die Bestände der Bibliothek wuchsen nicht zuletzt aufgrund der regen Spendentätigkeit der Zürcher Bürger und Gaben durchreisender Gäste rasch an. Innerhalb nur weniger Jahre entwickelte sich die Bibliothek mit ihren Büchern und Münzen, ihrer Kunst- und Naturaliensammlung zum Schatzhaus und Gelehrtentempel Zürichs,In Zürichs erstem Museum. Zentralbibliothek rekonstruiert Kunstkammer der früheren Bürgerbibliothek. Neue Zürcher Zeitung, 11. November 2016, S. 20 in dem unter anderem auch die Mitglieder der Zürcher Gelehrten Gesellschaften zusammentrafen. Ein handschriftliches Reglement regelte die Wahl, Entlöhnung und Pflichten des Bibliothekars und seiner Helfer sowie alle Fragen, welche die Benutzung von Büchern und des Bibliotheksgebäudes betrafen. Im Donationenbuch wurden Neuzugänge minutiös vermerkt. Das Beispiel der Zürcher Bürgerlichen Bibliothek machte Schule: 1632 gelangte die umfangreiche Bibliothek des französischen Diplomaten und Gelehrten Jacques Bongars in die Berner Liberey, wo sie heute Teil der Burgerbibliothek ist. 1636 wurde die Bürgerliche Bibliothek in Schaffhausen eröffnet. Mitglieder des Musikkollegiums errichteten 1660 in Winterthur ihrerseits eine Bürgerliche Bibliothek.
Die Zürcher Bürgerliche Bibliothek beanspruchte für sich die Rolle einer universellen, alle Wissensgebiete umfassenden Sammlung. Sie war ein Zentrum des gebildeten Austausches, der seit der Gründung der Naturforschenden Gesellschaft durch den Chorherren Johannes Gessner (1746), der Medizinisch-chirurgischen Bibliotheksgesellschaft durch den Chorherren Johann Heinrich Rahn (1780), der Juristischen Bibliotheksgesellschaft (1823) und der Antiquarischen Gesellschaft (1832) durch Ferdinand Keller noch zusätzlich vorangetrieben wurde. Als erste schweizerische Bibliothek überhaupt gab die erst unter Johann Jakob Bodmer so genannte Stadtbibliothek 1744 einen gedruckten Katalog ihrer Bestände heraus; der letzte Katalog von 1900/01 war bereits 12-bändig. Zwischen 1899 und 1907 wurde von Wilhelm Wyss erstmals ein Schlagwortkatalog erstellt.Hermann Escher: Geschichte der Stadtbibliothek. Beer, Zürich 1922 (Neujahrsblatt der Zentralbibliothek Zürich, Nr. 4–5). Ricarda Huch, an der Universität Zürich promovierte Historikerin und Schriftstellerin, war 1891 bis 1894 Mitarbeiterin der Stadtbibliothek. mini|Die Wasserkirche als Stadtbibliothek. Zeichnung von Franz Hegi, 1845
Kantonsbibliothek, Zentral- und Universitätsbibliothek Anlass für die Gründung einer «Bibliothek der Cantonal-Lehranstalten», deren Räumlichkeiten sich zunächst im Hinteramtsgebäude des ehemaligen Augustinerklosters, ab 1855 im alten Münzgebäude und schliesslich ab 1873 im Predigerchor befanden, waren die langen und letztlich unlösbaren Zwistigkeiten zwischen den Angehörigen der noch jungen Universität und der aus der 1634 gegründeten Bürgerlichen Bibliothek hervorgegangenen Stadtbibliothek.
Letztere beharrte gegenüber den von auswärts stammenden Professoren auf ihren traditionellen Zulassungsbestimmungen, die den Zutritt zur Bibliothek praktisch ausschliesslich Angehörigen der Zürcher Stadtbürgerschaft gestatteten. Für die Universität war dies ein inakzeptabler Zustand; die Gründung der Kantonsbibliothek, die mit den Aufgaben einer wissenschaftlichen Bibliothek betraut wurde, war die Folge.Jean-Pierre Bodmer, Martin Germann: Kantonsbibliothek Zürich 1835–1915. Zentralbibliothek Zürich, Zürich 1985, ISBN 3-299-00006-3. Den Grundstock der 1835 gegründeten Kantonsbibliothek bildeten die rund 3500 Bände mit 14'000 Titeln umfassende Bibliothek des aufgelösten Chorherrenstifts. Hinzu kamen gemäss Beschluss des Regierungsrates die Bestände der 1833 errichteten Universität (ca. 340 Bände), der 1827 eingerichteten Gymnasialbibliothek mit vorwiegend theologischen und philosophischen Schriften (ca. 1700 Bände), der Industrieschule (einige wenige Titel) und der Tierarzneischule (etwa 110 Bände). 1863 übernahm die Kantonsbibliothek die umfangreiche Bibliothek des 778 gegründeten Benediktinerklosters Rheinau, das ein Jahr zuvor aufgelöst worden war, mit 12'000 Bänden (darunter 200 Pergament- und 230 neuzeitliche Papierhandschriften, über 300 Inkunabeln sowie Druckschriften aus Theologie, Philosophie und Geschichte).
mini|Bibliotheksdirektor Hermann Escher mini|alt=|«Alter Lesesaal», Zentralbibliothek Zürich 1917, mit den heute teilweise erhaltenen Jugendstil-Holzeinbauten Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Ruf nach einer zentralen Bibliothek immer lauter. Der Zeitpunkt schien günstig, denn sowohl Stadt- als auch Kantonsbibliothek litten unter notorischem Platzmangel. Schliesslich trieb Hermann Escher (1857–1938), seit 1887 Leiter der Stadtbibliothek und seit 1896 durch seinen Sitz in der Aufsichtskommission auch mit der Kantonsbibliothek verbunden, den Plan nach einer zentralen Bibliothek energisch voran. Erstes wichtiges Ergebnis dieser Bestrebungen war der seit 1901 dem Publikum zur Verfügung stehende Alphabetische Zentralkatalog, der die Bestände sämtlicher Bibliotheken der Stadt Zürich verzeichnete. Im Jahr 1914 sprachen sich die Stimmberechtigten von Stadt und Kanton Zürich mit deutlicher Mehrheit für den Zusammenschluss von Stadt- und Kantonsbibliothek aus. Mit Hilfe grosszügiger privater Mittel öffnete 1917 die Zentralbibliothek als öffentliche Stiftung – mit Stadt und Kanton zu gleichen Teilen als Trägern – unter der Leitung Hermann Eschers ihre Tore. Am neuen Standort in Universitätsnähe positionierte sie sich als universitäre Hauptbibliothek und «zentrale Einheit der Literaturversorgung für die Universität Zürich» mit Schwerpunkt Sozial- und Geisteswissenschaften. Etwa achtzig Jahre später, nach Jahren akuten Platzmangels und der Auslagerung in Aussenmagazine, bezog die Zentralbibliothek die Räumlichkeiten des 1990 bis 1994 an der Stelle der alten Magazinbauten am Zähringerplatz errichteten Erweiterungsbaus. Im 1995 umgebauten und renovierten Altbau befinden sich seither die einmaligen Bestände der Spezialsammlungen (Handschriftenabteilung, Graphische Sammlung, Kartensammlung, Alte Drucke, Turicensia), mit Ausnahme der Musikabteilung, die im Predigerchor untergebracht ist.Roland Mathys (Hrsg.): Die Zentralbibliothek baut. Zentralbibliothek Zürich, Zürich 1996, ISBN 3-299-00022-5. 2016 lagerte die Zentralbibliothek einen Grossteil ihrer Zeitschriften-Sammlung in die von mehreren Bibliotheken gemeinsam unterhaltene, auf ein Exemplar pro Zeitschriftenband dedoublierte Kooperative Speicherbibliothek in Büron aus.
Als eine von insgesamt 38 Hochschulbibliotheken der Schweiz ist die Zentralbibliothek Teil des Swiss Library Network for Education and Research (SLiNER), das unter dem gemeinsamen Dach von swissuniversities die zuvor nach Hochschultypen getrennten Gremien der Konferenz der Universitätsbibliotheken der Schweiz, die Arbeitsgruppe der Bibliotheken der Kammer Pädagogische Hochschulen und die Expertengruppe Bibliothek der Kammer Fachhochschulen von swissuniversities abgelöst hat.Siehe Swiss Library Network for Education and Research. Mission und Aufgaben. Abgerufen am 6. Februar 2020 Die Zentralbibliothek ist auch Aktionärin und Partnerin der Swiss Library Service PlatformSiehe slsp.ch, die als kooperatives Dienstleistungsunternehmen der Schweizerischen Hochschulen gemeinsame Services für die Wissenschaftlichen Bibliotheken der Schweiz anbietet.
In den Bereichen Erwerb von Digitalisaten (Speicherbibliothek, E-Books on Demand) und Fernleihe bestehen kostenpflichtige Dienstleistungsangebote.
Bibliotheksleitung Direktoren und Direktorinnen der Zentralbibliothek Zürich waren: 1917–1932: Hermann Escher 1932–1949: Felix Heinrich Burckhart-Matzinger 1949–1963: Ludwig Forrer 1963–1971: Paul Scherrer 1971–1983: Hans Baer 1983–2008: Hermann Köstler 2008–2017: Susanna Bliggensdorfer