mini|hochkant=1.2|Zärtliche Berührungen
Zärtlichkeit, von spätmittelhochdeutsch zertlīcheit = Anmut, bezeichnet heute meist ein starkes Gefühl der Zuneigung und deren Ausdruck durch zärtliche und damit eher sanfte Berührungen wie streicheln, umarmen und küssen. Die genannten Ausdrucksformen der Zärtlichkeit stellen damit eine besondere Form des Körperkontakts dar. Welche Handlungen oder Verhaltensweisen als zärtlich wahrgenommen werden, kann jedoch individuell und unterschiedlich interpretiert werden.
Meist veraltet ist die Bedeutung für Zartheit. So bezeichnet 1801 Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Zartheit als „das Abstractum von zart, die zarte Beschaffenheit zu bezeichnen; ein zwar analogisch richtiges, aber doch wenig gebräuchliches Wort, indem man den Begriff lieber umschreibet. Die Zartheit des Leibes“.Zartheit, die. In: Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. Ausgabe letzter Hand, J. G. I. Breitkopf, Leipzig 1793–1801 ( – Elektronische Volltext- und Faksimile-Edition Auf: zeno.org; abgerufen am 2. Juli 2014).
Weitere Begriffsdefinitionen 1801 wird hingegen Zärtlichkeit im Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart von Adelung definiert als:
[…] Die Zärtlichkeit der Glieder. Die Fertigkeit, jeden, auch schwachen, unangenehmen Eindruck von außen leicht zu empfinden; ohne Plural. Die Zärtlichkeit des Körpers, der Gesundheit. Übertriebene Vermeidung aller unangenehmen Eindrücke von außen; ohne Plural. Hoher Grad der Liebe; auch ohne Plural. Viele Zärtlichkeit gegen jemand äußern, empfinden. Die Fertigkeit, leicht einen hohen Grad der Liebe zu empfinden; gleichfalls ohne Plural
Pierer’s Universal-Lexikon definierte Zärtlichkeit 1865 sowohl als
wie auch
Begriffsdefinition in der Psychoanalyse Die beiden Psychoanalytiker Laplanche und Pontalis definierten in dem von ihnen unter dem Titel Das Vokabular der Psychoanalyse verfassten Wörterbuch den Begriff Zärtlichkeit (im Sinne von Zärtlichkeit zu einem Intimpartner) folgendermaßen:
Freud habe eine sinnliche von einer zärtlichen „Strömung“ unterschieden und habe weniger beschrieben, als nach dem Ursprung des Gefühls der Zärtlichkeit gesucht, den er in der Liebe des Kindes zu jener Person fand, die es pflege und ernähre.
Bedeutung für die menschliche Gesundheit Der Wunsch nach körperlicher Nähe und zärtlicher Berührung (in der Fachsprache: taktile Stimulierung und Wahrnehmung mittels Tastsinn) ist jedem Menschen geschlechtsunabhängig von Geburt an lebenslang gegeben und seine Erfüllung durch nahestehende, gemochte oder geliebte Personen besonders bei Kindern aber ebenso auch bei Jugendlichen und Erwachsenen für eine gesunde körperliche wie psychische Entwicklung unbedingt notwendig.Ashley Montagu: Körperkontakt, die Bedeutung der Haut für die Entwicklung des Menschen (= Fachbuch Klett-Cotta.). 14. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-608-95154-7 (Originaltitel: Touching: the human significance of the skin. Columbia University Press, New York 1971).
Laut der Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme sind Berührungen ein biologisches Grundbedürfnis und jede einzelne davon geht dem Menschen wortwörtlich unter die Haut.Rebecca Böhme: Human Touch. Warum körperliche Nähe so wichtig ist. Erkenntnisse aus der Medizin und Hirnforschung. Originalausgabe, Beck, München 2019, ISBN 978-3-406-72590-6.TV-Dokumentation: Die Macht der sanften Berührung. Dorothee Kaden (Regie), Hessischer Rundfunk / Arte, Deutschland 2020.
Auch nach der Historikerin Anne Vincent-Buffault hat ein Mangel an Berührung verheerende Folgen für die geistige Gesundheit des Menschen.Anne Vincent-Buffault: Histoire sensible du toucher (= Clinique & changement social.). L’Harmattan, Paris 2018, ISBN 978-2-343-13431-4. (Die gefühlvolle Geschichte der Berührung).TV-Dokumentation: Haut an Haut – Eine kurze Kulturgeschichte der Berührung. Annebeth Jacobsen (Regie), ZDF / Broadview, Deutschland 2021; vorübergehend verfügbar Auf: arte.tv
Zärtlichkeit in der Kunst
G. G. Anderson: Ich glaube an die Zärtlichkeit bei songtextes.de Eckart Bücken: Von der Zärtlichkeit Gottes bei www.evkirchewerne.de Karel Gott: Zeit der Zärtlichkeit bei www.songtextes.de Ludwig Hirsch: Zart bei www.flashlyrics.com
Zärtlichkeit im Tierreich Zärtliche Zuwendung ist nicht nur bei Menschen anzutreffen. Man kann sie auch bei Tieren beobachten bei Begrüßungsritualen, Partnerwerbung, als Vorspiel vor der geschlechtlichen Vereinigung, zur Stärkung einer sozialen Bindung und bei der Brutpflege. Das Kindchenschema als artübergreifendes MerkmalIrenäus Eibl-Eibesfeldt: Beiträge zur Biologie der Haus- und der Ährenmaus nebst einigen Beobachtungen an anderen Nagern. In: Zeitschrift für Tierpsychologie. 1950, Band 7, S. 558–587. ist besonders geeignet, fürsorgliche zärtliche Zuwendung auszulösen. Desmond Morris beschreibt die bei Primaten zu beobachtende soziale Körperpflege, aus welcher im Verlauf der Evolution auch ritualisierte Verhaltensweisen abgeleitet sind, die keine körperlich pflegende Funktion mehr erfüllen, sondern ausschließlich als soziale Signale dienen.Desmond Morris: Der nackte Affe. Droemer Knaur, München 1968, ISBN 3-426-03224-4.
Balgereien bei jungen Raubtieren haben zwar eine zärtliche Komponente, sie gehören aber zum Spielverhalten der Tiere, bei dem sie mit harmlosen Scheinangriffen das Rangordnungsverhalten und das Beuteschlagen üben. Solche Verhaltensweisen, bei denen erwünschter Körperkontakt auf diese Weise entsteht, gibt es auch bei befreundeten Menschenkindern, zumindest in vielen Gesellschaften heutzutage bei kleinen Jungen eher als bei kleinen Mädchen.
Bei Hunden führen Deprivation, negative Erfahrungen und sozialer Erfahrungsentzug in der Sozialisierungsphase zu Unsicherheit in der innerartlichen und zwischenartlichen Kommunikation und infolgedessen zu eingeschränkter oder fehlender Fähigkeit zu einem freundlichen und zärtlichen Ausdrucksverhalten.Angelika Bublak: Ausdrucksverhalten von Hunden (Canis familiaris) gegenüber dem Menschen in einem Verhaltenstest und Beschwichtigungssignale in der Hund-Mensch-Kommunikation. (PDF; 4,9 MB) Auf: uni-muenchen.de, München 2013.
Förderung der Zärtlichkeit beim Menschen mini|hochkant=0.6|links hochkant=0.7|mini
Da der Wunsch nach körperlicher Nähe und zärtlicher Berührung jedem Menschen geschlechtsunabhängig von Geburt an lebenslang gegeben und seine Erfüllung für eine gesunde körperliche wie psychische Entwicklung unbedingt notwendig ist, können in erster Linie alle Verhaltensweisen von Eltern, die bei Kindern in den ersten Lebensjahren – aber auch danach – dieses Bedürfnis befriedigen, den Grundstein für ein genussvolles Annehmen und aktives Geben von Zärtlichkeit legen. Aus psychologischer Sicht ist die Basis für diesen Grundstein die ungestörte Entwicklung einer festen und sicheren Bindung zuerst zwischen Mutter und Kind,Roland Schleiffer: Der heimliche Wunsch nach Nähe Bildungstheorie und Heimerziehung (= Reihe Votum). 5. durchgesehene Auflage. Beltz Juventa, Weinheim / Basel 2014, ISBN 978-3-7799-2923-9, S. 74. aber auch zwischen Vater und Kind.Karin Grossmann, Klaus E. Grossmann, E. Fremmer-Bombik et al.: The uniqueness of the child-father attachment relationship: Fathers’ sensitive and challenging play as the pivotal variable in a 16-year longitudinal study. In: Social Development. Band 11, 2002, S. 307–331.Karin Grossmann, Klaus E. Grossmann, E. Fremmer-Bombik et al.: Väter und ihre Kinder – Die „andere“ Bindung und ihre längsschnittliche Bedeutung für die Bindungsentwicklung, das Selbstvertrauen und die soziale Entwicklung des Kindes. In: Kornelia Steinhardt, W. Datler, J. Gstach (Hrsg.): Die Bedeutung des Vaters in der frühen Kindheit (= Psychoanalytische Pädagogik). Psychosozial Verlag, Gießen 2002, ISBN 3-89806-189-2, S. 43–72.
Dabei konzentriert sich die Bindungstheorie der Psychologie – im Unterschied zur Psychoanalyse – nicht auf die kindlichen Triebe, sondern die realen Erfahrungen mit den Bezugspersonen.R. Schleiffer: Der heimliche Wunsch nach Nähe Bildungstheorie und Heimerziehung. Weinheim / Basel 2014, S. 20.
Experten sind sich heutzutage darüber einig, dass der intensive und regelmäßige Körperkontakt die Entwicklung eines Kindes und die Eltern-Kind-Bindung positiv beeinflusst. So weinen getragene Kinder deutlich weniger und sind in der Regel zufriedener als Kinder, die nicht in den Genuss von so viel körperlicher Nähe kommen.Urs A. Hunziker: Der Einfluss des Tragens auf das Schreiverhalten des Säuglings. Kinderspital Zürich (nach einer prospektiven kontrollierten Studie in zwei geburtshilflichen Abteilungen in Montreal (Kanada) von insgesamt 117 Müttern).
mini|hochkant=0.7|Ständiger Körperkontakt des Kleinkindes bei einem Tragling mini|hochkant=0.4|links|Hautkontakt beim Stillen
Nunmehr wird ein neugeborenes Kind wann immer möglich und medizinisch vertretbar bereits kurz nach dem Geburtsvorgang auf den Bauch der Mutter gelegt und beruhigt sich dadurch sehr schnell. Der Kinder- und Jugendlichenpsychiater K. H. Brisch und andere konnten in ihren Forschungen belegen, dass eine gelungene Bindung zur Mutter erlernt wird, diese sich in einem Gefühl von Verschmolzen-Sein zwischen Mutter und Kind ausdrückt und entscheidend von der Qualität der Berührung zwischen beiden abhängt. Besonders beim Stillen entsteht auch aus der Sicht der Entwicklungspsychologie ein für die gesunde seelische und körperliche Entfaltung des Kindes wichtiger Hautkontakt zur Mutter und es fühlt sich während des ersten Lebensjahres noch mit der Mutter weitgehend vereinigt. Ein häufiger oder ständiger Körperkontakt – wie beispielsweise bei einem Tragling – gibt dem Kind das Gefühl von Geborgenheit und das Vertrauen auf die Zuverlässigkeit und Liebe seiner Betreuungspersonen.Karl Heinz Brisch: Bindungsstörungen – Von der Bindungstheorie zur Therapie. Klett-Cotta, Stuttgart 1999, ISBN 3-608-94532-6. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang auch von der Entstehung des Urvertrauens.Rüdiger Posth: Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen. Das Bindungskonzept in der emotionalen und psychosozialen Entwicklung des Kindes. Waxmann, Münster 2007, ISBN 978-3-8309-1797-7. Erst ab etwa drei Jahren ist das Kind in der Lage, sich als ein unabhängig von der Mutter existierendes Wesen wahrzunehmen.
Die Pädagogin und Therapeutin Marion Esser schreibt dazu in ihrem Buch Beweg-Gründe: „Um nach der Geburt ein einheitliches Körper-Ich entwickeln zu können, ist der Säugling auf einen intensiven Kontakt mit der Mutter oder einer entsprechenden Bezugsperson angewiesen. Es benötigt einen tonischen Körperdialog, ein erneutes Verschmelzen mit dem Körper eines Erwachsenen im Wechsel mit motorischen und taktilen Erfahrungen, befriedigende und lustvolle körperliche Beziehungen, um die langsame Auflösung des direkten Körperkontaktes meistern zu können. An seine Stelle tritt symbolischer Ersatz: Blicke, Gesten, Stimme und schließlich die Sprache als abstrakteste Kommunikationsform.“Marion Esser: Beweg-Gründe. Psychomotorik nach Bernard Aucouturier. 2., aktualisierte Auflage. Reinhardt, München / Basel 1995, ISBN 3-497-01385-4, S. 23.
Nach Ashley Montagu sind insbesondere Zärtlichkeiten in der Eltern-Kind-Beziehung ein wesentlicher Bestandteil zum Aufbau und zur Erhaltung einer sicheren Bindung und damit für eine gesunde seelische Entwicklung.
Einfluss von Hormonen