miniatur|Grabstätte von Abu Hanifa Abū Hanīfa an-Nuʿmān ibn Thābit al-Kūfī (; geb. um 699 in Kufa; gest. 767 in Bagdad) war ein islamischer Theologe und Rechtsgelehrter, der in Kufa und Bagdad wirkte und nach dem die Rechtsschule der Hanafiten benannt ist. Von seinen Anhängern wird Abū Hanīfa als „der größte Imam“ (al-Imām al-Aʿẓam) verehrt. Bekannt war er auch für seine spezielle Lehre vom Glauben, die als murdschiitisch und von einigen sogar als dschahmitisch eingeordnet wurde.
Abstammung Abū Hanīfa war persischer Abstammung. Die meisten Quellen berichten, dass seine Vorfahren aus Kabul stammten. Sein Großvater Zūtā soll als Sklave aus Kabul (Afghanistan) nach Kufa im heutigen Irak gebracht und dort von einem Mitglied des arabischen Stamms Taimallāh ibn Thaʿlaba freigelassen worden sein. Er und seine Nachkommen wurden auf diese Mawālī dieses Stamms.Schacht: „Abū Ḥanīfa an-Nuʿmān“. 1960, S. 123a. Deswegen wird Abū Hanīfas Nisba häufig auch als at-Taimī angegeben.So zum Beispiel bei al-Ḫaṭīb al-Baġdādī: Taʾrīḫ Baġdād. 2004, Bd. XIII, S. 325. Allerdings wurde dieser Bericht von Abū Hanīfas Enkel Ismāʿīl ibn Hammād (gest. 827–828) bestritten, der angab, Nachkomme freier Perser zu sein, die nie versklavt wurden, und von seinem Großvater behauptete, dass er der Nachfahre eines Marzban gewesen sei.al-Ḫaṭīb al-Baġdādī: Taʾrīḫ Baġdād. 2004, Bd. XIII, S. 327. Damit versuchte er offenbar, den Status seines Großvaters aufzuwerten.
Leben Abū Hanīfa wurde um 699 in Kufa, einem der damaligen Zentren islamischer Gelehrsamkeit, geboren. Wie sein Vater verdiente er seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Chazz, einer Art Seidengewebe. Sein Interesse an Theologie und Fiqh soll durch asch-Schaʿbī (gest. um 722–23) geweckt worden sein. Zu seinen weiteren Lehrern im Bereich von Tradition und Fiqh gehörten Nāfiʿ (gest. 735/36), ein Klient von ʿAbdallāh ibn ʿUmar, der mekkanische Fiqh-Gelehrte ʿAtā' ibn Abī Rabāh (gest. 732/33) und der medinische Gelehrte Rabīʿa ibn Abī ʿAbd ar-Rahmān (gest. 753/54).Hiroyuki Yanagihashi: “Abū Ḥanīfa”, in: Encyclopaedia of Islam, THREE, Edited by: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart. . Lange Jahre besuchte Abū Hanīfa auch den Kreis des kufischen Juristen Hammād ibn Abī Sulaimān, der ihn schließlich zu seinem Meisterschüler erkor. Nach einem Bericht, den al-Chatīb al-Baghdādī anführt, dachte Abū Hanīfa nach zehnjährigem Studium bei Hammād darüber nach, einen eigenen Zirkel zu gründen. Ungefähr zu dieser Zeit erfuhr Hammād jedoch vom Tod eines Verwandten in Basra. Bevor er nach Basra aufbrach, wies er Abū Hanīfa an, ihn während seiner Abwesenheit zu vertreten. Als Hammād zwei Monate später zurückkehrte, übergab Abū Hanīfa ihm ungefähr sechzig Rechtsfragen, die er in der Zwischenzeit beantwortet hatte. Bei vierzig dieser Fragen stimmte Hammād Abū Hanīfas Antworten zu, bei den übrigen zwanzig war er jedoch anderer Meinung. Abū Hanīfa gelobte daraufhin, seinen Lehrer nicht zu verlassen, sondern bis zu dessen Tod bei ihm zu verbleiben.al-Ḫaṭīb al-Baġdādī: Taʾrīḫ Baġdād. 2004, Bd. XIII, S. 333f.
Nach Hammāds Tod im Jahre 737 übernahm er aber dessen Schülerkreis. Abū Hanīfa pflegte Bekanntschaft mit dem 5. und 6. Imam der Imamiten, Muhammad al-Bāqir und Dschaʿfar as-Sādiq. Ein Vorfall im Jahre 744, gegen Ende der Umaiyadenzeit, weist darauf hin, dass er zu dieser Zeit bereits über einigen politischen Einfluss verfügte: Als der radikale Murdschiit al-Hārith ibn Suraidsch (gest. 746) nach dem Scheitern seines Aufstands den reformorientierten Kalifen Yazīd III. (reg. 744) um Begnadigung bat, bat er Abū Hanīfa um ein Empfehlungsschreiben.Abū Ǧaʿfar aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Hrsg. von M. J. de Goeje. Leiden 1879–1901. Bd. II, S. 1867. Digitalisat Als ihm wenig später Yūsuf ibn ʿUmar Ibn Hubaira, der damalige Gouverneur des Irak (746–749), den Posten des Qādī von Kufa übertragen wollte, lehnte Abū Hanīfa jedoch ab. Der Gouverneur ließ ihn daraufhin auspeitschen. 747–748 floh Abū Hanīfa nach Mekka, wo er mehrere Jahre lebte. Erst während der Herrschaft des abbasidischen Kalifen al-Mansūr (reg. 754–775) kehrte er nach Kufa zurück.
Als al-Mansūr im Jahre 762 mit dem Bau der neuen Hauptstadt Bagdad begann, gehörte Abū Hanīfa zu den gelehrten Männern, die der Kalif kommen ließ, um ihn bei dem Unternehmen zu beraten.Abū Ǧaʿfar aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Hrsg. von M. J. de Goeje. Leiden 1879–1901. Bd. III, S. 276. Digitalisat Allerdings unterstützte Abū Hanīfa noch im selben Jahr den Aufstand der beiden Aliden Muhammad an-Nafs az-Zakīya und Ibrāhīm ibn ʿAbdallāh gegen die abbasidische Herrschaft. Er korrespondierte in dieser Zeit mit Ibrāhīm ibn ʿAbdallāh und stellte ihm eine finanzielle Unterstützung von 4.000 Dirham in Aussicht.Cornelis van Arendonk: De opkomst van het Zaidietische Imamaat in Yemen. Brill, Leiden 1919. S. 288. Digitalisat Außerdem soll er dem Bruder des Juristen Abū Ishāq al-Fazārī zur Teilnahme an dem Aufstand geraten haben.al-Ḫaṭīb al-Baġdādī: Taʾrīḫ Baġdād. 2004, Bd. XIII, S. 384f. Nach asch-Schahrastānī leistete Abū Hanīfa selbst Muhammad an-Nafs az-Zakīya die Baiʿa. Als der Kalif davon erfuhr, ließ er ihn ins Gefängnis werfen und hielt ihn in Gewahrsam, bis er starb. Nach einer anderen Überlieferung, die asch-Schahrastānī anführt, erfuhr der Kalif erst nach dem Scheitern des Aufstands von Abū Hanīfas Treueid gegenüber Muhammad an-Nafs az-Zakīya und sperrte ihn ein, nachdem bekannt geworden war, dass er weiter an seiner Loyalität gegenüber den Ahl al-bait, also den Aliden, festhalten wollte.aš-Šahrastānī: al-Milal wa-n-Niḥal. Ed. William Cureton. Bd. I. London 1842. S. 118. Digitalisat In einer späteren idealisierten Version der Geschichte wurde Abū Hanīfa eingesperrt, weil er sich erneut geweigert hatte, das Qādī-Amt zu übernehmen.Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert der Hidschra. 1991, Bd. I, S. 187f.
Zu Abū Hanīfa bedeutendsten Schülern zählen Abū Yūsuf, asch-Schaibānī und nach diesen Zufar ibn al-Hudhail.
Werke Das einzige authentische Dokument Abū Hanīfas ist ein Brief theologischen Inhalts, den er nach Basra an den Tuchhändler ʿUthmān al-Battī (gest. 760) sandte.Vgl. Ess: Theologie und Gesellschaft. 1991, Bd. I, S. 192–200 und 1993, Bd. V, S. 24–31. Darin verteidigte er sich gegen den Vorwurf, dass er ein Murdschiit sei, und bekräftigte die ihm nachgesagte Lehre, dass ein Muslim, der eine Sünde begehe, immer noch als ein Gläubiger (muʾmin) anzusehen sei. Abū Hanīfa meinte, dass die pejorative Bezeichnung Murdschi'a zu Unrecht für eine Gruppe von Personen verwendet werde, die in Wirklichkeit honorige und rechtgläubige Menschen (ahl al-ʿadl wa-ahl as-sunna) seien.Ess: Theologie und Gesellschaft. 1993, Bd. V, S. 29. Eine weitere bekannte Schrift mit dem Titel al-Fiqh al-Absaṭ enthält Antworten Abū Hanīfas auf theologische Fragen seines Schülers Abū Mutī' al-Balchī. Bei dem Kitāb al-ʿĀlim wa-l-mutaʿallim, das unter Abū Hanīfas Werken aufgeführt wird,Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, S. 418. handelt es sich in Wirklichkeit um einen Lehrdialog, den sein Schüler Abū Muqātil as-Samarqandī (gest. 823) nach Abū Hanīfas verfasste.Ess: Theologie und Gesellschaft. 1991, Bd. I, S. 193. Bei der Waṣīyat Abī Ḥanīfa (“The testament of Abū Ḥanīfa”) kann es sich nicht um ein Originalwerk Abū Hanīfas handeln, weil darin Themen behandelt werden, die erst nach seinem Tod diskutiert wurden.Wensinck: The Muslim Creed. 1932, S. 185–187. Schließlich gibt es noch drei Texte mit Listen von Glaubensgrundsätzen, die unter dem Titel al-Fiqh al-akbar („die größte Einsicht“) kursieren und Abū Hanīfa zugeschrieben werden. Der Begriff al-Fiqh al-akbar wurde in hanafitischen Kreisen allgemein als Bezeichnung für Systematische Theologie im Sinne der Kenntnis der Glaubenslehren verwendet.Ess: Theologie und Gesellschaft. Bd. I, S. 51, 209. Umgekehrt meinte man, dass das, was gewöhnlich Fiqh genannt wird, nur die „kleinere Einsicht“ (al-Fiqh al-aṣġar) sei.ʿAlī al-Qārī: Šarḥ Muḫtaṣar al-Manār. Ed. Ilyās Qablān. Beirut 2006. S. 30. In der Forschung wird zwischen Fiqh akbar I, Fiqh akbar II und Fiqh akbar III unterschieden: Fiqh akbar I ist von Arent Jan Wensinck aus einem Kommentar herausgefiltert worden, der von Josef van Ess auf die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts datiert wird,Ess: Theologie und Gesellschaft. Bd. I, S. 207f. und besteht aus einer Liste von zehn Lehrsätzen.Sie ist bei Wensinck: The Muslim Creed. 1932, S. 103f in englischer Übersetzung wiedergegeben. Der Text hat eine klar murdschiitische Ausrichtung. Artikel 5 verficht die murdischiitische Doktrin des „Aufschubs“ (irǧāʾ): „Wir überlassen die Frage von ʿUthmān und ʿAlī Gott, der die geheimen und verborgenen Dinge kennt.“ Fiqh akbar II ist eine erheblich längere Schrift, die nach Wensincks Zählung 29 Glaubensartikel umfasst.Vgl. die Übersetzung bei Wensinck: The Muslim Creed. 1932, S. 188–197 Es kann sich kaum um ein Originalwerk Abū Hanīfas handeln, weil es Themen behandelt, die erst nach seinem Tod diskutiert wurden.Wensinck: The Muslim Creed. 1932, S. 246f Von William Montgomery Watt wird es auf das späte 10. Jahrhundert datiert.W. Montgomery Watt, Michael Marmura: Der Islam II. Politische Entwicklungen und theologische Konzepte. Stuttgart u. a. 1985. S. 133. Fiqh akbar III schließlichÜbersetzung bei Wensinck: The Muslim Creed. 1932, S. 265–268. hat nichts mit Abū Hanīfa zu tun, sondern wird asch-Schāfiʿī zugeschrieben, ist allerdings textlich von Fiqh akbar III abhängig.Ess: Theologie und Gesellschaft. Bd. I, S. 207f.
Lehren Zum Wesen des Glaubens Wie Abū l-Hasan al-Aschʿarī überliefert, lehrte Abū Hanīfa, der Glaube sei Kenntnis (maʿrifa) von und Bekenntnis (iqrār) zu Gott sowie Kenntnis des Propheten und Bekenntnis zu dem, was von Gott gekommen ist (d. h. die Offenbarung) – summarisch, ohne Erklärung im Detail.Ess: Theologie und Gesellschaft. Bd. V, S. 32. In al-Fiqh al-Absaṭ berichtet Abū Mutī' al-Balchī, dass er Abū Hanīfa nach dem Status eines Muslims fragte, der im Gebiet des Polytheismus (arḍ aš-širk) zum Islam konvertiert, ohne Kenntnisse des Korans oder der religiösen Pflichten des Islam zu haben. Darauf soll Abū Hanīfa geantwortet haben, dass er als Muslim betrachtet werden sollte.Wilferd Madelung: Religious trends in early islamic Iran. The Persian Heritage Foundation, Albany 1988. S. 19. Abū Hanīfa lehrte auch, dass der Glaube nicht zunehmen oder abnehmen kann und dass das Gebet kein Bestandteil des Glaubens ist, worin andere Gelehrte einen Verstoß gegen die koranischen Aussagen in Sure 48:4 und 98:5 sahen.al-Ḫaṭīb al-Baġdādī: Taʾrīḫ Baġdād. 2004, Bd. XIII, S. 369.
Hinsichtlich des Sünders vertrat er die Auffassung, dass er ein muʾmin ḍāll sei, „ein Gläubiger, der die Irre gegangen ist“, auf keinen Fall aber ein Kāfir. Die Ahl al-Qibla, also die Muslime, so meinte er, sind allesamt als gläubig anzusehen.Ess: Theologie und Gesellschaft. Bd. V S. 28. Mehrere Anekdoten, die al-Chatīb al-Baghdādī anführt, stellen die Radikalität seiner Ansichten zu dieser Frage heraus. Nach einer von ihnen trafen sich einmal die Rechtsgelehrten Sufyān ath-Thaurī, Scharīk ibn ʿAbdallāh (gest. 793–794), al-Hasan ibn Sālih ibn Haiy (gest. 784–785) und Ibn Abī Lailā und fragten Abū Hanīfa, ob jemand, der seinen Vater tötet, seine Mutter heiratet und auf dem Kopf seines Vaters Alkohol konsumiert, ein Gläubiger bleibt oder nicht. Als Abū Hanīfa dies bejahte, kritisierte ihn jeder von ihnen dafür.al-Ḫaṭīb al-Baġdādī: Taʾrīḫ Baġdād. 2004, Bd. XIII, S. 370.