Theodor Rudolf Georg Eschenburg (* 24. Oktober 1904 in Kiel; † 10. Juli 1999 in Tübingen) war ein deutscher Politikwissenschaftler. Er lehrte von 1952 bis 1973 als Professor an der Eberhard Karls Universität Tübingen und war der erste Lehrstuhlinhaber für Politikwissenschaft in Deutschland.
Leben Jugend und Ausbildung Theodor Eschenburg wurde als Sohn des damaligen Oberleutnants zur See und späteren Konteradmirals Theodor Eschenburg (1876–1968) und dessen Frau Ellen, geb. Wieler (1883–1918), in Kiel geboren. Er war ein Enkel des Lübecker Bürgermeisters Johann Georg Eschenburg und wuchs in einer wohlhabenden Patrizierfamilie auf (siehe zur Familie Eschenburg (Familie)). Eschenburg besuchte das staatliche Gymnasium in Kiel und ab 1922 das Katharineum zu Lübeck, an dem er Ostern 1924 das Abitur ablegte. Anschließend studierte er Geschichte, Philosophie, Nationalökonomie und Staatsrecht an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Seit 1924 war Eschenburg Mitglied der Burschenschaft Germania Tübingen.Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 108. In Berlin wurde er im Mai 1929 bei Fritz Hartung mit einer Arbeit über Bassermann und die Blockpolitik in Geschichte promoviert (Zweitgutachter war Albert Brackmann). Nach dem Studienabschluss arbeitete Eschenburg von 1929 bis 1933 als wissenschaftlicher Referent beim Verein Deutscher Maschinenbau-Anstalten (VDMA).
Mitgliedschaft in politischen Parteien Nach dem Studium wurde Theodor Eschenburg Mitarbeiter des langjährigen Reichsaußenministers und DVP-Chefs Gustav Stresemann, der ein Vorwort zu seiner Dissertation geschrieben hatte. Zu jener Zeit trat er auch der DVP bei. Als diese nach Stresemanns Tod unter dem neuen Vorsitzenden Ernst Scholz deutlich nach rechts rückte, verließ Eschenburg im Sommer 1930 die DVP und trat mit anderen jüngeren Parteimitgliedern wie Josef Winschuh der Deutschen Staatspartei bei, die kurz zuvor aus der Fusion der DDP mit dem Jungdeutschen Orden entstanden war.Christof Brauers: Die FDP in Hamburg 1945 bis 1953, München 2007, S. 74, Fußnote 106. Bei den Wahlen im September 1930 bewarb er sich erfolglos als Kandidat der Deutschen Staatspartei für den Reichstag. Er war ferner Mitglied des Deutschen Herrenklubs, einer einflussreichen Vereinigung von hochgestellten konservativen Persönlichkeiten.
Zeit des Nationalsozialismus Mitgliedschaft in der SS Zum 30. Juni 1933 wurde Eschenburg SS-Anwärter und wurde zum 6. März 1934 SS-Mann.Bundesarchiv R 9361-III/282178 Das begründete er in seinen Lebenserinnerungen selbstkritisch mit seinem damaligen Opportunismus. Dass er, wie er schriftlich festhielt, bereits drei Monate später wieder austrat, fand sich nicht in seiner SS-Stammrolle, die später die Politologin Hannah Bethke untersuchte. Michael Naumann hält diese Angabe Eschenburgs für unglaubwürdig.
Verbandsarbeit in der Kurzwarenbranche Vom 1. Juli 1933 an, als die Zusammenarbeit mit Juden in anderen Kreisen bereits nicht mehr opportun war, trat der Historiker Eschenburg als gleichberechtigter Partner des jüdischen Rechtsanwalts Berthold Cohn in eine Sozietät ein, die sich fortan Verbandsbüro Dr. Eschenburg & Dr. Cohn – Geschäftsführung wirtschaftlicher Verbände nannte und in der Kurzwarenbranche tätig war. Es handelte sich um ein renommiertes Wirtschaftsbüro, das vorher jahrelang als Kartellverwaltung Dr. Michel & Dr. Cohn firmiert hatte. Der ebenfalls jüdische Mitinhaber Erwin Michel war nach der Machtergreifung der NSDAP von der SA mehrere Tage in einer Polizeikaserne interniert und misshandelt worden. Nach seiner Freilassung entschied er sich sofort, nach Frankreich zu emigrieren. Cohn selbst fiel zu dieser Zeit unter die zeitweilig geltende Ausnahmeregelung des Frontkämpferprivilegs bei der Verfolgung jüdischer Anwälte und konnte erst einmal weiter als Rechtsanwalt arbeiten.
Das Büro betreute über zwanzig kleinere Verbände, etwa den Verband der Deutschen Wäscheknopfindustrie, den der Perlmuttknopffabrikanten, den der Reißverschlusshersteller und andere. „Es schlichtete Streitigkeiten unter den Betrieben, überwachte Preise, Rabatte, Patentrechte und zog ausstehende Forderungen ein, weil die betreuten Kunden – kleinere und mittlere Betriebe – keine dafür spezialisierte Verwaltung hatten.“ Eschenburg fungierte zunächst als das „arische Aushängeschild“ dieser Kanzlei. Weil sein Sozius Cohn als Jude von den Nationalsozialisten immer mehr bedrängt wurde, emigrierte dieser 1936 in die USA und Eschenburg führte das Büro allein fort.
Mitwirkung bei Arisierungen Aufgrund einer Veröffentlichung von Rainer Eisfeld im Jahr 2011 wurde bekannt, dass Eschenburg als Leiter mehrerer Prüfungsstellen im Rahmen der Reichsgruppe Industrie Ende 1938 (nach den Novemberpogromen) an der „Arisierung“ einer Berliner Kunststofffabrik mitwirkte, die mehrheitlich dem jüdischen Unternehmer Wilhelm Fischbein gehörte.Rainer Eisfeld: Theodor Eschenburg: „Übrigens vergaß er noch zu erwähnen ...“ Eine Studie zum Kontinuitätsproblem in der Politikwissenschaft. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59 (2011), H. 1, S. 27–44, . Siehe Wiederabdruck des Textes bei studlib.de. Die Aktenlage ist unvollständig und lässt sich unterschiedlich bewerten. Als Fischbein versuchte, seine Firma nach England zu verlegen, warnte Eschenburg das Reichswirtschaftsministerium vor der möglichen Ausreise, nur drei Tage später empfahl er jedoch das Gegenteil: Fischbein solle einen Pass erhalten und ausreisen dürfen. Eschenburgs Biograf Udo Wengst sieht in diesem Meinungswandel einen Beweis dafür, dass Eschenburg Fischbein schützen wollte.„Er gehörte nicht zu den Mutigen“ Streitgespräch zwischen Rainer Eisfeld und Udo Wengst. In: zeit.de, 20. November 2014.
Rainer Eisfeld legte im Jahr 2014 eine Dokumentation mit neuen Funden vor,Rainer Eisfeld: Theodor Eschenburg und der Raub jüdischer Vermögen 1938/39. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) 4, 2014. aus denen hervorgeht, dass Eschenburg nach dem Anschluss Österreichs 1938 auch an der Arisierung zweier Wiener jüdischer Unternehmen mitwirkte: Eschenburg war im Frühjahr 1938 mit der „Entjudung“ der Wiener Firmen Auerhahn und Blaskopf befasst. Auf seine Anregung wurde dem Reichswirtschaftsministerium empfohlen, die Reißverschlussfirma Auerhahn zu liquidieren und die Firma Blaskopf „zu erhalten und zu entjuden“. Der enteignete Inhaber Max Blaskopf wurde vier Jahre später zusammen mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert, wo die beiden vermutlich 1943 starben.Willi Winkler: Politikwissenschaftler Theodor Eschenburg: Zerfall einer Legende. In: Süddeutsche Zeitung, 17. Oktober 2014.
Politischer Beamter nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Eschenburg durch Vermittlung Paul Binders Flüchtlingskommissar für das französisch besetzte Gebiet Württembergs und Hohenzollerns mit Sitz in Tübingen. Von 1947 bis 1952 war er oberster Beamter im Innenministerium des inzwischen gebildeten Landes Württemberg-Hohenzollern, zunächst im Rang eines Ministerialrats, ab 1951 als Staatsrat, und damit Stellvertreter des Innenministers Viktor Renner (SPD).
In dieser Funktion bereitete er maßgeblich die Fusion der drei von den Alliierten gebildeten Länder Württemberg-Hohenzollern, (Süd-)Baden und Württemberg-Baden vor. Nach der Konferenz der drei Regierungschefs auf Burg Hohenneuffen im August 1948 war Eschenburg als leitender Beamter für die Vorbereitung eines Staatsvertrags zwischen den drei Ländern zuständig. Mit Konrad Wittwer, als Staatsrat in Württemberg-Baden ein Vertrauter des dortigen Ministerpräsidenten Reinhold Maier, gründete er einen Unterstützungsverein für die Bildung des Südweststaates. Um diese Länderfusion als Ausnahme und nicht als Präzedenzfall für eine weitergehende Neugliederung des Bundesgebiets darzustellen, nahm der Parlamentarische Rat einen im Wesentlichen von Eschenburg formulierten Artikel 118 in die Übergangs- und Schlussbestimmungen des Grundgesetzes auf, der für diesen konkreten Fall die sonst sehr hohen Hürden einer Neugliederung gemäß Artikel 29 absenkte. Die Fusion der drei Länder und Gründung des heutigen Landes Baden-Württemberg erfolgte nach einer zustimmenden Volksabstimmung im April 1952. Damit endete zugleich Eschenburgs Karriere als politischer Beamter.Hans-Georg Wehling: Theodor Eschenburg – Biografie, Universität Tübingen, S. 9–11.
Parallel zu seiner Verwaltungstätigkeit übernahm Eschenburg auf Anraten und Drängen Carlo Schmids (SPD) – damals Präsident des Staatssekretariates von Württemberg-Hohenzollern – ab 1946 einen Lehrauftrag zur Geschichte der Weimarer Republik an der Eberhard Karls Universität Tübingen, 1949 wurde er zum Honorarprofessor ernannt.Rudolf Hrbek: Nachruf auf Theodor Eschenburg (archivierte Webseite).
Wissenschaftliche und publizistische Tätigkeit ab 1952 Ohne Habilitation wurde Eschenburg 1952 als Ordinarius auf den neuerrichteten Lehrstuhl für „Wissenschaftliche Politik“ – später umbenannt in Politikwissenschaft – der Universität Tübingen berufen. Er wurde dort Gründungsdirektor des Instituts für Politikwissenschaft. Als zunächst einziger Professor dieses in Deutschland neu etablierten Faches hielt er in Tübingen Lehrveranstaltungen zu allen wesentlichen Teildisziplinen, namentlich zu politischen Systemen (vorrangig dem der Bundesrepublik Deutschland), politischer Theorie und Ideengeschichte sowie Außenpolitik. Zusammen mit seinen Freiburger Kollegen Arnold Bergstraesser setzte Eschenburg durch, dass angehende Lehrer für das Fach Gemeinschaftskunde in Baden-Württemberg Politikwissenschaft studieren mussten. Er wirkte maßgeblich an der Ausarbeitung der Lehrpläne für das neue Schulfach und der Studienpläne für die neue Fachdisziplin mit. Von 1961 bis 1963 war er Rektor der Universität Tübingen. 1973 wurde Eschenburg emeritiert, als Lehrstuhlnachfolger wurde sein akademischer Schüler Gerhard Lehmbruch berufen. Zu Eschenburgs Doktoranden zählten auch Hartmut Wasser, Paul Ackermann, Peter Pawelka und Hans-Georg Wehling. Ekkehart Krippendorff habilitierte sich – trotz erheblicher politischer Differenzen – bei ihm. Eine wissenschaftliche „Schule“ bildete Eschenburg jedoch nicht heraus. Viele seiner Absolventen gingen als Gemeinschaftskundelehrer in den Schuldienst, einige übernahmen leitende Positionen bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, wurden Journalisten, Ministerialbeamte oder Diplomaten.Hans-Georg Wehling: Theodor Eschenburg – Biografie, Universität Tübingen, S. 16–18.
Eschenburg galt seit den 1950er Jahren als einer der besten Kenner der bundesdeutschen Innenpolitik. Bedeutend wurde seine Schrift Herrschaft der Verbände? aus dem Jahr 1955.Korporatismus und Lobbyismus vor 50 Jahren und heute. Theodor Eschenburgs „Herrschaft der Verbände?“ In: Zeithistorische Forschungen, Heft 2/2005. Von 1957 bis 1970 arbeitete er als politischer Kolumnist der Wochenzeitung Die Zeit, für die er bis ins hohe Alter tätig blieb; die Beiträge sind in deren Archiv frei zugänglich.zeit.de: Schlagwort: Theodor Eschenburg. Ebenso war er 1951 an der Gründung der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien in Bonn beteiligt.
Am 22. Juni 1955 wählte der Landtag von Baden-Württemberg Eschenburg mit 70 von 86 Stimmen zum Richter am Staatsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg in der Gruppe der Mitglieder ohne Befähigung zum Richteramt. Er wurde 1958 und 1967 wiedergewählt und gehörte dem Gericht bis 1976 an.Protokolle des Landtags von Baden-Württemberg, 4. Wahlperiode, S. 5345.
mini|hochkant|Grab von Theodor Eschenburg auf dem Tübinger Bergfriedhof